Roman Alfred DeMichele - Wasserstoffe »Das Wasser ist die Kohle der Zukunft. Die Energie von morgen ist Wasser, das durch elektrischen Strom zerlegt worden ist. Die so zerlegten Elemente des Wassers, Wasserstoff und Sauerstoff, werden auf unabsehbare Zeit hinaus die Energieversorgung der Erde sichern.« (Jules Verne - Die geheimnisvolle Insel - 1870) Inhalt Prolog.3 Teil 1. 6 Teil 2. 75 Teil 3. 135 Teil 4. 216 Epilog.308 Nachwort.314 Genealogie der »Insel-Kolonisten«.317 Versionshistorie.320 Lizenz.321 Prolog Wer in Paris an einem ganz und gar außergewöhnlichen Ort speisen will, dem sei das Restaurant in der zweiten Etage des Eiffelturms empfohlen. Ein Privataufzug befördert die Gäste vom Fundament des Südpfeilers direkt in das exklusive Restaurant »Le Jules Verne« in 123 Metern Höhe, wo man sich bei einem atemberaubenden Panoramablick höchsten Genüssen französischer Kochkunst hingeben kann. Ob der berühmte Schriftsteller jemals selbst auf dem Eiffelturm dinierte, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch eine Anekdote, die sich im Jahr 1904, zu Füßen des stählernen Kolosses, auf dem Pariser Marsfeld ereignete: An einem herrlichen Sonntag Nachmittag flanierten der alte Jules Verne und sein neunjähriger Enkel Jules Michel über das Marsfeld. Als sie den Eiffelturm erreichten, deutete der aufgeweckte Knabe nach oben und fragte seinen Großvater, was denn die goldene Schrift unterhalb der ersten Etage zu bedeuten habe. Die Augen des alten Mannes waren vom grauen Star getrübt und er bat seinen Enkel ihm seine Entdeckung vorzulesen. Während sie gemeinsam das Fundament umrundeten, zitierte der kleine Jules Michel die Namen der berühmten französischen Erfinder, die Gustave Eiffel seinerzeit dort, zur Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen hatte anbringen lassen. Es waren Namen wie Lagrange, Laplace, Ampere oder Gay-Lussac, die dem technikaffinen Schriftsteller nur zu gut bekannt waren und über deren Erfindungen er seinem wissbegierigen Enkel viel zu erzählen wusste. Als der Junge jedoch den Namen Becquerel entzifferte, fragte er aufgeregt seinen Großvater: »Ist das nicht der berühmte Physiker, der letztes Jahr den Nobelpreis erhalten hat? Wieso steht der denn schon da oben? Der Eiffelturm ist doch schon vor fünfzehn Jahren erbaut worden! War der denn damals schon berühmt?« Der alte Schriftsteller, der mit der Familie Becquerel seit vielen Jahren gesellschaftlichen Umgang pflegte, lächelte milde und erklärte ihm, dass die Becquerels schon seit Generationen immer wieder berühmte Physiker hervorgebracht hätten: »Der Nobelpreis wurde Henri Becquerel für die Entdeckung der Radioaktivität verliehen. Sein Vater, Alexandre Edmond Becquerel, hat den photoelektrischen Effekt entdeckt und sein Großvater Antoine Cesar Becquerel hat sich große Verdienste bei der Erforschung der Elektrizität erworben. Ihm ist die Inschrift dort oben gewidmet!« Der kleine Jules Michel starrte bewundernd auf die in der Sonne strahlenden goldenen Lettern und fragte sich insgeheim, ob er später wohl einmal ein berühmter Schriftsteller werden würde. Als die beiden eine Stunde später in einem Cafe am Tuileriengarten saßen und süße Limonade tranken, fragte der alte Mann seinen Enkel, welchen Beruf er denn später einmal ergreifen wolle. »Mineralienforscher!«, sprudelte es spontan aus dem Mund des Jungen heraus. »So wie Henri Becquerel, der mit seinen Uranmineralen diese geheimnisvolle Strahlung entdeckt hat und damit so berühmt wurde!« Der alte Schriftsteller nickte zufrieden. »Das ist eine sehr gute Entscheidung, mein Junge«, sagte er und strich ihm zärtlich übers Haar. »Ohne die Erforschung der Minerale gäbe es kein Eisen, keinen Eiffelturm, keine Elektrizität und auch keinen technischen Fortschritt. Die Natur birgt noch unendlich viele Geheimnisse, die von uns Menschen erforscht werden wollen!« Der Knabe überlegte eine Weile. »Großvater, du hast doch so viele wissenschaftliche Bücher geschrieben! Bist du denn auch schon einem Geheimnis auf die Spur gekommen?« Der alte Mann blickte nachdenklich drein, bevor er sich nach vorn beugte und seinem Enkel ins Ohr flüsterte: »Das kann man wohl sagen! Bist du denn schon alt genug, um ein Geheimnis für dich zu behalten?« Der kleine Jules Michel nickte und schüttete vor lauter Aufregung etwas von der gelben Brause über seinen feinen Sonntagsanzug. Die Geschichte, die er damals von seinem Großvater erfuhr, sollte er seiner Lebtag nicht mehr vergessen. Er wurde zwar weder ein berühmter Schriftsteller, noch ein berühmter Mineraloge; die Liebe zur Wissenschaft begleitete ihn aber sein Leben lang. Als Hobby-Mineraloge durchstreifte er später mit seinem Geologenhammer die französischen Alpen, wann immer er die Zeit dazu fand. Über das Geheimnis, das ihm an jenem Sonntag anvertraut worden war, sprach er jedoch bis zu seinem Tod mit keiner Menschenseele. Teil 1 1. Kapitel Südsee Malachit ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Carbonate und Nitrate“ mit der chemischen Zusammensetzung Cu 2 [(0H)2|C0 3 ]. Er ist damit chemisch gesehen ein basisches Kupfercarbonat. Schon im Antiken Griechenland, im Alten Ägypten und Römischen Reich war das Mineral außerordentlich beliebt. Die Ägypter schnitzten aus dem Malachit beispielsweise allerlei Kunstobjekte wie etwa Amulette und Skarabäen. Tomu Pahua wurde von einem dumpfen Geräusch geweckt. Erschrocken riss er die Augen auf. Doch es dauerte nur eine Sekunde bis er die Situation erfasst hatte und sich wieder entspannt in die Hängematte sinken ließ. Es war eine Kokosnuss, die sich in luftiger Höhe von ihrer Palme gelöst und dem Gesetz der Schwerkraft folgend, ihre kurze Reise nach unten angetreten hatte. Wo sie sich mit Wucht, unweit von Tomu, in den weißen Korallensand bohrte. »Wieviele Menschen werden wohl pro Jahr von Kokosnüssen erschlagen?«, grübelte Tomu und rieb sich die Augen. Über Hundert, glaubte er irgendwo einmal gelesen zu haben. Aber als Naturwissenschaftler war er generell etwas skeptisch, was die Verbreitung solcher Zahlen anging. »Fast wie im Paradies«, dachte er, während sich über ihm das Blätterdach der Palmen in der leichten Südsee-Brise wiegte. Sonne, Strand und keine Touristen weit und breit an diesem wunderschönen Ende der Welt. Nukufetau - der Name des Atolls stammt aus dem Polynesischen und bedeutet übersetzt »Die Insel mit dem Fetaubaum«. Wie am Reißbrett gezeichnet ragen die vom Meer abgetragenen Reste des längst erloschenen Vulkans rechteckförmig aus den unendlichen Weiten des Südpazifiks. Das äußere Riff zähmt die Wellen des Ozeans und erlaubt Schiffen nur an einer einzigen Stelle die Passage in die geschützte Lagune. Die einrahmenden Inselchen werden von den Eingeborenen liebevoll »Motus« genannt. Die meisten von ihnen sind viel zu klein, um dauerhaft darauf leben zu können. Lediglich auf dem Motu Savave bot die Natur genügend Lebensraum, um eine Dorfgemeinschaft zu gründen. Immerhin ein paar hundert Menschen leben heute in dieser abgeschiedenen Idylle. Oder genauer gesagt: Lünf Prozent aller Einwohner der Inselrepublik Tuvalu. Beinahe hundert Kilometer trennen Nukufetau von Tuvalus Hauptinsel Lunafuti. Dort befindet sich das Verwaltungszentrum des, aus neun bewohnten Atollen bestehenden Landes. Hier gibt es ein Krankenhaus, eine weiterführende Schule und einen Plugplatz! Auf dem zweimal in der Woche ein Plugzeug landet und kurz darauf wieder verschwindet. Den Rest der Woche wird die Landebahn als Sportplatz und Treffpunkt für jung und alt genutzt. Was angesichts der begrenzten Inselfläche auch nicht verwunderlich ist. Wie wäre Tomus Leben verlaufen, wenn seine Eltern vor vierzehn Jahren nicht den Entschluss gefasst hätten, nach Neuseeland auszuwandern? Wahrscheinlich hätte er den Rest seines Lebens in Tuvalu verbracht, so wie alle seine damaligen Preunde. Sein Vater war Mechaniker und seine Mutter Krankenschwester von Beruf. Sie hatten Glück und das begehrte neuseeländische Arbeitsvisum bekommen. Deswegen hatten sie mit dem fünfzehnjährigen Tomu und seiner kleinen Schwester die Insel verlassen und in Auckland, Neuseelands größter Stadt, Arbeit gefunden und ein neues Leben begonnen. Wäre er heute unglücklich, wenn sie geblieben wären? Wahrscheinlich nicht. Wenn er hier seine ehemaligen Schulkameraden traf, hatte er nicht den Eindruck, dass ihnen irgendetwas fehlte. Sie führten ein glückliches und friedvolles Leben in ihrem kleinen Paradies, fernab vom stressigen Trubel der großen weiten Welt. Die ersten Jahre in Neuseeland waren hart für Tomu. Die Jungs in seiner neuen Schule hatten ihn unmissverständlich wissen lassen, dass er ein Premder war und sie hatten ihm den Start nicht gerade leicht gemacht. Seine schulischen Leistungen ließen anfangs sehr zu wünschen übrig. Schließlich hatte er aber doch die Kurve gekriegt und den Kiwis 1 gezeigt, was in ihm steckte. Am Ende seiner Schulzeit war er Klassenbester und bekam sogar ein Begabtenstipendium für das Hochschulstudium der Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität von Auckland. Seine Träume gingen in Erfüllung, als er nach Abschluss des Studiums einen Job bei einem der begehrtesten Arbeitgeber Neuseelands ergatterte. Inzwischen war er knapp dreißig Jahre alt und verdiente im Vergleich zu seinen Eltern und seiner Schwester eine Menge Geld. Während Tomus Augen über den endlosen Traumstrand wanderten überkam ihn ein leises Gefühl von Wehmut. Als Kind hatte er oft seine Freizeit an diesem idyllischen Ort verbracht. Seine Freundin Naomi hatte ihn oft hier her begleitet und gemeinsam hatten sie hier Pläne über ihre Zukunft geschmiedet. Kurz vor seiner Abreise nach Neuseeland hatten sie im Schutz der Palmen zum ersten Mal Liebe gemacht. Der Abschied hatte ihm fast das Herz gebrochen. Jetzt war sie mit einem seiner ehemaligen Schulkameraden verheiratet und hatte vier Kinder. Zwei stramme Jungs und zwei bildhübsche Mädchen. Gestern war er Naomi zufällig auf der Straße begegnet. Vor Verlegenheit hatte er gar nicht gewusst, was er zu ihr sagen sollte. Bevor Tomu die Hängematte von den Palmen löste, packte er die Kokosnuss in seinen Rucksack. Dann machte er sich auf den Weg zurück ins Dorf. 1 Kiwi: Landläufige Bezeichnung für die Einwohner Neuseelands 2. Kapitel Kulturunterschiede Strunzit ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“. Es kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung MnFe2 3+ [0H|P0 4 ]2-6H 2 0, ist also ein wasserhaltiges Mangan-Eisen- Phosphat mit zusätzlichen Hydroxidionen. Das Mineral wurde zu Ehren von Karl Hugo Strunz, dem Begründer der modernen Klassifikation der Minerale, benannt. Als Tomu das Haus seines Onkels und seiner Tante erreichte, war die Familie vollständig auf der Veranda versammelt. Tante Ana bereitete mit Tomus Mutter das Abendessen vor. Sein Vater und dessen Bruder Enele hielten eine Bierflasche in der Hand und führten Männergespräche. Tomu ging in die Küche und holte eine Machete aus der Werkzeugkiste. Mit einem gezielten Hieb öffnete er die Kokosnuss und kostete ein wenig von leckeren Flüssigkeit im Inneren. Dann löste er mit geschickten Bewegungen der langen Klinge das Fruchtfleisch aus der harten Schale. Mangels Ananassaft holte er eine angebrochene Flasche Softdrink aus dem Kühlschrank und füllte die Nuss damit fast bis unter den Rand. Noch ein Schuss Rum aus der Flasche im Küchenregal und fertig war die Pina Colada ä la Nukufetau. »Habt ihr einen Strohhalm?«, rief er laut in Richtung der offenen Tür. »In der linken Schublade müssen welche sein!«, kam prompt die Antwort seiner Tante. »In Neuseeland wollen sie jetzt den Verkauf von Strohhalmen verbieten!«, sagte er, als sich auf der Veranda neben seinen Onkel setzte. »Warum das denn?«, fragte Tante Ana mit erstauntem Blick. »Wegen des vielen Plastikmülls in den Meeren«, antwortete Tomus Vater mit einem Schulterzucken. »Man will verhindern, dass die Verschmutzung der Ozeane in diesem Tempo weitergeht.« »Bei uns landen die Strohhalme mit all dem anderen Plastemüll hinter dem Dorf«, lachte Onkel Enele, »und beim nächsten Zyklon wird das ganze Zeug für immer entsorgt.« »Denkt ihr denn gar nicht an die Umwelt?«, fragte Tomus Mutter mit vorwurfsvollem Blick. »Tuvalu ist ein armes Land«, entgegnete Onkel Enele und schüttelte verständnislos den Kopf. »Wisst ihr was eine fachgerechte Entsorgung kosten würde? Das können wir uns leider nicht leisten.« Etwas verschämt wandte er seinen Blick Richtung Boden. Dann wechselte er lieber das Thema: »Tomu, ich habe von deinen Eltern gehört, dass du ein gutverdienender Raketeningenieur bist und ihnen den Flug hierher als Weihnachtsgeschenk spendiert hast.« Jetzt war es Tomu, der verlegen drein blickte. Er würde sich bei weitem nicht als Großverdiener bezeichnen. Die Miete für sein Appartement in Auckland verschlang jeden Monat einen Großteil seines Gehalts. Dennoch verdiente er wesentlich mehr als seine Eltern und seine Schwester und im Vergleich zu seinen armen Verwandten aus Tuvalu war er zweifelsohne reich. Zu allem Überfluss fiel ihm nun auch noch seine eigene Mutter in den Rücken: »Unser Tomu arbeitet bei einem der angesehensten Arbeitgeber von Neuseeland!« »Bist du denn so etwas wie ein Astronaut?«, fragte sein Onkel neugierig. Fliegst du demnächst mit einer Rakete ins All? Oder zum Mond - oder gar zum Mars? Das wäre doch ein Ding, wenn einer von uns Nukufetauern seinen Fuß auf einen fremden Stern setzen würde!« »Ach Onkel«, lachte Tomu und schüttelte den Kopf. »Zu fremden Sternen wird so schnell kein Mensch fliegen! Und unsere Firma hat auch nichts mit der bemannten Raumfahrt zu tun. Wir haben uns auf den Transport von kleinen Satelliten spezialisiert und bringen die mit unseren Raketen in eine erdnahe Umlaufbahn.« »Ist das denn nicht die Domäne der Amerikaner?«, wunderte sich Onkel Enele. Er hatte noch nie davon gehört, dass Neuseeland eine Raumfahrtnation sei. »Oh nein!«, entgegnete Tomu und holte etwas aus: » Die Rocketeer Limited hat geschickt eine Nische in der Weltraumindustrie besetzt. Wir sind in der Lage wesentlich kostengünstiger als die Amis kleine Lasten ins All zu transportieren. Sogar einen richtigen Weltraumbahnhof haben wir gebaut. Die abgelegene Lage von Neuseeland ist ein großer Standortvorteil für uns. Wenn die Amerikaner eine Rakete von Florida aus in All schießen, ist das mit einem gewaltigen Organisationsaufwand verbunden. Der Flug- und Schiffsverkehr ist dort dermaßen dicht, dass es immer ein Heidengeld kostet, die Vorbedingungen für einen Raketenstart zu schaffen. Stell dir vor, das Ding stürzt ab und fällt jemandem auf den Kopf. Man muss dort jedes Mal großräumige Flugverbotszonen einrichten und die Meere im weiten Umkreis der Startrampe freihalten. Das alles ist in Neuseeland viel einfacher! Wir starten unsere Raketen quasi im Nirgendwo und haben immer freie Flugbahn. Außerdem hat mein Chef für die kommenden 30 Jahre die Genehmigung bekommen, alle paar Tage eine Rakete ins All zu schießen. Das senkt unsere Kosten und verschafft uns einen riesigen Wettbewerbsvorteil.« »Das klingt ja fantastisch!«, meinte Onkel Enele und fügte hinzu: »Vielleicht sollten wir auch langsam darüber nachdenken nach Neuseeland auszuwandern und dieses absaufende Atoll zu verlassen.« »Stell dir das nicht zu einfach vor«, beschwichtigte ihn sein Bruder sofort. »Die gutbezahlten Jobs sind dort rar gesät und selbst ein kleines Genie wie unser Tomu hat großes Glück gehabt, dass er da reingerutscht ist! Von meinem Gehalt als Automechaniker hätte ich mir diesen Weihnachtsurlaub sicher nicht leisten können. Und bei Takena schaut es in ihrem Job als Krankenschwester auch nicht besser aus. Jede Menge Nachtschichten und die Bezahlung ist mies.« Auf Tomus Schwester ging der Mechaniker erst gar nicht näher ein. Das arme Mädchen versuchte sich mit Gelegenheitsjobs in der Tourismusindustrie mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Vor Weihnachten hatte sie auf der Südinsel in Queenstown als Zimmermädchen in einem kleinen Hotel gearbeitet. Die Reise von dort nach Auckland hatte sich alles andere als einfach gestaltet. Sie musste erst mit dem Bus nach Picton fahren, dann die teure Fähre nach Wellington nehmen und schließlich mit dem Nachtzug die ganze Nordinsel durchqueren. Ohne Tomus Unterstützung hätte sie an dem Familienurlaub nicht teilnehmen können. 3. Kapitel Nachlass Brownleeit ist ein sehr seltenes und bisher auf der Erde nicht nachgewiesenes Mangan- Silicium-Mineral aus der Mineralklasse der „Elemente (Metalle, intermetallische Legierungen, Metalloide u. Nichtmetalle, Carbide, Silicide, Nitride u. Phosphide)“. Es konnte bisher nur in Form mikroskopisch kleiner Partikel in gesammeltem kosmischem Staub nachgewiesen werden. Über die Bildungsbedingungen des Mineral ist bisher nichts bekannt. Entdeckt wurde Brownleeit 2003 in Staubpartikeln, die in der Stratosphäre über dem Südwesten der USA eingefangen worden waren. Tomu fühlte sich wie gemästet. Drei Tage lang waren die vier Neuseeländer von ihren Gastgebern mit Essen vollgestopft worden. Schließlich sahen sie alle viel zu mager aus und sollten während ihres Ferienaufenthalts wieder zu Kräften kommen. Onkel Enele hatte den Besuchern zu Ehren ein Schwein geschlachtet und Tante Ana bot alles an Nahrungsmitteln auf, was die Vorratskammer und der Garten hinter dem Haus her gab. Tomu wusste, wie schwer es war auf dem Atoll Gemüse anzubauen, da der Boden nahezu vollständig aus Korallensand bestand und Humus eine wertvolle Resource war, die teuer importiert werden musste. Dennoch ließ es sich Tante Ana nicht nehmen, ihren Gästen jeden Tag frisches Gemüse vorzusetzen, das sie in Blumentöpfen hinter dem Haus eigenhändig gezogen hatte. Nach dem Mittagessen saßen alle am Boden der Veranda und unterhielten sich über dies und das. »Wisst ihr schon, dass der Franzose letzten Monat gestorben ist?«, fragte Tante Ana eher beiläufig in die Runde. »Louis Forgeron?«, fragte Tomus Vater sichtbar berührt. Er kannte Louis seit Kindertagen. Die beiden waren etwa gleich alt. »Ja, wer sonst? Kennst du einen anderen Franzosen hier auf der Insel? Er wurde tot am Strand gefunden. Es heißt, er wäre betrunken mit seinem Boot zum Fischen in die Lagune gefahren und dort ins Wasser gefallen. Na ja, so genau wird man wohl nie erfahren, was da passiert ist. Aber er war ja auch schon immer ein merkwürdiger Kerl!« Louis Forgeron war auf der Insel eigentlich nur als »Der Franzose« bekannt. Seine Großeltern waren aus Französisch Polynesien gekommen, wo der alte Pierre angeblich für die französische Regierung gearbeitet hatte. Sie sprachen aber auch gut englisch und vom Aussehen her konnten sie keine gebürtigen Polynesier gewesen sein. Dafür hatten sie eine viel zu helle Haut. Der Familie war aber kein Glück in ihrer neuen Heimat auf Nukufetau beschieden. Der alte Pierre starb bereits kurz nach der Ankunft an einer seltsamen Krankheit. Seinem Sohn Jules war auch kein langes Leben vergönnt. Er starb vier Jahre nach der Geburt seines Sohnes Louis, der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr von seiner Mutter aufgezogen wurde, bis auch diese überraschend starb und Louis von da an ganz allein auf sich gestellt war. Die Inselgemeinschaft bemühte sich redlich um ihn und sorgte dafür, dass er im Haus seiner Eltern wohnen bleiben konnte. Dennoch blieb er sein Leben lang ein Außenseiter. Tomu kannte ihn nur vom Sehen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein Wort mit ihm gewechselt zu haben. Was zum einen sicher am großen Altersunterschied der beiden lag, aber bestimmt auch daran, dass Louis von den meisten Inselbewohnern gemieden wurde. Warum entzog sich Tomus Kenntnis. Es hatte ihn auch nie interessiert. »Was passiert denn jetzt mit seinem Haus?«, fragte Tomus Vater neugierig. »Louis hat keine Verwandten«, antwortete sein Bruder. »Das Haus wird an den vergeben, der es am nötigsten hat. Die persönlichen Habseligkeiten des Franzosen landen wahrscheinlich auf der Müllkippe.« Da schaltete sich Tante Ana wieder in das Gespräch ein: »Tomu, du solltest vielleicht einen Blick darauf werfen! Es heißt, der Franzose habe ein paar wissenschaftliche Geräte besessen, von denen niemand weiß, was damit anzufangen ist. Du bist doch Wissenschaftler! Geh doch einfach mal rüber und sieh dir die Sachen an!« »Aber ich kann doch nicht einfach in das Haus von Louis Forgeron gehen und in dessen Sachen rumschnüffeln. Wie sieht das denn aus?«, entgegnete Tomu entrüstet. Außerdem konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich im Hausrat dieser gescheiterten Existenz irgend etwas finden ließe, was für ihn von Interesse sein könnte. Doch auch Onkel Enele meinte: »Schauen kostet doch nichts! Komm, wir gehen zum Dorfvorsteher und sehen mit ihm zusammen die Sachen des Franzosen durch. Da kann dann keiner was dagegen haben!« Eher aus Freundlichkeit seinen Gastgebern gegenüber, als aus persönlichem Interesse, gab Tomu dem Drängen seiner Verwandten nach und willigte ein. Keine zehn Minuten später waren er und Onkel Enele beim Haus des Dorfvorstehers angekommen. »Tomu! Das ist ja eine Überraschung!«, begrüßte ihn der dicke alte Mann freundlich und klopfte ihm fest auf die Schulter. »Ich habe schon gehört: Du bist Astronaut oder so etwas ähnliches geworden! Ich habe ja schon immer gesagt, dass aus dir mal etwas ganz besonderes wird.« Tomu hatte keine Lust schon wieder zu erzählen, was er in Wirklichkeit beruflich so machte und erwiderte mit freundlichem Lächeln: »Danke, danke, zu viel der Ehre, nicht ganz getroffen, aber so ungefähr stimmt das schon.« Zum Glück erlöste ihn sein Onkel aus der Situation: »Wir wollten zum Haus des Franzosen gehen, weil es heißt, dort lägen ein paar wissenschaftliche Geräte hemm. Vielleicht sind die für unseren gescheiten Tomu ja von Interesse!« Der wäre vor lauter Peinlichkeit am liebsten im Sandboden versunken und meinte: »Aber nur wenn es keine Umstände macht.« »Aber klar doch!«, antwortete der Dorfvorsteher und sein strahlendes Gesicht zeigte ehrliche Freude über diese willkommene Abwechslung. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg durch das schachbrettartig aufgebaute Dorf und erreichten nach fünf Minuten die Hütte des toten Franzosen. »Na, dann wollen wir mal sehen, welche Überraschungen hier auf uns warten!«, lachte der Dorfvorsteher und führte seine Begleiter über die Veranda ins Innere des nicht abgeschlossenen Hauses. »Viele Habseligkeiten scheint der arme Kerl ja nicht besessen zu haben.« Tomus Augen mussten sich erst langsam an die Dunkelheit der Hütte gewöhnen, die nur aus einem einzigen großen Wohnraum und einem kleinen abgegrenzten Sanitärbereich bestand. An einer der Wände befand sich, unter einem winzigen Fenster, das Bett des Franzosen. Ungemacht und so, als könnte er jeden Augenblick wieder vom Fischen heimkehren. An der gegenüber liegenden Wand stand ein Kleiderschrank und in etwas Abstand davon eine Kommode. Neben dem Eingang zum Waschraum war eine kleine Küchenzeile mit einem Regal über dem Spülbecken und einem Unterschrank darunter. Direkt neben der Eingangstür standen ein Tisch und ein paar reparaturbedürftige Stühle. Mehr Möbel gab es nicht. Die Inspektion des Küchenschranks beförderte nur die üblichen Haushaltsgeräte zutage, die so oder so ähnlich in jeder der Inselhütten vorhanden waren. Den Kleiderschrank öffnete der Dorfvorsteher nur ganz kurz und schloß ihn sofort wieder, als der unangenehme Geruch der darin befindlichen Sachen die Nasen der drei Männer erreichte. Schließlich kam die Kommode an die Reihe, in der sich der restliche Hausrat des Franzosen befinden musste. Der alte Mann räumte den Inhalt Stück für Stück heraus und platzierte alles fein säuberlich auf dem Tisch. Fotoalben, ein Dokumentenordner, ein schönes, aber unvollständiges Porzellan- Kaffeeservice und weitere gewöhnliche Dinge, die man in so einem Möbelstück aufzuheben pflegt, kamen zutage. Dann ging ein Strahlen über sein Gesicht und er rief: »Ja was haben wir denn da?« Vorsichtig hob er eine schwere Kupferplatte mit einem darauf liegenden Instrument vom untersten Regalboden und legte beides neben die anderen Sachen auf den Tisch. »Tomu, hast du eine Ahnung was das sein könnte?« Tomu nahm das Metallinstrument behutsam in seine Hände und musterte es interessiert. »An diesem runden Bogen ist eine Skala und dieses Rohr enthält im Inneren eine Optik. Das Ganze scheint beweglich zu sein und für irgendwelche Berechnungen zu dienen. Es erinnert mich irgendwie an die alten Rechenschieber, welche die Ingenieure früher benutzten, als es noch keine Computer oder Taschenrechner gab. Aber die waren, glaube ich, gerade und nicht so kreisförmig gebogen wie dieses Ding hier.« Skeptisch musterte er das alte Gerät und bewegte dessen Teile hin und her. »An dieser Halterung ist eine Glasplatte angebracht, vielleicht war es auch mal ein Spiegel. Mittlerweile ist er völlig blind geworden, was aber auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt wie alt dieses Teil sein muss.« Dann kam ihm plötzlich die Erleuchtung. »Das ist ein alter nautischer Sextant! Damit hat man früher den Winkel zwischen Sonne und Horizont bestimmt und daraus die Position auf dem Meer. Waren die Vorfahren des Franzosen vielleicht Seefahrer?« Onkel Enele und der Dorfvorsteher schauten sich ratlos an und zuckten mit den Schultern. Offenbar hatten sie keine Ahnung was die Familie des Franzosen vor ihrer Ankunft auf Tuvalu gemacht hatte, geschweige denn, was es mit ihren Vorfahren auf sich hatte. Tomus Onkel beendete seine Verlegenheit, indem er die schwere Kupferplatte in seine Hände und in Augenschein nahm. »Da ist eine sehr aufwendig gemachte Gravur drauf!«, sagte er mit anerkennendem Gesichtsausdruck. »Das war bestimmt nicht billig! Ein großer verzierter Buchstabe N mit einem gewölbten Schriftzug darüber.« Er zögerte kurz und las dann laut vor: »Mobilis in Mobile.« Etwas ratlos blickte er in Richtung seines Neffen. »Ist das etwa französisch?« »Nein«, antwortete Tomu, »das klingt mir eher nach Italienisch oder gar Latein. Ja, wahrscheinlich ist es Latein. Die Wissenschaft hatte schon immer eine Vorliebe für diese tote Sprache. Was das bedeutet, kann ich euch auch nicht sagen. Irgendetwas mit Bewegung jedenfalls.« »Ich sehe schon«, sagte der Dorfvorsteher, »die Sachen sind bei dir in guten Händen. Wäre ja wirklich schade, wenn diese Antiquitäten bei uns auf der Müllhalde landen würden. Aber lass uns mal sehen, ob da noch mehr zu finden ist.« Keuchend bückte er sich erneut ganz nach unten zum Boden und beförderte einen weiteren Gegenstand aus den Tiefen der Kommode hervor. Es handelte sich um einen großen, verschlossenen Glasbehälter, der bis oben mit türkisfarbenen Sand gefüllt war. »Mann, ist das schwer«, stöhnte er, als er den Behälter nach oben beförderte. »Hoffentlich hält der Tisch das aus!« »Was soll das denn sein?« fragte Tomus Vater verwundert. »Das sieht aus wie einer dieser großen Glasbehälter, die man in der Apotheke manchmal sieht. Da passen bestimmt drei Liter hinein. Das Glas wirkt recht stabil.« »Da ist ein alter Aufkleber dran«, sagte Tomu. »Die Schrift ist zwar ziemlich ausgebleicht, aber ich glaube man kann es noch lesen.« Vorsichtig drehte er das Etikett des schweren Glasbehälters in Richtung der Tür, so dass das Licht von draußen die Konturen der verblassten Schrift deutlich machte. »Hydromet - nein, Hydronit!«, las er laut vor. »Braucht man so etwas vielleicht zum Fischen?« Onkel Enele und der Dorfvorsteher prusteten vor Lachen. »Zum Fischen? Man merkt schon, dass du die letzten Jahre in der Stadt verbracht hast, mein Junge«, meinte schließlich der alte Mann. »Nein, ich habe keine Ahnung wozu dieses Zeug gut sein sollte, aber auf keinen Fall zum Fische fangen.« Tomu überlegte kurz und meinte dann: »Ich habe einen Freund und Kollegen, der Kristalle sammelt und sich mit Mineralien auskennt. Der könnte uns vielleicht sagen, was es mit diesem Hydronit auf sich hat.« »Nimm es doch einfach als Geschenk für ihn mit! Bestimmt freut er sich darüber«, schlug der Dorfvorsteher vor und Tomu konnte in seinen Blicken lesen, dass es ihm nur darum ging, dass das unbekannte grüne Zeug nicht auf seiner Inselmüllhalde landete. »Meinetwegen«, gab sich Tomu geschlagen und war froh, dass er nicht noch mehr Sachen des toten Franzosen mitnehmen sollte. Der alte Sextant war es wirklich wert erhalten zu werden und er würde ihm einen Ehrenplatz in seinem Appartement einräumen. Die gravierte Kupferplatte könnte er zumindest von einem Sachverständigen begutachten lassen. Vielleicht ließe sie sich ja bei einem Antiquitätenhändler zu Geld machen. Und der türkisfarbene Sand? Na ja, den würde er schon irgendwie loswerden. Nachdem sie restlichen Sachen wieder in der Kommode verstaut hatten, verließen die drei das Haus des toten Franzosen und machten sich mit ihrer Beute auf den Heimweg. 4. Kapitel Heimflug Das Lithium-Mineral Spodumen ist ein eher selten vorkommendes Kettensilikat aus der Gruppe der Pyroxene. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung LiAl[Si 2 0 6 ] und entwickelt meist kurze, abgeflachte Kristalle, die in Längsrichtung deuüich gestreift sind. Die Größe der Kristalle schwankt oft zwischen einigen Zentimetern und Dezimetern, kann aber an einigen Fundorten auch Rekordgrößen von mehreren Metern erreichen. Spodumen ist eines der wichtigsten Lithiumerze. In der Glas- und Keramik-Industrie dient es als Zuschlagstoff zu Rohprodukten für die Herstellung von beispielsweise Glaskeramikkochfeldern, Faserglas oder Sanitärkeramik. Tomus Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie sah, was ihre beiden Männer da anschleppten. Ihren Blick starr auf das Apothekerglas mit dem türkisfarbenen Sand gerichtet, sagte sie zu ihrem Sohn: »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du das im Flieger nach Neuseeland transportieren kannst!« Daran hatte Tomu noch gar nicht gedacht. Das Glas wirkte zwar recht massiv, war aber andererseits bestimmt schon recht alt. Würde es den langen Flug heil überstehen? Vielleicht könnte er den Sand in ein stabileres Behältnis umfüllen - aber selbst dann: Was sollte er der Security oder dem Zoll erzählen, wenn man ihn fragen würde, um was für ein Transportgut es sich dabei handelt? Er war schon drauf und dran das Glas an den Strand zu bringen und seinen Inhalt dem Meer zu übergeben, aber es war ja noch genügend Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Die Tage auf dem Atoll plätscherten dahin. Tomu traf sich mit alten Schulfreunden und schwelgte in längst verblassten Kindheitserinnerungen. Viele Stunden verbrachte er an seinem Lieblingsstrand in der Hängematte und genoß die Ruhe und den Zauber dieses unentdeckten Paradieses. Zum Jahreswechsel wurde es auf dem Atoll vorübergehend etwas lauter als sonst. Auch wenn die Tuvaluer normalerweise die Letzten sind, die von den Geschehnissen der großen weiten Welt tangiert werden: Als das neue Jahr eingeläutet wurde, gehörten sie aufgrund ihrer Lage an der Datumsgrenze mit zu den Ersten, die es begrüßen durften. Während die Australier dem Jahreswechsel noch entgegen fieberten, die Europäer noch beim Silvesterbrunch saßen und die Amerikaner noch friedlich in ihren Betten schlummerten, knallten auf Nukufetau bereits die Korken und die Insulaner feierten mit viel Böllern und ein paar vereinzelten Raketen Happy New Year. Überhaupt brachte die Zeit um das Neujahrsfest ungewohnten Trubel in das sonst so beschauliche Inselleben. Die Pahuas waren nicht die einzigen im Dorf, die Verwandte unter ihrem Dach beherbergten. Auf Schritt und Tritt begegnete man Emigranten, die über die Weihnachtsferien wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt waren. Man ließ alte Traditionen aufleben, es wurde lauthals gesungen, gefeiert und getanzt. Die Frauen putzten sich heraus und trugen bunte Blumenkränze im Haar. Fast jeden Tag wurden riesige Buffets aufgetischt. Frische Fische, exotische Früchte, im Ganzen gebratene Schweine - kein Aufwand war zu hoch und keine Kosten und Mühen wurden gescheut, um die kurze, gemeinsame Zeit zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Nach all der Völlerei war Tomu froh, dass er beim großen Ano-Turnier mitmachen durfte. Fast die ganze Inselbevölkerung versammelte sich auf der großen Freifläche im Dorfzentrum zu diesem traditionellen Massenspektakel, das vor langer Zeit als merkwürdige Mischung aus Volleyball und Völkerball entstanden war. Auf dem spärlich bewachsenen Rasen verteilten sich die zwei Teams in ihren Feldern. Die Werfer schleuderten den Anoball in die gegnerische Menschenmenge, die ihn, wie beim Volleyball aufnehmen und - ohne dass er den Boden berührte - ihrem eigenen Werfer zukommen lassen musste. Unter den ernsten Blicken eines aufmerksamen Schiedsrichters wiederholte sich nach einem strengen Ritual der immer gleiche Spielablauf. Am Ende eines langen Spiels unterlag Tomus Mannschaft knapp ihren Gegnern, was der guten Faune aller Beteiligten aber keinen Abbruch tat. Mit jedem Tag auf Nukufetau gewöhnte sich der junge Raketeningenieur ein wenig mehr an das unbeschwerte Dasein auf seiner Heimatinsel. Doch irgendwann waren die zwei Ferienwochen vorbei und es hieß Abschied nehmen. Als Tomus Familie das Boot an der Anlegestelle des Dorfes bestieg und dieses kurz darauf über den schmalen Kanal in Richtung Fagune davon dümpelte, blieb kein Auge trocken. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, wo und wann man sich das nächste Mal Wiedersehen würde. Beim Zusammenpacken hatte Tomu kurzerhand beschlossen, nur eine kleine Probe des geheimnisvollen Sandes mit nach Neuseeland zu nehmen. Den großen Glasbehälter hatte er seiner Tante zur Aufbewahrung oder Entsorgung übergeben - wie es ihr beliebte. Er wusste ja selber nicht, ob und wann er zurückkommen würde. Drei Handvoll Hydronit-Sand hatte er in eine kleine Plastiktüte geschüttet, diese verknotet und in seinem großen Rollkoffer zwischen die Schmutzwäsche gestopft. Nur zwei stecknadel¬ kopfgroße Körner, die wie kleine Edelsteine aussahen, hatte er in seinem Geldbeutel deponiert. Den Sextanten hatte er sorgfältig mit seiner Softshelljacke umwickelt und in seinem kleinen Tagesrucksack verstaut, so dass er sein wertvolles Mitbringsel während der gesamten Rückreise als Handgepäck im Auge behalten konnte. Und die schwere Platte mit der eingravierten Inschrift hatte er zwischenzeitlich seinem Onkel geschenkt, dem dieses Fundstück offensichtlich sehr gefiel. Während der Überfahrt nach Funafuti sprachen die Familienmitglieder kaum ein Wort. Was aber nicht am Wellengang lag - den waren sie alle vier von Kindesbeinen an gewöhnt - vielmehr hing jeder seinen melancholischen Erinnerungen nach und verarbeitete den Abschiedsschmerz. Als die Fähre im Hafen von Funafuti anlegte, war Tomu aber in Gedanken schon wieder in Neuseeland und richtete seinen Blick nach vorn. Der Abflug am internationalen Flughafen war in jeder Hinsicht anders, als die anderen Flüge, die Tomu in seinem bisherigen Leben so erlebt hatte. Eigentlich hatte er als Jugendlicher bei der Auswanderung dieses Prozedere schon einmal miterlebt. Aber irgendwie hatte er diesen Tag völlig aus seinem Gedächtnis verdrängt, zumindest was solche Nebensächlichkeiten wie die Fliegerei anging. Jetzt war er um so mehr am Geschehen interessiert. Zwei- bis dreimal in der Woche wurde die Hauptinsel aus ihrem seligen Dornröschenschlaf gerissen: Und zwar immer dann, wenn das Flugzeug kam. Kurz vor der planmäßigen Ankunft begann die Inselfeuerwehr mit ihrem größten Löschfahrzeug und lautem Sirenengeheul die Landebahn auf und ab zu fahren und versuchte diese von Menschen, Motorrädern und Hunden frei zu bekommen. Kaum war diese Aufgabe erfolgreich bewältigt, bekam der Pilot der anschwebenden Fiji Airways Maschine über Funk die Erlaubnis zur Landung und setzte die Turboprop Maschine unter großem Beifall der Insulaner souverän auf. Die Check-In Prozedur und die Sicherheitskontrolle spotteten jeder Beschreibung und wäre dieser Flug direkt nach Auckland gegangen, hätte Tomu das große Sandglas einfach auf seinem Schoß nachhause transportieren können, ohne dass jemand daran Anstoß genommen hätte. Es verging nicht einmal eine Stunde, dann war die kleine Maschine bereits wieder in der Luft und unten auf Tuvalu kehrte wieder Ruhe ein. Während des Steigflugs konnte Tomu noch einmal das markante rechtwinklige Atoll von Nukufetau erkennen, ehe die Maschine eine scharfe Kurve in Richtung Süden flog und nur noch die Weite des endlosen pazifischen Ozeans unter ihnen zu sehen war. Von den 68 Sitzen der ATR- 72 waren bestenfalls die Hälfte belegt. Mit an Bord waren den Premierminister und der Wirtschaftsminister von Tuvalu. Tomus Vater ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, sich zu den beiden zu setzen und sich mit ihnen zu unterhalten. Die drei kannten sich offenbar aus ihrer Schulzeit und sein alter Herr und die Politiker schienen eine Menge Spaß während des kurzen Fluges zu haben. Nach gut zwei Stunden setzte die Maschine in Suva, der Hauptstadt der Fidschi Inseln, zur Landung an und die vier Urlauber hatten das Gefühl, als wären sie plötzlich wieder in der menschlichen Zivilisation angekommen. Um den Weiterflug nach Neuseeland zu erreichen, galt es aber noch ein großes Hindernis zu überwinden: Nämlich die Hauptinsel Viti Levu der Republik Fidschi. Während sich viele Staaten der Erde mit einem einzigen internationalen Flughafen begnügen, erlauben sich die kleinen Fidschi Inseln deren zwei. Und diese liegen auf der kreisförmigen Hauptinsel einander genau diametral gegenüber. Während man auf einem normalen Airport für den Anschlussflug das Gate oder schlimmstenfalls das Terminal wechselt, gilt es auf Fidschi die ganze Insel zu überqueren, sei es per Bus, per Taxi oder per Flugzeug. Tomu hatte sich bei der Buchung für die einfachste Variante mittels Air Shuttle entschieden. Zum einen, weil dies die schnellste und bequemste Alternative war, zum anderen weil der Preisunterschied angesichts der Gesamtkosten der Ferienreise auch nicht mehr sehr ins Gewicht fiel. Nach einigen Stunden Wartezeit bestiegen sie das Shuttle Flugzeug, welches, kaum dass es in der Luft war, schon wieder am internationalen Airport von Nadi zu Landung ansetzte. Hier war natürlich ein weiteres Mal Geduld gefragt, bevor endlich der Flug nach Auckland auf der großen Anzeigetafel erschien. Tomu war erleichtert, als beim Sicherheitscheck seines Handgepäcks sein Sextant zwar interessiert inspiziert, letztendlich aber problemlos durchgewunken wurde. Kurz bevor die Passagiere zum Einsteigen aufgerufen wurden, rutschte ihm aber doch noch das Herz in die Hose. Plötzlich wurde über Lautsprecher sein Name ausgerufen: »Mr. Pahua, Mr. Tomu Pahua, booked on Fiji Airways flight FJ-3756, please proceed immediately to the information desk! Mr. Tomu Pahua, please proceed to the information desk!« Mit weichen Knien folgte er der Aufforderung und wandte sich an den unfreundlichen Herrn am Schalter: »Ich bin Tomu Pahua. Sie haben mich ausrufen lassen!« »Mr. Pahua, beim Durchleuchten ihres Koffers hat es einen Securityalarm gegeben. Man hat zwischen ihren Kleidungsstücken ein grünliches Pulver gefunden. Können sie mir bitte sagen, ob sie davon Kenntnis haben und wenn ja, um was es sich dabei handelt?« Tomu wurde heiß und kalt und er überlegte fieberhaft, was er antworten könnte. Schließlich log er: »Ich komme gerade von meiner Heimatinsel. Meine Eltern und ich sind vor vielen Jahren ausgewandert und wir wissen nicht, ob wir jemals wieder dorthin zurückkehren werden. Zur Erinnerung habe ich ein wenig von dem Sand mitgenommen, den es in dieser Farbe nur auf unserer Insel gibt. Sie wissen schon, als Erinnerung, wenn man mal wieder Heimweh bekommt und ...« »Ja, ja ist schon gut! So genau will ich das gar nicht wissen«, unterbrach ihn der Mann hinter dem Tresen barsch und führte ein kurzes Telefonat. Tomu wurde unterdessen wieder zurück in den Wartebereich geschickt, wo er seine aufgeregte Familie über den Grund des Aufrufs informierte. »Ich hab dir gleich gesagt, dass du Probleme mit diesem Zeug bekommen wirst!«, schimpfte seine Mutter sofort los. »Aber du wolltest ja nicht auf mich hören!« Auch seine Schwester und sein Vater blickten nicht gerade erfreut drein und rechneten wohl schon damit, dass der Flieger nach Neuseeland ohne sie abheben würde. Ein halbe Stunde lang saß Tomu wie auf heißen Kohlen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie es nun weitergehen würde. Bis ihn der Mann am Informationsschalter schließlich erneut zu sich rief und ihm mitteilte, dass alles in Ordnung sei. Eine Abfrage in der Computerdatenbank hatte in der Zwischenzeit bestätigt, dass der junge Neuseeländer offenbar die Wahrheit sprach und tatsächlich aus Tuvalu stammte. Der Koffer hatte keinerlei verdächtige Kabel oder potentielle Zündeinrichtungen enthalten und auch ein hinzugezogener Rauschgiftspürhund hatte sich angewidert von Sand und Schmutzwäsche abgewendet. Da gaben die Sicherheitsleute grünes Licht. Die ursprüngliche Plastiktüte war beim Öffnen leider kaputt gegangen. Deshalb schüttete man den Sand in eine neue Tüte mit Zip-Verschluss. Ein ganz besonderer Witzbold unter den Kontrolleuren klebte noch einen Aufkleber mit der Aufschrift »Aloha!« auf das neue Behältnis, bevor es wieder zwischen Tomus getragenen Unterhosen verschwand und der verschlossene Rollkoffer auf dem Gepäckband landete. 5. Kapitel Experimente Das Mineral Türkis ist ein eher selten vorkommendes, wasserhaltiges Kupfer- Aluminium-Phosphat aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ mit der chemischen Zusammensetzung CuA 1 6 (P 04 ) 4 ( 0 H) 8 - 4 H 2 0 . Anstelle von Aluminium kann Eisen als Fe 3+ in die Kristallstruktur eingebaut werden. Seiner charakteristischen blaugrünen Farbe verdankt die Farbe Türkis ihren Namen. Zwei Wochen waren vergangen und Tomu war wieder voll in seine Arbeitswelt zurückgekehrt. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Peter Thompson arbeitete er an einem neuen wichtigen Projekt. Oft saßen die beiden bis spät in die Nacht im Entwicklungszentrum der Rocketeer Ltd und brüteten über den Spezifikationen für ein neues Raketentriebwerk. Als das Wochenende vor der Tür stand, überlegten sie, wie sie am besten ihren Kopf wieder freibekommen konnten. »Alles - bloß nicht über Raketenantriebe reden!«, lautete die Devise. Am Samstag Vormittag trafen sie sich in einem Squash Center in der Innenstadt. Eine Stunde später waren sie völlig ausgepowert und besuchten, durstig wie sie waren, die nächstgelegene Bar. Aus einem Bier wurden schnell zwei - drei - vier, aber das ganze Wochenende lag ja noch vor ihnen und sie waren gut drauf - wie schon lange nicht mehr. »Ich hab was aus Tuvalu mitgebracht, was ich dir unbedingt zeigen möchte!«, sagte Tomu, als er sein Bierglas geleert hatte. »Was denn?«, fragte Peter neugierig. »Etwa ein Hula-Hula-Mädchen von deiner Insel?« »Quatsch, einen Mineralsand von dem ich nicht weiß, was ich davon halten soll.« »Mineralsand?«, lachte Peter und schaute ungläubig. »Du fährst auf ein Südsee-Atoll und bringst Sand mit? Hammermäßig!« »Naja, keinen gewöhnlichen Sand. So ein seltsam grünliches Zeug. Und die Umstände, wie ich daran gekommen bin, sind auch außergewöhnlich.« »Wie außergewöhnlich?« »Wir haben den Sand im Haus eines gestorbenen Nachbarn gefunden. In so einer Art Apothekerglas, zusammen mit ein paar anderen merkwürdigen Gegenständen. Hey, der Mann war Fischer und lebte unter ärmlichsten Bedingungen. Mir ist völlig unklar, wie jemand wie er an diese Sachen kam.« Peter blickte nur mitleidig drein. Tomu glaubte seine Gedanken lesen zu können: »Da fährt der Kerl zwei Wochen in die Südsee und was bringt er mit? Sand!« »Hast du heute noch was vor?«, fragte er Peter. »Wenn nicht, dann komm doch einfach mit zu mir, dann zeig ich dir das Zeug und du sagst mir, was du davon hältst.« Tomus Appartement lag an der Queens Street etwas außerhalb des Stadtzentrums. Von der Bar waren es keine fünfzehn Minuten zu Fuß. Da Peter schlecht nein sagen konnte, willigt er ein. Die beiden Männer bezahlten ihre Getränke und verließen das Fokal. Draußen empfing sie die Mittagsglut eines heißen Januartags. Es dauerte nicht lange, da waren sie genauso verschwitzt wie am Ende ihrer Squashpartie. »Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte Peter als Tomu die Tür zu seinem Appartement auf sperrte. Die kleine Wohnung im dritten Stock war angenehm kühl. »Entschuldige bitte die Unordnung, aber ich hatte eigentlich nicht mit Besuch gerechnet. Möchtest du noch ein Bier? Ich müsste welches im Kühlschrank haben.« »Bloß nicht! Ich habe schon viel zu viel auf nüchternen Magen getrunken«, entgegnete Peter und schüttelte entschieden den Kopf. »Nimm Platz«, sagte Tomu und deutete auf das bequeme Ledersofa. »Ich muss erst mal sehen, wo ich das Zeug überhaupt hingetan habe.« Er verschwand im Schlafzimmer und kam nach zwei Minuten Suche mit dem Plastiktütchen zurück. »Um das hier geht’s«, rief er, während er die Tüte über seinem Kopf schwenkte und damit in Richtung der Küchenzeile ging. Dort nahm er eine Tasse aus dem Geschirrschrank, öffnete den Zipverschluss der Tüte und streute etwas von dem türkisfarbenen Sand in die Tasse, bis der Boden bedeckt war. »Nun - was hältst du davon?«, fragte er mit neugierigem Blick. Peter feuchte seinen rechten Zeigefinger an, drückte ihn auf den Boden der Tasse und steckte ihn mit den Sandkörnern, die nun daran klebten, zurück in seinen Mund. »Nun - was soll ich sagen - schmeckt nach gar nichts!«. Dann grinste er übers ganze Gesicht. »Sollen wir mal versuchen Wasser drauf zu geben?« »Kann nicht schaden! Vielleicht kann man’s ja trinken. Oder vielleicht auch rauchen, dann wäre Wasser aber eher kontraproduktiv!« Tomu brachte die Tasse zum Spülbecken und füllte sie mit Wasser. Aus der Küchenschublade holte er einen Teelöffel und begann das Ganze umzurühren. »Da tut sich gar nichts«, bemerkte Peter mit gelangweiltem Blick. »Da kannst du rühren bis du schwarz wirst! Hast du Säure im Haus?« »Säure?«, fragte Tomu ungläubig. »Woher soll ich Säure haben? Du bist der Chemiker von uns beiden, nicht ich!« Dann hatte er aber eine Idee: »Ich habe eine alte Motorradbatterie im Schlafzimmer rumstehen. Da müsste doch Schwefelsäure drin sein. Geht das?« »Klar, warum nicht? Vielleicht bricht die Säure ja die Kristallstruktur auf!« Tomu verschwand erneut im Schlafzimmer und kam mit der schweren Batterie zurück. »Die musste ich neulich austauschen und bin noch nicht dazu gekommen sie zu entsorgen weil...« »Jetzt quatsch nicht rum«, unterbrach ihn Peter. Zieh einen der Stopfen ab und schütte etwas von der Säure in die Tasse! Hast du einen Plastiklöffel?« »Machst du dir Sorgen um mein gutes Besteck?«, lachte Tomu und legte den Teelöffel zurück in die Schublade. »Ich will nur nicht, dass dein Metalllöffel unsere Experimente verfälscht. Hey, hier wird streng wissenschaftlich gearbeitet! Ich könnte jetzt übrigens doch noch ein Bier vertragen.« Tomu ging zum Kühlschrank und kam mit zwei geöffneten Flaschen Premium Lager zurück. »Zum Wohle!«, rief er und knallte seine Flasche gegen die von Peter. Dann zog er einen der Verschlussstopfen aus dem Bleiakku und begann vorsichtig ein wenig von der ätzenden Säure auf das Wasser in der Tasse zu träufeln. Nachdem er den Akku wieder abgestellt und verschlossen hatte, suchte er im Küchenschrank nach einem Löffel aus Plastik. »Da tut sich schon was!«, rief Peter euphorisch, noch bevor Tomu mit einem kleinem Eislöffel aus durchsichtigem Kunststoff zurückkam und in der Tasse wild zu rühren anfing. »Ja, es löst sich auf! Sieh doch! Was für eine schöne glitzernde Brühe! Vielleicht ist es als Streichfarbe oder zum Färben von Textilien zu gebrauchen!« In der Tat bot nun die Flüssigkeit, die auf Tomus Wohnzimmertisch von der Sonne beschienen wurde und in allen Regenbogenfarben glitzerte, ein beeindruckendes Schauspiel. »Sieh doch, Peter! Da steigen Blasen auf!« Tomu zeigte mit steigender Begeisterung auf den Inhalt der Tasse, der mehr und mehr zu schäumen begann. »Das fängt richtig zu kochen an!«, rief er, während er die Tasse an seine Nase führte, um vorsichtig daran zu schnuppern. »Pass bloß auf!«, ermahnte ihn Peter. »Verätz dir nicht die Nasenschleimhäute. Mit Schwefelsäure ist nicht zu spaßen! Ist die Tasse denn heiß geworden?« »Nein, die Tasse ist kalt und riechen tu ich auch nichts«, antwortete Tomu und stellte die Tasse wieder zurück auf den Wohnzimmertisch. Dann ging er erneut zum Küchenschrank, kramte darin herum und kam schließlich mit einer großen gläsernen Salatschale zurück, die er umgekehrt über die Tasse stülpte und diese damit vollständig abdeckte. »Mal sehen ob wir den Wasserdampf da drin auffangen können!« Auch Peter hatte inzwischen Gefallen am Experimentieren gefunden. »Das kann ja etwas dauern, bis deine Dampfmaschine fertig ist. Ich geh einstweilen mein Bier wegbringen«, sagte er und verschwand nebenan in der Toilette. Als er zurückkam, war Tomu gerade dabei die gläserne Salatschüssel leicht anzuheben und mit einem Feuerzeug zu bearbeiten. »Spinnst du?«, schrie Peter seinen Freund an, weil er den Ernst der Situation erkannte, aber es war schon zu spät! Die Flamme des Feuerzeugs hatte den Rand der Glasschüssel noch nicht erreicht, als sich in deren Innerem schlagartig ein gewaltiger Feuerball entwickelte. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Knall wurde die Schale explosionsartig in die Luft geschleudert, landete auf dem Fußboden und zersprang in tausend Scherben. Die Tasse mit der brodelnden grünen Substanz fiel um und verteilte ihren Inhalt über Tomus Wohnzimmertisch und den schönen neuen Teppich darunter. »Scheiße!«, schrie Tomu, »ich habe mir die Hand verbrannt!«, und rannte so schnell er konnte zur Küchenzeile, wo er mit schmerzverzerrtem Gesicht kaltes Wasser über seinen lädierten Handrücken fließen ließ. »Du bist doch vollkommen bescheuert!«, rief Peter und war mit einem Schlag wieder nüchtern. »Warum zum Teufel hast du das Feuerzeug da hingehalten?« »Ich wollte sehen, ob die Flamme in dem Wasserdampf ausgeht«, antwortete Tomu geknickt. »Okay, ich sehe ein, das war keine so tolle Idee.« »Das war eine lupenreine Knallgasexplosion«, erwiderte Peter. »So was kann bös ins Auge gehen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Du hast Glück gehabt, dass nicht mehr passiert ist! Ist es schlimm mit deiner Hand?« »Geht schon wieder. Haare hab ich keine mehr drauf. Die wurden alle abgesengt. Aber der Schmerz lässt langsam wieder nach. Wie konnte es denn zu so einer Explosion kommen?« Peter begann das Chaos im Zimmer zu beseitigen und meinte dabei. »Du hast an der Highschool wohl im Chemieunterricht gefehlt! Es gibt jede Menge chemischer Reaktionen, bei denen Wasserstoff freigesetzt wird. Was dann in Verbindung mit Sauerstoff ein hochentzündliches Knallgasgemisch ergibt. Wirf mal Aluminiumfolie in Natronlauge und du wirst sehen, was ich meine.« Dann fuhr er fort die Glasscherben einzusammeln. Wenig später klingelte es an der Tür. Als Tomu einen Spalt öffnete, sah er zwei Polizisten vor der Wohnung stehen. »Ihre Nachbarn haben bei der Notruf stelle angerufen und behauptet, dass hier im Haus ein Schuss gefallen sei oder dass eine Explosion stattgefunden habe. Haben sie auch etwas gehört?« »Wir hatten ein kleines Malheur beim Kochen«, antwortete Tomu mit Unschuldsmiene. Uns ist die Salatschüssel runtergefallen. Der Polizeibeamte und seine junge Kollegin schauten sich fragend an. »Nach der Schilderung ihrer Nachbarn, klang das aber anders! Dürfen wir bitte mal kurz reinkommen?« Tomu öffnete zögernd die Tür und ließ die beiden Polizisten eintreten. »Bitte, sehen sie selbst: Mein Bekannter sammelt gerade die Reste der Glasschale zusammen. Es hat wirklich ganz schön laut geknallt, als sie mir aus der Hand gefallen ist. Aber eine Explosion? Sie müssen wissen, meine Nachbarn sind etwas lärmempfindlich, aber jetzt übertreiben sie ja wohl wirklich!« Der Polizist begutachtete den Wohnzimmertisch und die frischen grünen Flecken auf dem hellen Teppich. Seine Kollegin ging währenddessen zum Fenster und begann demonstrativ zu schnüffeln. Offensichtlich war sie auf der Spurensuche nach verräterischem Pulverdampf. Außer der penetranten Bierfahne, die von den beiden jungen Männern ausging, konnte sie aber nichts Verdächtiges riechen. »Wäre ja nicht das erste Mal, dass so kurz nach Silvester jemand seine verbliebenen Knallkörper in der Wohnung zündet«, meinte sie schließlich und suchte den Blick ihres Kollegen. »Hören sie mal!«, entgegnete Tomu erbost, »wir sind Raketen¬ ingenieure und haben wirklich besseres zu tun, als mit Feuerwerkskörpern zu spielen! Ich wollte gerade eine Vinaigrette für unseren Salat anrühren, als mir die Schale zu Boden fiel. Sie sehen doch selbst die grünen Flecken, die die Sauce auf dem Teppich hinterlassen hat!« Die Polizistin, die kochenden Männern offenbar jede denkbare Ungeschicklichkeit zutraute, zuckte mit den Schultern und sagte: »Meinetwegen, aber passen sie bitte in Zukunft besser auf! Auch aus Rücksicht auf ihre armen Nachbarn.« Die beiden Beamten sahen sich noch einmal verunsichert an, verabschiedeten sich dann aber. Auf dem Weg zur Tür tippte sich der ältere Kollege an die Stirn und flüsterte der jungen Frau kopfschüttelnd zu: »Raketen-Ingenieure!« 6. Kapitel Knalldose Krokoit ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfate (einschließlich Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate)“. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Pb[Cr0 4 ]. In einer Beschreibung von 1766 wies Johann Gotüob Lehmann darauf hin, dass das Mineral in Salzsäure aufgelöst eine Lösung mit schöner grüner Farbe ergab. Lehmann konnte allerdings seine Untersuchungen nicht mehr zu Ende führen, da er 1767 bei einer Explosion in seinem Labor starb. Eine Woche war vergangen, als Tomu während der Arbeit Peter noch einmal auf das misslungene Experiment ansprach: »Ich habe mich inzwischen ein wenig über Wasserstoffexperimente schlau gemacht.« »Du hast wohl vom letzten Mal noch nicht genug?«, lachte Peter. »Hast du wieder deine Wohnung in die Luft gesprengt?« »Nein, keine Sorge. Alles ist gut. Eigentlich wollte ich das sogenannte Knalldosenexperiment durchführen. Das Internet ist voll mit Anleitungen, wie man da Vorgehen muss. Gestern Abend probierte ich dafür wieder mit meinem Sand Wasserstoff zu erzeugen, es hat aber nicht funktioniert.« »Tja - Maschinenbau und Chemie: Zwei Welten treffen aufeinander!« »Eigentlich habe alles so gemacht, wie am Wochenende. Dieses Mal hat aber überhaupt keine chemische Reaktion stattgefunden.« »Und jetzt willst du, dass ich dir hier im Labor zeige, wie man diesen Versuch richtig durchführt, hab ich recht?« Peter kannte seinen Freund lange genug, um zu wissen, dass dieser so schnell keine Ruhe geben würde. »Das wäre super!«, antwortete Tomu und strahlte übers ganze Gesicht. Ich habe auch ein wenig von dem Mineralsand mitgebracht. Können wir uns in der Mittagspause bei dir im Labor treffen? »Meinetwegen«, seufzte Peter und sah sich schon um seine Kantinenmahlzeit gebracht. »Treffen wir uns um Zwölf in Labor 3.« Die Firmenzentrale der Rocketeer Ltd erstreckte sich über mehrere Gebäude. Der mit Abstand größte Trakt war für die Forschung und Entwicklung reserviert. Wobei allein die Abteilung, in der Peter Thompson arbeitete, über vier leistungsfähige Chemielabore verfügte. Labor 3 war das kleinste und am dürftigsten ausgestattete von ihnen. Bei den Chemikern und Werkstoffkundlern war es aber sehr beliebt, weil sich darin ein kleiner Härteofen befand, der sich neben der Wärmebehandlung von Metallteilen auch hervorragend für die Zubereitung von warmen Mahlzeiten eignete. Als Tomu um zwölf Uhr an die Tür von Labor 3 klopfte, hatte Peter bereits vorgearbeitet. »Dein Ausweis ist wohl nicht für diesen Raum freigeschaltet«, lachte er, als er Tomu die Tür öffnete. »Und soll ich dir was sagen? Das ist auch gut so!« Alle Rocketeere, wie sich die Mitarbeiter von Rocketeer Ltd selber nannten, trugen Firmenausweise mit integrierten RFID 2 -Transpondern bei sich, mit denen sich alle Türen öffnen ließen, für die sie die entsprechende Berechtigung besaßen. Da Tomu selten in den Chemielaboren zu tun hatte, benötigte er keine Berechtigung für die Türöffner in diesem Bereich. Peter bat Tomu sofort zu dem gekachelten Labortisch am Fenster, auf dem er ein kleines Glasschälchen mit beidseitigem Klebeband befestigt hatte. Diese war bereits mit Wasser befüllt. »Nun gibt schon her!«, forderte er Tomu auf. Tomu zog ein kleines Kuvert aus der Brusttasche seines Hemds, in welches er ein wenig von dem grünen Sand gefüllt hatte. »Soll ich ihn in die Schale geben?«, fragte er Peter. »Ich bitte darum«, antwortete dieser und ging zu einem Regal. Dort zog sich ein Paar dünner Gummihandschuhe über. Aus einem Schrank holte er eine große Flasche mit Schwefelsäure. Bevor er einen kleinen Schuß 2 RFID: Radio Frequency Identification davon in die Schale kippte, setzte er sich eine Schutzbrille auf. »Sicher ist sicher«, sagte er grinsend, während er das Oberlichtfenster über dem Labortisch in Kippstellung brachte. Es dauert nur einen kurzen Augenblick, dann begann dasselbe Schauspiel wie eine Woche zuvor in Tomus Appartement. Der Sand begann sich in der Flüssigkeit aufzulösen und diese förmlich aufzukochen. Dicke Blasen stiegen nach oben und ließen die Oberfläche in bunten Farben im einfallenden Sonnenlicht erstrahlen. »Na also, klappt doch wunderbar. Da muss eben ein Fachmann ran«, grinste Peter triumphierend. »Und jetzt machen wir das Knalldosen Experiment, wie wir es aus der Schule kennen.« Er ging zum Mülleimer und holte eine Konservendose daraus hervor, die einer der Kollegen dort hinterlassen hatte. Im Spülbecken reinigte er sie grob von den Resten serbischer Bohnensuppe und präsentierte sie stolz seinem staunenden Assistenten. Dann holte er einen Schraubenzieher, drückte ihn auf den Boden der Dose und schlug so fest mit der Hand darauf, dass ein kleines Loch hineingestanzt wurde. »Jetzt einen Klebestreifen drauf, damit die Dose wieder dicht ist!« »Eigentlich hatte ich das auch so ähnlich vor, aber gestern Abend habe ich nicht einmal die Brühe zum Schäumen gebracht«, wunderte sich Tomu. »Geh jetzt bitte ein paar Schritte zurück!«, kommandierte Peter. »Ich will nicht, dass du dich schon wieder verletzt.« Dann stülpte er die Konservendose über die Glasschale mit dem heftig blubbernden Inhalt. »Jetzt heißt es warten. Es wird eine Weile dauern, bis sich die Dose vollständig mit Wasserstoff gefüllt hat. Wasserstoff ist leichter als Luft und steigt nach oben, kann dort aber nicht entweichen. Das heißt, die Dose füllt sich mit der Zeit vollständig mit Wasserstoff, weil es die darin befindliche Luft nach unten verdrängt.« »Ich weiß. Und dann zieht man den Klebestreifen ab und entzündet das durch das Loch ausströmende Gas.« »Kluges Kerlchen! Genau so werden wir es machen. Zuerst brennt der reine Wasserstoff, der sich im oberen Teil der Dose gesammelt hat. Mit der Zeit wird von unten Umgebungsluft mit Sauerstoff angesaugt, so dass sich nach und nach ein zündfähiges Knallgasgemisch bildet. Und nach wenigen Sekunden kommt dieses mit der Flamme in Berührung und es macht Rumms. So - das müsste reichen!« Peter nahm ein Feuerzeug in die Hand, entfernt den Klebestreifen von der Dose, betätigte den Zündmechanismus und hielt die Flamme an das nun freiliegende Loch. Langsam begann er zu zählen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, ...« Tomu trat zwei weitere Schritte zurück und hielt sich die Ohren zu. »Sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf.« Langsam wurde Peter ungeduldig. »Eigentlich müsste es jetzt so weit sein«, wunderte er sich. »Kann es sein, dass sich noch zu wenig Wasserstoff gebildet hat? Ich kann auch keine Flamme sehen.« »So heftig wie die Mischung reagiert hat? Das würde mich wundern! Die Flamme von brennendem Wasserstoff ist allerdings nicht sehr hell. Solange die Sonne hier so rein scheint, kann man sie nicht sehen.« Peter ging zu einem Schalter an der Tür und ließ die Außenjalousien herunterfahren. Als der Raum abgedunkelt war meinte er: »Du hast recht, da ist keine Flamme zu sehen. So dunkel wie es hier jetzt ist, müsste man sie deutlich erkennen.« Vorsichtig hob er die Dose hoch. »Die Reaktion hat aufgehört!«, lachte er, als er die Flüssigkeit erblickte. »Keine Blasen mehr. Dein Wundermaterial ist am Ende seiner Kraft. Das war’s dann wohl für heute!« »Du meinst der Mineralsand hat nicht einmal ausgereicht um genug Wasserstoff für diese kleine Konservenbüchse freizusetzen?«, fragte Tomu enttäuscht. »So sieht’s aus. Aber weißt du, was wir jetzt machen?« »Sag schon!« »Wir gehen jetzt in die Kantine. Ich habe Kohldampf und nicht die geringste Lust, wegen deinem blöden Sand auf mein Mittagessen zu verzichten. Wir können ja nach Feierabend weitermachen.« Peter beschrieb eine Notiz »Vorsicht - laufender Langzeitversuch!« und befestigte sie am Labortisch. »Du meinst, wir können das einstweilen hier so stehen lassen? Ist das nicht gefährlich!« »Unsinn!«, beruhigte ihn Peter. »Die Reaktion ist zu Ende und selbst wenn noch weiterer Wasserstoff freigesetzt würde, dann würde er durch das Oberlicht ins Freie abziehen. Du kannst ruhigen Gewissens mit mir zum Essen gehen!« Bevor er mit Tomu das Labor verließ, drückte er noch den Schalter, um die Jalousien wieder nach oben fahren zu lassen. 7. Kapitel Erleuchtung Als Stinkspat (Antozonit) bezeichnet man eine dunkelviolette bis schwarze Varietät des Fluorits, die beim Zerkleinern einen stechenden Geruch entwickelt. Stinkspat kommt oft zusammen mit Uranmineralien vor, die teilweise als feinste Partikel im Stinkspat eingeschlossen sein können. Die Typlokalität und bekannteste deutsche Fundstelle ist Wölsendorf in der Oberpfalz. Durch Reiben oder Schlagen des Kristalls wird gasförmiges giftiges Fluor (F 2 ) freigesetzt, welches den Geruch verursacht. Nach Feierabend trafen sich Tomu und Peter erneut am Eingang des Labortrakts. Es war wieder einmal spät geworden und die meisten Kollegen waren bereits nach Hause gegangen. Schnellen Schritts gingen sie über ein einen dunklen Gang, bis sie schließlich das Labor 3 erreichten. Der Raum und die Versuchsanordnung sahen unverändert aus, bis Tomu plötzlich bemerkte: »Sieh doch mal die Schale! Da ist überhaupt kein Wasser mehr drin!« Und tatsächlich: Der Boden der Schale war jetzt von einer gelbgrünen eingetrockneten Schicht bedeckt. »Wie kann das sein? Heute mittag war sie doch noch voll!« Peter kratzte sich am Kopf und meinte unschlüssig: »Das kann ich mir jetzt auch nicht erklären. Heute war zwar ein warmer Tag, dass so viel Flüssigkeit innerhalb weniger Stunden vollständig verdunstet ist doch sehr ungewöhnlich.« »Kann es sein, dass uns einer deiner Kollegen einen Streich gespielt hat?« »Das glaube ich nicht. Es konnte ja niemand wissen, dass wir hier zu unserem Privatvergnügen hemmexperimentieren. Einen explizit ausgeschilderten Langzeitversuch zu manipulieren grenzt eigentlich schon an Sabotage. Das würde sich niemand trauen.« In der Rocketeer Ltd war es nicht ungewöhnlich, dass Mitarbeiter private und berufliche Interessen vermischten. Dies war seitens der Firmenleitung sogar ausdrücklich erwünscht. Nicht nur einmal war aus einer ursprünglich privaten Idee eines Mitarbeiters eine lukrative Erfindungsmeldung für die Firma entstanden. In regelmäßigen Abständen wurden sogar sogenannte Google-Tage durchgeführt. Der Innovations- Manager der Firma hatte diese Idee von einem großen amerikanischen Suchmaschinenbetreiber abgeschaut. Im Rahmen dieser Events hatten die Mitarbeiter Gelegenheit sich zu Teams zusammenzuschließen und dort beliebige Projekte voranzutreiben, für die im normalen Tagesgeschäft die Zeit fehlte. Als Tomu die vertrockneten Überreste in der Glasschale sah, meinte er: »Schade, dass ich nicht mehr von dem Mineralsand dabei habe. Können wir uns morgen Mittag noch einmal hier treffen und den Versuch wiederholen?« Peter stimmte seufzend zu und die beiden Ingenieure machten sich auf den Weg nach Hause. Am nächsten Tag trafen sie sich wieder in der Mittagspause im Labor. »Was passiert denn, wenn wir frisches Wasser in die Schale gießen?«, fragte Tomu. »Vermutlich gar nichts! Dieses Mineral, aus was es auch immer besteht, hat sich umgewandelt und kann nicht ein weiteres Mal dieselbe Reaktion in Gang setzen.« »Wollen wir es ausprobieren?« »Wenn du mir nicht glaubst - versuch’s!« Tomu holte einen Messbecher mit frischem Wasser und füllte damit erneut die Glasschale. Es dauerte nicht lange, da wiederholte sich die Reaktion vom Vortag. Nach wenigen Sekunden brodelte und blubberte es, dass es eine Freude war. »Das gibt’s doch nicht!«, staunte Peter. Ich hätte schwören können, dass sich da nichts mehr tun wird.« Er wiederholte den Versuch mit der Konservendose, doch auch dieses Mal fand keine Knallgasexplosion statt. »Sollen wir wieder die Jalousie herunterlassen?«, fragte Tomu leicht frustriert. »Nein, lass mal. Das bringt nichts. Aber ich verstehe das nicht!« Vorsichtig hob Peter die Konservendose wieder von der Glasschale. »Da schau! Die Reaktion hat schon wieder aufgehört!« Kaum hatte er das gesagt, stiegen wieder Blasen auf und nach wenigen Sekunden brodelte und schäumte die Flüssigkeit erneut. »Ich glaub’s nicht!«, rief Tomu aus. »Dieses Zeug mag keinen Dosen!« »Könnte man fast meinen!«, bestätigte Peter und stülpte erneut die Konservendose über die Schale. Wenn man genau hinhörte, konnte man jetzt sogar hören, dass das Geräusch im Inneren der Dose schlagartig schwächer wurde und nach wenigen Sekunden vollkommen verstummte. »Ich fasse es nicht!«, rief Peter, »sobald man die Schale mit der Dose zudeckt, hört die Reaktion auf.« »Und, Herr Superchemiker, wie erklärst du dir das?«, spottete Tomu. »Gar nicht«, gab Peter kleinlaut zu. »Jetzt lass uns mal rekapitulieren, was wir gemacht haben: Am Wochenende hat die Brühe sofort gebrodelt und genug Wasserstoff erzeugt, um deine gläserne Salatschale in die Luft zu jagen. Gestern Mittag haben wir im Prinzip dasselbe gemacht, nur mit dieser Konservendose. Und heute haben wir den gestrigen Versuch wiederholt, mit demselben Ergebnis. Was schließe ich daraus? Dein Wundersand mag Salatschalen, reagiert aber allergisch auf Konservendosen!« »Kann es daran liegen, dass die Dose aus Metall ist?« »Woher soll die grüne Brühe denn wissen, was da über sie gestülpt wird?« »Vielleicht schirmt die Dose das Erdmagnetfeld ab, was die Substanz zur Produktion von Wasserstoff benötigt!« »So ein Blödsinn!«, erwiderte Peter kopfschüttelnd. »So etwas habe ich noch nie gehört. Das kann nicht sein.« »Du hast bei deinen Beobachtungen noch zwei wichtige Indizien unterschlagen: Erstens meinen fehlgeschlagenen Versuch zuhause neulich Abend. Und die Sache mit der ausgetrockneten Schale! Zwischen gestern Mittag und gestern Abend ist irgendwas passiert, was die Flüssigkeit vollständig zum Verschwinden gebracht hat. Kann es sein, dass die Reaktion irgendwie mit der Uhrzeit zusammenhängt?« »Aber sicher doch!«, machte sich Peter lustig. »Ein chemischer Versuch, der sich nur zu bestimmten Uhrzeiten durchführen lässt. Vielleicht gehört deine geheimnisvolle Substanz ja irgendeiner Gewerkschaft an und hat vertraglich zusicherte Arbeitszeiten und Pausen!« »Mach einen besseren Vorschlag!«, erwiderte Tomu leicht beleidigt. »Bisher habe ich von dir noch keine plausible Erklärung gehört!« Peter grübelte eine Weile und meinte dann: »Es hat mit dem Licht zu tun! Als wir bei dir zuhause die Salatschale zertrümmerten, schien die ganze Zeit die Sonne. Als du bei deinem Selbstversuch gescheitert bist, war es Abend - es war also wesentlich dunkler in deiner Wohnung. Hier im Labor haben wir zweimal Mittags bei hellem Sonnenschein die Flüssigkeit erfolgreich zum Brodeln gebracht. Sobald die Dose das Ganze abdunkelt, hört die Reaktion auf. Das muß es sein. Die Reaktion wird durch Licht ausgelöst!« »Das würde auch die ausgetrocknete Glasschale erklären«, stimmte Tomu zu. »Erinnerst du dich? Als wir gestern Mittag das Labor verlassen haben, hast du beim Verlassen des Raums die Jalousie wieder hochfahren lassen. Nachdem wir draußen waren, stand die Schale den ganzen Nachmittag hier auf dem Labortisch in der Sonne und hat wahrscheinlich so lange vor sich hin gebrodelt, bis kein Wasser mehr drin war. Macht das Sinn?« Peter dachte erneut angestrengt nach. »Ich kann dir momentan nicht erklären, was hier genau abläuft, aber ich verspreche dir, dass ich es rausfinden werde! Würde es dir was ausmachen, wenn du mir noch etwas von deinem Mineralsand hier lässt?« Peters Forscherinstinkt war geweckt. Er würde nicht eher Ruhe geben, bis er hinter das Geheimnis dieser merkwürdigen Substanz gekommen war. Nachdem er sich von Tomu verabschiedet hatte, begann er in Labor 3 eine umfangreiche Messreihe vorzubereiten. Er besorgt sich aus einem der anderen Labore einen Prozessgasanalysator, mit dem er eine fortlaufende Messung des Wasserstoffgehalts über der Versuchsanordnung durchführen konnte. Die kleine Glasschale ersetzte er durch einen großvolumigen Erlenmeyerkolben, in dem er eine größere Menge der grünen Flüssigkeit im Sonnenlicht zum Brodeln brachte. Am Eingang des Labors bracht er ein großes Warnschild an: »Wasserstoff Langzeitversuch. EXPLOSIONSGEFAHR! Bitte Fenster nicht schließen und Zündquellen fernhalten! Peter Thompson« Fortan kontrollierte er alle paar Stunden den Verlauf der Reaktion. Ab und zu füllte er neues Wasser in den Kolben. Er wollte unbedingt herausbekommen, wie lange sich die Wasserstoffproduktion aufrecht erhalten ließ. Aber die H 2 -Konzentration an der Öffnung des Kolbens sowie das Verhalten des flüssigen Inhalts veränderte sich lediglich in Abhängigkeit der Lichteinstrahlung. Er durchforstete die alten Unterlagen aus seiner Studienzeit und begann in Fachpublikationen zu recherchieren. Tagelang bekam ihn Tomu nicht zu Gesicht. Es war kurz nach Mitternacht des fünften Tages und Tomu wollte gerade zu Bett gehen, als plötzlich sein Handy klingelte und Peters Name auf dem Display blinkte. »Hier ist Peter. Ich hoffe du hast noch nicht geschlafen!« »Nein, ich war noch wach. Was gibt’s denn so Wichtiges, dass du um diese Zeit anrufst?« »Ich glaube, ich hab jetzt herausgefunden, was es mit deinem grünen Sand auf sich hat! Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir es hier mit einer photokatalytischen Wasserspaltung zu tun haben! Wenn sich meine Vermutung bestätigt, handelt es sich um eine absolute Sensation!« »Eine Foto was?« »Eine photokatalytische Wasserspaltung. Die Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff durch Ausnutzung des Photoeffekts. Dein grüner Sand wirkt dabei als Katalysator. Morgen werde ich es dir im Büro genau erklären. Ich schlage vor, dass wir uns mit meinem Chef treffen und mit ihm absprechen, wie wir weiter Vorgehen wollen. Ich kann dir aber schon jetzt versprechen, dass das in der Firma wie eine Bombe einschlagen wird!« 8. Kapitel Chefsache Magnesit ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Carbonate und Nitrate“ mit der chemischen Zusammensetzung Mg[C0 3 ] und ist damit chemisch gesehen ein Magnesiumcarbonat. Magnesit kristallisiert im trigonalen Kristallsystem und entwickelt rhomboedrische, prismatische Kristalle, aber auch erdige, massige Aggregate in weißer, gelblicher, bräunlicher bis schwarzer Farbe. Ärzte empfehlen häufig Magnesiumpräparate zur Behandlung von Schlafstörungen. Am Nachmittag des folgenden Tages trafen sich Tomu und Peter mit Gordon Jennings in einem der Besprechungsräume von Rocketeer Ltd. »Na Peter, was gibt’s denn so Dringendes, dass du mich so kurzfristig zu diesem Meeting eingeladen hast?«, fragte der kahlköpfige Mann mit dem Dreitagebart. Peter informierte seinen Vorgesetzten ausführlich über die Ereignisse der vergangenen Tage. Lediglich die peinliche Episode mit der zertrümmerten Salatschale schilderte er etwas anders, als sie sich tatsächlich zugetragen hatte. »Und du bist dir sicher, dass es sich hier um eine photokatalytische Wasserspaltung handelt?« »Hundertprozentig! Bei dem Reaktionsprozess wird nachweislich nur Wasser und Lichtenergie verbraucht. Die entstehenden Endprodukte sind Wasserstoff und Sauerstoff im Verhältnis zwei zu eins. Der als Katalysator verwendete Mineralsand verbraucht sich während des chemischen Vorgangs nicht. Er dient lediglich dazu, den Umwandlungsprozess in Gang zu setzen und am Laufen zu halten. So wie es aussieht, kann man mit dieser Substanz aus Sonnenenergie und Wasser, Wasserstoff und Sauerstoff in beliebiger Menge hersteilen, ohne den Katalysator selbst ständig erneuern zu müssen.« »Funktioniert das so wie bei den Pflanzen und der Photosynthese?«, fragte Tomu neugierig. Gordon Jennings lächelte süffisant und wandte sich dann an seinen Untergebenen: »Peter, wärst du bitte so nett, deinem Maorifreund den Unterschied zwischen Photosynthese und photokatalytischer Wasserspaltung zu erklären?« Tomu verzog das Gesicht. Ihm war schon öfter zu Ohren gekommen, dass Peters Chef zu rassistische Bemerkungen neigte. Er überlegte kurz, ob er gegen diese unverschämte Äußerung protestieren sollte, schluckte seinen Ärger aber hinunter. Seit seiner Auswanderung nach Neuseeland hatte er sich daran gewöhnen müssen, für einen Maori gehalten zu werden, also für einen Ureinwohner dieses Landes. Er war aber Tuvaluer und hatte mit dieser Seefahrerclique, die sich vor mehr als tausend Jahren hier ansiedelte, nichts gemein. Natürlich waren die Maori wie die meisten Südseebewohner Polynesier, was schwer zu übersehen war. Dennoch hatte sich Tomu diesem wilden Haufen, der seine Gäste durch eine herausgestreckte Zunge zu begrüßen pflegt, noch nie zugehörig gefühlt. Peter versuchte indes die Situation zu retten: »Tomu mag zwar recht wenig Ahnung von chemischen Zusammenhängen haben, auf seinem Spezialgebiet, der Berechnung von Raketenflugbahnen, ist er aber ein Ass! Aber um auf seine Frage zurückzukommen: Ja - die photokatalytische Wasserspaltung, wie wir sie hier im Versuch gesehen haben, und die Photosynthese, wie sie Pflanzen betreiben, sind durchaus miteinander vergleichbar. Bei der Photosynthese nutzt die Pflanze die Sonnenenergie, um Wasser und Kohlendioxid in Zucker und Sauerstoff umzuwandeln. Die Ausgangsstoffe befinden sich auf einem niedrigerem Energieniveau als die Endprodukte und benötigen deshalb die Energie des Sonnenlichts für die Umwandlung. Bei der Wasserspaltung verhält es sich ähnlich: Um Wasser in seine Einzelbestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten, ist Energie nötig. Es gibt viele technische Ansätze für diesen Umwandlungsprozess. Der gebräuchlichste ist die Elektrolyse, wo man elektrischen Strom durch das Wasser leitet. Man verwandelt dabei elektrische Energie in chemische Energie.« »Und wir machen das jetzt mit Licht anstelle von Strom«, hakte Tomu nach. »Genau! Durch den Mineralsand im Wasser sind die auftreff enden Photonen in der Lage das Wassermolekül in seine Bestandteile aufzuspalten.« »Aber wenn dieses Prinzip der photokatalytischen Wasserspaltung bereits bekannt ist, worin liegt dann die Sensation, von der du gestern am Telefon gesprochen hast?« Gordon Jennings hatte die Diskussion zwischen den beiden Jungingenieuren interessiert verfolgt. Bis jetzt hatte er nicht viel erfahren, was er nicht ohnehin schon wusste. Auch er hatte schließlich vor geraumer Zeit einmal Chemie studiert. Jetzt war jedoch der Moment gekommen, wo er genau zuhörte. Peter fuhr fort: »Die photokatalytische Wasserspaltung ist ein relativ neues Forschungsgebiet. Bisher konnte der Effekt nur unter Laborbedingungen nachgewiesen werden. Die besten Resultate ließen sich bislang mit Titandioxid erzielen. Man weiß bis heute nicht so genau, was sich bei dem Vorgang im Detail abspielt. Es wird hauptsächlich nach dem Trial-and-Error-Prinzip mit verschiedenen Katalysatoren herum- experimentiert. Allerdings ohne durchschlagenden Erfolg und auch nur, wenn man bei der Bestrahlung hartes UV-Licht verwendet. Falls es sich bestätigen sollte, dass dieser Mineralsand eine dauerhafte photochemische Reaktion bei normaler Sonneneinstrahlung bewirkt, wäre das eine echte Sensation!« Gordon Jennings kratzte sich am Kopf und sagte schließlich: »Ihr wisst bestimmt, dass unsere Raketen mit Kerosin angetrieben werden und die Brennkammern nicht so einfach auf einen anderen Treibstoff umgestellt werden können. Ein Umstieg auf Wasserstoffantrieb käme einer Neukonstruktion gleich! Trotzdem halte ich eure Entdeckung für sehr vielversprechend. Ich muss jetzt leider gleich in ein anderes Meeting, aber ich werde das Thema morgen in der Abteilungsleiterrunde bei Alan ansprechen.« Er lobte Peter und Tomu noch für ihr Engagement und verließ dann eilig den Besprechungsraum. »Dein Chef ist ein ziemliches Arschloch!«, platzte Tomu heraus, kaum dass dieser die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Nimm’s nicht persönlich! Gordon ist ein hervorragender Chemiker, hat aber - wie soll ich sagen - gewisse soziale Defizite. Ihm rutschen öfter mal Dinge heraus, die ihm dann später leid tun.« »Trotzdem - wenn er mich noch einmal als deinen Maorifreund tituliert, werde ich das nicht so einfach hinnehmen!« »Sei nicht so empfindlich! Ich finde dieses Meeting ist doch ganz gut gelaufen. Ich bin gespannt, wie Alan auf unsere Entdeckung reagieren wird.« Alan Tubbs war der Gründer und CEO 3 von Rocketeer Ltd. Ein blendend aussehender Mittvierziger und visionärer Unternehmer mit ausgeprägtem Charisma. Schon als Jugendlicher hatte er von der Raumfahrt geträumt und zielstrebig seinen Traum in die Realität umgesetzt. Er gehörte zu den ganz wenigen Genies auf dieser Welt, die nicht nur über einen exzellenten technischen Sachverstand verfügen, sondern auch andere Menschen für ihren Ideen begeistern können. Durch seine Ausstrahlung und seine Überzeugungskraft gelang es ihm immer wieder Investoren und Geschäftspartner zu gewinnen und damit die Finanzierung seiner hochtrabenden Pläne sicherzustellen. Trotz seines unstrittigen Führungsanspruchs im Unternehmen, pflegte er einen unkomplizierten Umgang mit den Mitarbeitern. Ahe Rocketeere sprachen einander beim Vornamen an und Alan Tubbs machte da bei sich keine Ausnahme. Es galt innerhalb der Firma als höchste Auszeichnung, zu einem Segeltörn auf seiner Yacht eingeladen zu werden. Alan Tubbs liebte den Segelsport, auch wenn er geschäftsbedingt wenig Zeit für sein Hobby fand. In der Westhaven Marina, nur einen Steinwurf von der Harbour Bridge entfernt, lag seine Hochseeyacht - die Aurelius. Der schnellste, 3 CEO: Chief Executive Officer eleganteste und teuerste Einmaster, den die City of Sails, wie Auckland gemeinhin bezeichnet wurde, jemals gesehen hatte. Das letztjährige Team des Jahres durfte sogar mit Alan Tubbs zu einem mehrtägigen Törn aufbrechen, der sie an der wunderschönen Ostküste der Nordinsel entlangführte und schließlich mit einem ganz besonderen Highlight endete: Vor den schroffen Klippen der einsam gelegenen Mahia Halbinsel ging die Aurelius vor Anker und die Crew wurde Zeuge eines Raketenstarts auf dem sich dort befindlichen Launch Complex. Und obwohl fast alle Teammitglieder schon einmal dem Start einer Rakete beigewohnt hatten, war dieses Erlebnis so einzigartig und beeindruckend, dass keiner von ihnen es jemals wieder vergessen würde. Zwei Tage nach ihrem Meeting saßen Tomu, Peter und Gordon Jennings in Alan Tubbs’ Büro im obersten Stock des Verwaltungsgebäudes. Als die beiden Jungingenieure in den bequemen Ledersesseln Platz genommen hatten und die fantastische Aussicht auf den hellblau schimmernden Naturhafen mit den unzähligen weißen Segeln wahrnahmen, stockte ihnen der Atem. Der CEO holte sie aber schnell wieder in die Realität zurück. »Ihr seid also die beiden Jungs mit der tollen, neuen Erfindung. Gratuliere! Gordon hat mir schon einiges berichtet, ich würde mir aber gerne selber einen Eindruck machen. Könnt ihr mir in wenigen Worten erklären, worin die Einzigartigkeit eurer Beobachtung liegt?« Tomu und Peter wiederholten erneut ihre Geschichte und Alan hörte ihnen dabei aufmerksam zu. Am Ende fragte er: »So wie ich das jetzt verstanden habe, hat Tomu diese Substanz während seines Weihnachtsurlaubs mehr oder weniger zufällig gefunden. Wieviel von diesem Material gibt es denn eurer Meinung nach und wo lässt es sich im großen Stil beschaffen?« Tomu berichtete detailliert, wie er den Sand im Haus des toten Insulaners auf Nukufetau gefunden hatte, von dem großen, schweren Apothekerglas und der alten, verblassten Aufschrift »Hydronit«. »Davon hast du mir noch gar nichts erzählt!«, wunderte sich Peter. Mir ist zwar auf Anhieb kein Mineralstoff mit dem Namen »Hydronit« bekannt, aber Hydrogen ist bekanntlich das englische Wort für Wasserstoff. Wer auch immer dieses Zeug in den Behälter gefüllt hat: Er hat bestimmt gewusst, dass es eine Wasserstoff erzeugende Wirkung hat!« »Das werden wir nur schwer rauskriegen«, antwortete Tomu kleinlaut. Der Fischer, in dessen Haus wir die Substanz gefunden haben, war ein seltsamer Kauz. So wie die Dinge liegen, hat er keine Verwandten oder Bekannten, die uns etwas über die Herkunft erzählen könnten. Und was noch schlimmer ist: Ich bin mir nicht sicher, ob meine Tante den Sand in der Zwischenzeit nicht auf den Müll geworfen hat.« Alan wandte sich an seinen Abteilungsleiter: »Gordon, ihr könnt in eurem Labor doch bestimmt analysieren, woraus dieses Zeug besteht. Sobald wir die detaillierte Zusammensetzung herausgefunden haben, sollte es doch möglich sein, mögliche natürliche Abbauorte zu finden. Oder vielleicht lässt sich die Substanz ja auch synthetisch herstellen.« Gordon Jennings überlegte kurz und nickte dann zustimmend. »Das bekommen wir heraus. Ich werde gleich morgen einen meiner Spezialisten damit beauftragen.« »Bitte mach das heute noch! Ich möchte so schnell wie möglich wissen, mit was wir es hier zu tun haben und ob wir diese photochemische Reaktion im industriellen Maßstab einsetzen können. Ich teile zwar eure Euphorie, aber wenn ich eins in meinem Leben gelernt habe ist es folgendes: Die Dinge sind selten so, wie sie uns auf den ersten Blick erscheinen. Tomu, ruf bitte so schnell wie möglich deine Tante an und frag sie, ob sie dieses Hydronit schon entsorgt hat. Falls nicht, soll sie gut darauf aufpassen! Ich möchte, dass dieser Sand so schnell wie möglich bei uns in Verwahrung kommt!« »Das ist nicht so einfach«, antwortete Tomu verlegen. Meine Verwandten in Tuvalu haben leider kein Telefon. Ich kann ihnen höchstens einen Brief schreiben. Es wird aber einige Tage dauern, bis sie ihn erhalten werden.« »Dann tu das bitte!«, forderte Alan Tubbs seinen jungen Mitarbeiter auf. Ich schlage außerdem vor, dass ihr beiden euch in Zukunft mit einem Drittel eurer Arbeitszeit auf die weitere Erforschung dieses Phänomens konzentriert. Ich erwarte aber, dass ihr dabei eure tägliche Arbeit nicht vernachlässigt! Und wenn ich ein Drittel sage, dann bedeutet das nicht, dass ihr nur noch zwei Drittel eurer regulären Arbeitszeit im Büro verbringt. Habe ich mich klar ausgedrückt?« Tomu und Peter nickten zustimmend und man konnte aus ihren Gesichtern lesen, dass das mehr war, als sie zu hoffen gewagt hatten. »Ich werde euch ein Sonderbudget von 300.000 Dollar einräumen. Entwickelt bitte einen Prototypen für die industrielle Herstellung von Wasserstoff. Vielleicht können wir damit dann eines Tages unsere Raketen kostengünstiger antreiben!« Dreihunderttausend Dollar! Die beiden Ingenieure konnten ihre Begeisterung kaum verbergen. Mit diesem Budget ließ sich so einiges auf den Weg bringen, da waren sie sich sicher. Dass sie in den nächsten Wochen kaum noch Freizeit haben würden, war ihnen egal. »Wie sollen wir denn den ganzen Inhalt des Behälters von Tuvalu nach Neuseeland bekommen?«, fragte Tomu skeptisch. »Ich habe nur eine kleine Menge auf dem Flug mitnehmen können und selbst dieses bisschen hat am Flughafen schon für reichlich Verwirrung gesorgt.« »Lass das mal meine Sorge sein«, beruhigte ihn der CEO. »Wenn es so weit ist, werden wir schon Mittel und Wege finden. Der Transport hierher ist bestimmt unser kleinstes Problem. Konzentriert euch einstweilen auf die weitere Erforschung der erforderlichen Technologie. Du, Gordon, wirst mir wöchentlich über den Fortschritt berichten. Gibt es noch weitere Fragen?« Die drei Rocketeere blickten einander an und antworteten schließlich wie aus einem Mund: »Nein Alan, alles klar!« 9. Kapitel Prototyp Rutil ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ mit der chemischen Zusammensetzung Ti0 2 und damit chemisch gesehen Titandioxid. Seit der Entdeckung der photokatalytischen Wasserspaltung am Halbleiter Ti0 2 im Jahre 1972 durch Akira Fujishima und Kenichi Honda, versucht sich eine Vielzahl an Wissenschaftlern an der Weiterentwicklung geeigneter Materialien. Aktuelle Forschungen versuchen die nötige Energie der Photonen, die bei A. Fujishima und K. Honda im UV-Bereich lagen, in den Bereich des sichtbaren Fichts zu verschieben. In den folgenden Wochen verbrachten Tomu und Peter einen Großteil ihrer Arbeitszeit auf dem Dach des Entwicklungszentrums. Der Versuchsstandort auf dem riesigen Flachdach hatte sich als optimal herausgestellt. Zum einen war dort stets für eine optimale Sonneneinstrahlung gesorgt, zum anderen war das Dach auch aus Sicherheitsüberlegungen der beste Platz für das Vorhaben: Man war dort vor neugierigen Blicken geschützt und der Wasserstoff konnte im Falle eines Fecks sofort, ohne Schaden anzurichten, nach oben entweichen. Nachdem der Gebäudestatiker grünes Ficht für die Errichtung des neuen Freiluftlabors gegeben hatte, begannen Tomu und Peter ihren neuen Außenarbeitsplatz in Beschlag zu nehmen. Gelegentlich schaute sogar Alan Tubbs höchstpersönlich vorbei und versorgte seine schwitzenden Mitarbeiter mit Eis oder kühlen Getränken. Über die Einkaufsabteilung bestellten die Ingenieure ein paar Solarpaneele, eine Brennstoffzelle und einen ionischen Verdichter. Fetzterer verzehrte einen ordentlichen Teil ihres Forschungsbudgets, war aber unerlässlich für die Komprimierung und die Speicherung des zu erzeugenden Wasserstoffs. Die Brennstoffzelle sollte langfristig den elektrischen Betrieb des Verdichters sicherstellen. Man hätte diesen im ersten Ansatz natürlich auch einfach mit Strom aus der Steckdose betreiben können. Tomu und Peter wollten aber beweisen, dass die Wasserstofferzeugung völlig autark funktioniert. Dafür wollten sie einen Teil des erzeugten Wasserstoffs für den Betrieb des Kompressors einsetzen. Das würde zwar den Wirkungsgrad der Gesamtanordnung etwas verschlechtern, dafür könnte man dann aber vollständig auf einen externen Stromanschluss verzichten. Die Solarpaneele wurden von den beiden Ingenieuren als Prozesskammer missbraucht. Sobald die Photovoltaik-Module geliefert waren, rissen sie das Innenleben mit den teuren Siliziumzellen heraus und bauten das verbliebene Gehäuse für ihre Zwecke um: Am einen Ende brachten sie einen Zulauf für frisches Wasser an, am anderen Ende einen Abzug für die entstehenden Gase. Dazu noch ein Drucksensor und etwas Dichtmittel und fertig war der einfache Prototyp eines lichtdurchlässigen Wasserstoff-Photokatalyse-Moduls. Jedem Controller hätte dieser verschwenderische Umgang mit den teuren Photovoltaik-Elementen bestimmt die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Für die beiden Ingenieure stellte diese Lösung aber den schnellsten Weg zu ihrem Ziel dar - und Zeit war in ihrem Geschäft nun mal Geld. Für die ideale Zusammensetzung der Flüssigkeit unternahmen sie einige Versuchsreihen im Labor. Dabei experimentierten sie mit verschiedenen Säuren und Laugen, die sie in unterschiedlichen Konzentrationen dem Wasser-Sand-Gemisch hinzufügten. Letztendlich blieben sie aber bei der ursprünglich gewählten Schwefelsäure, wenn auch in einer etwas schwächeren Konzentration, als bei den ersten Versuchen. Drei Wochen nach Projektstart lud Gordon Jennings kurzfristig zu einem Status-Meeting ein, zu dem auch Alan Tubbs spontan zusagte. Als die beiden Manager und die Jungingenieure Platz genommen hatten, verkündete Peters Chef die Neuigkeit: »Die Analysen aus dem Labor sind da! Wir wissen jetzt aus welchen Bestandteilen das Hydronit zusammengesetzt ist!« Die drei Zuhörer im Raum starrten ihn gespannt an. »Um es kurz zu machen: Wir haben es hier mit einer ungeheuren Vielfalt von Atomen und Molekülen zu tun: Eisen, Platin, Palladium, Lithium, Quecksilber, Phosphate, Silikate, diverse seltene Erden. Ein wahres Sammelsurium aus dem Periodensystem der Elemente. Genau genommen handelt es sich auch nicht um ein Mineral, sondern um ein Gestein, da es aus vielen verschiedenen Mineralien besteht.« »Habt ihr schon etwas über ein natürliches Vorkommen dieses Gesteins herausbekommen?«, fragte Alan Tubbs. »Fehlanzeige! Ein Gestein mit einer derartigen Zusammensetzung wurde in der wissenschaftlichen Literatur noch nie erwähnt. Entweder ist es so selten, dass es außer uns noch niemand gefunden hat oder es ist nicht irdischen Ursprungs.« »Nicht irdischen Ursprungs?«, wiederholte Tomu ungläubig. »Soll das heißen, dass der Franzose auf Nukufetau von kleinen grünen Männchen besucht wurde?« Die drei anderen Männer lachten schallend auf. Gordon Jennings meinte schließlich: »Nein, das glaube ich nicht! Auch wenn die grüne Farbe des Hydronits diese Schlussfolgerung nahelegen könnte. Wir kennen eine Menge von extraterrestrischen Gesteinsarten, die vor langer Zeit als Meteoriten die Erde erreichten. Diese Fundstücke sind Zeugnisse aus der Frühgeschichte unseres Sonnensystems. Sie enthalten häufig Minerale, die sich in anderen Gesteinen irdischen Ursprungs nicht finden lassen.« »Dann wird der Abbau natürlicher Vorkommen schwierig«, grübelte der CEO. »Wenn wir nicht herausfinden, wo dieser Fischer oder seine Vorfahren diesen Schatz gefunden haben, sehen wir alt aus. Sag mal Tomu, hat sich deine Tante denn schon gemeldet?« »Nein«, antwortete Tomu und schüttelte den Kopf. »Ich hab ihr ein Telegramm geschickt und sie gebeten gut auf das Glas und dessen Inhalt aufzupassen - falls sie es noch hat. Ich habe aber noch keine Antwort erhalten.« Alan Tubbs wandte sich daraufhin an Gordon Jennings: »Gibt es irgend eine Chance, diese Substanz synthetisch herzustellen?« »No way!«, erwiderte der und schüttelte den Kopf. »Dazu müssten wir die Prozesse nachbilden, die sich kurz nach dem Urknall im Weltall abgespielt haben. Wir kennen zwar die atomaren Bestandteile des Gesteins, wir haben aber nicht die leiseste Ahnung, wie man sie zusammensetzen muss. Das ist so, wie wenn man einem Schimpansen in eine Eisenerzgrube schickt und ihn auffordert den Pariser Eiffelturm nachzubauen.« Alan Tubbs konnte über diesen Vergleich nicht lachen. Nach kurzem Nachdenken resümierte er: »Das klingt ja alles erst mal nicht so gut. Momentan können wir nur hoffen, dass Tomus Tante wenigstens nicht den restlichen Sand ins Meer gekippt hat. Mit dem bisschen Material, was wir momentan haben, können wir nicht einmal den Prototypen auf dem Dach ordentlich betreiben, geschweige denn in die industrielle H 2 -Produktion einsteigen.« Dann hastete er zu seinem nächsten Meeting. Als er den Besprechungsraum verließ, rief er nur: »Wir machen erst mal so weiter wie bisher!« Tomu und Peter führten das Sonderprojekt fort, so gut es ihnen ihre normale Arbeit gestattete. Insgesamt verbrachten sie von nun an wesentlich weniger Zeit auf dem Dach. Wenn sie oben waren, nahmen sie häufig die Unterstützung der Raketenmechaniker in Anspruch. Diese halfen ihnen dabei, die vielen Einzelkomponenten fachmännisch mit den erforderlichen Halterungen und Rohren zusammenzuschrauben oder das eine oder andere Ventil anzubringen. Überhaupt standen ihnen die hilfsbereiten Kollegen aus der Montageabteilung in allen mechanischen Angelegenheiten mit Rat und Tat zur Seite, auch wenn sie nicht wussten, wozu dieses merkwürdige Ding auf dem Dach einmal gut sein sollte. Und nicht nur einmal machte man sich im Kollegenkreis über die zwei »Geheim-Ingenieure im Außeneinsatz« lustig. Ein paar Tage nach dem Status-Meeting traf endlich der erlösende Brief aus Tuvala ein. Tomus Tante bestätigte darin, dass sie den Sand noch nicht entsorgt, sondern hinter dem Haus zum Beschweren ihres Kompostbehälters verwendet hatte. Sie versprach ihrem Neffen das gläserne Behältnis zukünftig im Schlafzimmerschrank zu lagern und immer sehr gut darauf aufzupassen. 10. Kapitel Entlassung Tranquillityit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“. Es kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem mit der Zusammensetzung Fe 8 2 + Ti3(Zr,Y)2[0i2|(Si0 4 )3], ist also chemisch gesehen ein Inselsilikat mit Sauerstoff als zusätzlichen Anionen sowie Eisen, Titan und Zirconium. Benannt ist es nach dem Mare Tranquillitatis (Meer der Ruhe) auf dem Mond, wo 1969 während der Apollo 11-Mission die Gesteinsproben gesammelt wurden, in denen das Mineral später entdeckt wurde. Ortswechsel: Auf der nördlichen Erdhalbkugel Es war Punkt zwölf Uhr mittags, als Carlos Pencroff erhobenen Hauptes und als freier Mann durch das Gefängnistor von San Quentin schritt. Endlich war er wieder draußen. Fast zehn Jahre lang hatte er gesiebte Luft geatmet. Freiheit - keine Mauern, keine Gitter, keine verriegelten Türen mehr. Über ihm nur der klare Himmel eines kühlen Märztages. Zweifacher Mord und illegale Waffengeschäfte lautete damals die Anklage. Eigentlich hatte er Glück gehabt. Wenn seine Kontakte zu der Terrorzelle bekannt geworden wären, hätte man ihn womöglich nach Guantanamo gebracht und dort elend verrecken lassen. So waren es nur ein paar Jährchen im Staatsgefängnis von San Quentin geworden. Ein idealer Knast für jemanden mit guten Beziehungen zur Unterwelt - und die hatte er zweifellos. Seine vorzeitige Entlassung hatte ihn überrascht. Der Staat Kalifornien musste wohl in seinen hoffnungslos überfüllten Gefängnissen dringend Platz schaffen. Schließlich sollten die Massen illegaler Migranten medienwirksam hinter Schloß und Riegel verschwinden, um den amerikanischen Präsidenten nicht als zahnlosen Tiger dastehen zu lassen. Die Zelle, die Carlos während der vergangenen Jahre mit einem anderen Sträfling geteilt hatte, war nun die Unterkunft einer vierköpfigen honduranischen Familie - zumindest bis zu deren Abschiebung in ihre Heimat. Carlos Pencroff zündete sich eine Zigarette an und marschierte mit schnellen Schritten bis zu dem kleinen Post Office am Ende der Straße. Von der San Francisco Bay her wehte ein eisiger Wind. Ein paar Möwen flogen die Küstenlinie mit lautem Geschrei entlang, wohl in der Hoffnung, ein paar Müllreste auf dem großen Gefängnisareal zu finden. Carlos zog den Reißverschluss seiner Lederjacke nach oben und musterte die Umgebung, während er auf dem kleinen Platz vor dem Postamt ungeduldig wartete. »Wo hast du so lange gesteckt?«, raunzte er den Fahrer eines klapprigen Toyotas an, der nach einer Viertelstunde am verabredeten Treffpunkt anhielt. Pencroff warf die Kippe auf die Straße und stieg ein. »Kannst hier drin ruhig weiter rauchen. Stört mich nicht im geringsten«, sagte der Fahrer grinsend, während er den Wagen wendete. »Was ist das überhaupt für eine Begrüßung? Begrüßt man so alte Freunde?« Carlos Pencroff schnaubte verächtlich und antwortete nicht. »Fahr mich rüber nach Oakland«, blaffte er den ungepflegten, korpulenten Mann auf dem Fahrersitz an, als sie sich dem Freeway näherten. Luigi - so hieß der Mann am Steuer - tat wie ihm geheißen und fuhr auf die Auffahrtsrampe zur McCarthy Memorial Bridge. Der Verkehr auf der dreispurigen und fast neun Kilometer langen Brücke hielt sich um die Mittagszeit in Grenzen. Links und rechts glitzerte das kristallklare Wasser der Bucht von San Francisco in der, um diese Jahreszeit noch tief stehenden, Sonne. In der Ferne konnte man den weiteren Verlauf der gigantischen Brückenkonstruktion erkennen, die San Rafael und San Quentin mit Richmond, auf der Ostseite der Bay, verband. Wie eine Achterbahn schlängelte sich die Fahrbahn vor ihnen. An ihrer höchsten Stelle, dort wo sie die Schifffahrtspassage querte, glänzten die metallenen Streben des angeblich erdbebensicheren Bogentragwerks. »Heute kann man drüben die Skyline von San Fran sehen«, sagte Luigi, als der Toyota den Scheitelpunkt der Brücke erreichte. Carlos reagierte nicht, sondern schaute teilnahmslos auf die vor ihnen fahrenden Autos. Der Blick in die Ferne bereitete ihm Unbehagen. Im Knast hatte er während des Hofgangs gerade einmal bis zu den tristen Mauern der umstehenden Trakte sehen können. Es würde wohl einige Zeit dauern, bis er sich an diese ungewohnten Perspektiven wieder gewöhnen würde. »Fahr mich zu Dolores!«, waren seine ersten Worte, als neben dem Freeway bereits die trostlosen Vororte von Richmond auftauchten. »Dolores Sanchez? Die mit den falschen Titten und dem schiefen Mund? Können wir der trauen?«, fragte Luigi mit skeptischem Blick. »Halt die Fresse! Dolores hat all die Jahre zu mir gehalten. Ich werde fürs Erste bei ihr unterschlüpfen«, bekam er zur Antwort und legte erst einmal keinen Wert auf weitere Konversation. In West Oakland bog Luigi von der Interstate ab und verriegelte reflexartig die Fahrertür. »Unruhige Gegend hier. Ist nicht besser geworden, während du im Knast warst.« »Hast du in letzter Zeit was von den Arabern gehört?« Luigi schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass die gut auf uns zu sprechen sind. Die haben dir immer noch nicht verziehen, dass wir damals nicht liefern konnten. Sind aber inzwischen selber ziemlich weg vom Fenster. Die großen Geschäfte macht heute der Tschetschene.« Carlos hatte im Knast schon einiges über diesen skrupellosen Mann gehört. Einer seiner Leute saß ebenfalls in San Quentin ein. Der einzige, der innerhalb der Knasthierarchie auf Augenhöhe mit ihm war. »Stell mal einen Kontakt zu ihm her!« Luigi zuckte unweigerlich zusammen. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, antwortete er zögerlich, während er den Wagen am Straßenrand stoppte. »Hier wohnt Dolores jetzt«, sagte er und deutete auf ein heruntergekommenes Gebäude am Straßenrand. »Brauchst du eine Knarre?« »Ja, danke«, murrte Carlos, als er die großkalibrige Browning sah, die Luigi aus dem Handschuhfach holte. »Und das mit dem Tschetschenen lass mal meine Sorge sein. Ich habe keine Lust in Zukunft kleine Brötchen zu backen.« Er verließ den Wagen und bat seinen Kumpan noch kurz zu warten. Bis zum Haus von Dolores waren es nur wenige Schritte. Weil er keine Klingel finden konnte, polterte er dreimal mit der Faust an der Tür. Als Dolores öffnete und Carlos erkannte, fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn. Carlos warf seine halb ausgerauchte Kippe weg und gab Luigi das Zeichen abzuhauen. Dann verschwand er in der baufälligen Ruine. 11. Kapitel Rotorua Pyrit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Chemisch gesehen ist es die kubische Modifikation des Eisen(II)-disulfids mit der chemischen Zusammensetzung FeS 2 . Pyrit wird in großen Mengen von Schwarzen Rauchern ausgestoßen, wie hydrothermale Quellen mit dunklem Partikelauswurf am Grund der Tiefsee landläufig bezeichnet werden. Für das Wochenende hatten Tomu und Peter einen Ausflug geplant. Sie hatten die Nase voll von den ewigen Überstunden und gönnten sich zum ersten Mal seit Wochen eine kleine Auszeit. Ihr Ziel war Rotorua, eine kleine Stadt, inmitten einer vulkanisch sehr aktiven Region im Zentrum der neuseeländischen Nordinsel. Der Name Roto-Rua kommt aus der Sprache der Maori und bedeutet »Zwei Seen«, was maßlos untertrieben ist, angesichts der Vielzahl von Seen, die sich rund um die Stadt erstrecken. Am frühen Samstag Morgen bestiegen die beiden Männer Peters neues Elektroauto und verließen Auckland auf dem Highway Number One. Nach drei Stunden Fahrt erreichten sie ihr Ziel. »Wir sollten eine Ladesäule suchen und die Batterie nachladen, sonst bleiben wir auf dem Heimweg womöglich liegen«, sagte Peter beim Blick auf den aktuellen Ladestand seines Autos. »Können wir nicht beim Besucherzentrum tanken?«, schlug Tomu vor. »Nein, ich habe schon zuhause nachgesehen, ob das möglich ist. Es gibt aber in Rotorua nur eine einzige Ladestation und die befindet sich irgendwo in der Innenstadt.« Mit Hilfe des Navigationssystems steuerten sie die Ladesäule an der Haupapa Street an. Gott sei Dank fanden sie gleich einen freien Platz und verbanden den Wagen mit dem Stromspender. »Lass uns doch einen Kaffee trinken gehen!«, schlug Peter vor, um die Wartezeit zu überbrücken. Während sie in einem kleinen Straßencafe frische Croissants mit Cappuccino genossen, recherchierten sie mit ihren Smartphones, wie sie am schnellsten zum Whakarewarewa Geothermalfeld kommen würden. Es stellte sich heraus, dass dieses nur wenige Fahrminuten außerhalb der Stadt und kaum zu übersehen war. Kurz vor Mittag erreichten sie gestärkt und mit vollem Fahrzeug-Akku den großen Parkplatz des Besucherzentrums. Der Zungenbrecher Whakarewarewa ist im Grund nur eine Abkürzung und heißt in der Sprache der Maori eigentlich »Te Whakarewarewatanga O Te Ope Taua A Wahiao«, was soviel bedeutet wie: »Der Versammlungs¬ platz für die Kriegszüge von Wahiao.« Tomu und Peter betraten das weitläufige Gelände durch ein weißes, bogenförmiges Tor. Nach dem Überqueren einer Brücke erreichten sie das Thermal Village, in dem die Dorfbewohner inmitten von heißen Quellen, brodelnden Schlammlöchern und Schwefelschwaden ein Leben vom und für den Tourismus führen. »Lass uns zum Geysirfeld gehen«, schlug Tomu vor, nachdem sie sich alles interessiert angesehen hatten. Dort angekommen mussten sie nicht lange warten. Der einmal pro Stunde ausbrechende Pohuto-Geysir erwachte zum Leben und schleuderte seine gigantische Wasserfontäne unter dem Beifall der Touristen 20 Meter hoch in die Luft. »Was da für eine Kraft dahinter stecken muss«, staunte Peter, nachdem das Schauspiel kurz darauf schon wieder vorbei war. »Die Kraft der Vulkane eben«, erwiderte Tomu. »Ich möchte auf diesem Pulverfass bestimmt nicht wohnen. Vom dem ständigen Schwefelgestank ganz zu schweigen. Mir ist schon ganz schlecht!« Und als dann in unmittelbarer Nähe eine Maori-Folkloregruppe lauthals schreiend mit einem wilden Kriegstanz begann, hatten die beiden endgültig genug vom Massentourismus. »Laß uns doch noch nach Waiotapu fahren!«, schlug Tomu vor. »Das ist nicht so weit weg und auch nicht so überlaufen.« Das Wai-O-Tapu Thermal Wonderland war zwar bei den Touristen nicht weniger beliebt, jedoch verteilten sich diese dort besser. Wai-O-Tapu bedeutet in der Sprache der Maori so viel wie »Heiliges Wasser«. Dem entsprechend war die große Attraktion des Geländes zweifelsohne der sogenannte Champagner-Pool. Ein richtig großer See, dessen Wasser über siebzig Grad Celsius heiß ist und von dessen Grund ständig Blasen an die Oberfläche steigen. »Jetzt wissen wir wenigstens, warum der See so heißt«, sagte Tomu und blickte fasziniert auf das prickelnde Farbenspiel am steil abfallenden Rand. »Oder glaubst du, dass das etwa Wasserstoff ist, was da aufsteigt?« »Hör bloß auf! Wir wollten heute nicht über berufliche Dinge reden«, blockte Peter sofort ab und richtete sein Augenmerk wieder auf die orange leuchtenden Mineralien vor seinen Füßen. Die beiden verbrachten noch einige Zeit auf dem 40 Hektar großen Gelände und kehrten schließlich müde zu ihrem Auto zurück. Während der langen Rückfahrt nach Auckland drehte sich das Gespräch dann aber doch wieder um das Thema, was sie nun schon seit Wochen ununterbrochen beschäftigte. »Wie sieht du das eigentlich?«, fragte Tomu. »Je länger ich mich mit dieser Wasserstofftechnologie beschäftige, umso mehr habe ich den Eindruck, dass unsere Entdeckung viel mehr Möglichkeiten bietet, als nur den Antrieb von Raketen.« »Daran habe ich auch schon gedacht«, pflichtete ihm Peter bei. »Wenn ich mir überlege, was man mit durch Sonnenenergie erzeugtem Wasserstoff alles anfangen könnte, fallen mir tausend Dinge ein! Mein Auto zum Beispiel: Stell dir vor, wir könnten den Wasserstoff zum Antrieb dieses Fahrzeugs verwenden! Man müsste sich nur einen H 2 -Generator in den Garten stellen und könnte mit dem komprimierten Wasserstoff quasi umsonst fahren.« »So weit ich weiß, gibt es doch bereits Wasserstoff-Autos.« »Schon, allerdings führen die im Moment ein ziemliches Schattendasein weil es kaum Wasserstoff-Tankstellen gibt.« »Ein Wasserstoffauto ist im Prinzip doch auch nur ein Elektroauto!«, meinte Tomu. »Der Wasserstoff wird in einer Brennstoffzelle in Strom umgewandelt und der Strom treibt das Auto an.« »Ganz genau!«, pflichtete Peter ihm bei. »Der große Vorteil gegenüber meinem Elektroauto bestände darin, dass sich der Tankvorgang wie bei einem normalen Auto abspielen würde: Ran an die Tanke, Wasserstoff rein, bezahlen und weiter geht’s. Diese Warterei an den Ladesäulen geht mir manchmal ganz schön auf den Senkel. Solange man den Wagen, wie bei uns, in der Arbeit laden kann und als Pendler immer die gleiche Strecke fährt, ist das ja okay. Aber bei längeren Fahrten ist man ganz schön unflexibel.« »Stell dir vor, mit unserer Technologie könnte jeder Autofahrer seinen eigenen Kraftstoff erzeugen!«, sagte Tomu. »Und wie umweltschonend das wäre! Bei einem Brennstoffzellenauto kommt hinten nur Wasserdampf raus. Ich habe übrigens gelesen, dass es in Europa Länder gibt, wo Autos mit Verbrennungsmotor überhaupt nicht mehr in die Innenstädte fahren dürfen, weil die Luft dort so schlecht ist!« »Dieses Problem haben wir hier zum Glück nicht!«, lachte Peter. »Bei uns in Auckland bläst immer eine frische Brise vom Meer durch die Stadt. Kein Wunder, dass wir die beste Luft von allen Metropolen der Welt haben!« »Hast du eine Ahnung, warum sich Autos mit Wasserstoffantrieb noch nicht auf breiter Lront durchgesetzt haben? Gefährlicher als Benzin, Diesel oder ein vollgeladener Lithium-Ionen-Akku ist der Wasserstoffantrieb jedenfalls auch nicht. Und der Geschwindigkeitsvorteil beim Laden wäre doch ein guter Grund, Elektroautos nur noch mit Brennstoffzellen auszurüsten.« Peter überlegte kurz und meinte dann: »Ich glaube es hat mit dem Wirkungsgrad zu tun. Heute wird Wasserstoff entweder aus fossilen Energieträgern gewonnen oder durch Elektrolyse erzeugt. Der erste Ansatz ist der wirtschaftlichere, hat aber den Nachteil, dass dabei viel C0 2 freigesetzt wird. Vom Umweltschutzgedanken her ist dies also eine miserable Lösung. Der zweite Ansatz mit der Elektrolyse ist da schon wesentlich besser. Allerdings müsste der notwendige Strom aus Windkraft oder Sonnenenergie erzeugt werden! Und genau da kommt der Wirkungsgrad ins Spiel. Wenn man Sonnenenergie in Strom umwandelt, geht viel Energie verloren. Und wenn man den Strom in Wasserstoff umwandelt geht wieder viel Energie verloren. Dazu kommen noch die Komprimierungsverluste und der Transport zu den Tankstellen. Ganz zu schweigen von den hohen Kosten für den Brennstoffzellenstack und den Hochdrucktank. Wasserstofffahrzeuge sind einfach von der Kostenseite gesehen nicht wirtschaftlich, verglichen mit anderen Technologien.« »Aber genau dies ließe sich mit unserer photokatalytischen Wasserspaltung doch ändern!«, rief Tomu. »Wenn wir den Wasserstoff, ohne den Umweg der Verstromung, direkt mittels Sonnenenergie aus Wasser erzeugen, verbessern wir den Wirkungsgrad und diese umweltschonende Technologie rechnet sich plötzlich!« »Was allerdings das Ende der heutigen E-Auto Hersteller wäre«, meinte Peter lachend. »Wer würde sich denn noch ein Auto mit teueren Lithium- Ionen-Akkus kaufen, wenn es eine billigere und sauberere Alternative gäbe, bei der auch die langen Ladezeiten passe wären.« »Eigentlich sind wir doch dumm!«, sagte Tomu grübelnd. »Statt über Raketenantriebe nachzudenken, sollten wir lieber ein Start-Up Unternehmen für Wasserstoff getriebene Autos gründen.« »Erzähl das bloß nicht Alan Tubbs! Wenn der erfahren würde, dass wir ihm mit unserer Erfindung den Rücken kehren, würde er uns bestimmt vor Gericht zerren und mit Klagen überhäufen. Schließlich hat er schon eine Menge Geld in die Entwicklung investiert. Außerdem - was würden wir machen, wenn unser Hydronitvorrat aufgebraucht wäre? Wir können von Glück sagen, dass Alan das Projekt unter den gegebenen Umständen nicht auf Eis legt!« »Ich glaube, du hast recht«, erwiderte Tomu nachdenklich. »Mit Alan und der Rocketeer Ltd sollten wir uns lieber nicht anlegen. Aber weißt du was wir versuchen könnten? Lass uns doch einen wissenschaftlichen Artikel in einer Fachzeitschrift veröffentlichen! Vielleicht werden wir auf diese Weise berühmt und bekommen eines Tages sogar den Nobelpreis!« »Träum weiter!«, entgegnete Peter und schüttelte den Kopf. »Das wird uns die Firmenleitung nie erlauben! Du hast wohl vergessen, dass das Projekt der Geheimhaltung unterliegt!« Tomu dachte kurz nach und meinte schließlich: »Das hängt ganz davon ab, wie man diesen Artikel verfasst. Wir müssen ja nicht gleich alle Details verraten. Aufsehen erregen könnten wir damit allemal und aus Sicht der Rocketeer Ltd wäre es bestimmt gut für die Imagepflege. Die stehen sich doch bei allen möglichen Gelegenheiten ins Rampenlicht und präsentieren sich als innovativ und zukunftsweisend. Ich finde, wir könnten zumindest mal mit Alan darüber reden.« 12. Kapitel Plutonium Stibnit ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Sb 2 S 3 . Stibnitkristalle sind typischerweise in Längsrichtung gestreift, zeigen im frischen Zustand einen ausgeprägten Metallglanz und können Längen bis über einem Meter erreichen. Das Mineral ist bereits seit der Antike bekannt und wurde als schwarzer Schminkpuder zum Färben von Augenlidern und Augenbrauen verwendet. Der farbige Sedimentrand des Champagne Pools im neuseeländischen Wai- O-Tapu wird durch konzentrierte Stibnitablagerungen hervorgerufen. Es war schon spät in der Nacht. Carlos Pencroff und Luigi Manzano saßen in einer Kneippe im Hafenviertel von Oakland und bestellten ein weiteres Bier. Der düstere Schuppen hatten schon bessere Tage gesehen. Die Frau am Tresen, die ihnen missmutig die Bierflaschen rüber schob, ebenfalls. Aus den Lautsprechern an der Decke dudelten seit Jahren dieselben Country Songs von Johnny Cash leise vor sich hin. Carlos setzte die Bierflasche an den Mund, nahm einen großen Schluck und rülpste aus tiefstem Herzen. »Hast du etwas über den Tschetschenen rausgekriegt?«, fragte er Luigi, nachdem er sich versichert hatte, dass niemand ihr Gespräch mithören konnte. Luigi wiegte bedächtig den Kopf. »Nicht direkt. Ich kenne aber jemanden, der jemanden kennt, der angeblich mit ihm Geschäfte machen soll.« »Willst du mich verarschen? Du solltest mir einen Kontakt hersteilen!« »Das ist nicht so leicht, wie du denkst. Ich bin schon länger raus aus dem Geschäft. Während du im Knast warst, habe ich mich bemüht eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Eigentlich wollte ich nie wieder krumme Sachen machen.« »Und? Warst du erfolgreich?« Luigi schüttelte frustriert den Kopf. Als er vor fünf Jahren aus dem Gefängnis kam, hatte er sich dreimal als Kleinunternehmer versucht - und war dreimal grandios gescheitert. Jetzt war er über beide Ohren verschuldet und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. »Der Tschetschene spielt jedenfalls in einer anderen Liga als wir! Der ist international vernetzt und gibt sich nicht mit kleinen Waffengeschäften ab. Angeblich reicht sein Einfluss bis in die Regierungsebene gewisser Länder hinein.« »Pah!«, entgegnete Carlos, »der kocht auch nur mit Wasser. Wenn wir unsere alten Kontakte geschickt reaktivieren, kommen wir auch mit so einem Typen ins Geschäft. Glaub mir: Kleine Brötchen zu backen lohnt sich nicht in unserem Business!« Luigi schüttelte erneut den Kopf. »Die lachen doch immer noch über uns wegen der Geschichte mit dem Plutonium, das wir den Arabern versprochen hatten.« »Immer wieder diese alte Geschichte!«, stöhnte Carlos. »Wie lange sollen wir uns das denn noch Vorhalten lassen?« »War vielleicht auch besser so. Stell dir vor, die hätten damals wirklich ihr Vorhaben mit der schmutzigen Bombe in die Tat umgesetzt! Dann würden wir heute beide in Guantanamo verschimmeln.« »Wenn sie uns erwischt hätten! Mit dem Schwein, das uns damals verpfiffen hat, habe ich noch eine Rechnung offen. Glaub bloß nicht, dass der Kerl ungeschoren davon kommt. Ich hab’ Zeit - viel Zeit!« »Kannst du dir nicht vorstellen ein normales Leben zu führen?« Luigi hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, zusammen mit Carlos eine neue Firma zu gründen - oder sich vielmehr als Angestellter in dessen Firma zu verdingen. Luigi hielt große Stücke auf Carlos. Denn der war intelligent, hatte Organisationstalent und konnte mit Geschäftspartnern verhandeln. Alles Fähigkeiten, mit denen Luigi leider nicht aufwarten konnte. Unbeirrt fuhr er fort auf Carlos einzureden: »Dolores hat doch auch ganz gut die Kurve gekriegt. So weit ich weiß, arbeitet sie jetzt nicht mehr in dem Nachtclub, sondern verdient ihre Brötchen ganz seriös bei einem Cateringunternehmen.« »Lass Dolores aus dem Spiel!«, herrschte ihn Carlos an. »Die macht ihr Ding und ich mache meins. Oder kannst du dir vorstellen, dass ich meinen Lebensunterhalt damit bestreite, reichen Schnöseln Häppchen zu servieren und Champagner einzuschenken? Nicht mit mir! Außerdem ist das nicht so, wie du dir das vorstellst! Dolores verdient heute mehr als früher in ihrem Nachtclub.« »Als Angestellte bei einem Lieferservice?« Luigi blickte Carlos ungläubig an. »Da staunst du, was? Dolores ist nicht dumm. Damals hat sie die Männer als Tänzerin an der Stange auf gegeilt, damit sie ihr ein paar Zehner ins Höschen steckten. In dem Cateringjob macht sie ihren Schnitt über gewisse Bonuszahlungen, wenn du verstehst was ich meine.« »Verdeckte Prostitution?« Luigi zog die Augenbrauen hoch. »Nenn es wie du willst! Neulich hat sie jedenfalls auf einer Party von so’nem reichen Schnösel im Silicon Valley die Gäste bedient und irgend so ein bekiffter Yuppie hat ihr 500 Dollar geboten, wenn sie ihm auf der Gästetoilette einen bläst. Fünfhundert Dollar - steuerfrei!« »Und hat sie?« Carlos grinste breit und klopfte seinem Kumpel auf die Schulter: »Luigi - das geht dich einen Scheißdreck an!« Dann wanderten seine Augen auf der Suche nach der Barfrau den Tresen entlang. »Bedienung! Noch zwei Bier, aber fix!« 13. Kapitel Veröffentlichung Minium, auch unter dem Synonym Mennige bekannt, ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“. Es kristallisiert im tetragonalen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Pb 2+ 2 Pb 4+ 0 4 und ist damit chemisch gesehen Blei(II,IV)-oxid. Bereits in antiker Zeit war das Mineral den Römern bekannt, die ihm seinen Namen gaben. So kommt der Begriff "Miniaturmalerei” ebenfalls von Minium aufgrund der häufigen Verwendung von Zinnoberfarben und nicht von "klein”, wie es oft irrtümlich angenommen wird. Tomu und Peter bekamen von der Firmenleitung tatsächlich grünes Licht für die Veröffentlichung eines Fachartikels in dem renommierten Raumfahrtmagazin »Space Explorer«. Der Textentwurf ging allerdings durch mehrere Abteilungen und wurde so lange umgeschrieben, bis ihn die Autoren am Ende fast nicht wiedererkannt hätten. Er erinnerte nun mehr an einen Werbeflyer für die Rocketeer Ltd als an eine wissenschaftliche Abhandlung über die photokatalytische Wasserspaltung. Dennoch waren die beiden Wissenschaftler froh, dass die Brisanz ihrer Entdeckung zumindest erahnt werden konnte und ihre Namen weiterhin über dem Artikel prangten. Nach weiteren zwei Wochen erschien der Artikel in der Online-Ausgabe des Space-Explorer-Magazins und fünf Tage später fanden Tomu und Peter folgende E-Mail in ihrem elektronischen Postfach: Sehr geehrte Herren, wir gratulieren Ihnen zu Ihrem interessanten Artikel im Space- Explorer Magazin. Ihre Erfolge bei der photokatalytischen Wasserspaltung und deren Anwendung im Raketenbau haben unsere besondere Aufmerksamkeit erweckt. Wir würden uns deshalb sehr freuen, wenn Sie an unserem, in drei Wochen in Los Angeles (USA) stattfindenden, Photokatalyse-Symposium teilnehmen könnten und in einem Vortrag über ihren aktuellen Forschungsstand referieren würden. Bitte teilen sie uns Ihren Entschluss möglichst kurzfristig mit, da unsere Timeslots schon fast alle belegt sind und wir in Kürze das Veranstaltungsheft in Druck geben müssen. Mit freundlichen Grüßen, Prof. Dr. Samuel Philippson (Chairman) »Glaubst du im Ernst, dass uns die Firmenleitung zu dieser Konferenz nach Los Angeles fliegen lässt?«, fragte Tomu nachdem er zusammen mit Peter die E-Mail zum dritten Mal gelesen hatte. »Wir werden sehen. Morgen treffen wir uns ohnehin mit Alan und Gordon. Ich werde den beiden die E-Mail schon mal weiterleiten, damit sie sich bis morgen eine Meinung bilden können. Aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht so recht daran.« Der CEO stand jedoch am nächsten Tag der Einladung sehr aufgeschlossen gegenüber. »Wollt ihr wirklich an dieser Konferenz in L.A. teilnehmen?«, war die erste Frage, die er an seine jungen Mitarbeiter richtete. Tomu und Peter schauten sich an und nickten. »Gerne!«, antwortete Peter. »Aber ist das denn mit der Geheimhaltung unseres Projekts vereinbar?« »Ich denke schon«, meinte Alan Tubbs und grinste schelmisch. »Wir werden euch natürlich noch genau instruieren, was ihr erzählen dürft und was nicht. Ich sehe das aber eher als Chance, um unser Unternehmen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Unsere Kernkompetenz ist schließlich immer noch der Transport von Satelliten und nicht die Herstellung von Industriegasen. Sag mal Tomu, gibt es irgend was Neues von deinen Verwandten in Tuvalu?« »Nein, wieso?« »Wir sollten auf jeden Fall möglichst schnell diesen Behälter mit dem Hydronit hierher schaffen. Ich habe mir überlegt, dass ich jemanden mit meiner Yacht hinschicken werde, um das Material dort abzuholen.« »Weißt du, wie weit es von Auckland bis nach Nukufetau ist?« Tomu blickte ungläubig drein, als er vom Plan seines Chefs hörte. »Mit einem Boot wie der Aurelius müsste das in vierzehn Tagen zu schaffen sein. Es hängt natürlich vom Wind ab. Ich kenne einen Skipper, dem ich vertraue und den ich mit dieser Mission beauftragen werde. Wir könnten natürlich auch einen offiziellen Frachttransport organisieren, aber ehrlich gesagt: Ich will da keinerlei Risiko eingehen. Wer außer uns hier im Raum weiß noch, wo sich das Hydronit befindet?« »Nur meine Verwandten«, antwortete Tomu nach kurzem Überlegen. »Und die wissen nicht, was es damit auf sich hat.« »So soll das auch bleiben!« Der CEO warf seinen Mitarbeitern eindringliche Blicke zu. »Ihr redet mit keinem Menschen darüber, wieviel von dieser Substanz existiert und wo sie sich befindet. Habe ich mich klar aus ge drückt?« Tomu, Peter und Gordon Jennings nickten stumm. »Wieviel ist denn von der Probe, die du mitgebracht hast, noch übrig?«, hakte Alan nach. »Nur noch wenige Gramm«, antwortete Tomu. »Eigentlich nur noch gerade soviel, um auf der Konferenz in Los Angeles eine kleine Demonstration durchführen zu können. Und ohne eine Vorführung brauchen wir dort gar nicht auf kreuzen. Sonst lachen die uns doch aus und glauben kein Wort!« Alan Tubbs überlegte kurz und meinte dann: »Da hast du recht. Ich möchte auf keinen Fall den Anschein erwecken, dass wir technische Hochstapler wären. Ihr fahrt nach Kalifornien, haltet euren Vortrag und demonstriert die Durchführbarkeit einer revolutionär kostengünstigen Wasserstofferzeugung. Kein Wort über die chemische Zusammensetzung der Substanz! Ihr sollt die anwesenden Wissenschaftler nur neugierig machen. Nicht mehr und nicht weniger. Bis diese Sensation in der Szene die Runde gemacht hat, haben wir das verfügbare Material längst in der Firma unter Verschluss und können uns in aller Ruhe um die großindustrielle Anwendung kümmern. Der CEO blickt eine Weile in die zweifelnden Augen seiner drei Mitarbeiter. Dann meinte er: »Jetzt schaut nicht so, ihr Hasenfüße. Klappern gehört eben auch für Raketenbauer zum Handwerk!« 14. Kapitel Comeback Jadeit ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“. Er kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der idealisierten chemischen Zusammensetzung NaAl[Si 2 0 6 ]. Als monomineralisches Gestein ist es unter dem Namen Jade bekannt. Jadeit wird heutzutage fast ausschließlich zu Schmucksteinen und kunstgewerblichen Objekten verarbeitet. Die Farbe des Jadeit zeigt alle Variationen von Grün und kann bisweilen ins Schwarze spielen. Im Kosmetikbereich werden Jadewalzen seit Alters her zur Glättung von Gesichtsfalten eingesetzt. Dolores war stinksauer. Seit Carlos aus dem Knast raus war, hing er immer mit diesem unausstehlichen Typen rum. Für sie nahm er sich so gut wie nie Zeit. Immer nur dieser Luigi! »Schätzchen, bring uns doch bitte noch’n Bier aus’m Kühlschrank!« Carlos Pencroff war schon wieder ziemlich betrunken und saß mit Luigi in Dolores’ Wohnzimmer. Auf dem großen Flachbildfernseher lief eine Talkshow, aber keiner der drei war sonderlich interessiert, um was es dabei ging- »Ihr könnt euer Bier selber holen!«, schimpfte Dolores, »ich bin nicht eure Bedienung!« »Zick jetzt nicht rum!«, reagierte Carlos unwirsch. »Ich weiß, dass du dich vernachlässigt fühlst. Aber ich habe in letzter Zeit viel um die Ohren!« »Ach ja? Und was, wenn ich fragen darf? Seit du aus dem Knast raus bist, haben wir noch nicht einmal etwas zusammen unternommen.« »Ich versprech’ dir, dass wir demnächst was Schönes zusammen machen. Nur du und ich!« »Nächstes Wochenende?« »Da haben Luigi und ich leider schon was Wichtiges vor. Geschäfte - davon verstehst du nichts! Aber übernächstes Wochenende vielleicht.« »Da kann ich nicht. Da muss ich runter nach L.A.« »Los Angeles? Das ist ja der nächste Weg. Was willst du dort?« »Mein Chef hat einen wichtigen Auftrag an Land gezogen. Drei Tage Catering bei einer Konferenz.« »Eine Konferenz - dass ich nicht lache!« Carlos führte die leere Bierflasche zum Mund und begann mit einer obszönen Geste. Luigi grinste dreckig und musste sein Lachen unterdrücken. »Einer muss ja hier die Kohle ranschaffen! Bei deinen sogenannten Geschäften ist bisher noch nichts rübergekommen, oder irre ich mich?« »Halt die Klappe! Ich hab dir doch schon gesagt, dass du von meinen Geschäften nichts verstehst! Was ist das überhaupt für eine Konferenz?« »Als wenn dich das interessieren würde! Ist auf jeden Fall harte Arbeit.« Dolores warf einen Flyer auf den Wohnzimmertisch, auf dem die Agenda des dreitägigen Wissenschaftssymposiums stand. »PKS - Was soll das denn sein? Wieder irgend so eine neue Krankheit?« »Photokatalytisches Symposium. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!« Carlos faltete den Flyer auseinander und begann vorzulesen: »Hochkarätige Vorträge - Diskussionsrunde - Interdisziplinärer Wissensaustausch. Symposium! Dass ich nicht lache! Da machen sich ein paar überbezahlte Heinis auf Steuerkosten ein schönes Wochenende!« »Als wenn du Steuern zahlen würdest!«, lachte Dolores. »Diese Wissenschaftler auf Dienstreise sind erfahrungsgemäß immer eine sehr lohnende Kundschaft - wenn du verstehst was ich meine!« In einem leichten Anflug von Eifersucht donnerte Carlos die leere Bierflasche in die Ecke. Dann überschlug er aber grob im Kopf, welche Verdienstmöglichkeiten dieser Wochenendtrip mit sich bringen würde und beruhigte sich schnell wieder. »Schau dir das an, mit was für einem Scheiß sich diese Lackaffen beschäftigen: Vortrag - Neue Erkenntnisse zur Kanzerogenität von Titanoxid; Podiumsdiskussion - Photochemische Anregung von Substraten im industriellen Umfeld« Carlos klopfte sich vor Lachen auf die Schenkel. »Ich kann mir schon vorstellen, was diese Herrschaften anregt! Oder das hier: Vortrag - Revolution im Raketenbau: Wasserspaltung mit Hydronit.« Sichtlich amüsiert überflog er das Tagungsprogramm. Auf einmal wirkte er nachdenklich. Wie hypnotisiert blieb sein Blick auf der Agenda kleben. Er wirkte, als wäre er auf einen Schlag nüchtern geworden. »Wasserspaltung mit Hydronit - Wasserspaltung mit Hydronit«, murmelte er in einem fort und wurde bleich, wie wenn er gerade einem Gespenst begegnet wäre. Nach ein paar Sekunden sprachloser Stille kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück und seine Augen verengten sich zu einer teuflischen Fratze. »Luigi, Luigi«, stammelte er schließlich. »Ich glaube wir sind wieder zurück im Geschäft!« 15. Kapitel Hollywood Der Opal ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“. Als amorpher Festkörper besitzt Opal keine Kristallstruktur und tritt meist als massige Adernfüllung oder knollig ausgebildet auf. Bei Anhängern der Esoterik wird der Opal als Heilstein zur Steigerung von Lebensfreude und Optimismus eingesetzt. Daneben soll er angeblich körperliche Leiden wie Halsentzündungen lindern bzw. allgemein gegen Entzündungen wirken. Auch bei Herz- und Nierenproblemen werden dem Opal heilsame Wirkungen nachgesagt. Die Steigerung von Lebensfreude soll sich aber auch ins Gegenteil verkehren können, da der Opal angeblich jedes Gefühl intensiviert. Wissenschaftliche Belege für diese angeblichen physischen und psychischen Wirkungen gibt es allerdings keine. Die drei Wochen waren schnell vergangenen und ehe Tomu und Peter sich versahen, saßen sie im Flugzeug auf dem Weg zur Konferenz nach Los Angeles. Alan Tubbs hatte seine jungen Mitarbeiter vor der Abreise noch ins Gebet genommen und ihnen genaue Anweisungen erteilt, was sie auf dem Symposium erzählen sollten - und vor allem was nicht. Auch über den Transport der Hydronitprobe war heftig diskutiert worden. Tomu und Peter votierten für eine offizielle Deklaration im Fluggepäck. Letztendlich folgten sie aber Alans pragmatischem Vorschlag und schmuggelten den Mineralsand in einem Kugelschreiber an Bord. »Ich kann den berühmten Hollywood-Schriftzug erkennen«, rief Tomu, als sich die Boeing 747 im Landeanflug den International Airport von Los Angeles ansteuerte. »Sind wir nicht Glückspilze? Vor einem halben Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich demnächst auf Firmenkosten in die USA reisen werde.« »Mach dir keine falschen Hoffnungen«, meinte Peter trocken. »Viel mehr als das Tagungshotel wirst du nicht zu sehen bekommen. Wir sind schließlich nicht zu unserem Vergnügen hier.« Nach den Landung und der Erledigung der Einreiseformalitäten fuhren sie direkt zu ihrem Tagungshotel in Santa Monica und bezogen ihre Zimmer. Es war kurz nach Mittag und die Konferenz würde erst am nächsten Morgen beginnen. Sie hatten abgesprochen den Vortrag gemeinsam zu halten. Peter würde den Part mit der Wasserstoff Demonstration und den chemischen Details übernehmen, während Tomu für die Einführung und die Firmenpräsentation der Rocketeer Ltd zuständig war. »Wenn ich schon mal hier bin, will ich auch etwas von L.A. sehen!«, sagte Tomu. »Ich denke, ich habe mich zuhause genug auf meinen Auftritt vorbereitet. Kommst du mit in die Stadt?« »Nein, ich muss meinen Vortrag nochmal durchgehen«, entgegnete Peter. »Außerdem war ich schon mal hier. Aber lass dich nicht abhalten!« Tomu verabschiedete sich von seinem streberhaften Kollegen und verließ das Hotel. Auf der Straße musste er nicht lange suchen, bis er ein Taxi fand. »Wie weit ist es von hier bis zu den Universal Filmstudios?«, fragte er den Fahrer. »Ungefähr eine halbe Stunde«, antwortete der Mann mit spanischem Akzent. Man konnte ihm ansehen, dass er sich auf eine lukrative Fahrt freute. »Okay, fahren sie mich bitte hin.« Tomu nahm im Font des Chryslers Platz. »Dieser Rechtsverkehr ist schon komisch«, dachte er, während sich der Fahrer durch das Straßenlabyrinth von Santa Monica hindurch schlängelte. In Neuseeland fuhren die Auto links und Tomu war froh, dass er nicht selber am Steuer saß. Auch als Fußgänger würde er seine liebe Mühe haben, beim Überqueren der Straße nicht überfahren zu werden - schließlich kamen die Autos immer von der unerwarteten Seite. Kurz nachdem sie den sechsspurigen Freeway erreichten, verließen sie vorübergehend das Stadtgebiet und durchquerten die Santa Monica Mountains. Schon beim Landeanflug war Tomu dieser grüne Gebirgszug aufgefallen, der das dicht besiedelte San Fernando Valley von der Küstenregion trennt. Die Fahrt durch die Berge dauerte aber nicht lange und als sie deren nördliche Ausläufer hinter sich gelassen hatten, bot sich Tomu dasselbe Bild wie am Beginn der Fahrt: Lückenlos bebautes Siedlungsgebiet, so weit das Auge reichte. »Auf Dauer würde ich es hier nicht aushalten«, dachte er sich angesichts der vor ihm liegenden Metropolregion, in der viermal so viel Menschen lebten, wie es Neuseeländer gab. Bei der Ankunft an den Universal Studios war der Taxameter fast eine Stunde lang gelaufen und Tomi musste schlucken, als er den aufgelaufenen Fahrpreis ablas. Doch an der Kasse am Eingang wartete schon die nächste Überraschung auf ihn: »Normaler Eintritt oder Front-of-Line?«, fragte ihn die unfreundliche Dame hinter der Glasscheibe. Tomu fiel die Kinnlade herunter, als er erfuhr, dass sich der Standardpreis auf fast 100 US Dollar belief. Als ihm die Dame erklärte, dass er sich mit dem Front-of-Line Ticket an den Warteschlangen vorbei drängeln dürfte, verfluchte er zuerst die perversen Auswüchse des Kapitalismus - und bezahlte dann doch murrend den doppelten Preis. Er war schließlich nicht hergekommen, um seine Zeit mit Anstehen zu verplempern. Zu Beginn der Studiotour plagte ihn ein wenig das Gewissen, als er an unzähligen wartenden Familien vorbeimarschierte und ungeniert in einem der vorderen Waggons Platz nahm. Nachdem sich der Zug aber in Bewegung gesetzt hatte, waren seine Bedenken schlagartig verflogen. Die Tour führte durch verschiedene Kulissen und Filmsets, die er aus dem Fernsehen kannte. Als der Zug das berühmte Haus aus Alfred Hitchcocks Film »Psycho« erreichte und der leibhaftige Norman Bates den Besuchern mit einem blutigen Messer zuwinkte, klingte Tomus Handy. »Hier ist Peter. Sag mal, kann es sein, dass du den Kugelschreiber mit dem Hydronit mitgenommen hast?« Tomu erschrak und fasste sich instinktiv an die Brusttasche seines Hemdes. Tatsächlich - er hatte vergessen das wertvolle Utensil im Hotel an Peter zu übergeben. »Du hast recht!«, stammelte er, während die anderen Leute in seinem Waggon dem winkenden Psychopathen zujubelten. »Ich habe den Kugelschreiber vor der Fahrt ins Hotel aus meiner Notebooktasche geholt und eingesteckt. Ich dachte sicher ist sicher!« »Du bist ein unverbesserlicher Chaot!«, schimpfte Peter. »Pass bloß gut darauf auf. Ich habe keine Lust morgen als Blödmann dazustehen, nur weil du das Ding auf deiner Sightseeing-Tour verloren hast!« »Ich werde ihn hüten, wie meinen Augapfel«, versprach Tomu und beendete das Telefonat. Trotzdem kreisten während der nächsten halben Stunde seine Gedanken nur um das unbezahlbare Schreibwerkzeug. Bis er sich schließlich zu der Überzeugung gelangte, dass es ziemlich paranoid sei, zu glauben, dass ihm jemand ausgerechnet seinen Kugelschreiber klauen würde. In einer Stadt wie Los Angeles lauerten bestimmt ganz andere Gefahren als im friedlichen Neuseeland - aber Kugelschreiberraub? Nein - das war nun wirklich nicht zu befürchten. Nach dem Ende der Rundtour besuchte Tomu noch einige andere Attraktionen des Themenparks und als er den roten Teppich am Ausgang überquerte, ging bereits die Sonne unter. Trotzdem war es noch zu früh, um zurück ins Hotel zu fahren. Erneut bestieg er ein Taxi und ließ sich zum Hollywood Boulevard bringen. Unterwegs versuchte er Peter anzurufen. »Vielleicht hat der alte Streber jetzt genug gearbeitet und trifft sich dort mit mir zum Abendessen«, überlegte er, während es in der Leitung tutete. Peter ging aber nicht ran und Tomu dachte: »Na, dann eben nicht!« Am Hollywood Boulevard war die Hölle los. Tausende Touristen, aus aller Herren Länder, flanierten den Walk-of-Fame entlang und machten Selfies vor den, im Pflaster eingelassenen, rosafarbenen Sternen. Am Ehrenstern von Russell Crowe zückte auch Tomu sein Handy und schoß ein Erinnerungsfoto. Schließlich war dieser berühmte Schauspieler ein Kiwi - so wie er. Vor dem Grauman’s Chinese Theatre besichtigte Tomu die Hand- und Fußabdrücke vieler berühmter Filmstars und in der Nähe des Dolby Theatre aß er in einem Schnellimbiss eine Kleinigkeit, bevor er sich schließlich todmüde auf den Nachhauseweg nach Santa Monica machte. Als der Taxifahrer vor dem Hotel anhielt, wunderte sich Tomu über die vielen Polizeifahrzeuge, die vor der Lobby parkten. Im Eingangsbereich des Hotels war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Tomu ging zu den Aufzügen und kramte schon mal die Keycard für sein Zimmer aus seinem Geldbeutel hervor. Während er in den fünften Stock hochfuhr beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Dass ihn dieses nicht getäuscht hatte, bemerkte er, als sich die Fahrstuhltür öffnete. Auf dem langen Gang, der zu seinem Zimmer führte, wimmelte es nur so von uniformierten Einsatzbeamten. Das Ende des Flurs, wo sich ihre Zimmer befanden, war durch ein Band mit der Aufschrift »LAPD 4 « abgesperrt. »Wohin wollen sie, Sir?«, fragte ihn ein Officer barsch, als er sich der Absperrung näherte. »Zimmer 537.« »Einen Moment, Sir«, antwortete der Polizeibeamte und versperrte Tomu demonstrativ den Weg. Dann griff er zu seinem Walkie-Talkie: »Lieutenant, der Gast aus 537 ist soeben eingetroffen.« 4 LAPD: Los Angeles Police Department »Einen Augenblick, ich komme sofort«, rauschte es aus dem kleinen Lautsprecher. Der Officer bat Tomu einen Moment zu warten. »Was zum Teufel ist hier bloß los?«, überlegte Tomu. Sein Zimmer befand sich ganz hinten am Ende des Gangs und das Zimmer davor gehörte Peter. Dessen Tür stand jedoch offen und es drangen Licht und laute Stimmen nach draußen. Bevor Tomu jedoch den Officer fragen konnte, was passiert sei, kam ein Polizist aus Peters Zimmer. Schnellen Schrittes ging er auf Tomu zu. Der andere Beamte zog das Absperrband zur Seite und machte den Weg frei. »Mr. Tomu Pahua?« »Ja, vorher wissen sie meinen Namen, wenn ich fragen darf?« »Lieutenant McNealy, Mordkommision. Würden sie mir bitte folgen?« Tomu stand da wie vom Donner gerührt. Was war hier los und was hatte die Mordkommission in Peters Zimmer zu suchen? Zögernd folgte er dem kleinen Lieutenant. »Mr. Pahua, kennen sie diesen Mann?«, fragte er Tomu als sie das Zimmer betreten hatten. Tomu wurde kreidebleich. Auf dem Bett lag Peter und starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke. In seiner Stirn klaffte ein Loch, von dem ein dünnes Rinnsal frischen Blutes über das Gesicht lief. Unter seinem Kopf war das Bettlaken rot getränkt. Tomu sah auf den ersten Blick, dass sein Lreund tot war. Teil 2 1. Kapitel Schlagzeilen Als Shechtmanit werden Quasikristalle bezeichnet, bei denen die Atome bzw. Moleküle in einer geordneten, aber aperiodischen Struktur angeordnet sind. Experimentell entdeckt wurden sie 1982 von Daniel Shechtman, dem dafür 2011 der Chemie- Nobelpreis zugesprochen wurde. Die Entdeckung der Quasikristalle half dabei, neu zu definieren, was das Wesen eines Kristalls ausmacht. Es existiert eine enge Beziehung zwischen den Quasikristallen und dem geometrischen Muster der sogenannten Penrose- Parkettierung. »Tschüss Dad, ich hab dich auch lieb!« Nabby Hathaway beendete das einstündige Telefonat, das sie gerade mit ihrem Vater geführt hatte. Ihr alter Herr wollte wohl mal wieder die Stimme seines Töchterchen hören. Von New Jersey an der Ostküste bis nach San Diego an der Westküste war es nicht gerade der nächste Weg. Über fünf Stunden dauerte ein Direktflug. Mit dem Auto würde man für die fünftausend Kilometer zweiundvierzig Stunden benötigen - die Pausen nicht eingerechnet. Nabbys Familie lebte seit Generationen im Großraum New York. Nie hätte sie geglaubt, dass es sie jemals ins ferne Kalifornien verschlagen würde. Aber es war ja nur für wenige Wochen. Der Zeitungsverlag, für den sie arbeitete, ließ ihr keine Wahl. Wenn sie in Zukunft weitere Aufträge erhalten wollte, musste sie in vierzehn Tagen die Reportage abliefern. Nabby war Journalistin - und sie war eine gute Journalistin! Seit sechs Jahren war sie schon im Geschäft und längst kein Greenhorn mehr, das sich den Respekt der Kollegen mühsam erarbeiten musste. Nun saß sie im fernen San Diego, kurz vor der mexikanischen Grenze und arbeitete an ihrem Entwurf. »Invasion aus Mittelamerika - werden die Vereinigten Staaten von den Flüchtlingen überrannt?«, lautete der Arbeitstitel, mit dem sie noch keineswegs zufrieden war. Den ganzen heutigen Tag hatte sie jenseits der Borderline in Tijuana verbracht. In einem Baseballstadion, das notdürftig zum Flüchtlingslager umfunktioniert worden war, hatte sie unzählige Interviews mit Männern, Frauen und Kindern geführt, die alle nur ein Ziel kannten: Die Einreise in die Estados Unidos. Tausende Migranten aus Honduras, El Salvador, Guatemala und anderen Staaten waren in dieser mexikanischen Grenzstadt gestrandet und konnten weder vor noch zurück. Nabby konnte spüren, wie sich die Stimmung in Tijuana immer mehr in ein Pulverfass verwandelte. Dabei waren die Flüchtlingszahlen, um die es hier ging, vergleichsweise niedrig, wenn man die Situation im fernen Europa betrachtete. Trotzdem wollte der amerikanische Zeitungsabonnent an der Ostküste darüber informiert sein, welche nationale Katastrophe da auf sein Land zurollte und wann es Zeit war, dem Präsidenten in den Arsch zu treten, um die Situation in den Griff zu bekommen. »Heute habe ich keinen Nerv mehr weiterzuarbeiten«, dachte Nabby und speicherte den Textentwurf auf ihrem Notebook. Nach dem Telefonat mit ihrem Vater drehten sich ihre Gedanken ohnehin um andere Dinge. »Mein Dad und seine verstaubten Familiengeschichten«, dachte sie amüsiert grinsend, während sie - wie schon so oft zuvor in ihrem Leben - das Wort »Hydronit« in die Suchmaschine eintippte. Diesmal tauchte aber unter den altbekannten Ergebnissen ein neuer Link in ihrem Web Browser auf, der schlagartig ihre Neugier weckte. Aufgeregt klickte sie darauf und landete auf dem Veranstaltungsprogramm eines »Photokatalyse-Symposiums«, das morgen in Los Angeles beginnen sollte. Nabby überflog die lange Agenda und aktivierte schließlich die Wortsuche. Und tatsächlich: Das Wort »Hydronit« wurde genau einmal gefunden! Offenbar wollten morgen zwei Mitarbeiter einer Firma namens Rocketeer Ltd einen wissenschaftlichen Vortrag halten - mit dem Titel »Revolution im Raketenbau: Wasser- Spaltung mit Hydronit«. Nabby war wie elektrisiert. Ihr Dad hatte wieder einmal Recht behalten. Sie überlegte kurz, ob sie ihn gleich zurückrufen sollte, um ihn über ihre Entdeckung zu informieren. Dann siegte aber ihre journalistische Neugier und sie begann im Internet zu recherchieren: Was Photokatalyse war, was es mit dieser Firma Rocketeer auf sich hatte, wer sonst noch an dieser Konferenz teilnahm und welche Firmen als Sponsoren auftraten. Es war bereits spät nach Mitternacht, als sie die Onlinepräsenz der Los Angeles Times durchstöberte. Eigentlich wollte sie in der Rubrik »Veranstaltungen« nur nachsehen, ob dort etwas über diese Konferenz zu finden sei. Dies war aber nicht der Fall. Offensichtlich war sie viel zu unbedeutend, um in so einem überregionalen Blatt, wie der Los Angeles Times, Erwähnung zu finden. Enttäuscht landete Nabbys Blick schließlich auf den Breaking News: »Raubmord in Santa Monica - Neuseeländischer Wissenschaftler im Hotelzimmer ermordet!« Der Artikel war brandaktuell und erst vor einer halben Stunde online gestellt worden. Mit rasendem Puls und weit auf gerissenen Augen überflog Nabby die kurze Pressemitteilung: In einem renommierten Konferenzhotel in Santa Monica wurde heute abend die Leiche des neuseeländischen Forschers Peter T. aufgefunden. Gäste hatten einen Schuss gehört und die Polizei alarmiert. Wie Lieutenant McNealy von der Mordkommision des LAPD mitteilte, deuten momentan alle Anzeichen auf einen Raubmord hin. Im Zimmer des Opfers wurden weder sein Mobiltelefon noch seine Brieftasche gefunden. Die Sicherheitsmaßnahmen in den umliegenden Hotels wurden verstärkt. Momentan liegt noch keine Auswertung der Videoüberwachung vor. In Nabbys Kopf begannen sich, wie bei einem großen Puzzle, die vielen Informationen, die sie in den vergangenen Stunden gesammelt hatte, zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie ihre geplante Reportage fürs Erste auf Eis legen würde. Eine Gelegenheit wie diese, bekommt ein Journalist bestenfalls einmal im Leben. Nabby Hathaway wusste, dass ihre Chance jetzt gekommen war. Sie griff zu ihrem Mobiltelefon und klingelte ihren schlafenden Vater in New Jersey aus dem Bett. Das folgende Telefonat dauert dieses Mal wesentlich länger. 2. Kapitel Fidschi Bauxit ist ein Aluminiumerz, das vorwiegend aus den Aluminiummineralen Gibbsit, Böhmit, Diaspor, ferner den Eisenoxiden Hämatit und Goethit, dem Tonmineral Kaolinit und geringen Anteilen des Titanoxids Anatas besteht. Seinen Namen verdankt Bauxit seinem ersten Fundort Les Baux-de-Provence in Südfrankreich. 2017 betrug die weltweite Fördermenge 300 Millionen Tonnen. Aus etwa 95 % des abgebauten Bauxits wird Aluminium produziert. Bei der Reduktionsreaktion werden pro kg Aluminium knapp 15 kWh Strom benötigt und rund 1,22 kg C0 2 gebildet. Die Wiederaufbereitung von recyceltem Aluminium benötigt nur rund 5 % dieser elektrischen Energie. Tomus Vernehmung durch Lieutenant McNealy hatte nicht sehr lange gedauert. Der Mann hatte offenbar bereits eine vorgefasste Meinung, was den Hergang der Tat anging. Tomu war gefragt worden, wo er den Nachmittag und den Abend verbracht hatte. Die Quittungen, die er den Beamten vorzeigte, reichten aber völlig aus, um deren Neugier fürs Erste zu befriedigen. Nach einem halbstündigen Verhör durfte er sich in sein Zimmer zurückziehen. Peters Leiche war inzwischen in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Tomu machte die ganze Nacht kein Auge zu. Der Schock über Peters Tod saß zu tief. Wieder und wieder grübelte er, was diesem vor seiner Ermordung widerfahren war. Im frühen Morgengrauen hielt es Tomu nicht mehr aus und er versuchte Alan Tubbs zu erreichen. Der saß wegen der Zeitverschiebung bereits an seinem Schreibtisch, als er die Hiobsbotschaft erfuhr. »Und die Polizei geht von einem Raubmord aus?«, fragte er ungläubig, nachdem Tomu ihm alles ausführlich berichtet hatte. »Ich war ja schon oft drüben in L.A. und habe dort einige Gegenden kennengelernt, wo ich mich nachts lieber nicht aufhalten würde. Aber dass man in seinem Hotelzimmer ausgeraubt und danach auch noch umgebracht wird, das übersteigt meine Vorstellungskraft.« »Ich kann es auch nicht glauben«, antwortete Tomu verzweifelt. »Aber warum sonst sollte ein Mensch so ein Verbrechen verüben? Ich frage mich die ganze Zeit, ob es etwas mit unserem Vortrag zu tun haben könnte. Aber das wäre doch Irrsinn! Wer sollte auf so eine Idee kommen und was würde er damit bezwecken wollen?« »Ich weiß es nicht, Tomu, ich weiß es wirklich nicht!«, antwortete der CEO am andere Ende der Leitung. »Du solltest aber auf Nummer sicher gehen und die Stadt so schnell wie möglich verlassen.« »Du meinst, ich soll mich sofort auf den Heimweg machen? Was wird denn dann aus Peter?« »Für Peter kannst du nichts mehr tun. Ich werde wohl nicht drum rumkommen, Kontakt mit seinen Verwandten aufzunehmen. Letztendlich müssen die dann über das weitere Vorgehen entscheiden. Ich denke aber, dass man über die neuseeländische Botschaft die Überführung veranlassen wird.« »Und wenn ich wenigstens so lange hier bleibe, bis die Botschaft informiert ist? Außerdem beginnt heute die Konferenz!« »Du hast doch nicht vor, unter diesen Umständen an dem Symposium teilzunehmen?« »Nein«, antwortete Tomu und hasste sich bereits für diesen blöden Einfall. »Aber die Polizei hat gesagt, dass ich mich bis auf weiteres zu ihrer Verfügung halten soll. Ich darf also gar nicht abreisen!« »Jetzt hör mal gut zu!«, polterte der CEO, »ich habe nicht die geringste Lust noch einen meiner Mitarbeiter zu verlieren. Du setzt dich in den nächsten Flieger und kommst sofort zurück nach Auckland! Das ist eine dienstliche Anweisung! Hast du mich verstanden?« »Du meinst, ich soll die Aufforderung der Polizei ignorieren?« »Nenn es wie du willst! Solange der Täter nicht gefasst ist und die Polizei keinen Ermittlungserfolg vorweisen kann, solltest du davon ausgehen, dass auch dein Leben bedroht ist. Niemand kann dich zwingen in der Stadt zu bleiben. Solange du nicht auf der Fahndungsliste stehst, kannst du ausreisen, wann immer du willst!« Eine Stunde später checkte Tomu im Hotel aus und bestellte ein Taxi zum Flughafen. Dort wartete aber bereits die nächste schlechte Nachricht auf ihn: Alle Flüge nach Auckland waren restlos ausgebucht. Erst in zwei Tagen könnte er mit einem Zwischenstopp über Sydney dorthin gelangen. Er überlegte, ob er die Anweisung seines Chefs missachten und bis dahin in Los Angeles bleiben sollte. Dann buchte er jedoch spontan einen Direktflug nach Fidschi. Von dort, so sein Gedanke, wäre es nicht mehr weit nach Neuseeland und vielleicht könnte er hier kurzfristig einen Flug nach Auckland ergattern. Lange konnte er nicht überlegen, weil der Jumbo Jet bereits am Gate parkte und in einer Stunde abheben würde. Als das Flugzeug seine Reiseflughöhe erreicht hatte, fielen Tomu die Augen zu. Die meiste Zeit verbrachte er in einer Art Dämmerschlaf aus dem er immer wieder schweißgebadet hochschreckte. Weil er erneut die Datumsgrenze überquerte, war es bei seiner Landung bereits Sonntag Nachmittag. Seine Hoffnung, am Flughafen doch noch kurzfristig einen Flug nach Neuseeland zu kriegen, erfüllte sich nicht. Enttäuscht fuhr er mit dem Taxi in die Stadt und checkte im nächstbesten Hotel ein. Am Abend besuchte er ein Schnellrestaurant. Seit den Ereignissen in Los Angeles hatte er so gut wie nichts gegessen und auch auf dem Langstreckenflug hatte er nur lustlos im Bordmenü herumgestochert. Jetzt erwachten seine Lebensgeister langsam wieder und er verschlang mit Heißhunger zwei Hamburger. Im Hotelzimmer geriet er erneut ins grübeln, wer hinter dem Mord an Peter stecken könnte. Wenn es nun doch einen Zusammenhang mit ihrer Entdeckung der Photokatalyse gäbe? Könnte sich ein Geheimdienst auf ihre Fersen geheftet haben und ihnen das Geheimnis des Hydronits mit Gewalt entreißen wollen? Könnte ein Energiekonzern, der eine Gefahr für sein Geschäft wittert, ihnen einen Killer auf den Hals gehetzt haben? Oder war es gar ein wahnsinniger Konferenzteilnehmer, der seinen Kollegen den Ruhm nicht gönnte? Jede Theorie, die sich Tomu zusammenreimte, verwarf er genau so schnell, wie sie entstanden war. Nur eins schien sicher: Wenn der Mord im Zusammenhang mit ihrer Entdeckung stand, könnte der Mörder jetzt alles wissen, was Peter wusste. Hätte Peter im Angesicht des Todes den Helden gespielt und nicht alles verraten, was er über das Hydronit wusste? Wohl kaum! Tomu hätte an seiner Stelle jedenfalls alles getan, um seine Haut zu retten. Es war anzunehmen, dass der Mörder nun über das Vorhandensein des Mineralsandes auf Nukufetau genauso Bescheid wusste, wie über die bisherigen Versuchsergebnisse. Hatte er es auf die Probe in dem Kugelschreiber abgesehen? Vielleicht war er so erzürnt darüber gewesen, dass Peter die Probe nicht bei sich hatte, dass dies sein Todesurteil wurde. Aber warum hatte der Mörder dann nicht im Hotel auf ihn gewartet? Tomus Gedanken drehten sich im Kreis und er fand keine logische Erklärung. Plötzlich lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. »Wenn der Mörder hinter dem Hydronit her ist, schweben Onkel Enele und Tante Ana in großer Gefahr!«, dachte er bei sich. »Ich muss sie warnen! Aber wie?« Tomu überlegte, wie er seine Verwandten am schnellsten über die bedrohliche Situation informieren könnte. Sollte er ihnen ein Telegramm schicken? Es würde sicher wieder eine Ewigkeit dauern, bis sie auf ihrem abgelegenen Atoll seine Nachricht erhielten. Und selbst wenn sie Bescheid wüssten: Würde es ihnen etwas nützen, wenn sich der Mörder zu ihnen auf den Weg machte? Tomu überlegte fieberhaft, wie er seinen Onkel und seine Tante vor demselben Schicksal bewahren konnte, das Peter ereilt hatte. Er sah nur einen Ausweg: Er musste so schnell wie möglich nach Nukufetau reisen, um seine Verwandten zu warnen und in Sicherheit zu bringen. Tomu klappte sein Notebook auf und verband sich mit dem Hotel-WLAN. Auf der Webseite von Fiji Airways suchte er den nächsten Flug nach Tuvalu. »Dienstag morgen - übermorgen!«, murmelte er und rechnete fieberhaft, wann er frühestens auf dem Atoll seiner Verwandten eintreffen würde. Es beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Wenn tatsächlich ein Geheimdienst hinter der Sache steckte, käme er vielleicht zu spät! Doch wie er es auch drehte und wendete. Ihm fiel nichts Besseres ein und er buchte den nächstmöglichen Flug nach Funafuti. Der folgende Tag erschien ihm wie eine Ewigkeit. Er telefonierte mit seinen Eltern und erzählte ihnen, was ihm in den USA widerfahren war. Sein Vater und seine Mutter waren fassungslos, als sie von Peters Tod erfuhren. Beide kannten Peter flüchtig vom Sehen und konnten nicht glauben, dass der sympathische junge Mann so ein tragisches Ende gefunden hatte. Was das Ganze mit diesem grünen Mineralsand auf sich hatte, verstanden sie nicht. Um seine Eltern nicht mehr als nötig in Gefahr zu bringen, schwieg sich Tomu über die genaueren Hintergründe seines geplanten Trips nach Tuvalu aus. Wahrscheinlich konnten sie aber ohnehin eins und eins zusammenzählen. Jedenfalls waren die beiden am Ende des Telefonats alles andere als beruhigt. Alan Tubbs war mit dem neuen Plan von Anfang an einverstanden. Auch ihn hatte Tomu angerufen und über sein Vorhaben informiert. »Ich habe mit dem Skipper der Aurelius telefoniert«, antwortete Alan auf Tomus Frage nach dem momentanen Aufenthaltsort der Segelyacht. »Er wird in den kommenden Tagen Tuvalu erreichen und das Hydronit, wie besprochen, in Sicherheit bringen.« »Ich könnte doch auch mit der Yacht nach Auckland zurückkehren, statt zu fliegen«, schlug Tomu vor und war gespannt, wie sein Chef auf diesen Vorschlag reagieren würde. »Tu das!«, entgegnete dieser ohne zu zögern. »Und nimm deine Verwandten am besten gleich mit! Auf der Yacht seid ihr erst mal alle in Sicherheit.« Tomu fand diese Idee auf Anhieb gut. Wenn sein Onkel und seine Tante nicht mehr auf dem Atoll wären, könnte ihnen der Killer nichts anhaben. Die beiden könnten vorübergehend bei seinen Eltern in Auckland wohnen und wären fürs Erste aus der Schusslinie. Nach dem Telefonat hatte Tomu ein gutes Gefühl. Er hatte einen Plan für die kommenden Tage. Als Wissenschaftler war es ihm von jeher wichtig, planvoll vorzugehen. Die Erlebnisse der vergangenen Stunden hatten ihn ins Chaos gestürzt. Jetzt sah es so aus, als kehrte endlich wieder ein Stück Ordnung in sein Leben zurück. Dennoch zog sich der Rest des Tages für ihn endlos dahin und er konnte es kaum erwarten, am Dienstagmorgen in die Turboprop-Maschine nach Funafuti zu steigen. 3. Kapitel Vermächtnis Das Mineral Topas ist ein häufig vorkommendes Inselsilikat mit der chemischen Zusammensetzung Al 2 [6] [(F,0H) 2 |Si0 4 ]. Topas gehört zu den Mineralen, die in der Lage sind, sehr große und massereiche Kristalle auszubilden. Die größten bekannten Kristalle erreichten eine Länge von über einem Meter und ein Gewicht von bis zu 2,5 Tonnen. Topas ist ein Schmuckstein, der allerdings aufgrund seiner relativen Häufigkeit auch bei großen und qualitativ hochwertigen Stücken nicht übermäßig teuer ist. Ausnahme ist der in der Natur sehr selten vorkommende blaue Topas. Vorsichtig entfaltete Carlos Pencroff die vergilbten Papiere. Seit er ein kleiner Junge war, hatte ihn der Inhalt der alten Holzschatulle magisch angezogen. In seiner kindlichen Vorstellungswelt hatte sein Großvater diesen Schatz einst am Strand einer einsamen Südseeinsel ausgegraben. Carlos hatte seinen Großvater nie kennengelernt. Er hatte aber ein Fantasiebild vor Augen: Ein großer, grimmiger Mann, mit einem Holzbein und einer schwarzen Augenklappe. In der linken Hand ein Vorderlader und in der rechten ein gewaltiger Säbel. Unzählige Male hatte der kleine Carlos »Schatzinsel« gespielt und die wertvolle Schatulle den getöteten, imaginären Feinden entrissen. Für seine Freunde war die Holzschatulle absolut tabu. Niemals hätte er sein Geheimnis mit einem anderem Menschen geteilt. Aber Freunde hatte Carlos als kleiner Junge ohnehin nur sehr wenige. So war der Inhalt des kleinen Holzkästchen fremden Blicken immer verborgen geblieben: Ein paar vergilbte Blätter mit geheimnisvollen Skizzen und alter Schrift, eine abgegriffene Tabakspfeife und eine verrostete Tabakdose, die den eigentlichen Schatz enthielt: Goldstaub - feine Krümel von glitzerndem, glänzendem, türkisfarbenem Gold. Einmal lachte ihn ein Schulkamerad im Unterricht aus: »Gold ist doch nicht grün!«, rief dieser, als der Lehrer nach der Farbe verschiedener Metalle gefragt und der kleine Carlos voller Überzeugung den Farbton des Goldes als grün beschrieben hatte. Mit brachialer Gewalt hatte er sich damals auf den Jungen gestürzt und auf ihn eingeprügelt, bis es dem entsetzten Lehrer endlich gelang der Gewaltorgie ein Ende zu bereiten. Die tatsächliche Herkunft der alten Holzschatulle wurde Carlos erst viele Jahre später bewusst. Sein Vater hatte sie vom Großvater geerbt und der wiederum von seinem Vater. Über Stammbäume hatte man sich in seiner Familie noch nie groß Gedanken gemacht. Seine Vorfahren waren allesamt einfache Leute gewesen, die immer ums nackte Überleben kämpfen mussten. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit war etwas, was sich nur reiche Schnösel leisten konnten. Dennoch war klar, dass die alte Holzschatulle und ihr geheimnisvoller Inhalt schon viele Jahrzehnte überdauert hatten. Auf einem der vergilbten Blätter stand deutlich die Jahreszahl »1869« und der Verfasser war ein gewisser Joe Pencroff, offenbar Carlos’ Urahn aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. In den rostigen Deckel der Tabakdose war vor langer Zeit mit krakeliger Schrift das Wort »Hydronit« eingeritzt worden. Und auch in dem schwer lesbaren Text und den geheimnisvollen Skizzen tauchte dieses merkwürdige Wort immer wieder auf. Dummerweise war die Dose jetzt leer! Carlos könnte sich heute noch für seine jugendliche Blödheit ohrfeigen. Das türkisgrüne Gold, dessen wundersame Eigenschaften in den vergilbten Blättern beschrieben wurde, existierte nicht mehr. Es geschah kurz nach dem unrühmlichen Ende seiner Schullaufbahn: Carlos verdiente seinen Lebensunterhalt als Drogendealer und experimentierte auch selber gerne mit allem, was sich rauchen, schnupfen oder spritzen ließ. So kam es, dass er eines Tages die Holzschatulle hervorholte und die alte Tabakspfeife seines Urahn mit frisch gebackenem Crack füllte. Und da das grüne Hydronit optisch hervorragend mit dem zarten Kristallgelb der Crackklumpen harmonierte, mischte er beide Substanzen bevor er die Pfeife anzündete. Sein erster Eindruck war auch recht vielversprechend: Die grünen Kristalle verstärkten das typische Knacken der Droge während des Rauchens, dem das Crack seinen Namen verdankte. Ab und zu sprangen sogar kleine Funken in allen Regenbogenfarben aus dem Pfeifenkopf und machten den Drogenkonsum zu einer ganz neuen audiovisuellen Erfahrung. Was jedoch nicht eintrat, war eine bewusstseinsverändernde Reaktion in Carlos’ Gehirnwindungen. Im Gegenteil: Der inhalierte Rauch stank dermaßen bestialisch nach faulen Eiern, das Carlos nach wenigen Zügen grün im Gesicht wurde und sich übergeben musste. Nachdem er von diesem Horrortrip heruntergekommen war, schüttete er den Inhalt der Tabakdose wütend in die Toilette und spülte den Goldsand seiner Kindertage auf Nimmerwiedersehen in die Kanalisation seiner Heimatstadt. Was war er damals nur für ein Vollidiot! Heute wusste Carlos, dass der Inhalt dieser Tabakdose viel wertvoller als Gold war. Viele Jahre hatte er mit seinem Schicksal gehadert, bis es ihm durch eine glückliche Fügung eine zweite Chance gab. Jetzt wusste er, wie er die Dose wieder mit ihrem ursprünglichen Inhalt auffüllen konnte. Und er wusste noch mehr: Wo sich gleich mehrere Kilogramm dieser sagenhaften Substanz befinden und was er auf dem einschlägigen Markt dafür bekommen würde. Der Mord an dem neuseeländischen Wissenschaftler war der Preis, den er zahlen musste. Jede Chance hat ihren Preis und diese Chance musste Carlos Pencroff ergreifen, wenn er wieder im Big Business mitmischen wollte. Der Neuseeländer wäre ein gefährlicher Zeuge gewesen, wenn er ihn am Leben gelassen hätte. Daher war sein Todesurteil besiegelt - nachdem er alles verraten hatte, was Carlos wissen wollte. Das Geld und das Handy hatte er eigentlich nur an sich genommen, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu führen. Im Nachhinein erwies sich aber gerade das Adressbuch des geraubten Mobiltelefons als eine sehr wertvolle Informationsquelle. Carlos faltete die vergilbten Blätter wieder vorsichtig zusammen und verschloss sie zusammen mit der Pfeife und der leeren Tabakdose in der alten Holzschatulle. Was er in Los Angeles getan hatte, hatte getan werden müssen. Und was als Nächstes zu tun sei, stand ebenfalls außer Zweifel: Sein nächstes Ziel lag klar vor ihm - ein kleines Atoll im Südpazifik. 4. Kapitel Überraschungsbesuch Das Mineral Neptunit ist ein selten vorkommendes Kettensilikat aus der Neptunit- Gruppe. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der idealisierten, chemischen Zusammensetzung KNa 2 Li(Fe 2+ )2Ti 2 Si 8 024. Neptunitkristalle zeigen einen piezoelektrischen Effekt, das heißt, sie bauen bei wechselnder, elastischer Verformung eine elektrische Spannung auf. Der Flug von Fischi nach Tuvalu war nur ein kleiner Katzensprung, verglichen mit dem vorangegangen Langstreckenflug aus den USA. Nachdem Tomu auf der Hauptinsel von Tuvalu angekommen war, musste er erst ein paar Stunden totschlagen, bevor er die Inselfähre nach Nukufetau besteigen konnte. Die Nivaga III, die dem tuvalesischen Volk im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts von Japan großzügigerweise geschenkt worden war, verband die neun bewohnten, wie an einer Perlenschnur aufgereihten Inseln untereinander und war damit das wichtigste Verkehrsmittel im ganzen Land. Auch für die Bewohner von Nukufetau war sie die entscheidende Verbindung zur Außenwelt. Während des zweiten Weltkrieges hatten die Amerikaner zwar auf der anderen Seite der Lagune einen provisorischen Flugplatz errichtet, die Landebahnen wurden nach Kriegsende aber nicht mehr instandgehalten. Sie waren inzwischen längst wieder von der Natur zurückerobert worden. Als Tomu die Fähre bestieg, lief ihm ein leichter Schauer über den Rücken. Wie oft war er mit dem kleinen Vorgängerschiff, der Nivaga II, zwischen seinem Heimatatoll und Vaitupu, wo sich die weiterführende Schule befand, hin und her gependelt. Für eine tägliche Anreise war die Entfernung natürlich viel zu groß, so dass Tomu einen Großteil seiner Schulzeit im dortigen Internat verbringen musste. Jedes Mal, wenn er über die schmale Eisenrampe das kleine Schiff nach Nukufetau betrat, machte sein Herz vor Freude einen Sprung. Nun, nach all den Jahren, war es ihm, als erlebte er ein Dejä-vu. Zum Glück war Nukufetau das erste Atoll, welches die Fähre im Verlauf ihrer langen Fahrt Richtung Norden anlaufen würde. Etwa achtzig Kilometer musste sie zurückzulegen, ehe sie in die dortige riesige Lagune einlaufen würde. Auf dem Schiff bot sich Tomu das gewohnte Bild: Schulkinder lärmten auf den verschiedenen Decks und unterhielten sich lautstark über Fussball, Rugby, sowie wichtige und unwichtige Neuigkeiten aus der fernen, weiten Welt. Ein paar ältere Menschen saßen schweigend inmitten des jugendlichen Trubels und starrten die meiste Zeit wortlos auf die Weiten des Ozeans. Kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen war Tomu auf dem Mitteldeck eine junge Frau aufgefallen. Ihre Hautfarbe war viel dunkler, als die der einheimischen Bevölkerung und ihre Gesichtszüge waren eindeutig nicht polynesisch sondern afrikanisch. »Wahrscheinlich so eine Entwicklungshelferin von einem der vielen Klimawandel-Hilfsprojekte«, dachte Tomu, als sich ihre Blicke kurz kreuzten. Er überlegte, ob er die dunkle Schönheit ansprechen sollte. Da sie aber während der gesamten Überfahrt ununterbrochen auf ihrem Notebook herumtippte, nahm er davon Abstand und ließ sich stattdessen die warme Meeresluft um die Nase wehen, während er belustigt die Gespräche der pubertierenden Schüler belauschte. Onkel Enele und Tante Ana fielen aus allen Wolken, als ihr Neffe völlig unangekündigt vor dem Haus stand. »Um Himmels Willen, Tomu! Wo kommst du denn her? Ist etwas mit deinen Eltern passiert?« Tomu brachte seinen Koffer ins Haus und erzählte seinen Verwandten in allen Einzelheiten, was sich den vergangenen Monaten ereignet hatte. Der Fischer und seine Frau hörten aufmerksam zu, auch wenn Tomu den Eindruck hatte, dass sie große Schwierigkeiten hatten, seinen wissenschaftlichen Ausführungen zu folgen. »Ich habe diesen Franzosen und seine Eltern schon immer für merkwürdige Leute gehalten«, sagte Onkel Enele, als Tomu am Ende seines langen Berichts angekommen war. »Aber dass sie auch über unsere Familie einmal Unglück bringen würden, hätte ich mir im Traum nicht vorge stellt!« »Es tut mir leid euch das sagen zu müssen, aber ihr beiden müsst die Insel so schnell wie möglich verlassen! In den nächsten Tagen wird das Schiff meines Arbeitgebers hier ankommen und wir sollten dann gemeinsam so schnell wie möglich von hier verschwinden!« »Wie stellst du dir das vor?«, fragte seine Tante entsetzt. »Wir besitzen doch keine Reisepässe! Wie sollen wir denn so auf die Schnelle abreisen?« »Ihr braucht keine Pässe! Wir segeln mit der Aurelius nach Neuseeland. Im Yachthafen von Auckland gibt es keine Einreisekontrollen. Ich bringe euch zu meinen Eltern und ihr bleibt bei ihnen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wir müssen annehmen, dass der Mörder von Peter inzwischen weiß, dass sich das Hydronit hier befindet und ich fürchte, dass er alles in seiner Macht Stehende tun wird, um daran zu kommen.« Onkel Enele blickte stumm in die Ecke des kleinen Wohnraums, wo das große Glas mit dem grünen Mineralsand am Boden stand. »Und dieser Haufen Sand soll die Energieprobleme der Menschheit lösen?«, fragte er ungläubig. »Es gibt offenbar Menschen, die fest davon überzeugt sind. Und die bereit sind über Leichen zu gehen, um an das Zeug heranzukommen!« Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen und die drei diskutierten noch immer hitzig, was man tun könnte, um der drohenden Gefahr zu entgehen. »Lass uns eine Nacht drüber schlafen«, schlug Onkel Enele schließlich vor. »Morgen ist auch noch ein Tag und so lange dein Schiff hier nicht angekommen ist, können wir ohnehin nichts unternehmen.« »Ist die Hütte von Louis Forgeron denn inzwischen ausgeräumt worden?«, fragte Tomu neugierig. »Nein, nächsten Monat soll es eine Familie bekommen, deren Haus in den letzten Jahren mehrmals durch steigenden Meeresspiegel überflutet worden ist. Momentan ist aber noch alles so, wie wir es bei unserem gemeinsamen Besuch vorgefunden haben.« »Ich würde gerne heute Abend nochmal hingehen. Es muss etwas geben, was wir letztes Mal übersehen haben!« »Heute noch?«, fragte Tante Ana verwundert. »Hat das denn nicht Zeit bis morgen?« »Ich kann jetzt sowieso noch nicht schlafen. Habt ihr eine Taschenlampe? Ich würde das wirklich gerne noch heute erledigen!«, drängte Tomu und gab keine Ruhe. Onkel Enele zuckte mit den Schultern und überreichte seinem ungeduldigen Neffen eine Karbidlampe, mit der er sich auf den Weg durch das nächtliche Dorf machte. In vielen Häusern brannte noch Licht. Auf den offenen Verandas saßen die Menschen beisammen und unterhielten sich lautstark. Nach der schwülen Hitze des Tages war die Temperatur auf ein erträgliches Maß gefallen und die Insulaner feierten normalerweise bis lange nach Mitternacht. Als Tomu das Haus des Franzosen erreichte, erschauderte er. Wie ein Geisterhaus lag die dunkle Hütte umringt von einigen Trinkwassertanks. Die alten Holzbohlen ächzten, als Tomu in das Innere der Fischerhütte eintrat. Auf den ersten Blick sah alles aus wie vor ein paar Monaten, als er zuletzt hier war und das Unheil seinen Anfang nahm. Im flackernden Schein der Karbidlampe ging Tomu schnurstracks zu der Kommode, in welcher sie damals die Hinterlassenschaften des Franzosen gefunden hatten. Vorsichtig stellte er die Lampe auf den Fußboden und begann den Inhalt des Schränkchen zu durchsuchen, als ein leises Geräusch hinter ihm plötzlich seinen Herzschlag aussetzen ließ. Er hatte keine Zeit mehr sich umzudrehen. In seinem Genick spürte er den kalten Stahl einer Schusswaffe. Tomu wurde schlagartig klar, dass er einen großen Fehler begangen hatte. Der kalte Angstschweiß lief ihm über das Gesicht, als eine fremde Stimme zu ihm sprach: »Keine Bewegung! Wenn du einen Mucks machst bist du tot!« 5. Kapitel Westwind Harnsteine (lat.: Urolithe) sind kristalline Ablagerungen der ableitenden Harnwege unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe. Harnsteine können entstehen, wenn Mineralsalze ausgefällt werden, die normalerweise im Urin gelöst sind, beispielsweise Calciumcarbonat, Calciumphosphat und Calciumoxalat. Bei einem hinreichend großen Säuregehalt des Urins können sich zunächst kleine Kristalle (Blasengrieß) bilden, die sich allmählich zu größeren Gebilden zusammenfügen. Da in der Vergangenheit zur Analyse von Harnsteinen häufig Mineralogen hinzugezogen wurden, hat sich bei vielen Steinarten bis heute die mineralogische gegenüber der chemischen Bezeichnung durchgesetzt. Es werden folgende Harnsteine unterschieden: Whewellit, Weddellit, Karbonatapatit, Brushit, Struvit, Urate, Cystin und Xanthin. Roger Branagan hielt das Fernglas vor seine Augen und blickte nach Osten. Wenn ihn nicht alles täuschte, müssten am Horizont bald die Lichter von Niulakita auftauchen. Eigentlich könnte er den Autopiloten einschalten. Die Aurelius verfügte über das modernste nautische Navigationssystem, das derzeit auf dem Markt zu finden war. Trotzdem besaß Branagan ein gesundes Misstrauen, was diese neumodische Computertechnik anging. Es war eine sternenklare Nacht. Sein Bootsmann hatte sich bereits in die Kabine zurückgezogen und schlief. In der Dunkelheit des Pazifiks funkelte die Milchstraße so hell, das man den Schattenwurf des Großsegels auf dem Deck erkennen konnte. Alle Sternbilder der südlichen Hemisphäre waren deutlich zu erkennen. Der Skorpion, mit seinem gekrümmten Körper und den aufgefächerte Scheren schien zum Greifen nah und das magisch leuchtende Kreuz des Südens war eine bessere Orientierungshilfe als jeder Kompass und jedes GPS 5 . Die Seefahrer vergangener Tage waren zwar nicht so komfortabel unterwegs wie er, auf all die moderne Technik konnten sie aber gut verzichten - und kamen dennoch an ihr Ziel. Die Aurelius war ein Traum von einem Schiff. Dreißig Meter lang, sieben komfortable Kabinen und Technik vom Feinsten, von den hydraulisch gesteuerten Winschen bis hin zum Iridium-Satellitensystem für Telefon und Internet. Der luxuriöse Salon war mit einer reich bestückten Bar ausgestattet. Für die Unterhaltung der Crew sorgte ein 5 GPS: Global Positioning System High-End-Entertainmentsystem mit einem riesigen, in die Mahagoniwand eingelassenen, Flachbildschirm. Einen solchen gab es natürlich auch in der Kapitänskajüte im Achterdeck, wo sich Roger Branagan während seiner unverhofft zustande gekommenen Dienstreise häuslich eingerichtet hatte. Branagan war von Kindesbeinen an ein begeisterter Segler. Schon als Junge trieb er sich in den unzähligen Yachthäfen Aucklands hemm und half bei der Instandhaltung der Segelboote. Seine erste Jolle hatte er mit sechzehn Jahren gebaut. Heute war er die rechte Hand von Alan Tubbs, wann immer dieser die Zeit für die Teilnahme an einer Segelregatta fand. Letztes Jahr hatten sie gemeinsam an der berühmten australischen Sydney- Hobart-Regatta teilgenommen und dabei sogar einen der vorderen Plätze belegt. Seit er den neuseeländischen Raketenmann als Sponsor gewonnen hatte, konnte er sich auch endlich wieder seinem Lieblingsprojekt zuwenden: Dem Bau seines pfeilschnellen Renn-Trimarans mit der rekordverdächtigen Segelfläche von 700 Quadratmetern. Bei sämtlichen Regatten in und um Neuseeland hatte er damit bereits alle möglichen Pokale gewonnen. Roger Branagans Traum war es jedoch, mit seinem Trimaran die Welt zu umrunden. Der derzeitige Rekord lag bei vierzig Tagen und wurde im Rahmen der »Jules Verne Trophy« aufgestellt. Branagan hatte sogar einmal das Organisationskomitee kontaktiert und nachgefragt, ob er für seinen Rekordversuch die Weltumsegelung auch von seiner Heimat aus starten und beenden könne. Die europäischen Bürokraten beharrten aber stur auf ihrem alten Regelwerk, in dem festgelegt war, dass sich die Start- und Ziellinie zwischen Frankreich und England befindet. Natürlich waren die Europäer nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, indem sie ihren Konkurrenten aus Übersee mit solch sinnlosen Regeln das Leben schwer machten. Doch Roger Branagan war kein Typ, der sich schnell entmutigen ließ. »Dann umrunde ich die Erde eben zweimal hintereinander!«, dachte er damals trotzig. »Auf diese Weise erfülle ich die formalen Anforderungen, bekomme die Trophäe und bin gleichzeitig der erste Segler, der in weniger als achtzig Tagen eine zweifache Weltumsegelung geschafft hat.« Doch noch war es aber nicht so weit. Sein derzeitiger Job als Auftragsskipper einer luxuriösen Hochseeyacht war ja auch nicht zu verachten. Morgen Mittag würde er voraussichtlich Nukufetau erreichen und wie verabredet die Fracht des Bootseigners an Bord nehmen. Dummerweise hatte ihm Alan für die Rückfahrt noch drei Passagiere in Aussicht gestellt. Mit der himmlischen Ruhe an Bord wäre es damit wohl leider vorbei. »Hoffentlich werden die Landratten unterwegs nicht seekrank«, seufzte Roger Branagan und erinnerte sich an einen ähnlichen Job, den vor Jahren einmal übernommen hatte. Erneut suchte er mit dem Fernglas den Horizont ab. Doch immer noch konnte er keine Lichter erkennen, dort wo sich das südlichste Atoll von Tuvalu befinden musste. »Wahrscheinlich schlafen alle schon«, murmelte er und legte das Fernglas zur Seite. Die Anzeige auf dem Monitor neben dem Steuerrad zeigte an, dass er nur noch wenige Seemeilen von Niulakita entfernt sein konnte. »Keine dreißig Seelen sollen auf diesem winzigen Eiland mit dem höchsten Erhebung Tuvalus leben«, dachte er grinsend. Vor drei Jahren hatte er den Mount Cook auf der Südinsel Neuseelands bestiegen. Fast 4000 Meter war der hoch und von gewaltigen Gletschern umgeben. Der höchste Berg von Tuvalu, der hier irgendwo im dunkeln Nirgendwo vor ihm liegen musste, ragte gerade etwas mehr als viereinhalb Meter über den stetig ansteigenden Meeresspiegel hinaus. »Wo sollen die armen Teufel nur hin, wenn das mit der Klimaerwärmung so weiter geht?«, dachte er, während er sein Mobiltelefon aus der Jacke fischte und die Nummer seiner Frau wählte, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. 6. Kapitel Vergangenheit Magnetit ist ein Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und die stabilste Verbindung zwischen Eisen und Sauerstoff. Er kristallisiert im kubischen Kristallsystem mit der allgemeinen chemischen Zusammensetzung Fe 3 0 4 ,. Magnetit ist eines der am stärksten (ferri)magnetischen Minerale. Beim Unterschreiten der Curie- Temperatur von 578 °C richtet sich die Magnetisierung größtenteils in Erdmagnetfeldrichtung aus, so dass eine remanente magnetische Polarisation in der Größenordnung von bis zu 500 nT resultiert. Magnetitkristalle können auf diese Art die Richtung des Erdmagnetfeldes zur Zeit ihrer Entstehung konservieren. Die Untersuchung der Magnetisierungsrichtung von Lavagestein führte Geologen zu der Beobachtung, dass sich in ferner Vergangenheit tatsächlich die magnetische Polarität der Erde von Zeit zu Zeit umgekehrt haben musste. Tomu kniete zitternd vor der Kommode auf dem Boden. Die Stimme, die ihn gerade mit dem Tode bedrohte hatte, klang noch in seinen Ohren. War das die Stimme eines Mörders? Sie klang eher ängstlich - und sie war weiblich! »Wer sind Sie und was suchen Sie hier?«, fauchte die Frau hinter ihm. »Ich bin Tomu Pahua, der Neffe von Enele Pahua und ich wollte mich hier nur mal umsehen!«, antwortete Tomu. Er spürte wie der Druck von seinem Genick genommen wurde. Langsam dreht er sich um. Die vermeintliche Schusswaffe, die ihm an den Hinterkopf gepresst worden war, war gar keine. Was die Frau da ihrer Hand hielt, war ein ganz gewöhnliches Smartphone. »Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier machen?«, fragte er unwirsch. »Ich wohne hier!«, erwiderte die Frau frech. Tomu erhob sich vom Boden, griff nach der Karbidlampe und hielt sie in die Höhe, so dass er im flackernden Lichtschein das Gesicht der Frau erkennen konnte. Für einen kurzen Moment stutzte er. Dann erinnerte er sich. Es war die junge Farbige, die ihm bereits auf dem Schiff aufgefallen war. »Was heißt, sie wohnen hier? Dies ist die Hütte von Louis Forgeron!« »Ist auch nur vorübergehend. Ich bin heute mit der Fähre angekommen. Eigentlich wollte ich in einem Hotel absteigen, aber auf dieser Insel gibt es so etwas ja nicht. Der Dorfvorsteher hat mir nach langem hin und her erlaubt ein paar Nächte in dieser Hütte zu verbringen. Ich habe bereits geschlafen, als ich plötzlich durch Schritte geweckt wurde und Sie hereinschleichen sah.« Tomu lenkte den Lichtstrahl in Richtung des Bettes, das an der gegenüber hegenden Wand stand. Tatsächlich! Auf der alten Matratze lag ein Schlafsack. »Tut mir leid, aber ich konnte schließlich nicht wissen, dass sich jemand in der Hütte aufhält.« Er konnte kaum glauben, dass er die schlafende Frau beim Betreten der Hütte nicht bemerkt hatte. »Ich weiß nicht, ob man es Ihnen gesagt hat, aber der Besitzer von diesem Haus ist vor einem halben Jahr gestorben. Seitdem steht das Haus leer.« »Ich weiß«, antwortete die junge Frau und nickte. »Ich habe mich mit dem Dorfvorsteher unterhalten. Er hat mir die Geschichte erzählt. Von dem sogenannten Franzosen, von seinem Unfall und von dem Hydronit.« Tomu zuckte zusammen. Woher kannte die Frau diesen Begriff? Konnte sich der alte Dorfvorsteher an das schwer zu entziffernde Etikett des Glasbehälters erinnern? Hatten seine Verwandten im Dorf darüber gesprochen? »Was für ein Hydronit?«, fragte er scheinheilig und spielte den Ahnungslosen. »Na, das grüne Pulver, wegen dem du hier bist! Können wir uns duzen? Ich heiße Nabby.« »Das grüne Pulver?« Bei Tomu klingelten alle Alarmglocken. Was wusste diese Frau noch alles? »Ich bin Journalistin und bin dir von Los Angeles hierher gefolgt.« »Von L.A.?« Tomu glaubte sich verhört zu haben. »Und warum, wenn ich fragen darf?« »Ich habe von dem Mord an deinem Kollegen gehört.« Tomu stockte der Atem. »Und deswegen verfolgen Sie mich um die halbe Welt? Wie konnten Sie überhaupt wissen, mit welchem Flug ich die USA verlassen habe?« Nabby grinste. »Ich sagte doch schon: Ich bin Journalistin - und habe so meine Quellen!« »Zurück zu meiner Frage! Woher wissen Sie von dem grünen Pulver?«, fragte Tomu ungeduldig. »Ich weiß viel mehr als du denkst, mein lieber Tomu! Von dem Hydronit, das du hier in dieser Hütte entdeckt hast, von den Versuchen, die ihr in eurer Raketenfirma gemacht habt, von eurem geplanten Vortrag auf der Konferenz in L.A. und außerdem - wie der angebliche Franzose, der hier in dieser Hütte gelebt hat, an den grünen Sand gekommen ist!« »Du weißt, wo Louis Forgeron das Glas mit dem Hydronit her hat?« Tomu starrte Nabby ungläubig an. »Das kaufe ich dir nicht ab! Der Franzose hat diese Insel sein Leben lang nicht verlassen. Er hatte überhaupt keinen Kontakt zur Außenwelt. Seine Verwandten sind alle lange tot. Niemand hier auf der Insel hat vor seinem Tod etwas von diesen grünen Sand gewusst. Ich glaube dir kein Wort!« Nabby blickte Tomu lächelnd an und sagte: »Ich glaube, ein alter Philosoph hat einmal gesagt: Nichts ist so, wie es scheint!« Tomu erinnerte sich, diesen Spruch, vor nicht all zu langer Zeit, schon einmal gehört zu haben. Er konnte aber nicht sagen wo und in welchem Zusammenhang. Nabby fuhr fort: »Dein sogenannter Franzose kam überhaupt nicht aus Frankreich. Seine Vorfahren waren amerikanische Staatsbürger und hießen Smith. Sein Großvater beantragte die Namensänderung, als er mit seiner Familie nach Französisch Polynesien auswanderte. Er lebte aber schon vorher im Südpazifik. Soweit ich weiß, arbeitete er für die amerikanische Regierung, als die Atombombentests auf dem Bikini-Atoll durchgeführt wurden. Als sich abzeichnete, dass auch Frankreich in seinen polynesischen Kolonien Atomversuche durchführen würde, übersiedelte er nach Tahiti und wechselte seinen Namen von Smith nach Forgeron. Ist ja dieselbe Berufsbezeichnung und klingt französischer. Kurz nach dem Umzug erkrankte er jedoch an Leukämie und konnte nicht mehr arbeiten. Die Amerikaner zahlten ihm eine Entschädigung, weil seine Krankheit auf die Verstrahlung zurückzuführen war, der er bei seiner Arbeit auf dem Bikini-Atoll ausgesetzt war. Von dem Geld übersiedelte auf die Insel, auf der wir uns jetzt befinden. Kurz darauf starb er.« »Willst du etwa andeuten, dass der grüne Sand von irgendwelchen Atomtests stammt?« Tomus Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Jetzt enttäuscht du mich aber!«, lachte Nabby. »Ihr werdet bei euren Untersuchungen diese Substanz doch bestimmt auf Radioaktivität getestet haben!« Tomu dachte intensiv nach. Er war sich nicht sicher, ob Peter oder die Kollegen jemals einen Geigerzähler an den grünen Sand gehalten hatten. Selber hatte er sich jedenfalls keine Gedanken darüber gemacht. »Aber du kannst beruhigt sein«, erlöste ihn Nabby schließlich, »der Sand hat mit den damaligen Atomversuchen nicht das Geringste zu tun. Die Substanz befand sich schon lange vorher im Besitz der Familie Smith.« Tomu atmete hörbar auf. Das hätte noch gefehlt, dass er sich und seine Familie strahlendem Nuklearabfall ausgesetzt hätte. Trotzdem wurde er langsam ungeduldig. »Woher zum Teufel weißt du das alles? Erzähl mir jetzt nicht, dass dir das deine journalistischen Quellen gesteckt haben!« »Nein, das hat mit meinem Beruf gar nichts zu tun«, antwortete Nabby nachdenklich. »Wenn du willst, erzähle ich dir die Geschichte von Anfang an. Aber dazu setzen wir uns besser hin. Das Ganze könnte nämlich etwas länger dauern.« Tomu stellte die Karbidlampe auf den Tisch und setzte sich auf einen der wackeligen Holzstühle. Nabby nahm auf der gegenüber liegenden Seite Platz. Zum ersten Mal konnte er sie im hellen Schein der Lampe betrachten. Sie war eine ausgesprochen attraktive Frau und etwa in seinem Alter. Ihre Figur deutete darauf hin, dass sie regelmäßig Sport trieb. Mit ihrer modernen Kurzhaarfisur erinnerte sie ihn an die Schauspielerin Halle Berry in einem ihrer frühen Filme. Tomu konnte es kaum erwarten, ihre Geschichte zu hören. 7. Kapitel Waffenbrüder Xocolatlit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfate (einschließlich Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate, Wolframate)“. Er kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Ca 2 Mn24+Te26 + 0i2-H 2 0 und ist damit ein wasserhaltiges Calcium-Mangan-Tellurat. Xocolatlit entwickelt meist blättrige und kugelförmige Mineral-Aggregate oder krustige Überzüge von schokoladenbrauner Farbe. Erstmals entdeckt wurde Xocolatlit 2002 in der Moctezuma Mine im mexikanischen Bundesstaat Sonora. Das Mineral wurde aufgrund seiner Farbe und seiner Herkunft nach dem Namen des ersten kakaohaltigen Getränks benannt. Mitxocöatl, also ,bitteres Wasser' oder ,Kakaowasser‘ der Azteken in Mexiko, wurde eine Mischung aus Wasser, Kakao, Mais, Vanille und Cayennepfeffer bezeichnet. Es war nicht leicht gewesen, den Kontakt zu Abdul Borejew herzustellen. Der Tschetschene, wie er in San Franciscos Unterwelt genannt wurde, war wie ein geheimnisvolles Phantom, das in unregelmäßigen Abständen plötzlich aus dem Nichts auf tauchte. Carlos Pencroff und sein Kumpan Luigi hatten alle ihre alten Bekannten abgeklappert. Doch niemand schien zu wissen, wie an den geheimnisvollen Mann heranzukommen sei. Bis er eines Tages höchstpersönlich und in Begleitung seines Bruders Aslan vor Dolores’ Haus stand und mit Carlos sprechen wollte. Die beiden Männer waren schnell handelseinig geworden. Ein einziges Treffen hatte genügt, um Abdul Borejew von Carlos’ Plänen zu überzeugen und ihn für eine längerfristige Zusammenarbeit zu gewinnen. Der skrupellose Geschäftsmann, der von Interpol weltweit zur Fahndung ausgeschrieben war, öffnete seine gut gefüllte Kriegskasse. Im Gegenzug sicherte er sich sechzig Prozent aller zukünftiger Einnahmen aus der Hydronitverwertung. Ein lohnender Deal für beide Parteien. Abdul Borejew kam 1983 in Grosny zur Welt. Es war die bleierne Zeit, als Tschetschenien noch Teil der Sowjetunion war. Abduls Eltern gehörten der Mittelschicht an. Sie arbeiteten in der Stadtverwaltung und waren systemtreue Kommunisten. Der Beruf ließ ihnen nicht viel Zeit für ihre Kinder. Abdul war der Drittgeborene - er hatte einen Bruder und eine Schwester. Zehn Jahre nach Abduls Geburt, kam dann noch Aslan, das Nesthäkchen der Familie, zur Welt. Die Erziehung der vier Kinder oblag von Anfang an den Großeltern. Die hatten noch die Deportierung ihres Volkes unter Stalin miterlebt und hassten alles, was russisch war und nördlich des Kaukasus lebte. Dann setzte mit der Perestroika der Zerfall der Sowjetunion ein. Die Kaukasusrepubliken strebten nach Unabhängigkeit - auch Tschetschenien. Doch die wichtigste russische Pipeline, die von den Erdölfeldern am Kaspischen Meer zum Schwarzen Meer führte, verlief über tschetschenisches Territorium. Moskau war gezwungen ein Exempel zu statuieren. Es kam zum Showdown - und es kam zum Krieg. Abdul war zwölf Jahre alt, als seine Eltern vom Artilleriefeuer der anrückenden russischen Streitmacht zerfetzt wurden - so wie tausende anderer unschuldiger Zivilisten, die im brutalen Kampf um die Hauptstadt ihr Leben ließen. Nach drei Jahren erbittert geführtem Krieg, in dessen Verlauf Grosny zurück in die Steinzeit gebombt wurde, herrschte für kurze Zeit ein brüchiger Frieden. Bis der Konflikt erneut mit voller Wucht ausbrach und das Land vollends ins Verderben stürzte. Abduls ältere Geschwister leisteten Widerstand gegen die russischen Besatzer. Im Jahr 2002 starben beide bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater den Heldentod. Zusammen mit mehr als vierzig anderen Männern und Frauen hatten sie versucht, die Weltöffentlichkeit auf die verzweifelte Lage ihres Landes aufmerksam zu machen und Russland zum Abzug zu bewegen. Abdul hätte sich dem Einsatzkommando damals liebend gerne angeschlossen. Sein Bruder und seine Schwester ließen aber nicht mit sich reden. Sie ahnten wohl schon, dass es eine Reise in den Tod werden würde. Als Abdul ein paar Tage später im Fernsehen mitansehen musste, wie das russische Militär die Menschen im Theater grausam vergast und alle Freiheitskämpfer durch Kopfschüsse liquidiert hatte, schworen er und sein kleiner Bruder blutige Rache. Nur wenige Tage nach den Geschehnissen in Moskau verschwanden die Großeltern spurlos. Wahrscheinlich fielen sie den damaligen Säuberungsaktionen des FSB 6 zum Opfer. Abdul und Aslan Borejew waren von da an in der Hölle von Grosny auf sich allein gestellt. Abdul versorgte seinen kleinen Bruder so gut er konnte. Mit Schwarzmarktgeschäften verdiente er das Nötigste, was sie zum Überleben brauchten. Schon bald zeigte sich jedoch, welches Talent in ihm schlummerte: Die Gewinnmargen seiner diversen Handelsaktivitäten stiegen von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr. Das Tschetschenien jener Jahre war ein rechtsfreier Raum, in dem das Gesetz des Stärkeren herrschte und schwere Waffen an jeder Straßenecke gehandelt wurden. Abdul Borejew knüpfte Kontakte zu international operierenden Waffenschiebern und war bald eine anerkannte Größe in diesem schmutzigen Geschäft. Regelmäßig verkehrte er zwischen den Zentren seines Handelsimperiums: London, New York, San Francisco, Moskau- und natürlich immer wieder Grosny, wo man ihm gute Kontakte zum herrschenden Diktator Kadyrow nachsagte. Wobei niemand mit Gewissheit wusste, was die eigentliche Triebfeder seiner skrupellosen Geschäfte war. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Aslan, in dessen Herz immer noch die Liebe zu seinem Vaterland und seinem Schöpfer Allah brannte, war Abdul im Laufe der Jahre jeglicher Idealismus abhanden gekommen. Im selben Maße, wie er sein Vermögen anhäufte, reduzierte er seine menschlichen Kontakte auf das absolut notwendige Minimum. Sein kleiner Bruder war der einzige Mensch, dem er vertraute und von dem er wußte, dass sich hundertprozentig auf ihn verlassen konnte. Abdul Borejew verachtete die USA und die ganze westliche, dekadente Lebensart. Dennoch fand er hier den idealen Nährboden für seine umfangreichen geschäftlichen Aktivitäten. Die laxen Meldegesetze und seine falschen Pässe machten es ihm einfach das Land nach Belieben zu betreten und zu verlassen. Menschen wie Carlos Pencroff verachtete er ebenfalls. Was die Wahl seiner Geschäftspartner anging, spielten jedoch persönliche Gefühle noch nie eine Rolle. Ob er an einem Geschäft Interesse zeigte, hing einzig und allein von einer kühlen Kosten-Nutzen- 6 Der FSB ist der Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation und die Nachfolgeorganisation des KGB. Analyse ab, denn rechnen konnte Abdul Borejew schon immer gut. Dass sich das Geschäft mit dem grünen Mineralsand letztendlich für ihn lohnen würde, stand für ihn außer Zweifel. 8. Kapitel Science Fiction Muskovit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Glimmergruppe innerhalb der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“. Er kristallisiert je nach Modifikation im monoklinen oder trigonalen Kristallsystem mit der allgemeinen chemischen Zusammensetzung KAl 2 [(OH,F)2|AlSi 3 Oio]. Muskovit bedeutet auf russisch so viel wie Moskauer Glas und wurde so benannt, da es in Russland in großen, grobblättrigen Aggregaten vorkommt und früher zur Verglasung von Fenstern und Heiligenbildern verwendet wurde. Bevor Nabby mit ihrer Erzählung begann, stellte sie Tomu eine Frage: »Kennst du Jules Verne?« »Den französischen Science Fiction Autor?«, erwiderte Tomu verwundert. Er wusste nicht so recht, worauf sie mit dieser Frage hinaus wollte. »Genau den!« »Ich habe als Jugendlicher ein paar seiner Bücher gelesen. "In 80 Tagen um die Welt” hieß glaube ich eins - und ”Die Reise zum Mittelpunkt der Erde”. Wir hatten in unserer Internatsbibliothek keine so große Auswahl. Damals habe ich eigentlich alles gelesen, was mir in die Finger kam - auch Jules Verne.« »Die Geheimnisvolle Insel?«, bohrte Nabby nach. »Ich glaube schon. Ist das nicht das Buch mit Kapitän Nemo?« »Genau - der kommt da auch drin vor. Allerdings eher am Rande. Jules Verne hat seine Romanfiguren in seinen Werken häufig wiederverwendet. Kapitän Nemo hatte seinen Hauptauftritt in ”Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer”. In der "Geheimnisvollen Insel” taucht er erst ganz am Schluss auf, als er die Insulaner vor dem ausbrechenden Vulkan warnt.« »Ja, ich erinnere mich dunkel. Aber warum fragst du mich das alles? Willst du mir jetzt deine Geschichte erzählen oder wollen wir uns über Science Fiction Literatur des neunzehnten Jahrhunderts unterhalten?« Nabby grinste. »Beides, mein lieber Tomu, beides! Du weißt doch: Jede Geschichte hat einen wahren Kern und meine Geschichte steht in engem Zusammenhang mit dem Roman ”Die geheimnisvolle Insel” von Jules Verne!« Tomu blickte skeptisch drein. »Um was ging es denn in diesem Roman? Hilf mir mal auf die Sprünge!« »Jules Verne beschreibt darin, wie mehrere Menschen mit einem Heißluftballon auf einer unentdeckten Insel im Südpazifik stranden. Sie richten sich dort häuslich ein und kämpfen gegen die Widrigkeiten der Natur, sowie gegen gefährliche Piraten. Mehrere Male, wenn die Lage aussichtslos erscheint, wird ihnen auf mysteriöse Weise Hilfe zuteil. Am Ende stellt sich heraus, dass sich der geheimnisvolle Kapitän Nemo ebenfalls auf der Insel befindet und die ganze Zeit seine schützende Hand über sie gehalten hat. Kurz vor seinem Tod ruft er die Gestrandeten zu sich und warnt sie vor einer bevorstehenden Naturkatastrophe, die dann auch prompt eintritt. Während die Insel mit lautem Getöse im Meer versinkt, werden die sogenannten Kolonisten auf wundersame Weise gerettet und kehren wohlbehalten in ihre Heimat zurück.« »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«, ergänzte Tomu sichtlich belustigt. »Eine Insel, die durch einen Vulkanausbruch im Meer verschwindet - dass ich nicht lache!« »Es ist eben Science Fiction. So ganz aus der Luft gegriffen ist so was aber nicht! Ein paar Jahre nachdem Jules Verne den Roman veröffentlicht hatte, explodierte in Indonesien der Krakatau und ließ von der Insel nicht viel übrig. Für die Verkaufszahlen des Buches war dies bestimmt förderlich.« »So wie bei dem Roman des deutschen Autors, der in seinem Buch einmal einen Tsunami beschrieb, der sich wenige Jahre später dann genau so ereignete. Wie hieß der nochmal?« »Den kenne ich nicht!«, antwortete Nabby und schürzte die Lippen. »Fakt ist jedenfalls, dass es die Romanfiguren tatsächlich gegeben hat und dass es sie eine Weile auf eine einsame Insel im Südpazifik verschlagen hat.« »Woher willst du das wissen?« »Sei nicht so ungeduldig! Ich bin ja noch nicht am Ende mit meiner Geschichte. Die Hauptpersonen wurden in Jules Vernes Buch folgendermaßen beschrieben: Der Anführer war ein amerikanischer Ingenieur, der jede technische Herausforderung im Handumdrehen meisterhaft löste, getreu dem Motto: Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. Unterstützt wurde er dabei von seinen Schicksalsgenossen: Seinem Diener, einem Zeitungsreporter, einem Seemann, einem kleinen Jungen und einem Hund.« »Kennst du die Fünf-Freunde-Kinderbücher von Enid Blyton?«, fiel Tomu Nabby grinsend ins Wort. »Sehr witzig! Der Hund war von Jules Verne frei erfunden und wohl seiner kindlichen Leserschaft geschuldet. Die fünf Menschen hat es aber tatsächlich gegeben, ob du mir das nun glaubst oder nicht! Der Reporter hat die Geschichte nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten in einer Zeitung veröffentlicht. Jules Verne hat den Artikel gelesen und machte daraus zwei seiner berühmtesten Romane: ”Die geheimnisvolle Insel” und ”20.000 Meilen unter dem Meer”« »In denen jeweils der Kapitän Nemo vorkommt!«, lachte Tomu. »Willst du etwa behaupten, den hätte es ebenfalls gegeben?« »Blödsinn! Der französische Schreiberling hatte einfach eine lebhafte Fantasie und hat sich durch den Zeitungsartikel inspirieren lassen. Die wahre Geschichte auf der Insel hat sich ganz anders zugetragen!« »Ich höre!« Tomu war zunehmend amüsiert von Nabbys Ausführungen. »Die fünf Personen waren tatsächlich auf einer einsamen Pazifikinsel gestrandet. Ihr Schiff war im Orkan auf ein Riff gelaufen und die fünf hatten die Katastrophe als Einzige überlebt. Vier Wochen mussten sie warten, bis sie ein vorbeikommender Frachtdampfer bemerkte und zurück in die USA brachte.« »Na, das klingt nicht ganz so spektakulär«, beschwerte sich Tomu. »Jetzt sei doch nicht so ungeduldig! Die fünf waren auf der Insel nicht ganz auf sich allein gestellt. Kurz vor ihrer Ankunft war ein Schiff, vom russischen Hafen Wladiwostok kommend, am Riff vor der Insel havariert und lag dort manövrierunfähig fest. Der Kapitän und die Besatzung arbeiteten fieberhaft daran, die defekte Maschine wieder flott zu bekommen, damit sie die Insel aus eigener Kraft wieder verlassen konnten. Der Kapitän hieß Igor Nemejev. Nach allem, was man so weiß, muss er ein ziemlich verrückter Zeitgenosse gewesen sein. Das havarierte Schiff hieß übrigens Nautilus!« »Nemejew - Nautilus - ich glaube, ich weiß worauf du hinaus willst! Das Schiff war nicht zufällig ein U-Boot?« »Ach Unsinn!«, erwiderte Nabby und schüttelte den Kopf. »So etwas gab es damals noch gar nicht! Die Nautilus war ein ganz normales Seeschiff. Mit einer Ausnahme: Es verfügte über eine, für die damalige Zeit sehr ungewöhnliche Antriebsart: Wasserstoff!« »Wasserstoff?« Tomu glaubte sich verhört zu haben. »Es soll damals bereits ein mit Wasserstoff betriebenes Schiff gegeben haben? Das glaubst du doch selber nicht!« »Warum denn nicht? Wir reden hier von der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges. Der Wasserstoff und die Kraft, die in ihm steckt, wurde bereits hundert Jahre vorher entdeckt!« »Trotzdem war zu dieser Zeit niemand in der Lage einen Wasserstoffmotor zu bauen, geschweige denn dieses Gas in ausreichenden Mengen zu erzeugen, um ein Schiff damit anzutreiben!« Tomu begann langsam die Geduld zu verlieren. Was ihm diese Nabby auftischte, klang einfach zu unglaubwürdig. »Und wenn ich dir sage, dass dieses Schiff einen ganzen Laderaum voll mit türkisgrünem Sand hatte?« »Du meinst Hydronit? Ein ganzer Laderaum voll?« »Mehrere Kubikmeter Hydronit hatte der russische Kapitän im Rumpf seines Schiffes gebunkert. Der Ingenieur war von diesem neuartigen Antriebssystem jedenfalls total begeistert! Die beiden Männer schlossen schnell Freundschaft und fachsimpelten stundenlang über technische Dinge.« Tomu blickte irritiert drein und dachte nach. Mit einer solchen Menge Hydronit müsste sich Wasserstoff in rauen Mengen hersteilen lassen. Verbrennungsmotoren, die sich mit Wasserstoff betreiben lassen, gab es damals noch nicht. Der Prinzip der Brennstoffzelle war zwar bereits bekannt, aber noch nicht sehr weit entwickelt. Aber einen Wasserkessel, der seinerzeit mit Kohle beheizt wurde, könnte man durchaus mit einer Was serstof ff lamme erhitzen. Kohledampfer waren damals Stand der Technik. Wäre es tatsächlich möglich, dass dieser Russe auf ein so ein gewaltiges Hydronitvorkommen gestoßen war, dass er ein Schiff damit antreiben konnte? Nabby konnte Tomu ansehen, wie sich seine Gedanken überschlugen. »Eins habe ich übrigens noch vergessen zu erwähnen: Der Ingenieur hieß Cyrus Smith und als er die Insel verließ, gab ihm der russische Kapitän einen großen Kanister von dem grünen Sand mit. Sozusagen als Abschiedsgeschenk! Na, mein lieber Tomu - dämmert es langsam?« »Smith? Sagtest du nicht, dass der Großvater von Louis Forgeron mit Nachnamen Smith hieß, bevor er nach Französisch-Polynesien auswanderte?« »Bingo! Du bist ja doch ein schlaues Kerlchen! Cyrus Smith brachte das Hydronit und einige Konstruktionszeichnungen nach Hause in die USA, wo er zwar selber mit der Durchführung von Experimenten begann, aber letztendlich keinen besonderen Erfolg vorweisen konnte. Der Russe hatte ihm anscheinend nicht alle seine Betriebsgeheimnisse verraten! Es ist jedenfalls nichts darüber bekannt, dass das Hydronit jemals eine technische Bedeutung erlangt hätte. Der Kanister mit dem grünen Sand wurde jedoch in der Familie Smith immer in Ehren gehalten und von Generation zu Generation weitervererbt. Offenbar bis zu dem Fischer, in dessen Hütte wir jetzt sitzen.« »Was wurde denn aus dem russischen Kapitän? Wenn diesem Mann zu seiner Zeit tatsächlich eine so bahnbrechende Erfindung gelungen wäre, hätte sich das doch in Windeseile über die ganze Erde verbreitet!« Nabby zuckte mit den Schultern. »Das ist das Mysteriöse an der Geschichte. Von Kapitän Nemejew, seinem Schiff und der Besatzung wurde nie wieder etwas gehört. Sie blieben spurlos verschwunden.« Tomus Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Was den Wahrheitsgehalt deiner Geschichte wieder in ein recht zweifelhaftes Licht rückt! Wenn ich dich recht verstanden habe, beruht das alles auf dem Artikel eines Reporters, den dieser seinerzeit als angeblichen Tatsachenbericht veröffentlicht hat. Wahrscheinlich ein klassischer Fall von Fake-News! Der gute Mann hat Dinge erfunden, die so nie stattgefunden haben. Schließlich lebte er von seiner Schreiberei!« Nabby sah Tomu beleidigt an. »Und was ist mit dem grünen Sand? Über dessen besondere Eigenschaften brauche ich dir wohl nichts zu erzählen!« »Das Hydronit ist echt! Aber wie es hier in diese Hütte kam, ist etwas ganz anderes! Warum glaubst du die Geschichte, die dieser Zeitungsfritze damals veröffentlicht hat? Es könnte sich doch auch ganz anders zugetragen haben?« Nabby fixierte Tomus Augen mit stechendem Blick. »Außer dem Zeitungsreporter gab es noch vier weitere Augenzeugen auf der Insel: Cyrus Smith, seinen Diener, den Seemann und den Jungen. Du willst wissen, woher ich weiß, dass sich die Geschichte genau so ereignet hat? Ich weiß es von meinem Vater - und der wiederum weiß es von seinem Vater - und so weiter und so fort. Nab, der Diener des Ingenieurs Cyrus Smith aus Jules Vernes geheimnisvoller Insel, war mein Ur-Ur- Urgroßvater!« 9. Kapitel Tagebuch Verneit (ausgesprochen Wern-it) ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Halogenide“ mit der chemischen Zusammensetzung Na2Ca 3 Al 2 Fi4. Es wurde an den Vulkanen Hekla und Eidfell in Island gefunden. Die Benennung des Minerals erfolgte zu Ehren des französischen Autors Jules Verne, im Gedenken an die Romancharaktere, die sich am isländischen Snaefellsjökull Vulkan auf ihre „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ begaben. Für einen Moment herrschte Totenstille in der dunklen Fischerhütte. Tomu und Nabby musterten einander im flackernden Schein der Lampe. Wie zwei Pokerspieler im alles entscheidenden Spiel studierten sie regungslos den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers. Nabby hatte ihre Karten auf den Tisch gelegt. Würde ihr Blatt ausreichen, um Tomu zu überzeugen? Auch der versuchte in Nabbys Augen zu lesen. War das alles nur ein großer Bluff? Hatte sich die junge Frau nur auf seine Fersen geheftet, um eine reißerische Story über den Mord in L.A. zu schreiben? Es war Tomu, der als Erster das Schweigen brach: »Du behauptest also allen Ernstes, dass du die Urenkelin des Negers Nab bist!« Nabbys Gesichtsausdruck entgleiste schlagartig. »Könntest du bitte in Zukunft den Begriff Neger vermeiden!«, fuhr sie ihn scharf an. »Ich weiß ja nicht, wie ihr Neuseeländer das handhabt, aber in der zivilisierten Welt ist der Gebrauch des Wortes Neger mittlerweile tabu! Ich tituliere dich schließlich auch nicht als Kanaken 7 .« 7 Kanake: Kannakermann war im späten 19. Jahrhundert unter deutschen Seeleuten eine verbreitete Bezeichnung für Kameraden aus Polynesien oder Ozeanien. Entlehnt ist das Wort vom hawaiischen kanaka für "Mensch”, der Bezeichnung der polynesischen Ureinwohner von Hawaii für die Kanaken Neukaledoniens. »Entschuldigung! War nicht böse gemeint!«, erschrak Tomu angesichts der unerwartet heftigen Reaktion. »Aber wenn ich mich recht erinnere, wird der schwarze Diener in dem Roman fortlaufend so genannt.« »Jules Verne war ein rassistisches Arschloch!«, erwiderte Nabby sichtlich erregt. Die Darstellung meines Vorfahren in dem Roman stimmt mit der Realität überhaupt nicht überein! Der alte Nab war ein intelligenter und sensibler Mensch und keineswegs der dumme Lakai, als der er permanent beschrieben wird. Erinnerst du dich an die Passage, in der die Kolonisten den Orang Utan einfangen und zähmen? Der Autor stellt dem Diener Nab den Affen zur Seite, damit sie gemeinsam ihre gottgegebene Pflicht erfüllen können: Ihren Herren zu dienen und ihnen selbstlos jeden Wunsch von den Augen abzulesen.« »Das waren eben andere Zeiten! Gab es damals in den Vereinigten Staaten nicht sogar noch die Sklaverei?« »Natürlich waren die Zeiten anders! Aber Jules Verne hat in dem Roman ganz bewusst Tatsachen verdreht und alte Vorurteile befeuert. Die ganze Handlung ist dermaßen von dummen Klischees durchzogen, dass ich jedesmal kotzen könnte, wenn ich das Buch in die Finger bekomme. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich es schon gelesen habe!« »Ich denke, dass Jules Verne genau das geschrieben hat, was die Leser damals hören wollten - und der Erfolg gab ihm Recht.« Nabby geriet richtig in Rage, als Tomu den Franzosen nun auch noch unterstützte. »Ein elender Lügner ist er gewesen, dieser Tatsachenverdreher, der auf Kosten des alten Nab seine verstaubten Fantastereien unters Volk gebracht hat. Sieh dir seine Charaktere doch mal an: Cyrus Smith - im Roman der allwissende Ingenieur, dem auf Anhieb alles gelingt, was immer er anpackt. Der echte Cyrus war ein Fachidiot und keineswegs das Universalgenie, als das er beschrieben wurde. Im Bürgerkrieg war er in einer Rüstungsschmiede für den Guss von Kanonen zuständig. Damit kannte er sich aus. Aber Brückenbau, Textilherstellung oder gar Landwirtschaft? Zwei linke Hände hatte er, der Herr Ingenieur. Und der Reporter war nicht besser! Ein arroganter Sonderling ist er gewesen, der die Tage damit verbrachte am Strand zu sitzen und nach Schiffen Ausschau zu halten. Wenigsten um den Jungen hätte er sich mal kümmern können. Der arme kleine Kerl hatte bei dem Schiffsunglück seine Eltern verloren und heulte sich jeden Tag die Augen aus. Glaubst du der Zeitungsheini hätte auch nur ein Wort des Trostes für ihn übrig gehabt? Fehlanzeige! Voller Selbstmitleid war der vornehme Herr und das Einzige was ihn aufrecht hielt, war die Aussicht, seine Erlebnisse an einen Zeitungsverlag zu verhökern. Der Schlimmste von allen aber war der Seemann! Im Roman wird er als tatkräftiger Naturbursche beschrieben, der überall bereitwillig Hand anlegte, wo immer Not am Mann war. In Wirklichkeit war er ein cholerischer Trunkenbold, der seine Schicksalsgenossen mit seinen Wutausbrüchen an den Rand des Wahnsinns brachte. Schwer zu sagen, ob er nüchtern oder betrunken erträglicher war. Dem Kapitän Nemejew ging er jedenfalls so auf den Geist, dass er ihm schließlich so viel Wodka gab, wie er wollte. Die einzigen Stunden, wo man sich vor seinen Schimpftiraden sicher war, waren die, in denen er seinen Rausch ausschlief.« »Das scheint ja wirklich eine illustre Gesellschaft gewesen zu sein, diese Inselkolonisten. Aber glaubst du wirklich, dass man nach so vielen Jahren noch mit Bestimmtheit sagen kann, wie sich das abgespielt hat. Nichts gegen deine Verwandten! Aber wenn so eine Geschichte von Generation zu Generation weitererzählt wird, bleibt das nicht ohne Folgen. Man lässt etwas weg oder fügt eine Kleinigkeit hinzu und ehe man sich versieht, sehen die Dinge ganz anders aus, als sie tatsächlich waren.« Nabby schüttelte entschieden den Kopf. »Mein Ur-Ur-Urgroßvater war ein gebildeter Mann. Er konnte sogar lesen und schreiben, was für einen Schwarzen, in der damaligen Zeit, äußerst ungewöhnlich war. Nach seiner Rückkehr hat er die Erlebnisse auf der Insel in einer Art Tagebuch niedergeschrieben. Dieses alte Heft befindet sich im Besitz meiner Familie und mein Vater hat mir als Kind oft daraus vorgelesen.« Tomu sah wie eine Träne über Nabbys Wange lief. Spätestens in diesem Moment war er davon überzeugt, dass die junge Frau die Wahrheit sagte. »Ich glaube dir!«, sagte er und strich ihr sanft übers Haar. »Und ich danke dir, dass du mir deine Geschichte erzählt hast.« »Ist schon recht!«, antwortete Nabby, noch immer sichtlich um Fassung bemüht. »Ist schon komisch, wie sich die Lebenswege meiner Familie und die der Familie Smith auf so merkwürdige Weise hier in dieser Fischerhütte wieder kreuzen.« Tomu nickte stumm. Ihm schwirrten noch tausend Fragen durch den Kopf, mit denen er Nabby heute aber nicht mehr belasten wollte. Er beschrieb ihr den Weg zum Haus seines Onkels und lud sie für den kommenden Morgen zum Frühstück ein. Dann wünschte er ihr eine gute Nacht und machte sich auf den Nachhauseweg. 10. Kapitel Aufbruch Dolomit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Carbonate und Nitrate“ mit der chemischen Zusammensetzung CaMg[C0 3 ]2 und ist damit chemisch gesehen ein Calcium-Magnesium-Carbonat. Löst man Dolomit in Schwefelsäure auf, so erhält man in äquivalenten Mengen sowohl Gips als auch das wasserlösliche Magnesiumsulfat (Bittersalz). Dolomit gehört zu den Gesteinsbildnern, die italienischen Dolomiten bestehen beispielsweise fast gänzlich aus dolomitreichem Sedimentgestein. Onkel Enele und Tante Ana staunten nicht schlecht. Es kam nicht oft vor, dass Fremde ihr Atoll besuchten und wenn, dann verbreitete sich diese Neuigkeit sehr schnell im Dorf. Von Nabbys gestriger Ankunft hatten sie, wegen Tomus unerwartetem Besuch, nichts mitbekommen. Ihr Neffe hatte sie vorgewarnt, dass ein Gast zum Frühstück kommen würde. Als er ihnen dann die sympathische junge Dame vorstellte, waren sie angenehm überrascht. Es gab Omelett mit Toastbrot und Kaffee. Während des Frühstücks hatten die jungen Leute ihren Gastgebern viel zu erzählen. Diese hörten aufmerksam zu, insbesondere dann, wenn es um die Abstammung des toten Fischers ging. Im Dorf hatte es seit jeher wilde Gerüchte über die Herkunft der Forgerons gegeben. Beispielsweise, dass sie französische Spione seien oder gar entflohene australische Strafgefangene. Nabbys ausführliche Schilderung, dass die Vorfahren der Forgerons ursprünglich aus den Vereinigten Staaten von Amerika stammten und dort angesehene Leute waren, passte nicht so recht zu den Vorurteilen, die sich im Lauf der Jahre gebildet hatten. Jules Vernes Roman interessierte Onkel Enele und Tante Ana dagegen weniger. Da sie selber kaum Lesen und Schreiben konnten, kannten sie weder den französischen Schriftsteller, geschweige denn dessen Buch, von dem im Gespräch immer wieder die Rede war. Irgendwann deutete Tomus Onkel auf den Glasbehälter und meinte: »Es gibt also irgendwo noch viel mehr von diesem Hydronit?« »Wahrscheinlich schon«, antwortete Tomu. »Zumindest wissen wir nun, dass vor etwa hundertfünfzig Jahren ein Schiff über den Pazifik fuhr, das einen ganzen Laderaum voll mit diesem grünem Sand hatte. Und dieses Schiff nutzte anscheinend bereits das Prinzip der Photokatalyse als Antrieb. Die Untersuchungen in unserer Firma haben ergeben, dass es keine natürlichen Vorkommen von diesem Mineral gibt. Wir müssen davon ausgehen, dass es mit einem Meteoriten auf die Erde kam.« »Das bedeutet, dass der geheimnisvolle Kapitän die Einschlagstelle dieses Meteoriten entdeckt hatte!«, folgerte Onkel Enele. Nabby nickte zustimmend. »Und dass er die besonderen chemischen Eigenschaften des Materials erkannte und einen dazu passenden Antrieb konstruierte.« »Klingt schon ein wenig nach Kapitän Nemo!«, meinte Tomu und grinste. »Ich kann langsam nachempfinden, was in Jules Vernes Hirn vor sich ging, als er den Zeitungsartikel des Reporters las.« Nabby, die gerade noch fasziniert auf das in der Zimmerecke stehende Apothekerglas mit dem Hydronit gestarrt hatte, wollte schon wieder über den Romanautor ablästern, als sie plötzlich aufschrie: »Was ist das?« Ihr Zeigefinger deutete zitternd an die Wand. »Die Platte mit der Inschrift?«, fragte Tomu verwundert. »Die haben wir in der Hütte von Louis Forgeron gefunden. Onkel Enele hat sie gut gefallen, da haben wir sie mitgenommen.» »N - Mobilis in Mobili! Das ist das Motto des sagenhaften U-Bootes in den Romanen von Jules Verne!«, rief Nabby aufgeregt. »Mobilis in Mobile - Bewegung im Beweglichen - oder so ähnlich. Der große Buchstabe N steht jedenfalls für die Nautilus!« »Gestern hast du mir noch erzählt, es hätte gar kein U-Boot gegeben!« »Hat es auch nicht! Vielleicht hat Cyrus Smith diese Inschrift anfertigen lassen, nachdem er Jules Vernes Romane gelesen hatte. Oder die Platte befand sich ursprünglich im Schiff des russischen Kapitäns Nemejew. Vielleicht hat sie der Ingenieur als Andenken mitgenommen.« »Dann lass sie uns doch zusammen mit dem Hydronit nach Neuseeland mitnehmen«, schlug Onkel Enele vor. »Wenn es sich um so ein wertvolles historisches Objekt handelt, gehört es doch in ein Museum und nicht in unsere alte Fischerhütte.« Während die Runde noch überlegte, stand plötzlich der Dorfvorsteher in der offenen Tür und begrüßte die versammelte Gesellschaft. »Hier sind Sie, Miss! Ich habe Sie schon überall gesucht! Wie ich sehe, haben Sie auf unserer kleinen Insel schon Anschluss gefunden. Und du Tomu bist auch wieder hier? Sag bloß, die Kleine ist deine Freundin?« Der dicke Mann war sichtlich verwirrt. Er hatte von Tomus gestriger Ankunft überhaupt noch nichts mitbekommen. Stattdessen war diese verrückte Amerikanerin zu ihm gebracht worden. Ein Hotelzimmer hatte die junge Frau gesucht! Hier in Savave! Er war heilfroh gewesen, als er die neugierige Touristin endlich in Louis’ Hütte verstaut hatte und hoffte insgeheim, dass sie die Insel möglichst schnell wieder verlassen würde. Tomu schüttelte den Kopf. »Wir sind mit derselben Fähre angekommen, haben uns aber erst gestern Nacht kennengelernt.« Der alte Mann fragte lieber nicht nach, wie das gemeint war und verkündete vielmehr: »Ganz schön was los, auf unserem Atoll! Heute morgen hat ein Boot in der Lagune Anker geworfen. So eine tolle Segelyacht haben wir hier schon jahrelang nicht mehr gesehen!« Tomu sprang auf und rief: »Das ist bestimmt die Aurelius! Das Schiff gehört meinem Arbeitgeber und wird uns nach Neuseeland bringen.« Der Dorfvorsteher war vollends verwirrt. Sein fragender Blick schweifte über die versammelte Frühstücksrunde. Onkel Enele erlöste ihn schließlich: »Ich muss mit dir reden! Lass uns kurz nach draußen gehen.« Die beiden Männer verließen das Haus und schlenderten die staubige Dorfstraße entlang. Onkel Enele und der Dorfvorsteher kannten sich von Kindesbeinen an und vertrauten einander uneingeschränkt. Es bedurfte nicht vieler Worte bis der dicke Mann über die neue Situation informiert war. Die beiden wollte gerade wieder zurück ins Haus gehen, als sie einen unbekannten Mann die Straße heraufkommen sahen. Fragend sahen sie sich an, während der Fremde schnurstracks auf sie zuhielt und sie schließlich ansprach: »Ich suche Enele Pahua. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finde?« »Ich bin Enele Pahua«, erwiderte Tomus Onkel und blickte den großgewachsenen, blonden Mann irritiert an. »Mein Name ist Roger Branagan. Ich bin der Skipper der Aurelius. Ich habe den Auftrag Sie und ihre Familie nach Auckland zu bringen. Ich hoffe, man hat Sie darüber informiert!« Onkel Eneles Gesichtsausdruck entspannte sich schlagartig, als er hörte, mit wem er es zu tun hatte. »Ja natürlich, kommen sie doch herein! Wir sitzen noch beim Frühstück. Wenn Sie wollen, können Sie uns gerne Gesellschaft leisten!« Nachdem der Dorfvorsteher sich verabschiedet hatte, führte Onkel Enele Roger Branagan in sein Haus und stellte ihn den Anwesenden vor. »Was wird denn nun aus Nabby«, fragte Tante Ana, als das Gespräch auf die bevorstehende Abreise kam. »Haben wir denn noch einen freien Platz auf dem Schiff?«, fragte Tomu vorsichtig in Richtung des Skippers. Der lachte nur und meinte: »Na klar! Auf einen Passagier mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Wir müssen ohnehin unterwegs die Fidschiinseln anlaufen, um Proviant aufzunehmen. Als wir losfuhren, hatten wir nicht mit Passagieren an Bord gerechnet. An Bord gibt es insgesamt sieben Kabinen mit je zwei Betten. Das sollte für sechs Personen eigentlich reichen!« »Wer ist denn die sechste Person?«, fragte Tomu neugierig. »Mein Bootsmann, der mich auf der Reise begleitet und unterstützt. Ich hätte den Törn zwar auch Einhand 8 bewältigt, Alan Tubbs meinte aber, ich soll mir eine Begleitperson anheuern. Nelson ist übrigens ein hervorragender Smutje 9 !« »Willst du überhaupt mitkommen?«, fragte Tomu Nabby. Der fiel ein Stein vom Herzen. Natürlich wollte sie mitkommen! Was hätte sie denn auch hier auf dem einsamen Atoll allein anstellen sollen? Nur zu gerne nahm sie das Angebot an und freute sich insgeheim auf die bevorstehende Kreuzfahrt. Man entschied sich am frühen Nachmittag bei Flut auszulaufen. Tomus Verwandte informierten ihre Nachbarn, dass sie die Insel für einige Zeit verlassen würden, um Eneles Bruder in Neuseeland zu besuchen. Den wahren Grund für ihr Verschwinden verschwiegen sie. Einzig und allein der Dorfvorsteher wusste ein wenig mehr über die wahren Hintergründe. Aber der war dafür bekannt, dass er Geheimnisse für sich behalten konnte. 8 Einhandsegeln bezeichnet das Segeln eines Bootes mit einer einzigen Person an Bord 9 Smutje: Schiffskoch Als die Zeit des Abschieds gekommen war, versammelte sich das halbe Dorf am Schiffsanleger. Die Nachricht von der Urlaubsreise der Pahuas hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Nach tausend Umarmungen hier und Küsschen dort, konnte Roger Branagan endlich das kleine Beiboot vom Steg lösen und in Richtung der Lagune ablegen, wo die Aurelius vor Anker lag. Nelson Parker begrüßte die Neuankömmlinge an Bord und zeigte ihnen ihre Kabinen. Die vier staunten nicht schlecht, als sie die luxuriöse Ausstattung der Yacht bemerkten. Besonders Onkel Enele, der sein halbes Leben auf diversen Fischerbooten verbracht hatte, fühlte sich wie auf einem anderen Stern. »Machen Sie es sich ruhig erstmal bequem!«, rief Branagan nach unten. »Wir werden in etwa einer halben Stunde Anker lichten und auslaufen!« Onkel Enele und Tante Ana hatten die erste Kabine hinter dem Salon zugewiesen bekommen. Tomu und Nabby residierten in den zwei Schlafräumen gegenüber. Die Kabinen waren zwar recht eng, die Ausstattung konnte es aber mit jedem besseren Hotelzimmer auf nehmen. Fernseher, Minibar, eigenes Bad - alles deutete darauf hin, dass es den Passagieren während der Reise an nichts fehlen würde. Tomu verstaute seinen Koffer im Schrank und ließ sich auf das weiche Bett fallen. Durch das kleine Fenster neben seinem Kopfkissen hatte er einen fantastischen Blick über die Lagune und die Palmen auf den umhegenden Motus. Als der dumpf brummende Ankermotor die Kette nach oben zog, war er bereits eingeschlafen. Roger Branagan kommandierte das Auslaufmanöver, steuerte die Aurelius aus dem flachen Wasser der Lagune und übergab dann das Ruder an seinen Bootsmann. Als er vom Achterdeck in den Salon trat, fand er diesen leer vor. Alle Passagiere waren in ihren Kabinen. Branagan überlegte kurz. Dann ging er schnurstracks in seine Kapitänskabine. Am Boden, neben dem kleinen Schreibtisch, stand das Apothekerglas mit dem grünen Sand. Die angeblich so wertvolle Fracht, wegen der ihn Alan Tubbs auf die weite Reise geschickt hatte. Roger Branagan wußte, was jetzt zu tun war. 11. Kapitel Verfolgung Das Mineral Majorit ist ein sehr seltenes Inselsilikat aus der Obergruppe der Granate und hat die idealisierte chemische Zusammensetzung Mg 3 SiMg 2+ Si 3 Oi 2 . Majorit bildet farblose bis rosa Kristalle, die nur wenige pm groß sind. Die Übergangszone vom oberen zum unteren Erdmantel in 400-700 km Tiefe besteht zu rund 40 % aus majoritreichem Granat. An der Erdoberfläche findet man Majorit hingegen sehr selten. Neben seiner Typlokalität, dem Meteoriten Coorara, gefunden bei Rawlinna in Australien, existieren für Majorit nur wenige dokumentierte Fundorte weltweit, meistens Meteorite. Auch Carlos Pencroff und die Borejew-Brüder waren inzwischen in Richtung Südsee aufgebrochen. Von den Fidschiinseln aus wollten sie weiter zu dem kleinen Atoll, dessen Namen Peter im Angesicht des Todes verraten hatte. Auf Nukufetau befand sich offenbar der wertvolle Hydronitbehälter. Diesen wollten sie finden und damit so schnell wie möglich verduften. Allerdings gestaltete sich der Weg dorthin wesentlich schwieriger, als die drei es sich vorgestellt hatten. Erschwerend kam hinzu, dass sie unbewaffnet angereist waren. Die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen von San Francisco waren viel zu streng, um ohne längere Vorbereitungs- zeit einen Waffentransport organisieren zu können. Die Zeit arbeitete gegen sie. Daher entschlossen sie sich, erst einmal spontan zum Luftdrehkreuz des Pazifiks zu fliegen und von dort aus dann das weitere Vorgehen zu planen. In der Stadt Nadi war es kein Problem drei Revolver zu besorgen - solange man über das nötige Kleingeld verfügte. Und über Geld verfügte Abdul Borejew im Überfluss. »Ich habe mich überall erkundigt - diese Drecksinsel liegt wirklich am Arsch der Welt!«, schimpfte Carlos Pencroff, als die drei abends im Hotel beisammen saßen. »Nur zweimal in der Woche fliegt eine Maschine nach Tuvalu. Aber dann sind wir erst auf dem Hauptatoll und immer noch hundert Kilometer von unserem eigentlichen Ziel entfernt!« »Idiot!«, erwiderte Abdul. »Wozu habe ich uns heute in Eds Bar Waffen organisiert, wenn wir wieder mit einer Linienmaschine fliegen müssen!« »Die Sicherheitsvorkehrungen auf diesen Provinzflughäfen sind nicht das Problem«, erwiderte Pencroff mit einer abfälligen Handbewegung. »Wir müssen aber dann die Fähre nehmen und auf dem Atoll den Onkel von diesem Raketenbauer ausfindig machen. Der Mann wird uns bestimmt nicht viele Probleme bereiten, aber was machen wir, wenn wir das Material haben? Das nächste Versorgungsschiff legt erst wieder ein paar Tage später von der Insel ab. Wir können doch schlecht die ganze Inselbevölkerung als Geiseln nehmen! Und selbst wenn: Sollen wir dann mit dem Hydronit auf den nächsten Rückflug mit der Linienmaschine warten?« »Wohl kaum!«, erwiderte Borejew verächtlich und schüttelte den Kopf. »Wir brauchen eine andere Transportmöglichkeit!« »Mit einem Boot wären wir ganze drei Tage unterwegs! Und das nächste Linienschiff wird erst in zwei Wochen ablegen!« »Das ist doch Bullshit!«, schimpfte der Tschetschene. »Das Rückzugsproblem wäre noch viel gravierender! Können wir nicht ein Schnellboot kapern und von hier direkt zu diesem Atoll düsen?« »Habe ich mir auch schon überlegt. Es gibt hier aber nur wenige Schiffe, die für diese lange Strecke in Frage kämen! Und selbst wenn wir jemanden zwingen, dass er uns hinbringt: Auch das schnellste Boot wird mindestens einen ganzen Tag für die einfache Strecke benötigen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Bis wir wieder zurück auf Fidschi sind, haben die Insulaner garantiert Alarm geschlagen und die Fahndung nach uns läuft auf Hochtouren.« »Wir müssen fliegen!«, überlegte der Tschetschene laut. »Und zwar mit einer eigenen Maschine! Mit einem Flugzeug sind wir in wenigen Stunden dort. Wir schnappen uns das Hydronit, beseitigen alle lästigen Zeugen und fliegen so schnell wie möglich zurück, bevor die Behörden Wind von der Sache kriegen. Wenn wir erst wieder auf Fidschi sind, können wir untertauchen und die Insel, sobald die Luft rein ist, mit einem Frachtschiff verlassen.« »Klingt auf Anhieb einleuchtend«, erwiderte Pencroff kleinlaut. »Diese Variante habe ich mir schon überlegt. Das Problem ist aber, dass es auf dieser winzigen Insel nicht einmal eine Landepiste gibt! Das Atoll ist nur per Schiff zu erreichen. Es sei denn, man hat ein Wasserflugzeug. Auf Fidschi gibt es zwar eine Menge dieser Wasserhopser, die haben aber alle eine viel zu geringe Reichweite, um so einen langen Flug übers offene Meer zu bewältigen. Die einzige Maschine, die in Frage käme, gehört einer Forschungseinrichtung der Universität in Suva. Die könnten wir theoretisch in unsere Gewalt bringen und den Piloten zwingen uns nach Nukufetau zu fliegen. Aber wie wollen wir das anstellen, ohne dass schon kurz nach unserem Abflug jemand Wind von der Flugzeugentführung bekommt? Und außerdem: Selbst diese Maschine müsste vor dem Rückflug nochmal volltanken. Die einzige Tankmöglichkeit befindet sich auf der Hauptinsel von Tuvalu. Es gibt zwar kein Militär in diesem Staat, aber der Inselsheriff und seine Helfer werden garantiert auf uns aufmerksam werden. Man kann es drehen und wenden wie man will: Wir bekommen das Zeug nicht unbemerkt hierher nach Fidschi!« »Verflucht nochmal!«, brüllte Borejew. »Ich bin doch nicht den weiten Weg von den USA hierher gekommen, um so kurz vor dem Ziel aufzugeben!« Carlos Pencroff ballte die Fäuste. Er war es nicht gewohnt, sich von anderen Leuten beleidigen und hemmkommandieren zu lassen. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht und er war drauf und dran auf Abdul und dessen stummen Bruder Aslan loszugehen. Aslan Borejew bemerkte die sich anbahnende Eskalation. Die ganze Zeit hatte der junge Mann still und aufmerksam zugehört. Jetzt fing er auf einmal mit ruhiger Stimme zu reden an: »In der Koranschule haben wir einmal folgende Geschichte gehört: Als das Volk vom Propheten Mohammed einst ein Wunder sehen wollte, wandte sich dieser in Richtung eines hohen Berges und rief: Berg, komm zu mir! Berg, komm zu mir! Doch so oft er auch rief, der Berg stand still und rührte sich nicht vom Fleck. Da sprach der weise Prophet: Nun gut, es macht keinen großen Unterschied! Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, geht der Prophet eben zum Berg!« Die beiden Männer starrten den gläubigen Muslim entgeistert an. Doch plötzlich entspannte sich Pencroffs Gesicht und er begann breit zu grinsen »Vielleicht gibt’s doch noch eine Möglichkeit an das grüne Dreckszeug zu kommen! Ich hab da eine Idee!« 12. Kapitel Satelliten Tansanit ist eine blaue Varietät des grauen bis grünlichen Minerals Zoisit. Er wird wie die rosarote Varietät Thulit ausschließlich als Schmuckstein verwendet. Die ersten Funde des transparenten, purpur-bläulich- bis lilafarbenen Tansanit gab es 1967 im Norden Tansanias. Bekannt wurde der Stein erst durch den New Yorker Juwelier Tiffany. Dieser benannte ihn nach seinem Herkunftsort Tansanit, da die Bezeichnung Zoisit ihn zu sehr an das englische Wort für Selbstmord ("suicide") erinnerte. Die erste Nacht an Bord war sehr unruhig. Hart am Wind segelte die Aurelius in Richtung Süden. Die Passagiere rollten in ihren Betten hin und her. Sie mussten sich an das Schlafen bei rauer See erst gewöhnen. Als Nelson Parker am nächsten Morgen im Salon das Frühstück servierte, konnte er an den Augenringen der Passagiere ablesen, dass diese nicht viel geschlafen hatten. Onkel Enele und seine Frau zogen sich nach dem Continental Breakfast wieder in ihre Kabine zurück. Tomu und Nabby gingen an Deck und ließen sich den frischen Wind um die Nase wehen. Nabby wollte gerade ihre Ohrhörer mit dem Smartphone verbinden, um Musik zu hören, als sie plötzlich ausrief: »Ich habe ein Netz! Ich dachte, wir sind hier mitten im Pazifik!« Fasziniert starrte sie auf die fünf Balken auf dem Display. »Satellitenkommunikation!«, rief Roger Branagan lachend hinter seinem Steuerrad. »Die Aurelius ist mit dem Iridium Satellitensystem verbunden und spannt hier an Bord eine eigene, kleine Mobilfunkzelle auf. Ihr könnt mit euren Handys ganz normal telefonieren und im Internet surfen. Kostet euch auch nichts! Die Rechnung geht auf’s Haus!« Nabby begann sofort ihre E-Mails herunterzuladen und den Inhalt zu überfliegen. Als sie fertig war, wählte sie die Telefonnummer ihres Vaters. Während es in der Leitung tutete, fiel ihr ein, dass das vielleicht doch keine so gute Idee war. »Nabby? Ist was passiert?«, begrüßte sie die schlecht gelaunte Stimme am anderen Ende der Leitung. »Es ist vier Uhr morgens!« »Entschuldige Dad, ich hab nicht an die Zeitverschiebung gedacht!« »Bist du noch in Kalifornien?« »Nein, ich schippere gerade auf einer Segelyacht durch den Pazifik! Wir haben das Hydronit von Cyrus Smith gefunden und sind auf dem Weg nach Neuseeland.« Nabbys Vater war schlagartig hellwach. Seine Tochter erzählte ihm im Schnell durchlauf wie sie Tomu bis in die Südsee gefolgt war und ihn schließlich in der Hütte von Louis Forgeron kennengelernt hatte. »Und dieser Fischer soll ein Nachfahre unserer Familie Smith sein?« »Ja, Dad! Die Insulaner können sich noch an den alten Pierre Forgeron erinnern, der in den Sechzigerjahren an einer mysteriösen Krankheit starb. Das war mit Sicherheit jener Peter Smith, der in den Jahren zuvor an den Atomtests im Bikini-Atoll beteiligt war. Außerdem befand sich der Hydronitbehälter im Haus des Fischers!« Am anderen Ende der Leitung herrschte kurz Stille. Dann meinte Nabbys Vater: »Du hast wahrscheinlich recht! Mit Pete Smith endeten die Kontakte der Smiths zu unserer Familie. Wenn das Hydronit in der Hütte dieses Mannes gefunden wurde, liegt es auf der Hand, dass er ein Nachfahre des alten Cyrus war.« Dann erzählte Nabby ihrem alten Herrn noch von Tomu und dessen Familie und wie sie an Bord der Aurelius gekommen war. Bevor sie das Gespräch beendete, musste sie sich aber noch ein paar warnende Worte anhören: »Versprich mir, dass du gut auf dich aufpasst! Ich will ja nicht abergläubisch erscheinen, aber ich glaube, auf dem Hydronit liegt ein Fluch! Seht zu, dass ihr das Zeug so schnell wir möglich wieder los werdet!« Nabby hatte die tiefen Sorgenfalten ihres Vaters klar vor Augen, auch wenn dieser gerade viele tausend Kilometer entfernt war. Unweigerlich musste sie über den alten Bedenkenträger schmunzeln. »Schon klar, Dad! Grüß Ma von mir! Ich hab euch lieb!« Dann drückte sie die Ende-Taste. Tomu hatte das Gespräch eine ganze Zeit lang mitverfolgt. »Hatten eure Familien denn nach dieser Schiffbruchgeschichte noch weiterhin Kontakt?«, fragte er neugierig. »Ja klar!«, antwortete Nabby. »Der alte Nab stand bis zu seinem Tod im Dienst der Familie Smith. Auch seine Tochter Mary arbeitete zeitlebens im Haushalt der Familie. Sie heiratete den Kutscher und hatte mit ihm acht Kinder. Eins davon hieß Nabby wie ich - das war meine Urgroßmutter. Die Familie Smith besaß ein großes Anwesen und beschäftigte viele Hausangestellte! Der alte Cyrus kam eines Tages bei der Bärenjagd ums Leben. Ob ihn eine verirrte Kugel traf oder ob ein Bär ihn tötete, kann ich dir nicht sagen. Das neue Familienoberhaupt wurde jedenfalls sein ältester Sohn Jonathan. Der wiederum hatte drei Söhne. Einer davon hieß Peter - Peter Smith, der spätere Pierre Forgeron. Hier endet leider unsere gemeinsame Familiengeschichte. Meine Urgroßmutter heiratete kurz vor der Weltwirtschaftskrise Horace Hathaway und ging mit ihm nach New Jersey. Ihr ältester Sohn war mein Grandpa. Er ist erst vor ein paar Jahren gestorben.« »Schon erstaunlich«, meinte Tomu, »wie weit du deine Familiengeschichte zurückverfolgen kannst! Meine Vorfahren lebten alle als einfache Fischer auf unserer Insel. Wie sie hießen und was sie, außer zu fischen, sonst so gemacht haben, kann ich dir leider nicht sagen.« Nabby nickte stumm und meinte dann: »Meine Familie hat das Andenken an den alten Nab immer in Ehren gehalten. Die spannende Geschichte über den Schiffbruch machte ihn über Generationen hinweg unsterblich. Außerdem war da noch sein Tagebuch, das in unserer Familie wie eine Reliquie verehrt wird!« Tomu wollte Nabby noch weiter über ihren Stammbaum ausfragen, als plötzlich etwas in seiner Hose vibrierte. Erstaunt zog er sein Smartphone aus der Tasche und starrte verwundert auf das Display. »Nicht mal hier im Pazifik hat man seine Ruhe!«, schimpfte er, während er sich über die unbekannte Nummer wunderte. »Plus eins, das ist doch die Ländervorwahl der Vereinigten Staaten!« Zögernd drückte er die grüne Taste und meldete sich: »Hallo?« »Mister Pahua? Spreche ich mit Mister Tomu Pahua?«, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ja, hier ist Tomu Pahua. Mit wem spreche ich bitte?« »Mein Name ist Sergeant Anderson vom Police Department in Los Angeles. Ich rufe im Auftrag von Lieutenant McNealy an!« Tomu fuhr der Schreck in die Glieder. Gerade war es ihm halbwegs gelungen, die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Tage etwas zu verdrängen, da kehrten die grausamen Bilder aus Peters Hotelzimmer schlagartig in seinen Kopf zurück. »Mister Pahua«, fuhr der Sergeant fort, »wir würden uns gerne noch einmal mit ihnen unterhalten! Können sie bitte morgen zu uns aufs Revier kommen?« »Tut mir leid«, erwiderte Tomu verunsichert, »ich bin nicht mehr in Los Angeles!« »Aber wir hatten Sie doch gebeten, die Stadt nicht zu verlassen und sich zu unserer Verfügung zu halten! Ihnen ist schon klar, dass Sie sich damit eines Vergehens gegen die Gesetze des Staates Kalifornien schuldig gemacht haben?« Tomu antwortete kleinlaut: »Ich habe Ihnen doch schon alles gesagt, was ich weiß. Außerdem habe ich Angst um mein Leben gehabt und mich deshalb entschlossen die USA zu verlassen.« »Sie sind ausgereist?«, brüllte der Sergeant verständnislos. »Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie bereits wieder in Neuseeland sind?« »Noch nicht!«, entgegnete Tomu trotzig. »Ich befinde mich aber gerade auf dem Weg dorthin.« Eine Weile herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Dann polterte der Polizeibeamte weiter: »Mister Pahua, das wird Folgen für sie haben! Sie haben ja noch nicht einmal das Protokoll ihrer Aussage unterschrieben! Wenn Sie nicht unverzüglich in die Vereinigten Staaten zurückkehren und sich den Behörden stellen, werde ich Sie zur Fahndung ausschreiben!« Tomu konnte den Amtsschimmel wiehern hören. »Kann ich das mit dem Protokoll denn nicht in der amerikanischen Botschaft in Auckland erledigen? Sie schicken meine Aussage dorthin, ich setze meine Unterschrift unters Protokoll und alles ist gut!« »Wann sind Sie denn wieder in Auckland?«, fragte der Sergeant mit etwas ruhigerer Stimme. »So in etwa zwei bis drei Wochen«, antwortete Tomu wahrheitsgemäß, da die Reisezeit und die vom Skipper gewählte Route in starkem Maße von Wind und Wetter abhingen. Sofort donnerte es ihm wieder entgegen: »Zwei bis drei Wochen? So lange können wir auf keinen Fall warten! Wenn sie nicht spätestens in zwei bis drei Tagen in einer amerikanischen Botschaft aufkreuzen, können Sie was erleben! Wo zum Teufel stecken Sie denn gerade?« Tomu wurde die Sache langsam zu bunt. Diesem Paragrafenheini würde er es zeigen: »Wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Ich segle gerade auf einer wundervollen Yacht über den blauen Pazifik. Die Sonne scheint, es weht ein angenehmer frischer Wind. In meiner rechten Hand habe ich einen kühlen Drink und im linken Arm eine schöne Frau. Wenn Ihnen so viel daran liegt, kann ich morgen in Nadi auf den Fidschiinseln ihre bescheuerte Botschaft aufsuchen und dieses dämliche Protokoll unterzeichnen. Sind Sie damit zufrieden?« Am anderen Ende der Leitung war es kurz still. »Ja, meinetwegen, dann machen wir es so! Wie ist bitte der Name des Schiffs, auf dem Sie sich gerade befinden?« »Aurelius!« »Gut, Mister Pahua. Dann werde ich die Kollegen in Nadi über ihren baldigen Besuch informieren! Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag!« Tomu und Nabby prusteten unvermittelt los, kaum dass das Telefonat zu Ende war. Roger Branagan hatte am Steuerrad nur Bruchstücke des Gesprächs mitbekommen und wunderte sich, worüber seine jungen Passagiere so laut lachten. Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte nicht. Er war auch kein Sergeant von der Polizei in Los Angeles, wie er behauptet hatte. Den Namen Anderson hatte er frei erfunden und den Lieutenant McNealy kannte er nur aus den Zeitungsmeldungen über den Hotelmord in Santa Monica. Tomus Handynummer war im Smartphone des Opfers gespeichert gewesen, das er an sich genommen hatte. Tomu hatte mit dem Mörder seines Freundes Peter telefoniert. Carlos Pencroff grinste die tschetschenischen Brüder breit an: »Morgen wird der Prophet beim Berg eintreffen!«, verkündete er mit ruhiger Stimme - und dann begann auch er zu lachen. 13. Kapitel Überfall Ulexit ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Borate“ mit der Formel CaNa[B 5 0 6 (0H) 6 ]-5 H 2 0 und ist damit chemisch gesehen ein wasserhaltiges Calcium-Natrium-Borat. Bei faseriger Ausbildung und Glattschliff der Flächen senkrecht zur Faser ist das Mineral in der Lage, unterlegte Schriften oder Bilder an die Steinoberfläche zu projizieren. Aufgrund dieser Eigenschaft ist der Ulexit auch unter der Bezeichnung TV-Stein bekannt. Die zweite Nacht an Bord der Aurelius verlief wesentlich ruhiger. Der Wind hatte gedreht und die Segelyacht rauschte unter vollen Segeln parallel zu den Wellen. Das sanfte Auf und Ab des schnell dahingleitenden Schiffs ließ die müden Passagiere in einen tiefen und erholsamen Schlaf sinken. Am nächsten Morgen, der Smutje hatte im Salon gerade das Frühstücksbuffet abgeräumt, rief Roger Branagan laut von draußen: »Land in Sicht!« Die vier Passagiere eilten an Deck und wollten die Neuigkeit mit eigenen Augen sehen. Und tatsächlich - vor dem Bug tauchten am Horizont die ersten Ausläufer der Yasawa-Inselkette auf - und dahinter verriet eine große weiße Wolke, wo sich Viti Levu, die Hauptinsel der Republik Fidschi, befinden musste. »Auf einer dieser Inseln wurde der Film ”Die blaue Lagune” gedreht«, bemerkte der Skipper beiläufig, als sie diese steuerbordseitig passierten und geradewegs auf die Stadt Nadi zusteuerten. Tomu und seine Verwandten hatten jedoch für Südseeromantik nicht viel übrig. Für sie sah es hier genauso aus, wie in ihrer tuvalischen Heimat. Das Einzige, um was sie die Fidschianer beneideten, waren die hohen Berge, die das Land vor dem steigenden Meeresspiegel schützten. Dieser verfluchte Klimawandel! Seit vielen Jahren dominierte er unerbittlich das Leben in allen Inselrepubliken des Pazifikraums. Staaten wie Tuvalu und Kiribati waren am schlimmsten betroffen. Ihre Landmassen ragten nur wenige Meter aus dem Ozean. Die ganze Welt war sich darüber einig, dass schwere Zeiten auf die betroffenen Länder zukommen würden. Wie man den Problemen am besten begegnen könnte, darüber herrschte weniger Einigkeit. Nur ein paar unverbesserliche Optimisten glaubten, dass man der stetigen Erderwärmung noch Einhalt gebieten könne. Viele Tuvaluer hofften dagegen ihr Heil in der Ferne zu finden. Es gab Überlegungen, die Bewohner des gesamten Inselreichs an einen höher gelegenen Ort zu evakuieren. Die Regierung von Kiribati hatte sogar schon vorsorglich Land auf den Fidschiinseln erworben. Dieses planten sie später zu besiedeln, was sicher gut gemeint war und auf den ersten Blick recht vernünftig erschien. Doch Menschen verhalten sich nun einmal nur bedingt vernünftig. Insbesondere dann, wenn sie in ihren Traditionen verwurzelt und mit ihrer Scholle verbunden sind, auf der sie und ihre Vorfahren ihr gesamtes Leben zugebracht haben. Jedes Mal, wenn das Thema Umsiedelung angesprochen wurde, verlief ein tiefer Riss durch die Inselgemeinschaften. Auf jedem Atoll, in jedem Dorf und in jeder Familie gab er Befürworter und Gegner - und wie immer, wenn eine Entscheidung keine Kompromisse zulässt, standen sich die Parteien misstrauisch und unversöhnlich gegenüber. Tomus Verwandte machten da keine Ausnahme. Onkel Enele wollte nicht abwarten, bis das Wasser ihm bis zum Hals stand. Er erzählte immer gerne die Geschichte von dem Frosch, der, wenn man ihn in einen Kessel mit heißem Wasser wirft, sofort wieder herausspringt und damit sein Leben rettet - im Gegensatz zu seinem Artgenossen, der schon seit längerer Zeit im Kessel sitzt und dabei gar nicht bemerkt, wie er langsam zu Tode gekocht wird. Tante Ana teilte die Ansichten ihres Gatten in keinster Weise. Sie vertrat die Meinung, dass alles schon nicht so schlimm werden würde. Ein dauerhaftes Verlassen ihrer Heimat kam für sie nicht in Frage. Und was die Geschichte mit den Fröschen anging, hatte sie eine andere Variante parat. Sie hielt es eher mit den beiden Exemplaren, die in eine Milchkanne gefallen waren und gegen das jämmerliche Ersaufen anschwammen. Während der eine nach einer Weile das Schwimmen für sinnlos hielt, damit auf hörte und ertrank, strampelte der andere wacker weiter - und strampelte und strampelte, bis die Milch unter seinen Beinen irgendwann zu Butter wurde und er unversehrt aus der Kanne steigen konnte. Wie sollte eine Nation, eine Insel oder auch nur ein Dorf, eine einvernehmliche Entscheidung zur Emigration treffen, wenn selbst innerhalb der Familien keine Einigkeit bestand? Für Nabby lagen solch düsteren Gedanken in weiter Ferne. Sie hatte sich ihren Bikini angezogen und sonnte sich auf dem Vorderdeck. Die Traumkulisse, inmitten der sie sich hier befand, hätte einem Reisekatalog entnommen sein können. Durch die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille blinzelte sie nach oben und beobachtete einen Albatros, der lautlos und mit weit ausgebreiteten Flügeln über dem hohen Aluminiummast der Aurelius kreiste. »Ach, wie ist das Feben schön«, seufzte sie, als sich das Schiff um die Mittagszeit der Marina von Nadi näherte und sie wieder in ihre normale Kleidung schlüpfte. Die Aurelius machte an einem freien Fiegeplatz fest. Danach verließen Roger Branagan und Nelson Parker das Schiff, um die Formalien mit dem Hafenmeister zu erledigen und Febensmittelvorräte für die Weiterfahrt zu besorgen. Die vier Passagiere gingen unterdessen abwechselnd an Fand, um sich die Beine zu vertreten. Nach einer Stunde kehrten der Skipper und sein Bootsmann von ihrer Shoppingtour zurück und begannen, ihre Einkäufe im Inneren des Schiffs zu verstauen. »Ich müsste auch noch einmal kurz in die Stadt«, sagte Tomu zu Roger Branagan, während der gerade ein paar Flaschen Bier in der Bar des Salons deponierte. »Warum das denn?«, wollte der Skipper verwundert wissen. »Ich habe etwas in der amerikanischen Botschaft zu erledigen«, meinte Tomu lapidar. »Es gibt in Nadi keine amerikanische Botschaft!«, antwortete Branagan und schüttelte verständnislos den Kopf. »Hier ist zwar der größte Flughafen des Fandes, die internationalen Vertretungen befinden sich aber alle am Ende der Insel - in der Hauptstadt Suva!« Plötzlich wurde es laut. Vom Deck des Schiffs waren polternde Geräusche zu vernehmen. Passagiere und Crew, die vollzählig im Salon versammelt waren, schauten sich fragend an. Doch schon kurz darauf erstarrten sie. Drei vermummte Männer stürmten in den Salon, jeder von ihnen hielt eine Schusswaffe in der Hand. Während zwei der Männer mit ihren Revolvern hemmfuchtelten, packte der dritte Mann Nabbys Arm, riss sie mit Gewalt zu sich und presste ihr seine Waffe an die Schläfe. »Wer ist der Kapitän auf diesem Schiff?«, schrie er in die versammelte Runde. »Ich bin der Skipper und trage hier die Verantwortung«, antwortete Roger Branagan sichtlich geschockt. »Jetzt hör mal gut zu, Skipper!«, schrie der Mann durch seine schwarze Sturmhaube. »Ich puste der kleinen Niggerschlampe ein Loch in den Schädel, wenn du nicht genau tust, was ich dir sage!« Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, drehte er Nabbys Arm brutal nach hinten, so dass sie vor Schmerzen laut aufschrie. »Was wollen Sie von uns? Wir können über alles reden! Aber lassen Sie die Frau bitte los!«, flehte der Skipper, während Nelson Parker und die Passagiere in Schockstarre verharrten. »Wir wollen das Hydronit, das ihr an Bord habt!«, forderte der offensichtliche Anführer der drei Maskierten und verstärkte seinen Griff um Nabbys Arm. »Was für ein Hydronit?«, meldete sich Tomu zu Wort, dem die Stimme des Mannes bekannt vorkam. Langsam dämmerte ihm, welch unverzeihlichen Fehler er gestern gemacht hatte. »Du solltest mich besser nicht verscheißern, sonst geht es dir wie deinem Freund in L.A.«, warnte ihn der Mann und seine Komplizen unterstrichen seine Worte, indem sie die Läufe ihrer Revolver auf Tomus Kopf richteten. »Schon gut! Schon gut!«, meldete sich Branagan zu Wort. »Wir geben euch, was ihr haben wollt. Aber nehmt bitte erst mal die Waffen runter.« »Die Forderungen stellen wir! Je schneller ihr uns das Hydronit übergebt, um so schneller seid ihr uns wieder los!« »Es befindet sich in meiner Kabine«, sagte der Skipper resigniert und lenkte seinen Blick zum hinteren Teil des Schiffs. »Los! Auf geht’s!«, schrie ihn einer der anderen beiden Männer an und drückte ihm den Lauf seine Waffe in den Rücken. In seiner Stimme lag ein eigenartiger Akzent. Branagan ging mit erhobenen Händen voran in Richtung seiner Kapitänskabine. Nachdem er eingetreten war, deutete er auf das große Glas, das am Boden stand. »Ist es das, was ihr sucht?« »Aufheben und raustragen!«, kommandierte der Mann hinter ihm und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Roger Branagan hob das schwere Glas hoch und wuchtete es zurück in den Salon. Krachend ließ er es auf den massiven Tisch sinken. »Na also, wer sagt’s denn?«, höhnte der Anführer der drei, als er das Glas mit dem türkisgrün glitzernden Sand vor sich sah. »Wir werden jetzt verschwinden. Die Kleine nehmen wir mit! Wenn ihr vor Ablauf einer Stunde etwas unternehmt, machen wir kurzen Prozess mit ihr!« Tomu und der Skipper wollten lautstark protestieren, blickten aber sofort in die Läufe zweier, auf sie gerichteter, Waffen. Schließlich ließ es Branagan bei einer Drohung: »Wenn Sie dem Mädchen auch nur ein Haar krümmen, werde ich dafür sorgen, dass Sie bis in den letzten Winkel dieser Erde verfolgt und zur Rechenschaft gezogen werden!« »Macht euch keine Sorgen!«, erwiderte der Mann. »Solange ihr alle vernünftig seid, wird keinem von euch etwas passieren!« Die drei Vermummten traten den Rückzug an. Der Mann, der bislang kein einziges Wort gesprochen hatte, ging mit dem Glasbehälter voran. Der Anführer folgte ihm mit Nabby. Und sein, mit ausländischem Akzent sprechender, Komplize ließ die versammelte Runde noch ein letztes Mal in die Mündung seiner Waffe blicken, bevor auch er nach oben verschwand und von Bord sprang. Für einen kurzen Augenblick waren die fünf Zurückgelassenen wie gelähmt. Dann begannen sie wild durcheinander zu schreien. »Wir müssen die Polizei anrufen!« »Hast du nicht gehört, was der Anführer gesagt hat?« »Wenn wir etwas unternehmen, werden sie Nabby umbringen!« »Wir können hier doch nicht einfach untätig herumsitzen!« Crew und Passagiere waren sich völlig uneinig, was nun zu tun sei und die fünf begannen hitzig zu diskutieren. Das Durcheinander wurde erst nach ein paar Minuten unterbrochen, als auf dem Deck erneut Geräusche zu hören waren und plötzlich Nabbys Kopf in der Einstiegsluke auftauchte. »Sie haben mich laufen lassen, kurz nachdem wir mit dem Wagen das Hafengelände verlassen hatten.« An Nabbys Schläfe klebte etwas Blut, aber im Großen und Ganzen schien sie unverletzt zu sein. Ahe Anwesenden atmeten erst einmal auf, als sie sich zu ihnen setze und über ihre kurze Entführung berichtete. »Wie konnten die von dem Hydronit wissen?«, schrie der Skipper und haute mit der Faust auf den Tisch. Tomu und Nabby warfen einander vielsagende Blicke zu. Dann antwortete Tomu kleinlaut: »Ich habe gestern einen Anruf von der Polizei in Los Angeles bekommen. Man hat mir Vorwürfe gemacht, dass ich das Land voreilig verlassen und mich damit strafbar gemacht hätte. Am Ende des Telefonats habe ich dem Officer gesagt, dass ich heute in Nadi an Land gehen und im amerikanischen Konsulat eine Unterschrift leisten würde.« Roger Branagan raufte seine blonden Haare und schüttelte den Kopf. »Wie kann ein studierter Mensch nur so blöd sein!« »Ich könnte mich ja selber in den Arsch beißen!«, jammerte Tomu. »In meiner Firma werden wir vom Sicherheitsbeauftragten regelmäßig geschult, wie wir mit fremden Anrufern umgehen sollen. Social Engineering ist der Fachbegriff für das, was der Typ mit mir gemacht hat. Und ich bin so blöd und falle auch noch darauf herein. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass man mich so plump überlisten kann und jetzt ist es mir doch passiert!« Nabby nahm seine Hand und sagte: »Nimm’s nicht so schwer. Ich habe ja gestern während des ganzen Telefonats neben dir gesessen und auch keinen Verdacht geschöpft. Obwohl ich als Journalistin recht gut weiß, wie man Leute am Telefon dazu bringt, Dinge zu verraten, die sie eigentlich für sich behalten sollten.« Der Skipper überlegte kurz und meinte dann: »Passiert ist passiert! Wir können die Dinge nicht ungeschehen machen. Lasst uns sehen, dass wir so schnell wie möglich von hier verschwinden. Ich habe schließlich noch den Auftrag euch vier wohlbehalten nach Auckland zu bringen!« »Und das Hydronit?«, rief Tomu entsetzt. »Jetzt wo Nabby wieder bei uns ist, sollten wir so schnell wie möglich die Polizei alarmieren!« »Glaubst du wirklich, die Inselpolizei wird eine Großfahndung nach denen einleiten?«, lachte Branagan höhnisch. »In Fidschi ist es an der Tagesordnung, dass unvorsichtige Touristen ausgeraubt werden. Was sollen wir der Polizei denn sagen, wenn sie uns fragen, was man uns gestohlen hat? Ein Glas voller Sand? Sehr witzig!« »Du weißt doch selbst, wie wichtig das Material für Alan Tubbs und unsere Firma ist! Wir können doch nicht einfach nach Hause fahren und so tun, als sei nichts geschehen!« Tomu konnte nicht begreifen, warum der Skipper plötzlich so sehr auf dieser übereilten Abreise beharrte. Der wurde nun jedoch erst richtig ungeduldig und haute erneut mit der Faust auf den Tisch: »Ich habe das Kommando über dieses Schiff und beende hiermit die Diskussion! Wir legen in wenigen Minuten ab und verlassen Fidschi - und falls das jemandem nicht passt, hat er ab jetzt genau fünf Minuten Zeit, um die Aurelius zu verlassen!« 14. Kapitel Rauchzeichen Goethit, auch als Nadeleisenerz oder Brauner Glaskopf bekannt, ist ein weit verbreitetes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung a-Fe 3+ 0(0H) und entwickelt meist nadel- bis radialstrahlige oder prismatische Kristalle, aber auch traubige bis nierige Aggregate von schwarzbrauner bis durch Verwitterung hellgelber Farbe bei gelbbrauner Strichfarbe. Das Mineral wurde nach dem deutschen Dichter (und Bergbaubeamten) Johann Wolfgang von Goethe benannt, der auch Mineraliensammler war. Am Stadtrand von Nadi wechselten Carlos Pencroff und die Borejew- Brüder das Fahrzeug. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes stand ihr Auto, das sie bereits am Vortag für eine ganze Woche angemietet hatten. Sie stellten den gestohlenen Van daneben, luden den Hydronitbehälter um und fuhren in Richtung Süden. In Sigatoka verließen sie die Küstenstraße und bogen ins Landesinnere ab. In der bergigen Wildnis erreichten sie das vorbereitete Versteck, wo sie das Hydronit, die Revolver und ihre Sturmhauben vergruben. Nur eine kleine Probe von dem grünen Sand nahmen sie mit. »Wir hätten die kleine Schlampe umlegen sollen!«, schimpfte Carlos Pencroff, als wieder zurück auf der Hauptstraße waren. Abdul Borejew, der am Steuer des Wagens saß, blickte seinen Beifahrer zunächst nur mitleidig an und antwortete dann: »Blödsinn! Wenn wir sie umgebracht hätten, wären wir in den kommenden Tagen einem gewaltigen Fahndungsdruck ausgesetzt gewesen.« »Na ja, statt sie laufen zu lassen, hätte sie uns ja wenigstens noch anderweitig nützlich sein können!« grummelte Pencroff und ging nicht näher darauf ein, wie er das meinte. Für Abdul Borejew war das Thema aber erledigt. »Wir fahren jetzt nach Suva, tauchen dort erstmal unter und beobachten, wie sich die Dinge entwickeln. Dieser Skipper wird bestimmt die Polizei informieren! Ich glaube aber nicht, dass die Fidschianer in so einem Fall viel unternehmen werden. Solange wir uns unauffällig verhalten, haben wir nichts zu befürchten.« Die Fahrt auf der engen und kurvenreichen Küstenstraße zog sich endlos dahin. Als die drei die Hauptstadt erreichten, war es bereits dunkel. Im Hafenviertel quartierten sie sich im erstbesten Hotel ein. Abdul und Aslan erklärten Pencroff, dass sie noch ein paar geschäftliche Dinge zu erledigen hätten. Es war offensichtlich, dass sie den nervigen Amerikaner für ein paar Stunden los sein wollten. Den störte das nicht im Geringsten. Er war froh, endlich wieder in einer halbwegs vertrauten Umgebung zu sein und zog von einer Kneipe in die nächste. Gegen Mitternacht kehrte er sturzbetrunken in sein Hotelzimmer zurück. Die Borejew-Brüder hatten das Hotel nur kurz verlassen, um in dem benachbarten indischen Restaurant eine Kleinigkeit zu essen. Die restliche Zeit hatten sie in ihrem Zimmer mit Geschäftspartnern in London und Grosny gechattet und all die Dinge erledigt, die in den vergangenen Tagen liegen geblieben waren. Als sie den Amerikaner in sein Hotelzimmer zurückkehren hörten, machten sie Feierabend und gingen zu ihm. »Pencroff, unser Verbindungsmann benötigt einen Beweis für die Wirksamkeit des Hydronits!« »Waaaas wollt ihr Heinis?« lallte Pencroff. »Einen Beweis? Bin ich Chemiker oder was?« Pencroffs glasiger Blick verriet den Tschetschenen, dass von dem betrunkenen Mann heute nicht mehr viel zu erwarten war. Sie wollten schon wieder gehen, als er sie zum Bleiben aufforderte: »Bleibt doch hier und lasst uns die Minibar leer saufen!« Seinen Vorschlag untermalte er mit einem lauten Rülpser. »Einen Beweis wollt ihr also haben! Einen Beweis! Nichts leichter als das! Ein Carlos Pencroff ist noch nie jemandem etwas schuldig geblieben!« Mit unsicheren Schritten wankte er zu dem kleinen Kühlschrank und warf einen Blick hinein. »Oh heilige Scheiße, wie soll das für drei erwachsene Menschen reichen?« brüllte er. Dann zog er eine Bierdose heraus und öffnete sie so schwungvoll, dass sich der halbe Inhalt auf Bett und Teppich verteilte. »Niemandem bin ich etwas schuldig geblieben - versteht ihr? Niemand! Einen Beweis? Den sollt ihr bekommen! Ihr habt nicht zufällig einen Joint dabei?« Abdul und Aslan sahen sich ratlos an. Sie überlegten, wie sie den Trunkenbold etwas beruhigen konnten, um nicht wegen Ruhestörung angezeigt zu werden. Was sie jetzt am wenigsten brauchten, war Ärger mit den Bullen. »Das hab ich mir schon gedacht, dass ihr Muselmanen nix Gescheites zum Rauchen habt!« Carlos Pencroff schüttelte verständnislos den Kopf und ging zur Zimmertür, wo seine Jacke am Garderobenhaken hing. »Alles muss man selber machen! Alles!« schimpfte er, während an seiner Jacke herumnestelte und schließlich seine Rauchutensilien heraus beförderte. »Wo habt ihr denn jetzt das Zeug? Wollt ihr nun euren Beweis oder nicht?« Aslan Borejew machte eine beschwichtigende Geste und verschwand in sein Hotelzimmer. Kurz darauf kehrte er mit einem Briefkuvert zurück, in dem sich die Hydronitprobe befand. Carlos hatte sich inzwischen an den Schreibtisch neben seinem Bett gesetzt und bereitete ein Zigarettenblättchen zum Drehen vor. Mit geübten Fingern verteilte er den Tabak auf dem dünnen Papier und hielt es Aslan Borejew vor die Nase. »Nun Jungchen, jetzt streu mir mal ein paar Kristalle da drauf!« Der junge Tschetschene zögerte zuerst, öffnete aber nach einem Kopfnicken seines Bruders das Kuvert und ließ einen ganzen Schwung Sandkörnchen auf den Tabak rieseln. »Nicht so viel!«, schrie Pencroff und begann sofort damit, den angereicherten Tabak in das Blättchen einzudrehen. Als die Rolle fest genug war, befeuchtete er mit seiner Zunge den Klebestreifen, strich mit dem Zeigefinger über die Klebestelle und zupfte die überstehenden Tabakfäden von den Rändern. »Jetzt werde ich euch den Beweis liefern!«, lallte er, während er die Zigarette zwischen seine Lippen schob und in seiner Hosentasche nach dem Feuerzeug kramte. Die beiden Borejew-Brüder überlegten währenddessen, was es wohl kosten würde, wenn das Zimmermädchen trotz eines großzügigen Trinkgelds den Verstoß gegen das Rauchverbot petzte. Pencroff wurde endlich fündig und zündete die Zigarette an. Mit tiefen Zügen inhalierte er bis in die tiefsten Verästelungen seiner schwarzen Raucherlunge. Sein jugendliches Drogenerlebnis war ihm selbst im Vollrausch präsent. Er wusste genau, welch intensive Geruchsempfindung nun gleich eintreten würde, wie die grünen Kristalle laut knacken und ein buntes Funkenfeuerwerk sich in der Glut der Kippe entzünden würde. Gierig zog er die blauen Nikotinwolken Zug um Zug ein. Die Tschetschenen sahen sich fragend an und wussten nicht, was dies alles sollte. Der Blick des durchgedrehten Amerikaners wurde mit jedem Lungenzug verkrampfter und verzweifelter. Als nach einer halben Minute nur noch ein kurzer Stummel übrig war, feuerte Pencroff die brennende Zigarette in die Zimmerecke und schrie so laut, dass man es im ganzen Hotel hören konnte: »Diese verdammten Schweine haben uns aufs Kreuz gelegt!« Teil 3 1. Kapitel Koordinaten Amethyst ist die violette Varietät des Minerals Quarz (Si0 2 ). Die Herkunft des Namens aus dem griechischen amethystos - „dem Rausche entgegenwirkend“ - drückt den alten Glauben aus, dass ein Träger von Amethyst gegen die berauschende Wirkung von Wein gefeit sei. Ebenso sollte Wein aus einem Becher aus Amethyst nicht betrunken machen. Ursprünglich ergab sich dieser (Aber)glaube aus dem Brauch, den (Rot-)Wein mit Wasser zu verdünnen, welcher dann eine rötlich-violette (amethystfarbene) Färbung annahm. Tomu hatte eine ganze Weile auf Roger Branagan eingeredet und mit allen Mitteln versucht, den Skipper von der überstürzten Abreise abzubringen. Kurz vor Ablauf des Fünf-Minuten-Ultimatums nahm er sein Handy und wählte die Büronummer von Alan Tubbs. Er erreichte aber nur dessen Sekretärin, die ihm bedauernd mitteilte, dass sich der CEO gerade auf einer Geschäftsreise befände und telefonisch nicht zu erreichen sei. Resigniert fand sich Tomu schließlich mit der Situation ab - und blieb auf dem Schiff. Branagan steuerte die Aurelius aus dem Hafen und gab auch in den folgenden Stunden das Ruder nicht aus der Hand. Erst nachdem es dunkel geworden war und die Aurelius sich längst wieder auf hoher See befand, übergab er das Kommando an Nelson. Dann ging er unter Deck zu den vier Passagieren, die im Salon die Köpfe hängen ließen. »Ich hätte von Bord gehen sollen«, jammerte Tomu, »und in den nächsten Flieger nach Neuseeland steigen. Wenn Alan erfährt, welchen Mist ich gebaut habe, kann ich mir sowieso einen neuen Job suchen!« »Jetzt mach dir doch keine Vorwürfe!«, versuchte Nabby ihn zu beruhigen. »Das hätte doch jedem passieren können!« Tomu schüttelte den Kopf. »Meine Firma hat einen Haufen Geld in dieses Projekt gesteckt und jetzt war alles umsonst. An Peters Tod bin ich auch schuld. Wenn ich Idiot ihn nicht in die Sache reingezogen hätte, wäre er noch am Leben!« Der Skipper schaute eine Weile ernst drein und meinte dann: »Die Situation ist nicht so aussichtslos, wie sie dir vielleicht im Moment vorkommt. Ich habe vor einer halben Stunde mit Alan telefoniert. Er weiß über alles Bescheid.« »Du hast Alan erreicht?« Tomu sah den Skipper mit großen Augen an. »Der ist doch auf Geschäftsreise!« »Ich habe seine private Handynummer - und soll euch alle schön grüßen!« Die Anwesenden blickten einander fragend an. Der Skipper blieb eine Weile stumm und ging dann zu dem kleinen Navigationstisch, der sich zwischen dem Salon und seiner Kabine befand. Dort kniete er sich auf den Boden und begann am Parkett herumzuhantieren. Unter den verwunderten Blicken seiner Passagiere öffnete er den Zugang zum Stromgenerator, dessen Dieselaggregat mit leisem Brummen die elektrische Versorgung der Aurelius sicherstellte. Branagan bückte sich in das tiefe Loch im Schiffsbauch und zog einen Metallkanister heraus. Keuchend hievte er das schwere Behältnis in den Salon und wuchtete es auf den Tisch. »Nichts ist so, wie es scheint«, murmelte er, während er den Verschluss nach oben schnappen ließ und den Kanister leicht zu Seite neigte. Tomus Onkel und Tante sprangen instinktiv zur Seite, um der unausweichlichen Dieseldusche zu entgehen. Was aus der Öffnung des Kanisters schwappte, war aber kein stinkender Treibstoff - sondern türkisgrüner Sand. »Alan ist schon ein gerissener Fuchs!«, sagte der Skipper. Er hat mir vor der Abreise ausdrücklich eingeschärft, das Hydronit so schnell wie möglich umzufüllen und in Sicherheit zu bringen!« »In diesem Kanister befindet sich unserer Hydronit?«, fragte Tomu ungläubig. »Was war dann in dem Glasbehälter, den die Verbrecher geklaut haben?« »So weit ich weiß Kupferphosphat. Alan hat es mir mitgegeben. Scheinbar hat er schon so etwas geahnt!« »Er hat damit gerechnet, dass wir unterwegs überfallen werden?« Tomu konnte nicht glauben, was er mit eigenen Augen sah. »Sieht wohl so aus!«, lachte Branagan. »Deswegen ist er ein erfolgreicher und wohlhabender Unternehmer, der sich eine schöne Yacht leisten kann und du nur ein kleiner dummer Raketeningenieur, der Flugbahnen berechnen muss.« »Kupferphosphat? Der Sand, den uns die Banditen geklaut haben, sieht doch genau so aus wie das Hydronit hier! Wie kann das sein?« »Frag mich doch nicht solche Sachen!«, erwiderte der Skipper ungehalten. »Ich bin schließlich nur ein einfacher Seemann und kein Chemiker. Ich weiß lediglich, dass unsere Freunde an dem Zeug nicht viel Freude haben werden. Es ist vollkommen wertlos. So weit ich weiß, kann man mit dieser Substanz Farbstoffe hersteilen. Mit etwas Glück können die Kerle damit ihre T-Shirts färben.« Die Stimmung im Salon schlug schlagartig um. Onkel Enele klopfte dem Skipper auf die Schulter. »Gut gemacht, Roger! Alle Achtung!« Auch Nabby konnte einen Jubelschrei nicht unterdrücken und fiel Tomu um den Hals. »Jetzt wird alles wieder gut! Ich denke, wir sollten auf unseren Helden anstoßen!« Sie sprang auf und lief an die Bar, um die Alkoholvorräte zu inspizieren. »Nicht so schnell, junge Frau«, bremste sie der Skipper. »Ich habe mit Alan vereinbart, dass wir uns in einer Stunde zu einer Videokonferenz treffen.« Dabei deutete er auf den großen Bildschirm an der Wand. »Er will mit euch das weitere Vorgehen besprechen.« Diese Ankündigung konnte Nabbys Feierlaune aber nicht verderben. Nachdem sie sich einen groben Überblick über das Inventar der Bar verschafft hatte, begann sie damit ein paar Cocktails zu mixen und an die versammelte Mannschaft zu verteilen. Als nach einer Stunde das Gesicht von Alan Tubbs auf dem Bildschirm erschien, war keiner der Anwesenden mehr ganz nüchtern. »Leute, die Situation ist ernst!«, mahnte der CEO, nachdem man ihm ausführlich Bericht erstattet hatte. »Wir müssen davon ausgehen, dass diese Kriminellen alles daran setzen werden, um in den Besitz des Hydronits zu gelangen!« »Solange wir auf See sind, haben wir wenig zu befürchten«, meinte der Skipper. »Ich mache mir allerdings Sorgen, was unsere Rückkehr in den Hafen von Auckland angeht! Wir sind schätzungsweise noch zwei Wochen unterwegs. Bis dahin haben die Kerle wahrscheinlich spitzgekriegt, dass sie hereingelegt wurden und werden ihr Glück nochmal versuchen!« »Ich werde die lokalen Sicherheitsbehörden rechtzeitig informieren«, beruhigte ihn Alan Tubbs. »Aber jetzt klärt mich mal darüber auf, wer die hübsche junge Dame in eurer Mitte ist!« Während der Begrüßungsrunde war die amerikanische Journalistin dem CEO kurz vorgestellt worden, bei der Schilderung des Überfalls waren aber weder Tomu noch Roger Branagan auf den Grund von Nabbys Anwesenheit eingegangen. Sie musste daher noch einmal bei Adam und Eva anfangen und über die Ereignisse berichten, die sich vor mehr als hundert Jahren zugetragen hatten. Tubbs outete sich dabei als großer Fan von Jules Verne. In seiner Kindheit hatte er sämtliche Romane des französischen Science-Fiction-Autors verschlungen und dessen technische Weitsicht und Detailkenntnis bewundert. Ganz besonders der Roman "Reise um den Mond” hatte es ihm angetan und seine spätere Berufswahl als Raketenunternehmer entscheidend beeinflusst. Aufmerksam folgte er der Schilderung von Nabbys Familienchronik und meinte am Schluss: »Wenn ich das richtig verstanden habe, können wir also davon ausgehen, dass es irgendwo auf der Erde ein großes Hydronitvorkommen gibt! Dieser russische Kapitän, von dem Mrs. Hathaway erzählte, hat es entdeckt. Und wir können momentan nicht ausschließen, dass noch jemand davon Kenntnis hat.« »Wenn jemand den genauen Ort kennen würde, hätte sich das längst hemmgesprochen«, meinte Tomu. »Peter und ich sind doch auch recht schnell auf die außergewöhnlichen Eigenschaften dieser Substanz gestoßen.« »Und in der Hütte dieses Fischers gab es keine weiteren Hinweise?«, versicherte sich Alan Tubbs. »Es gab da so eine alte gravierte Inschrift«, sagte Tomu. »Wir haben sie mitgenommen. Wenn du willst, kann ich sie holen. Sie liegt in meiner Kabine.« Er sprang auf, um die alte Kupferplatte aus seinem Koffer zu holen. Als er zurückkehrte, hielt er sie nah vor die Kamera, die über dem Bildschirm angebracht war und den ganzen Schiffssalon für die Videokonferenz erfasste. »N - Mobilis in Mobili«, las Alan Tubbs laut vor, nachdem die Kamera auf die Inschrift fokussiert hatte. »Wenn ich mich recht entsinne, war das doch das Motto dieses sagenhaften U-Boots von Kapitän Nemo!« »Genau!«, pflichtete Tomu seinem Chef bei. »Das große N steht für Nautilus. Nabby schwört aber Mark und Bein, dass es weder ein U-Boot, noch einen Kapitän Nemo je gegeben hat. Die Nautilus war vielmehr das havarierte Schiff dieses Kapitän Nemejew.« »Welches angeblich bereits über einen modernen Wasserstoffantrieb verfügt haben soll«, ergänzte Tubbs. »Wie modern dieser Antrieb tatsächlich war, sei mal dahingestellt«, meinte Tomu. »Nach allem was wir wissen, ward das Schiff danach nie mehr gesehen.« Der CEO grübelte. »So ein Schiff kann doch nicht einfach spurlos verschwinden! Gab es denn diese Insel namens "Lincoln” wirklich, die als Vorlage für Jules Vernes geheimnisvolle Insel diente?« Nabby schüttelte vehement den Kopf. »Das sind alles Fantasiegespinste von diesem französischen Schreiberling. Die echte Nautilus befand sich damals auf einer kleinen namenlosen Insel südlich von Hawaii. Mein Ur- Ur-Urgroßvater hat die Koordinaten nach seiner Rettung in seinem Tagebuch genau dokumentiert. Es gibt dort weder aktive Vulkane noch sonstige Besonderheiten. Wahrscheinlich ist das Schiff nach seiner Weiterfahrt in einen Sturm geraten und gesunken. So etwas soll zu dieser Zeit wohl öfter vorgekommen sein!« Tomu, der noch immer die alte Kupferplatte vor die Kamera hielt, wollte gerade seinen schwankenden Stehplatz verlassen, als Nabby plötzlich auf die Platte zeigte und aufgeregt rief: »Da hinten ist etwas eingraviert!« Tomu kehrte in die Mitte des Salons zurück und legte das alte Relikt mit der Rückseite nach oben auf den Tisch. »Das sind Zahlen!«, rief er. »Zwanzig und Hundertvierzig - was könnte das bedeuten?« Die Konferenzteilnehmer schauten sich ratlos an. Und auch das Gesicht von Alan Tubbs, das ihnen von Bildschirm entgegenblickte, wirkte nicht so souverän wie sonst. »Ein Datum vielleicht?«, meinte Onkel Enele. »Wohl kaum«, meinte Nabby und schüttelte den Kopf. »Die echte Nautilus ist so um das Jahr 1870 herum gestrandet. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass dieser Nemejew das Hydronitvorkommen einige Jahre zuvor gefunden hat, machen diese Zahlen keinen Sinn.« »Eine Preisangabe?«, schlug Tomu vor. »Sagtest du nicht, dass dieser Cyrus Smith diese Kupferplatte vielleicht selbst in Auftrag gegeben hat, nachdem er Jules Vernes Romane gelesen hatte?« Nabby schüttelte erneut skeptisch den Kopf. »Selbst wenn es so gewesen wäre, dann hätte es sich um eine einmalige Auftragsarbeit gehandelt. Ein Einzelstück sozusagen, das ein Graveur nach Smiths Vorstellungen angefertigt hat. Da graviert man doch keinen Preis hinein! Die Initialen des Künstlers meinetwegen, aber doch keine Zahlen! Außerdem was hätte das für ein Preis sein sollen? 140 Dollar und 20 Cent? Zu der Zeit waren 140 Dollar doch noch ein richtiges Vermögen! Und arme Handwerker gab es damals wie Sand am Meer, die solche kunstvollen Arbeiten für wenig Geld anfertigten.« »Es könnten die Geo-Koordinaten des Hydronitvorkommens sein!«, rief Roger Branagan und lief zum Navigationstisch. Er überflog einige seiner Seekarten und kehrte dann enttäuscht an den Konferenztisch zurück. Das liegt irgendwo zwischen den Gesellschaftsinseln und Pitcairn. In dieser Region gibt es zwar jede Menge kleinerer Inseln, bei 140/20 ist aber der Pazifik viel zu tief, als dass man zu der damaligen Zeit den Meeresboden hätte erreichen können, geschweige denn irgendein Mineral dort abbauen. Die versammelte Runde sah, wie sich Alan Tubbs nachdenklich am Kinn kratzte und schließlich meinte: »Wenn das die Gradangaben von Geo- Koordinaten sind, dann sind sie viel zu ungenau für eine bestimmte Ortsangabe. Da fehlen noch die Winkelminuten und die Sekundenangaben!« Tomu stimmte zu: »Wenn das nur ein ungefährer Hinweis auf die Fundstelle ist, dann entspräche das der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.« Alan Tubbs kratzte immer noch gedankenverloren sein Kinn. »Du hast recht Tomu! Wenn wir die gesamte Region um diese Koordinaten herum absuchen wollen, wären wir jahrelang beschäftigt und würden vermutlich trotzdem nichts finden. Vielleicht gibt es aber doch eine Möglichkeit diesen Ansatz zu verfolgen. Ich glaube, ich hab da eine Idee! Mal sehen, was unsere Experten in der Firma dazu sagen.« »Jetzt spann uns nicht so auf die Folter!«, rief Tomu ungeduldig. Der CEO schüttelte jedoch lächelnd den Kopf. »Das ist mir momentan noch zu unausgegoren! Da musst du dich schon noch ein bisschen gedulden. Ihr seid ja sowieso noch eine Weile auf See. Ich schlage ein Folgemeeting in drei Tagen vor. Vielleicht weiß ich dann ja schon mehr! Jetzt muss ich aber leider Schluß machen! Morgen steht ein wichtiges Meeting mit amerikanischen Regierungsvertretern auf meinem Terminplan. Ich wünsche euch eine gute Reise - oder Mast- und Schotbruch, wie wir Segler sagen. Aber nehmt das bitte nicht wörtlich! Und eins noch, Tomu: Wenn du wieder einen Anruf von einer dir unbekannten Person bekommst: Fall bitte nicht wieder auf jeden billigen Enkeltrick herein! Versprichst du mir das?« Nur eine Sekunde später wurde der große Bildschirm schwarz. Alan Tubbs hatte die Videokonferenz beendet, ohne die Antwort seines Mitarbeiters abzuwarten. 2. Kapitel Sex on the Beach Mineralwasser ist nach der deutschen Mineral- und Tafelwasserverordnung ein Grundwasser mit besonderen Eigenschaften. Mineral- und Heilwässer werden nach den drei Haupttypen Chlorid-Wässer, Sulfat-Wässer und Hydrogencarbonat-Wässer klassifiziert. Ab einem Mineralstoffgehalt von mindestens 1.500 mg/1 darf ein Mineralwasser den Hinweis „Mit hohem Gehalt an Mineralien“ tragen. Auch wenn es im begrenzten Umfang zur Mineralstoffversorgung beitragen kann, wird der menschliche Bedarf an Mineralstoffen jedoch überwiegend durch feste Nahrung gedeckt. Am nächsten Tag blies der Wind ungünstig aus südlicher Richtung. Roger Branagan war gezwungen hart am Wind in Richtung Tonga zu segeln. Er vertraute der Wettervorsage, die für die kommenden Tage einen auf Ost drehenden Wind verheißen hatte. Der kleine Umweg würde dann sicher nicht sehr ins Gewicht fallen. Tags darauf schlief der Wind allerdings erst einmal völlig ein. Die weißen Segel der Aurelius hingen schlaff vom Mast herab und an Bord breitete sich Langeweile aus. Tomu und Nabby verzogen sich auf das Vorderdeck, wo sie im Schatten des riesigen Genuasegels relaxten. »Könntest du mir bitte den Rücken eincremen?«, bat Nabby und streifte das Oberteil ihres engen Bikinis herunter. Tomu rappelte sich hoch und nahm die Plastikflasche mit der Sonnenmilch entgegen. Nabby legte sich flach auf ihr Handtuch und schloss die Augen, während Tomu vorsichtig etwas von der weißen Milch auf ihren Rücken spritzte und langsam damit begann, die schmierige Flüssigkeit auf ihrer Haut zu verteilen. »Ich wusste gar nicht, dass Neger - äh, ich meine dunkelhäutige Menschen - na du weißt schon was ich meine - dass ihr auch Sonnencreme benutzt.« Nabby drehte ihren Kopf zur Seite und blickte Tomu vorwurfsvoll an. »Ich kann genauso schnell Sonnenbrand bekommen wie du - und Hautkrebs auch! Wenn du einen guten Rat von mir willst: Creme dich gut ein! In diesen Breiten brennt die Sonne auf dem Wasser unbarmherzig herab - auch im Schatten!« Tomu murrte nur gleichgültig und fuhr fort die Sonnenmilch auf Nabbys makellosem Rücken zu verteilen. Mit leichtem Druck strichen seine Hände über ihre durchtrainierten Muskeln. Seine gespreizten Daumen spürten jeden einzelnen Knochen ihrer biegsamen Wirbelsäule. Als er an den Schulterblättern angekommen war und Nabbys Hals leicht massierte, ließ diese ein entspanntes Brummen vernehmen. Kurz darauf blieb sein Blick auf dem Weg nach unten an ihren wohlgeformten Pobacken hängen. Und als seine Augen geradezu hypnotisiert das bisschen Stoff ihres Bikiniunterteils zwischen ihren Beinen musterten, bekam er eine Erektion. Nabby wollte noch ein paar weitere mahnende Worte in Sachen gefährlicher UV-Strahlung an ihn richten, als sie die Beule in seiner Badehose bemerkte. Lächelnd und ohne weitere Worte ließ sie sich wieder entspannt auf ihr Handtuch sinken und wartete, bis Tomu sein Werk an ihr verrichtet hatte. Der hatte mittlerweile auch ohne Sonneneinwirkung einen roten Kopf bekommen und ließ sich bäuchlings neben ihr nieder. »Wir Polynesier sind ziemlich resistent gegen Sonnenstrahlung!«, meinte er überheblich und tat, als wolle er wieder eindösen. In Wirklichkeit wartete er sehnlichst darauf, dass in seiner Hose wieder Ruhe einkehren würde und er endlich eine erträgliche Liegeposition einnehmen könnte. »Sag mal«, begann Nabby, die das Gespräch in unverfängliche Bahnen lenken wollte, »dieses Hydronit ist doch sicher nicht nur für eure Raketenfirma ein Segen! Das eröffnet doch unzählige neue Anwendungsmöglichkeiten!« »Das kannst du laut sagen«, antwortete Tomu mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht. »Wenn du mich fragst, wird die photokatalytische Wasserspaltung die Energieversorgung auf unserer Erde grundlegend revolutionieren! Wasserstoff ist ein wunderbares Speichermedium! Besser als alle Alternativen, die wir heute kennen. Schau dir nur mal diese Lithium-Ionen-Akkus an, auf die wir momentan angewiesen sind. Der Kampf um die erforderlichen Rohstoffe hat schon längst begonnen! Dabei stehen wir bei der Elektromobilität noch ganz am Anfang! Was soll erst werden, wenn die Erdölvorräte auf gebraucht sind und alle Autos elektrisch fahren müssen?« »Warum erzeugt man den Strom denn nicht im großen Stil aus regenerativen Energien wie Wind und Sonne? Photovoltaik gibt doch schon lange! Was ist denn der Unterschied zu dieser Wasserspaltung?« »Das Problem ist, dass man diese Energieformen schlecht speichern kann. Es nützt ja nichts, wenn man nur dann Strom zur Verfügung hat, wenn die Bedingungen gerade günstig sind. Schau dir doch mal die armen Nordeuropäer an! Die müssen im Winter ihre Häuser heizen! Tag und Nacht und unabhängig davon, ob gerade Wind weht oder nicht. Photovoltaik kannst du in diesen Breiten im Winter voll vergessen! Selbst wenn die Sonne scheint, sind die Tage so kurz und der Einfallswinkel der Sonne ist so schlecht, dass man niemals sein Haus damit warm bekäme! Windenergie lässt sich auch nur an einigen exponierten Stellen erzeugen und nicht da, wo sie wirklich gebraucht wird. Außerdem will niemand so einen Masten in seiner Nähe stehen haben.« »Was ist mit Pumpspeicherkraftwerken?«, fragte Nabby. »Ich habe mal gelesen, dass man den überschüssigen Strom dafür nutzen könnte, um Wasser in ein höheres Reservoir zu pumpen um es zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu verströmen.« »Das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein! Die Realisierbarkeit solcher Kraftwerke hängt außerdem immer sehr von den regionalen Gegebenheiten ab. In Neuseeland, wo wir hohe Berge und viel Wasser haben, macht so etwas durchaus Sinn! Aber denke mal an Länder wie Tuvalu: Wo soll man da Wasser hin pumpen?« »Könnte man nicht künstliche Türme errichten?« Tomu winkte ab. »Die Energie, die man in die Errichtung eines solchen Turmes stecken müsste, bekäme man nie wieder heraus! So eine Anlage rechnet sich nur bei großen Höhendifferenzen, wenn die geologischen Gegebenheiten die Anlage eines solchen Wasserreservoirs ermöglichen.« »Und eure Wasserspaltung ist die Lösung all dieser Probleme?« »Ja! Man benötigt zwar auch Sonnenenergie, genau wie bei der Photovoltaik, aber man hat den Riesenvorteil, dass man die umgewandelte Energie solange speichern kann, bis man sie wirklich benötigt. Dabei ist diese Technik wunderbar skalierbar!« »Wie meinst du das?«, fragte Nabby verunsichert. »Es geht dabei um die Infrastruktur, die man für solch eine Wasserstoffwirtschaft aufbauen muss. Heute wird Wasserstoff von ein paar wenigen hochspezialisierten Firmen industriell hergestellt und verteilt. Wenn sich die Photokatalyse mit unserem Hydronit durchsetzt, kann jeder Eigenheimbesitzer sein kleines Privatkraftwerk betreiben und völlig autark Wärme und Strom produzieren. Alles was er dazu benötigt ist Wasser, Sonne und ein wenig Hydronitsand als Katalysator. Die erforderliche Komprimierung des erzeugten Wasserstoffs verringert den erreichbaren Wirkungsgrad so einer Anlage zwar ein wenig, da Sonnenlicht aber nichts kostet, ist das nur eine Frage der Dimensionierung.« »Könnte man mit so einem Wasserstoff tank im Garten dann auch sein Auto betreiben?« »Natürlich! Die Brennstoffzellentechnologie ist schon seit Jahren so weit ausgereift, dass das problemlos geht.« »Und wer kein eigenes Haus hat? Wo soll der seinen Strom her bekommen?« »Das ist alles nur eine Frage der Verteilung. Jede Stadt und jede kleine Kommune könnte in ihrem Gebiet sicherstellen, dass für alle Einwohner immer genügend Wasserstoff zur Verfügung steht. Was der eine zu viel verbraucht, muss eben ein anderer oder die Kommune erzeugen. Die Abrechnung ist vielleicht dabei nicht ganz einfach. Hauptsache ist aber, dass Sonnenenergie im ausreichendem Maß zur Verfügung steht. Und die gibt es, über das ganze Jahr betrachtet, in Hülle und Fülle! Man muss sie nur speichern können und das ermöglicht die Photokatalyse auf einzigartige Weise!« »Ich glaube, du wirst einmal ein berühmter Mann werden!«, grinste Nabby ihren Handtuchnachbarn an. »Und du hast die Chance von Anfang an dabei zu sein und darüber zu berichten!«, grinste Tomu breit zurück. »Aber jetzt mal in Ernst!«, erwiderte Nabby nachdenklich. »Wenn diese Technologie all unsere Energieprobleme auf einen Schlag lösen würde - wer brauchte dann noch die heutigen Stromversorgungsunternehmen? Und was ist mit den Mineralölfirmen? Die wären bestimmt auch nicht begeistert, wenn jeder sein Auto am eigenen Wasserstoffbehälter auftanken könnte.« »Tja«, meinte Tomu nur lapidar und zuckte mit den Schultern. »Eine Runde Mitleid für die Energieindustrie!« »Nein, ernsthaft! Die würden doch bestimmt alles unternehmen, damit ihnen ihr bisheriges Geschäftsmodell nicht wegbricht!« Tomu nickte mit dem Kopf. »Ich weiß schon worauf du hinaus willst! Du fragst dich, ob ein Energiekonzern hinter dem Mord an Peter stecken könnte. Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt, aber irgendwie glaube ich nicht so recht daran. Das traue ich denen einfach nicht zu!« »Wahrscheinlich hast du recht«, antwortete Nabby etwas nachdenklich. Dann sprang sie jedoch auf und vervollständigte ihren Bikini. »Ich hab jetzt Lust zu schwimmen!«, rief sie und gab Tomu einen heftigen Klaps auf den Hintern. »Komm mit! Kaltes Wasser ist gut gegen Verspannungen!« Dann stürzte sie sich mit einem eleganten Kopfsprung über die Reling ins kühle Nass. Tomu zögerte einen kurzen Augenblick und folgte ihr dann auf die gleiche Weise. Laut prustend umkreisten sie zweimal die Aurelius, die stumm und träge auf der spiegelglatten Oberfläche des pazifischen Ozeans dahindümpelte und sehnlichst darauf zu warten schien, dass die Flaute endlich ein Ende hätte. Einmal tauchten sie sogar unter dem Kiel der Yacht hindurch und hätten dieses Spiel wahrscheinlich noch öfter wiederholt, wenn nicht Nelson Parker ihnen plötzlich vom Achterdeck aus zugerufen hätte: »Wisst ihr eigentlich, dass es in diesen Gewässern Haie gibt?« Dabei ließ er beiläufig die Badeleiter am Heck ins Wasser gleiten. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis seine Passagiere wieder vollzählig an Bord waren und den Bootsmann ungläubig anstarrten. »Ausschließen kann man’s jedenfalls nicht«, sagte er nur lachend und zündete sich eine Zigarette an. Jedes Mal wenn er den Rauch nach oben blies, betete er zu Neptun, dass sich doch endlich ein verräterischer Wirbel zeigen möge. Und noch bevor er die ausgerauchte Kippe über Bord warf, wurde sein Bitten tatsächlich erhört: Die Meeresoberfläche begann sich leicht zu kräuseln und nach wenigen Minuten nahm die Aurelius ordentlich Fahrt auf. Nach dem erfrischenden Bad, mundete das Abendessen den jungen Leuten heute ganz besonders. Smutje Nelson hatte sich besondere Mühe gegeben und alles aufgefahren, was die Schiffskombüse hergab. Zum krönenden Abschluss schüttelte Nabby, zur Freude aller Anwesenden, erneut den Cocktail Shaker. Tomu wünschte sich einen ”Sex on the Beach”, während die anderen Anwesenden nicht so sehr auf Wodka standen und mehr Rum-basierte Rezepte wie Mai Tai, Zombie oder Mojito bevorzugten. Lediglich Nabby schloß sich Tomus Bestellung an, was wahrscheinlich ihrer Vorliebe für fruchtigen Pfirsichlikör geschuldet war. Nachdem Nelson im Salon klar Schiff gemacht hatte, trat er auf dem Achterdeck die Nachtwache an. Der Skipper gesellte sich zu Onkel Enele und Tante Ana und erzählte ihnen von den vielen Segelregatten, die er in den vergangenen Jahren gewonnen hatte und von der Weltumsegelung, die er seit langem plante. Tomu und Nabby saßen etwas abseits und machten sich Gedanken über die Zukunft. Mit jedem Cocktail, den sie zu sich nahmen, steigerte sich ihre Euphorie über die all die großartigen Dinge, die sie Dank des Hydronits in ihrem Leben einmal erreichen könnten. Tomu schwärmte vom Besitz einer Segelyacht wie der Aurelius, mit der er dann alle sieben Weltmeere bereisen würde. Nabby träumte davon, für ihre Reportage den Pulitzer-Preis zu bekommen und in allen Ländern dieser Erde Vorträge über die Lügengeschichten des Jules Verne zu halten. Als ihr nach dem vierten Cocktail kein weiteres erstrebenswertes Ziel mehr einfiel, beugte sie sich zu Tomu und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe auf meinem Notebook den Stammbaum meiner Familie. Willst du ihn mal sehen?« Sie ergriff Tomus Hand und führte ihn in ihre Kabine. Dort angekommen ließ sie leise die Tür ins Schloss fallen und verriegelte sie von innen. Draußen war das schallende Gelächter von Tomus Verwandten zu hören, die sich über das Seemannsgarn des Skippers köstlich amüsierten. Tomu ließ seine Augen durch Nabbys Kabine schweifen und blieb an dem MacBook hängen, der aufgeklappt auf dem schmalen Tischchen neben Nabbys Betts stand. Nabby warf ebenfalls einen kurzen Blick auf ihr wichtigstes Arbeitsutensil, klappte aber nur krachend das Display mit dem weißen Apfel herunter und sagte: »Vielleicht verschieben wir das doch besser auf morgen!« Mit Schwung zog sie ihr T-Shirt über den Kopf und begann an Tomus Hose herumzunesteln. Der starrte zuerst nur gebannt auf ihre dunklen Brüste und ließ sie gewähren. Dann zog er sie zu sich und begann mit seinen Händen ihren weichen Oberkörper zu erkunden. Sanft kreisten seine Finger über ihre Brustwarzen, die mit jeder seiner Berührungen praller und härter wurden. Nabby hatte inzwischen seine Hose heruntergerissen und begann mit ihren Fingern sanft über seinen muskulösen Bauch nach unten zu wandern. Tomu stöhnte leise auf, als er fühlte, wie sie seinen Penis zu massieren begann. Er schloss die Augen und ließ sich rücklings auf das weiche Bett fallen. »Ich mag’s gern hart!«, flüsterte ihm Nabby ins Ohr, während er spürte, wie sein Glied in ihren Fingern immer steifer und steifer wurde. Kraftvoll riss er Nabby zu sich herab, zog sie fest an sich und wälzte sich mit ihr wiederholt über das breite Bett. Dann bemerkte er, dass er noch halb angezogen war. So schnell er konnte, entledigte er sich seiner verbliebenen Klamotten. Danach wandte er sich wieder Nabby zu, riss ihr Shorts und Slip herunter und drückte ihre Beine auseinander. »Nimm mich jetzt!«, stöhnte sie ihm ins Ohr, während er auf ihr lag und seinen Körper fest gegen den ihren presste. Einen Moment lang bäumte er sich auf, als er spürte, wie sie erneut sein Glied umfasste und zwischen ihre weit gespreizten Beine führte. Langsam drang er in sie ein, erst vorsichtig, dann mit immer fester werdenden, stoßartigen Bewegungen. Im Rhythmus des sich durch die Wellen kämpfenden Segelschiffs, rammte er wieder und wieder seinen Unterleib zwischen die feuchten Schenkel der lustvoll stöhnenden Frau. Nabby krallte ihre Fingernägel in seine Pobacken und zog ihn fest in sich hinein. Mit jedem Stoß seiner Lenden steigerte sich Tomus Erregung bis er schließlich in ihr explodierte und keuchend zur Seite fiel. »War das schon alles?«, grinste Nabby und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Für eine Weile lagen die beiden schweißgebadet und eng umschlungen auf dem Bett und betrachten durch das kleine Fenster in der Schiffswand den Sternenhimmel. »Liebst du mich?«, fragte Nabby nach ein paar Minuten und strahlte Tomu glücklich und zufrieden an. »Ja«, antwortete Tomu einsilbig und drückte ihren weichen Körper fest an sich. Dann begannen seine Hände erneut ihre schweißperlenbedeckte Haut zu streicheln und nach unten zwischen ihre warmen Schenkel zu wandern. Nelson Parker wunderte sich in dieser Nacht mehrmals über die merkwürdigen Schaukelbewegungen der Segelyacht. 3. Kapitel Spektralfarben Als Eis wird gefrorenes Wasser bezeichnet, welches - neben flüssigem Wasser und Wasserdampf - dessen dritten möglichen klassischen Aggregatzustand darstellt. Eis bildet sich im Allgemeinen bei der Abkühlung von flüssigem Wasser oder Wasserdampf auf null Grad Celsius und zählt als natürlich vorkommender kristalliner Festkörper mit einer definierten chemischen Zusammensetzung ebenfalls zu den Mineralen. Aufgrund seiner chemischen Struktur H 2 Q gehört Eis zur Stoffgruppe der Oxide. Am folgenden Tag war der Himmel dicht bewölkt. Es wehte ein kräftiger Ostwind. Roger Branagan stand am Ruder, während sein Bootsmann in der Kabine schlief. Tomu kurierte seinen Sonnenbrand und Muskelkater aus und unterhielt sich auf dem Achterdeck mit dem Skipper, während Onkel Enele am Heck der Aurelius eine Angelrute ins Meer hielt und den Hauptgang für das Abendessen fing. Nabby und Tante Ana saßen unter Deck und schauten sich einen Videofilm an. Dabei kicherten sie wie zwei Schulmädchen. Obwohl die beiden Frauen einen völlig unterschiedlichen Bildungshintergrund hatten, verstanden sie sich prächtig. Der Tag plätscherte dahin. Erst gegen Abend stieg die Spannung, weil eine weitere Videokonferenz mit Alan Tubbs auf dem Programm stand und alle neugierig waren, was hinter den vagen Andeutungen steckte, die der Firmenchef beim letzten Mal gemacht hatte. Als das Meeting begann, erkannte Tomu auf dem Monitor sofort das luxuriöse Büro seines Chefs wieder, der es sich mit zwei weiteren Personen auf den Ledersesseln bequem gemacht hatte. Zu seiner Rechten saß Gordon Jennings, der Vorgesetzte von Peter, den Tomu noch in schlechter Erinnerung hatte. Der andere Mann gehörte ebenfalls zur obersten Führungsriege von Rocketeer: Es war Eric Stewart, der CTO 10 und Entwicklungsleiter, auf den Tomu große Stücke hielt. Als Gordon Jennings die vielen dunkelhäutigen Gesichter im Salon der Aurelius bemerkte, meinte er gleich einen seiner üblichen Scherze loswerden zu müssen: »Hallo Tomu, ich wusste gar nicht, dass ihr euch mit einem Langboot der Eingeborenen auf den Heimweg gemacht habt!« Alan Tubbs grinste seinen Chefchemiker nur kopfschüttelnd an und ließ sich dann von Roger Branagan die momentane Position seiner Segelyacht durchgeben. »Ihr liegt ja super in der Zeit!«, meinte er anerkennend, bevor er zum entscheidenden Tagesordnungspunkt überging: »Ich habe gute Neuigkeiten! Wir denken, dass wir das Hydronitvorkommen bald lokalisieren können.« Tomu sah ihn ungläubig an und fragte: »Und wie, wenn ich fragen darf?« Der CEO lehnt sich in seinen Sessel zurück und antwortete: »Das kann euch Eric bestimmt besser erklären. Eric, wärst du bitte so freundlich?« Der Entwicklungsleiter räusperte sich und begann mit seinem Vortrag: »So wie die Dinge liegen, stehen wir vor der großen Herausforderung eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Irgendwo in den Weiten des Pazifiks liegen die Reste eines Meteoriten, der vor langer Zeit auf der Erde einschlug und eine große Menge - ich nenne es mal Hydronitgestein - mit sich brachte. Als Alan mich vorgestern fragte, ob es eine Möglichkeit gäbe diesen Ort zu finden, hielt ich dies zuerst für völlig unmöglich. Aber ihr kennt ja Alan und dass er sich nicht so schnell geschlagen gibt.« Dabei warf er dem Firmenchef einen vielsagenden Blick zu. Der CEO ergriff spontan das Wort: »Ich habe mir folgendes gedacht: Was passiert, wenn ein Passagierflugzeug ins Meer stürzt und man die Absturzstelle finden will?« 10 CTO: Chief Technology Officer - Der technische Direktor bzw. leitende Ingenieur einer Firma Tomu antwortete: »Man sucht nach dem Signal des Flugschreibers. Der sendet noch einige Tage nach dem Absturz Ultraschallsignale aus und ermöglicht eine Ortung des Wracks.« »Richtig!« rief Alan Tubbs. »Man sucht solange in der Absturzregion, bis man das Signal empfängt!« Tomu stutze und meinte: »Das funktioniert aber auch nicht immer, wie man damals bei der vermissten Boeing der Malaysia Airlines gesehen hat. Ihr erinnert euch? Flug MH-370?« Die drei Führungskräfte zuckten zusammen, als hätte Tomu gerade ein Firmengeheimnis ausgeplaudert. Offenbar wussten die drei Manager etwas über die damalige Suchaktion, was nicht an die Öffentlichkeit gedrungen war. Der CEO ging schnell über Tomus Einwand hinweg: »Ortungssignal! Genau das meine ich! Der Flugschreiber eines abgestürzten Flugzeugs sendet Ultraschallsignale aus, sobald er mit Wasser in Berührung kommt - und ermöglich damit eine Lokalisierung der Absturzstelle.« Tomu wusste nicht so recht, worauf sein Chef hinaus wollte: »Aber ein vor Jahrmillionen auf der Erde aufgeschlagener Meteorit wird doch wohl kaum Ultraschallsignale aussenden!« Eric Stewart wiegte seinen Kopf bedächtig hin und her: »Na ja, das habe ich zuerst auch gedacht. Aber darüber kann euch Gordon vielleicht mehr erzählen!« Gordon Jennings nahm sofort den Ball auf und legte mit seinen Ausführungen los: »Es geht hier in der Tat nicht um Ultraschall. Trotzdem ist dieser Meteorit aber durchaus in der Lage, uns Informationen über seine Position zu senden! Man muss nur wissen, auf welcher Frequenz man lauschen muss!« Tomu verstand gar nichts - und die anderen Konferenzteilnehmer im Salon noch viel weniger. »Nun«, fuhr Jennings fort, »was wissen wir über das Hydronit? Es begünstigt eine photokatalytische Reaktion, wenn man es mit Wasser und Schwefelsäure versetzt und mit Lichtstrahlen bombardiert! Unter diesen Umständen spaltet es die Wassermoleküle in Wasserstoff und Sauerstoff auf.« »Und was hilft uns das?«, fragte Tomu ratlos. »Gehen wir mal davon aus, irgendwo da draußen im Pazifik liegt ein riesiger Hydronitklumpen im Meer. In geringer Tiefe - denn sonst wäre man vor hundertfünfzig Jahren nicht in der Lage gewesen, ranzukommen und etwas davon abzutragen. Gehen wir weiterhin davon aus, dass es sich bei Meerwasser nicht um reines H 2 0, im Sinne von destillierten Wasser handelt. Das Salzwasser in den Meeren besteht aus einer bunt gemischten Zusammensetzung chemischer Elemente, von den Schwermetallen und dem Plastikmüll darin mal ganz zu schweigen. Wir können also annehmen, dass dieses Hydronit von Wasser umgeben ist, das in winzigen Spuren auch Schwefelsäure oder andere geeignete Elektrolyte enthält, die zusammen mit Sonnenlicht eine leichte photokatalytische Reaktion in Gang setzen. Das Hydronit selbst verbraucht sich dabei nicht, weil es, wie wir wissen, nur als Katalysator wirkt. Im Grunde findet an der Einschlagstelle seit Jahrmillionen derselbe Prozess, wie in unseren Laborversuchen statt. Der einzige Unterschied ist, dass man eine sehr empfindliche Messtechnik zum Nachweis benötigt. Der erzeugte Wasserstoff entschwindet nämlich aufgrund seines geringen spezifischen Gewichts sofort in die Atmosphäre und regeneriert dort mit Sauerstoff wieder zu gewöhnlichem Wasserdampf.« Tomus Gesichtsausdruck hellte sich langsam auf. »Ihr glaubt also, dass irgendwo im Pazifik ein Ort existiert, an dem geringfügig erhöhte Mengen von Wasserstoff und Sauerstoff messbar sind!« »Richtig!« antwortete der Chefchemiker und klatschte in die Hände. »Irgendwo da draußen gibt es bei Sonnenschein eine leichte erhöhte Wasserstoff- und Sauerstoffkonzentration, die von den üblichen Werten abweicht!« »Also doch wieder die Nadel im Heuhaufen«, erwiderte Tomu enttäuscht. »Wie sollen wir denn diese Stelle finden?« »Mittels Spektralanalyse!«, rief Jennings. »Ich weiß nicht, ob dir der Begriff Linienspektrum etwas sagt. Jedes leuchtende Gas sendet unterschiedliche Lichtfrequenzen aus. Kennt man das Spektrum einer Lichtquelle, kann man daraus schließen, welche Stoffe sich in dieser befinden. Wenn die Sonne auf den Pazifik scheint, wird ein Teil des Sonnenlichts von der Wasseroberfläche wieder zurück in den Weltraum reflektiert. Und wenn die Sonnenstrahlen eine erhöhte Wasserstoff- und Sauerstoffkonzentration durchlaufen, ändert sich dabei das Linienspektrum des reflektierten Lichts. Für Wasserstoff sind dabei die vier Linien der Balmerserie entscheidend, die bei 410.2, 434.1, 486.1 und 656.3 Nanometern liegen.« »Gordon, so genau will das niemand wissen!«, unterbrach der CEO jäh Jennings wissenschaftlichen Exkurs. »Entschuldigung, Alan. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Wenn man mit der Spektralanalyse das von der Erde reflektierte Licht untersucht, kann man Orte mit einer leicht erhöhten Wasserstoffkonzentration finden.« Jetzt meldete sich erstmals Nabby zu Wort: »Entschuldigung - darf ich auch mal was fragen? Wie soll denn das in der Praxis funktionieren? Wollen sie etwa mit einem Flugzeug und einem Spektraldingsgerät den ganzen Pazifik absuchen?« Tomu war froh, dass ihm die Journalistin zuvor gekommen war. Dieselbe Frage hatte auch ihm auf der Zunge gelegen. »Nein«, erwiderte Eric Stewart und lächelte in die Kamera, »da gibt es wesentlich elegantere Methoden - wir Rocketeere sind schließlich im Weltraum zuhause! Ich habe gestern mit Steven Atkinson telefoniert. Steven leitet den Lehrstuhl für Aeronautics an der amerikanischen Stanford University. Wir haben in den vergangenen Monaten mit unseren Raketen ein paar seiner Fernerkundungssatelliten in den Orbit gebracht. Soweit ich weiß, plant Steven, im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts, die gesamte Erdoberfläche mit sogenannten hyperspektralen Scannern zu erfassen.« »Was ist denn das schon wieder?«, seufzte Tomu. »Darunter versteht man ein sehr empfindliches optisches Sensorsystem, das Bilder von sehr vielen, eng beieinanderliegenden Wellenlängen aufzeichnen kann, sowohl im sichtbaren Bereich, als auch im unsichtbaren Ultraviolett- und Infrarotbereich. Die Kameras erfassen bereits eifrig Daten und übertragen sie an das Rechenzentrum in Stanford.« »Aber die Amis werden uns ja wohl kaum an ihre wertvollen Daten ranlassen!«, warf Tomu ein. »Das haben sie schon!«, antwortete Alan Tubbs und lächelte verschmitzt. »Die arme Kerle haben nämlich letzte Woche durch ihre eigene Schuld einen ihrer Kamerasatelliten verloren! Jetzt müssen sie einen neuen hinauf schießen und das bezahlt so ein armer Lehrstuhl natürlich nicht so einfach aus der Portokasse!« »Sag jetzt nicht, du hast ihnen einen Rabatt eingeräumt, damit sie uns an die Daten ihrer Scanner ranlassen!«, rief Tomu begeistert. »Und was für einen Rabatt! Bei diesem Sonderpreis konnte der gute Steven einfach nicht Nein sagen.« CEO und CTO grinsten sich wie zwei Etonigkuchenpferde an. »Das geht hoffentlich nicht von meinem Projektbudget ab!«, versicherte sich Tomu mit besorgter Miene. »Keine Angst!«, lachte der CEO. »Diese kleine Gefälligkeit kostet unsere Firma keinen müden Dollar. Demnächst transportieren wir für das amerikanische Verteidigungsministerium wieder einen ihrer kleinen Spionagesatelliten in eine erdnahe Umlaufbahn. Da haben wir in der Rakete noch genügend Platz für Stevens Ersatzkamera. Wie wir den nutzen, müssen wir den Militärheinis ja nicht unbedingt auf die Nase binden.« Tomu bewunderte einmal mehr die Cleverness seines Chefs. »Das heißt, wir können demnächst mit der Auswertung dieser Fernerkundungsbilder beginnen?« Eric Stewart kam der Antwort seines Chefs zuvor: »Die Auswertung der Daten ist bereits in vollem Gang. Ich habe unsere Software-Spezialisten angewiesen einen Big-Data-Algorithmus zu entwickeln, um der riesigen Datenmenge Herr zu werden. Die Computer in unserem Rechenzentrum laufen bereits auf Hochtouren. Wir haben die Auswertung an den Geokoordinaten 140/20 begonnen und gehen jetzt langsam spiralförmig nach außen vor. Mit etwas Glück, sollten wir in wenigen Tagen die Absturzstelle des Hydronitbrockens gefunden haben!« 4. Kapitel Pencroff Fluorit ist das Calciumsalz der Flusssäure und ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der einfachen Halogenide. Fluorit kristallisiert im kubischen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung CaF 2 und entwickelt kubische Kristalle mit vorwiegend würfeliger oder seltener oktaedrischer Kristallform sowie Durchdringungszwillinge, aber auch körnige, massige Aggregate. Das Wort „Fluoreszenz“ leitet sich von diesem fluoreszierenden Mineral ab. Sowohl Fluoreszenz als auch Phosphoreszenz sind Formen der Lumineszenz (kaltes Leuchten) und sind photophysikalische Prozesse. Fluoreszenz ist jedoch dadurch gekennzeichnet, dass sie nach dem Ende der Bestrahlung rasch (meist innerhalb einer Millionstel Sekunde) endet. Bei der Phosphoreszenz hingegen kommt es zu einem Nachleuchten, das von Sekundenbruchteilen bis hin zu Stunden dauern kann. Zwei Tage waren vergangen. Je weiter die Aurelius in südliche Breiten vorstieß, um so tiefer sanken die Temperaturen. Es war bereits Ende Mai und auf der Südhalbkugel hielt langsam der Winter Einzug. Nachts benötigte man auf Deck schon eine Jacke und selbst tagsüber spürte man, dass man die Tropen hinter sich gelassen hatte. Tomu lag nach dem Mittagessen in seiner Kabine und döste vor sich hin. Auf einmal klingelte sein Handy. Als er auf das Display schaute und die US-amerikanische Ländervorwahl sah, fuhr ihm ein Schrecken in die Glieder. Und als er hörte, wer sich am anderen Ende der Leitung meldete, setzte sein Herzschlag aus. »Guten Tag, Mr. Pahua. Hier spricht Lieutenant McNealy vom Police Department in Los Angeles. Wie geht es Ihnen?« »Was wollen Sie von mir?«, fragte Tomu mit zitternder Stimme. »Herr Pahua, ich wollte Sie über den Stand unserer Ermittlungen informieren! Ich habe gehört, dass Sie vor kurzem auf Lidschi waren. Sind Sie inzwischen wieder gut in Neuseeland angekommen?« »Warum wollen Sie das wissen?« Am Ende der Leitung herrschte kurz Stille. »Ist schon gut, Sie müssen sich nicht mit mir unterhalten, wenn Sie nicht wollen.« »Um was geht es denn bitte?« In Tomus Kopf überschlugen sich die Gedanken. Telefonierte er zum zweiten Mal mit Peters Mörder? Wollte der ihn ein weiteres Mal überrumpeln? Die sonore Stimme klang wirklich so wie der Lieutenant, den er im Hotel von Santa Monica kennengelernt hatte. Spielten ihm seine Sinne einen Streich oder litt er schon unter Verfolgungswahn? Die sonore Stimme wurde nun allerdings wesentlich unfreundlicher: »Mr. Pahua, ich wollte Sie nur darüber in Kenntnis setzen, dass wir einen ersten Lahndungserfolg vorweisen können. Wir konnten den mutmaßlichen Mörder ihres Kollegen anhand einer Videoaufzeichnung im Hotel identifizieren. Es war zwar nicht ganz einfach, weil die Person zum Tatzeitpunkt einen Kapuzenpulli trug. Trotzdem sind wir uns mittlerweile relativ sicher, um wen es sich handelt. Der Mann heißt Carlos Pencroff, kommt aus Oakland und ist einschlägig vorbestraft. Leider befindet er sich momentan auf der Llucht. Die Plughafenbehörde von San Prancisco hat uns darüber informiert, dass er vor neun Tagen nach Lidschi geflogen ist. So weit ich weiß, wurden Sie auf Lidschi Opfer eines Überfalls! Ich würde ihnen deshalb gerne das Lahndungsfoto dieses Carlos Pencroff zusenden, damit Sie ihn eventuell als einen der Männer identifizieren können, der Sie auf ihrem Boot überfallen hat. Könnten Sie mir dazu bitte Ihre E-Mail Adresse geben?« Als Tomu das Wort E-Mail hörte, schrillten bei ihm erneut alle Alarmglocken. Gerade eben noch hatte er sich ein wenig beruhigt. Warum sollte ihm ein falscher Polizist derartige Ermittlungsdetails mitteilen. Aber jetzt hatte ihn der Mann nach seiner E-Mail Adresse gefragt! Unzählige Male war er in seiner Firma vor so einem Angriffsvektor 11 gewarnt worden. Bestimmt wollte ihm der falsche Lieutenant einen Computervirus unterjubeln! Alles, was ihm der Mann bisher erzählt hatte, konnte frei erfunden sein. Und die Sache mit dem Überfall auf Fidschi? Täterwissen! »Natürlich!« dachte Tomu, »Wer außer den Tätern wusste überhaupt vom Raub des falschen Hydronits? Roger Branagan wollte ja sofort aus dem Hafen auslaufen und eine Anzeige bei der örtlichen Polizei wurde nicht erstattet.« »Tut mir leid!«, antwortete Tomu und bemühte sich dabei möglichst ruhig und gelassen zu klingen. »Meine E-Mail Adresse bekommen Sie nicht! Würden Sie mir aber vielleicht verraten, woher Sie von diesem angeblichen Überfall auf Fidschi wissen?« »Ich habe neulich ein längeres Telefonat mit einem gewissen Alan Tubbs aus Neuseeland geführt«, antwortete der Lieutenant verunsichert. »Er sagte mir, dass er der Chef des ermordeten Peter Thompson sei. Sie müssten ihn doch eigentlich auch kennen, wenn Sie und Mr. Thompson Kollegen waren!« Tomus Gedanken sprangen kreuz und quer. »Und dieser Mr. Tubbs hat ihnen von dem Überfall erzählt?« »Ja! Ich habe mich mit ihm über mögliche Tatmotive unterhalten. Als Thompsons Arbeitgeber sollte er schließlich am besten über ein mögliches Mordmotiv Bescheid wissen - falls die Tat im Zusammenhang mit dieser Wissenschaftskonferenz stand. Irgendwann kamen wir dann auch auf Sie zu sprechen und Mr. Tubbs erzählte mir, dass Sie mit seiner Yacht nach 11 Unter einem Angriffsvektor versteht man einen Weg oder eine Technik, um in ein fremdes Computersystem einzudringen und darin Schaden anzurichten. Neuseeland unterwegs wären und irgendeine Fracht dorthin begleiten sollten, die ihnen im Hafen von Nadi dann aber von drei unbekannten Personen gestohlen wurde.« »Das hat ihnen Mr. Tubbs alles erzählt?«, fragte Tomu, während sich sein Puls langsam wieder beruhigte. »Warum stellen Sie mir so komische Fragen, Mr. Pahua. Glauben Sie mir denn nicht? Sie klingen irgendwie so - misstrauisch!« Tomu war sich erneut unsicher, was die Echtheit des Anrufers betraf. Um auf der sicheren Seite zu sein, folgte er den Ratschlägen der diversen IT-Sicherheitsschulungen, die er im Laufe seines Arbeitslebens bei der Rocketeer Ltd absolvieren musste: »Mit dem Fahndungsfoto könnte ich ohnehin nichts anfangen! Die drei Personen, die in Nadi unser Schiff überfielen, waren alle vermummt. Wenn Sie wollen, können Sie das Foto aber gerne an meine Firma senden, mit der Bitte, es an Mr. Tubbs weiterzuleiten. Die E-Mail-Kontaktadresse meiner Firma finden Sie im Internet.« »Danke, das werde ich tun, Mr. Pahua«, kam als resignierte Antwort. »Ich wünsche Ihnen noch eine gute Reise und einen schönen Tag!« Danach hörte Tomu das Freizeichen. Er steckte sein Smartphone in die Hosentasche und verließ fluchtartig die Kabine. Im Salon der Aurelius saß Nabby mit Kopfhörern im Ohr und bearbeitete die Tastatur ihres Notebooks. Sie erschrak, als Tomu plötzlich neben ihr stand und vehement auf sie einredete. »Ich habe gerade wieder einen Anruf aus den USA bekommen!« »Doch nicht etwa wieder von der Polizeibehörde in Los Angeles!« »Und wenn ich es dir sage!« »Wieder dieser Sergeant Anderson?« »Nein, diesmal war es Lieutenant McNealy höchstpersönlich!« Nabby starrte Tomu ungläubig an. »Und? Was wollte er diesmal von dir?« Tomu gab Nabby eine kurze Zusammenfassung des Telefongesprächs. Am Ende fragte sie: »Meinst du, dass es der echte oder der falsche McNealy war?« »Ich bin mir nicht sicher! Von der Stimme her würde ich sagen, er war es wirklich. Als er mich aber nach meiner E-Mail-Adresse gefragt hat, dachte ich natürlich sofort, dass er mich wieder hereinlegen will. Am besten wir fragen Alan bei der nächsten Telko 12 , ob er wirklich mit Lieutenant McNealy gesprochen hat - und falls ja, ob er ihm die Geschichte von dem Überfall auf Fidschi erzählt hat.« »Und wenn dein Chef selber auf den Typen hereingefallen ist?« Tomu musste lachen: »Alan? Der wäre bestimmt der Letzte, der einem Telefonbetrüger auf den Leim gehen würde. Jeder andere vielleicht, aber nicht Alan!« Nabby war beeindruckt, wie respektvoll Tomu plötzlich über seinen Chef sprach. Dann kam sie noch einmal auf den Inhalt des Telefonats zurück: »Und dieser Tatverdächtige, sagtest du, kommt nicht aus L.A. sondern aus Oakland?« »Ja!« betätigte Tomu. »Der Lieutenant erwähnte sogar seinen Namen: Carlos Pencock oder so ähnlich - nein, nicht Pencock - McNealy sagte, er heißt Pencroff - Carlos Pencroff.« Nabby stutzte. Dann riss sie entsetzt die Augen auf und schlug ihre Hände vor den Mund. »Der Anruf war echt!«, schrie sie völlig aufgelöst. »Dieser McNealy hat die Wahrheit gesagt!« Tomu schaute die junge Frau erschrocken an. »Woher weißt du das?« Nabby starrte ihn an, als stände ein Gespenst hinter ihm. Mit brüchiger Stimme antwortete sie: »Pencroff war der Name des Seemanns - des Seemanns aus Jules Vernes Roman ”Die geheimnisvolle Insel”. Ich bin mir 12 Telko: Telefonkonferenz ganz sicher, dass dieser Carlos Pencroff nicht nur der Mörder deines Freundes Peter, sondern - genauso wie der tote Fischer und ich - ein Nachfahre der Inselkolonisten ist!« 5. Kapitel Motivsuche Asbest ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene Silikat-Minerale, die nach ihrer Aufbereitung technisch verwendbare Fasern unterschiedlicher Länge ergeben. Asbest wurde auch „Wunderfaser“ genannt, weil er eine große Festigkeit besitzt, hitze- und säurebeständig ist, hervorragend dämmt und die Asbestfasern zu Garnen versponnen und diese verwebt werden können. Mit diesen Voraussetzungen konnte sich Asbest in der Werftindustrie für die Schifffahrt, in der Wärmedämmung, der Bauindustrie, der Autoreifenindustrie und für Textilien im Bereich des Arbeitsschutzes und der Filtration durchsetzen. Aufgrund der Gesundheitsgefahren, die von Asbest ausgehen, ist der Einsatz heute in vielen Staaten verboten. »Ich muss unbedingt meinen Dad anrufen!« rief Nabby, als sie sich von dem Schreck etwas erholt hatte. »Denk an die Zeitverschiebung!« warnte Tomu. Nabby begann zu rechnen und meinte dann: »Der hat jetzt Feierabend. Meine alten Herrschaften sitzen wahrscheinlich gerade beim Abendessen.« Sie entfernte die Kopfhörer von ihrem Smartphone und wählte die Telefonnummer ihrer Eltern in New Jersey. »Hallo Nabby!« meldete sich ihr Vater hocherfreut. »Schön dass du dich mal wieder meldest! Schipperst du immer noch durch die Südsee?« »Hi Dad - ja das tu ich. Ich stell mal auf Lautsprecher. Neben mir sitzt Tomu. Ich hab dir letztes Mal doch schon von ihm erzählt.« »Hallo Tomu, schön dich kennenzulernen!« »Hallo Mr. Hathaway!« »Ist Ma auch zuhause?« Nabby wunderte sich, dass die Stimme ihrer Mutter nicht zu hören war. »Die ist heute mit ihren Freundinnen in der Stadt unterwegs! Essen gehen - Kino - du weißt schon. Ich habe heute Abend sturmfreie Bude!« Nabby hatte keine Lust auf Smalltalk und kam schnell zur Sache: »Dad, es gibt wichtige Neuigkeiten! Ich hab dir doch von dem Mord in Los Angeles erzählt. Wir kennen jetzt den Namen des Mannes, der Tomus Kollegen umgebracht hat. Halt dich fest! Es ist ein gewisser Carlos Pencroff!« »Pencroff?« schallte es wie ein Echo aus dem Handylautsprecher. »Sagtest du Pencroff?« »Carlos Pencroff«, wiederholte Nabby. »Ein vorbestrafter Ganove aus Oakland.« Man konnte hören, wie es ihrem Vater für einen kurzen Moment die Sprache verschlug. Dann fragte er unsicher: »Glaubst du an Zufälle?« »Niemals!« erwiderte Nabby bestimmt. »Der Mann muss ein Nachfahre unseres Seemanns sein. Und er weiß über das Hydronit Bescheid! Tomu behauptet, dass seine Firma noch keine Einzelheiten darüber veröffentlicht hat. Eigentlich nur, dass sie damit Wasserstoff für ihre Raketen hersteilen wollen. Allerdings verwendeten sie in einem wissenschaftlichen Artikel bereits den Begriff Hydronit!« »Und du meinst dieser Pencroff hat das mitgekriegt? Woher kennt Tomus Firma überhaupt diese Bezeichnung?« »Die stand auf dem alten Glasbehälter von Louis Forgeron.« »Verstehe - du meinst also, dieser Carlos Pencroff hat durch die Konferenz von dem Hydronit erfahren, sich an seinen Urahn erinnert und wusste deshalb, wie wertvoll dieses Mineral ist?« »So oder so ähnlich könnte es gewesen sein«, stimmte Nabby ihrem Vater zu. »Und er hält das Hydronit für so wertvoll, dass er dafür einen Mord beging!« »Aber was will er damit? Dieses Material mag ja für eine Raketenfirma von großem Interesse sein, aber was hat so ein Kleinkrimineller damit vor? Denkt der etwa, er kann den Sand an einen Energiekonzern verhökern? Nachdem die Sache mit dem Mord die Runde gemacht hat?« »Weißt du, was in so einem kranken Hirn vor sich geht?« fragte Nabby. »Sein Vorfahre, der Seemann Pencroff, den der alte Nab erwähnte, war schließlich auch nicht gerade der Hellste!« »Unterschätz diesen alten Trunkenbold nicht! Nab beschreibt den Seemann in seinem Tagebuch als verschlagen und hinterlistig - wenn er nüchtern war. Cyrus Smith beschuldigte ihn nach der Rückkehr in die USA sogar, dass er ihm ein paar seiner Konstruktionszeichnungen gestohlen hätte. Man konnte ihm aber nichts nachweisen.« »Glaubst du, dass der alte Cyrus deshalb keinen Erfolg mit seinen Hydronitexperimenten hatte?« Nabbys Vater dachte nach. Erst gestern hatte er erneut zu dem alten Tagebuch gegriffen und es von Anfang bis Ende durchgelesen. Der alte Nab hatte von Technik nicht sehr viel Ahnung. Trotzdem war ihm nicht entgangen, worüber sich Cyrus Smith und der russische Kapitän während des wochenlangen Aufenthalts auf der Insel so unterhalten hatten. Anfangs war der Ingenieur Feuer und Flamme für die revolutionäre Antriebstechnik des Schiffes gewesen. Später erzählte er dem Kapitän aber auch über sein eigenes Fachgebiet. Offenbar fachsimpelten die beiden Techniker nicht nur über das Potential der Wasserstofftechnik, sondern auch über den Guss von Kanonen und die Konstruktion von Granaten. Schließlich antwortete Nabbys Vater: »Cyrus Smith arbeitete während des amerikanischen Bürgerkriegs in der Rüstungsindustrie. Er hatte zwar eine Ingenieursausbildung - mit der Konstruktion von Schiffsantrieben kannte er sich aber bestimmt nicht sehr gut aus. Nachdem er wieder in San Francisco war, experimentierte er eine Zeitlang mit dem grünen Sand. Irgendwann hörte er aber damit auf. Nab vermerkte im Tagebuch, dass sein Herr den Hydronitbehälter wegschloss und fortan nie wieder erwähnte.« »Wenn ich mich recht erinnere, hing das doch auch irgendwie mit diesem Seemann zusammen!« sagte Nabby. »Nabs Aufzeichnungen sind da nicht so ganz eindeutig. Wenn ich seine Zeilen richtig interpretiere, gab es kurz nach ihrer Rückkehr eine Gefängnisrevolte. Pencroff verhalf einigen seiner inhaftierten Kumpanen zur Flucht aus dem Staatsgefängnis von San Quentin. Gemeinsam kaperten sie ein Schiff und flohen übers Meer.« »San Quentin?« wunderte sich Nabby. »Gab es dieses Gefängnis damals denn schon?« »Aber klar doch! San Quentin ist das älteste Gefängnis Kaliforniens. Es wurde bereits vor dem amerikanischen Bürgerkrieg erbaut. Der Seemann Pencroff soll selber einmal dort eingesessen haben. Jedenfalls hatte er enge Verbindungen zu den Ausbrechern und verschwand am Tag der Revolte aus der Stadt.« Tomu fragte: »Mr. Hathaway, steht denn sonst noch etwas über Pencroffs Verbleib in Nabs Tagebuch?« »Eigentlich nicht. Die Einträge nach der Rückkehr in die Staaten werden von Tag zu Tag spärlicher. Pencroffs Name wird erst zwei Monate später ein letztes Mal erwähnt. Offenbar tauchte er plötzlich wieder in der Stadt auf - allerdings in einem jämmerlichen Zustand. Wenige Tage später war er tot. Nab erwähnte das eigentlich nur, weil Cyrus Smith zu seiner Beerdigung ging. Der Ingenieur verachtete diesen Mann zwar zutiefst, trotzdem hielt er es nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, wohl für seine Pflicht, ihm die letzte Ehre zu erweisen.« Tomu hakte nach: »Es könnte also sein, dass dieser Seemann mit seinen Spießgesellen zwei Monate lang auf einem gekaperten Schiff unterwegs war?« »Das ist reine Spekulation!« widersprach Nabby. »Es wäre genauso gut möglich, dass die entflohenen Strafgefangenen nach dem Verlassen der Bucht bald wieder an Land gingen. Dieser Pencroff könnte in diesen zwei Monaten alles Mögliche angestellt haben! In Nabs Tagebuch findet sich jedenfalls kein weiterer Hinweis - stimmt’s Dad?« »Ja, der alte Nab hat den Namen Pencroff nie wieder erwähnt. Was jedoch auffällt, ist das Zusammenfallen der beiden Ereignisse: Kurz nach Pencroffs Begräbnis sperrte Cyrus Smith das Hydronit in seinen Laborschrank und rührte es bis zu seinem Tod nie wieder an. Nab hat den alten Cyrus noch um viele Jahre überlebt und später sogar noch unter seinem Sohn Jonathan im Hause Smith gedient. Aber auch bei diesen späten Eintragungen war nie wieder von dem grünen Sand des russischen Kapitäns die Rede. Was Pencroff vor seinem Tod widerfahren ist, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.« Nabby grübelte eine Weile über die Worte ihres Vaters nach. Dann meinte sie: »Mag sein, dass uns das Tagebuch keine große Hilfe ist. Ich habe aber eine Idee, wie wir trotzdem noch herausbekommen könnten, was damals passiert ist!« Tomu starrte Nabby ungläubig an. »Nach so vielen Jahren? Willst du diesen Carlos Pencroff bei unserem nächsten Treffen etwa persönlich fragen?« Nabby verpasste ihrem Nachbarn mit dem Ellbogen einen Hieb in die Seite, während ihr Vater irritiert fragte, wie Tomu das mit dem nächsten Treffen gemeint hätte. Die Sache mit dem Überfall auf den Fidschiinseln wollte sie aber unbedingt für sich behalten, um ihre Eltern nicht unnötig zu beunruhigen. »Ach Dad, Tomu redet manchmal dummes Zeug daher. Vielleicht lernst du ihn ja mal persönlich kennen, dann wirst du verstehen, was ich meine.« Vater Hathaway machte sich Gedanken, ob sich da womöglich etwas Ernstes zwischen seiner Tochter und diesem Neuseeländer anbahnte. Währenddessen warf Nabby Tomu vernichtende Blicke zu, die dieser zu deuten wusste und sich fortan ruhig verhielt. Erst nachdem sich Nabby von ihrem Vater verabschiedet und das Telefonat beendet hatte, hielt er es nicht mehr aus: »Jetzt sag schon, was du im Schilde führst? Wie um alles in der Welt willst du nach so langer Zeit noch etwas über diesen Seemann Pencroff herausbekommen?« Nabby grinste ihn breit an und erwiderte: »Mein Dad hat einen Haufen Geld in meine Ausbildung zur Journalistin investiert. Geh einfach mal davon aus, dass ich mein Handwerk beherrsche!« 6. Kapitel Aotearoa Der Korund ist ein relativ häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Oxide und Hydroxide. Er kristallisiert im trigonalen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung A1 2 0 3 und ist damit chemisch gesehen Aluminiumoxid. In chemisch reiner Form ist Korund farblos. Bekannte Varietäten mit gleicher Zusammensetzung und Kristallstruktur sind der Rubin (rot durch Spuren von Chrom) und der Saphir (verschiedene Farben, u. a. blau durch Eisen oder hellrot durch Titan). Zwei Tage später standen Onkel Enele und Tante Ana Hand in Hand auf dem Deck der Aurelius und blickten stumm und gedankenverloren nach vorn. Gen Süden, wohin der Bug des Schiffs wie eine pendelnde Kompassnadel zeigte. Dorthin, wo bald die Gestade Neuseelands am blauen Horizont auftauchen würden. Dorthin, wo für die nächsten Wochen ihre neue Heimat sein würde - und wo eines Tages bestimmt auch andere Tuvaluer Schutz und Zuflucht suchen würden. Könnte die Erfindung ihres Neffen zu einer nennenswerten globalen C0 2 -Reduktion beitragen? Ließe sich das Ansteigen des Meeresspiegel dadurch noch aufhalten? Die beiden glaubten nicht daran. »Da vorn ist eine Wolke!« schrie Tante Ana plötzlich aufgeregt und deutete geradeaus. »Dann ist sicher bald Land in Sicht«, rief ihr Nelson vom Ruder aus zu. »Das muss Great Barrier Island sein. Von dort ist es nicht mehr weit nach Auckland.« Tomu, der mit einem Drink in der Hand auf dem Achterdeck saß, musste lachen. Der Ausruf seiner Tante erinnerte ihn an seine ehemalige Geschichtslehrerin. Mrs. Rowlings hatte ihren Schülern im Unterricht die Entdeckung und Besiedelung Neuseelands erklärt. Die liebenswürdige Frau war eine gebürtige Maori und ungeheuer stolz darauf, dem Maoristamm anzugehören, der einst mit dem Kanu ”Tainui Waka” quer über den Pazifik gereist war. Es war im zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als sich die ersten Polynesier mit ihren Booten auf den gefährlichen Weg gemacht und nach langer Fahrt wohlbehalten Neuseeland erreicht hatten - Aotearoa. Der Legende nach soll der Name auf die Tochter eines der Bootsführer zurückgehen, die als Erste etwas Weißes am Horizont gesehen und laut »He ao! He ao!« gerufen hatte. Woraus später Aotearoa wurde, was soviel wie »Land der langen weißen Wolke« bedeutet. Den Rest der Welt interessierte dieses Ereignis herzlich wenig. Die Erde war nach damaligem Verständnis noch eine Scheibe, der Frankenkönig Otto I. kämpfte auf dem Lechfeld erbittert gegen die Vorfahren von Viktor Orbän 13 , im Süden Spaniens erblühte das Kalifat von Cordoba unter muslimischer Herrschaft, der Wikinger Leif Eriksson entdeckte Amerika, Kaiser Taizu begründete in China die Song-Dynastie und im Reich der Khmer begann man mit dem Bau der Tempelanlagen von Angkor Wat. Mehr als tausend Jahre waren seitdem vergangen und jetzt stand vor Great Barrier Island erneut eine polynesische Reisende am Bug eines Schiffes und schrie aus Leibeskräften: »Da vorn ist eine Wolke!« Tomu nahm einen Schluck von seinem Drink und dachte insgeheim: »Vielleicht ist doch was dran an dem Spruch, dass sich Geschichte regelmäßig wiederholt.« Er wurde jedoch jäh aus seinen philosophischen Gedanken gerissen, als Roger Branagan plötzlich seinen Kopf aus dem Zugang zur Kajüte steckte und ihm laut zurief: »Tomu, würdest du bitte nach unten kommen? Alan möchte eine Telko mit uns machen!« Schweren Herzens verließ er seinen Lieblingsplatz und stieg die Treppe zum Salon hinab. Auf dem Bildschirm strahlte ihm bereits das Gesicht seines Chefs entgegen. Neben ihm erkannte Tomu auch Eric Stewart. Außer den beiden Topmanagern, schien sich niemand in Alans Büro zu befinden. Tomu nahm neben Nabby und Roger Platz, so dass alle drei von der Kamera über dem Monitor erfasst wurden. 13 Viktor Orbän ist ein ungarischer Politiker »Es gibt interessante Neuigkeiten!«, verkündete der CEO ohne sich lange mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten. »Wir haben die Einschlagstelle des Meteoriten lokalisiert!« Tomu und Nabby hoben ihre rechte Hand und klatschten laut ab. »Gratulation!«, riefen sie dabei wie aus einem Mund. »Und wo, wenn man fragen darf?«, fragte Tomu neugierig. »Im flachen Wasser eines winzigen unbewohnten Atolls - eingerahmt von einem schützendem Korallenriff - irgendwo in Polynesien«, antwortete der CEO breit grinsend. Man konnte ihm ansehen, dass er die genaue Position lieber für sich behalten wollte. »In einer Lagune? Dann hat die Auswertung der Spektralanalysedaten also funktioniert?«, bohrte Tomu weiter. »Hast du etwa daran gezweifelt? Unsere Computer sind sechs Tage lang auf Hochtouren gelaufen und heute morgen haben sie einen Ort mit einer signifikant erhöhten Wasserstoffkonzentration ausgespuckt - Irrtum ausgeschlossen!« »Dann passt mal gut auf die Koordinaten auf, damit sie nicht in falsche Hände geraten!« »Keine Sorge! Die liegen gut verwahrt im Firmensafe und nur Eric und ich kennen die Kombination.« Tomu wechselte das Thema: »Sag mal Alan, hast du neulich mit einem Lieutenant McNealy aus Los Angeles telefoniert?« »Ja, wieso?«, fragte der CEO verwundert. »Weil der mich ebenfalls angerufen hat. Und er hat behauptet, du hättest ihm von dem Überfall auf den Fidschiinseln erzählt. Nach meinem Erlebnis mit dem falschen Sergeant, war ich mir erst nicht sicher, ob ich dem Mann trauen konnte.« Alan Tubbs konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Tomu, ich glaube, du leidest langsam an Verfolgungswahn! Aber falls es dich beruhigt: Um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich den Lieutenant zurückgerufen - und zwar über die offizielle Nummer des Police Departments.« Tomu atmete erleichtert auf. Er hatte sich schon Vorwürfe gemacht, dass er seinen Chef nicht sofort angerufen hatte. »Hat er dir auch erzählt, dass sie eine heiße Spur verfolgen?« »Ja - McNealy erzählte mir, dass sie anhand der Überwachungsvideos einen Tatverdächtigen identifizieren konnten.« »Das ist aber noch nicht alles. Nabby kann nämlich einiges über diesen Mann erzählen!« Tomu und Nabby berichteten ausführlich über die neuen Erkenntnisse diesen Carlos Pencroff betreffend, sowie über das Telefonat, das sie mit Nabbys Vater geführt hatten. Die beiden Manager hörten aufmerksam zu. Am Ende meinte der CEO: »Dieser Pencroff weiß irgendwas, was wir noch nicht wissen!« Eric Stewart pflichtete ihm bei: »Wenn dieser Typ sogar bereit ist einen Mord zu begehen, um in den Besitz des Hydronits zu gelangen, dann steckt da mehr dahinter! Der hat bestimmt schon längst gemerkt, dass wir ihn gelinkt haben.« Roger Branagan hatte die Diskussion bisher stumm verfolgt. Tomu und Nabby hatten ihm die Geschichte über Pencroffs Vorfahren bereits erzählt, aber auch er konnte sich keinen rechten Reim darauf machen. Die bevorstehende Ankunft in Auckland bereitet ihm aber offensichtlich Kopfschmerzen: »Wie können wir sicherstellen, dass wir bei unserer Ankunft nicht erneut in einen Hinterhalt geraten?«, fragte er Alan. Der überlegte kurz und antwortete: »Ich halte es für besser, wenn ihr euch erstmal von der Westhaven Marina fernhaltet. Es gibt in Auckland zu viele Leute, die den Liegeplatz der Aurelius kennen. Ich schlage vor, dass ihr in die Half Moon Bay einlauft und an dem kleinen Yachtclub in Panmure festmacht. Eric und ich werden euch dort erwarten und in Empfang nehmen.« Tomu wusste, dass Alans Villa im sogenannten goldenen Dreieck von Panmure lag, einem noblen Vorort und nur einen Katzensprung von der Firmenzentrale in Mount Wellington entfernt. »Sollen wir dich anrufen, kurz bevor wir da sind?«, fragte er seinen Chef. »Nicht nötig«, erwiderte Tubbs und man konnte sehen, wie er auf das vor ihm liegende Smartphone deutete. »Ich habe eine App, mit der ich jederzeit eure aktuelle Position verfolgen kann. Wenn ihr eure derzeitige Geschwindigkeit beibehaltet, werdet ihr gegen Abend ankommen. Ich würde euch ja gerne im Yachtclub zum Essen einladen, aber ehrlich gesagt möchte ich das Hydronit so schnell wie möglich in der Firma in Sicherheit wissen. Lasst uns das lieber auf ein andermal verschieben! Vermutlich seid ihr ohnehin alle erschöpft von der langen Reise. Wissen deine Verwandten denn schon, wo sie in Auckland Unterkommen werden?« Tomu nickte in die Kamera. »Ich habe bereits mit meinen Eltern telefoniert. Onkel Enele und Tante Ana können bei ihnen bleiben, solange sie wollen.« »Und was ist mit Mrs. Hathaway? Soll ich ein Hotelzimmer für sie reservieren lassen? Geht selbstverständlich auf Firmenkosten!« Alan Tubbs war sehr wohl darüber informiert, dass die beiden jungen Leute inzwischen mehr als ein geschäftliches Verhältnis verband. In den vergangenen Tagen hatte er mehrere Kurztelefonate mit seinem Skipper geführt und dabei alles erfahren, was Roger Branagan für berichtenswert hielt. Dennoch wollte er nicht unhöflich erscheinen und außerdem spielte er gerne die Rolle des großzügigen Chefs - besonders dann, wenn es nichts kostete. Nabby schüttelte auch sofort den Kopf. »Vielen Dank, das ist nicht nötig. Ich werde für die nächsten Tage erst mal bei Tomu unterschlüpfen. Aber vielen Dank für das Angebot!« Gönnerhaft nickte Alan Tubbs in die Kamera. Jede weitere Nachfrage erübrigte sich. Die Blicke, die sich die beiden Verliebten zuwarfen, sprachen Bände. 7. Kapitel Ankunft Diamant ist die kubische Modifikation des Kohlenstoffs und als natürlich vorkommender Feststoff ein Mineral aus der Mineralklasse der Elemente. Diamant bildet meist oktaederförmige Kristalle, oft mit gebogenen und streifigen Flächen. Weitere beobachtete Formen sind das Tetraeder, Dodekaeder und der Würfel. Die Kristalle sind transparent, farblos oder durch Verunreinigungen (z.B. Stickstoff) oder Kristallgitterdefekte grün, gelb, braun und seltener auch orange, blau, rosa, rot oder grau bis schwarz gefärbt. Diamant ist der härteste natürliche Stoff. In der Härteskala nach Mohs hat er die Härte 10. Als die Yacht Auckland erreichte war es schon dunkel. Tomus Verwandte standen andächtig an Deck und beobachteten fasziniert die hell erleuchtete Skyline, die langsam und lautlos an ihnen vorüber glitt. Der alles überragende Sky Tower, mit seinen 328 Metern das höchste Bauwerk der südlichen Hemisphäre, funkelte wie ein gigantischer Leuchtturm. Den beiden Tuvaluern kam es vor, als landeten sie gerade auf einem fremden Stern. Ihr ganzes bisheriges Leben hatten sie in ihrer abgeschiedenen Inselwelt zugebracht. Das 6000-Seelen-Atoll von Funafuti war die größte Siedlung, die sie je zu Gesicht bekommen hatten. Beim Anblick der weitläufigen Millionenstadt bekamen sie eine Gänsehaut. Nach dem Einlaufen in die Half Moon Bay holten Roger und Nelson die Segel ein. Das letzte Stück bis zum Yachtclub legte die Aurelius mit Motorkraft zurück. Kurz vor Erreichen des Anlegestegs, sah der Skipper bereits Alan und Eric dort winken. Der Bootsmann warf ihnen schwungvoll zwei Leinen zu, mit denen der Eigner sein Schiff fachmännisch am Steg festmachte. »Herzlich willkommen in Neuseeland!«, rief Alan, kaum dass er an Deck gesprungen war. Mit einem herzlichen Händedruck begrüßte er zuerst die älteren Herrschaften an Bord. Onkel Enele kannte den CEO schon von den Videokonferenzen, dennoch freute er sich den Mann kennenzulernen, der so viele Jahre jünger war und trotzdem so unermesslich reich sein musste, dass er sich solch ein luxuriöses Schiff leisten konnte. Nach einem freundlichen Smalltalk mit den Damen wandte sich Alan Tubbs an seinen Skipper: »Ich habe mit dem Hafenmeister gesprochen. Wir können die Aurelius heute Nacht hier am Steg liegen lassen. Ist es okay, wenn du sie morgen an ihren gewohnten Liegeplatz überführst?« Roger Branagan nickte zustimmend und meinte dann: »Können wir jetzt die Fracht von Bord bringen?« Man konnte ihm ansehen, dass er den Hydronitkanister endlich loswerden wollte. Außerdem freute er sich darauf, seine Frau endlich wiederzusehen. »Du hast recht!«, antwortete Tubbs und bedankte sich bei seinem Skipper für den tollen Job, den er in den vergangenen Wochen gemacht hatte. Branagan stieg in die Kajüte hinab, um den Kanister aus seinem Versteck zu holen. Begleitet von Alan, Eric und Tomu, schleppte er das schwere Behältnis über den Steg, bis zu dem Van, der aufgrund seiner markanten Aufschrift unschwer als Firmenfahrzeug der Rocketeer Ltd zu erkennen war. Der Parkplatz vor dem Yachtclub war spärlich beleuchtet. Eric Stewart suchte noch in seiner Jackentasche nach dem Autoschlüssel, als plötzlich drei Männer auftauchten. Wie aus dem Nichts waren sie auf einmal da und marschierten geradewegs auf den Transporter zu. Tomu beobachtete, wie Alan nervös ins Innere seiner Jacke griff. Der Skipper hatte den Kanister mittlerweile vor der Schiebetür abgestellt und starrte mit geballten Fäusten auf die herannahenden Gestalten. Für einen kurzen Moment herrschte atemlose Stille. Dann entspannte sich die Situation aber schlagartig. Die drei Männer grüßten freundlich und setzen ihren Weg in Richtung des Clubhauses fort, in dem sie kurz darauf verschwanden. Der CEO ergriff als erster das Wort: »Ich glaube, wir sehen alle schon langsam Gespenster!« Dann hievte er den Kanister ins Innere des Vans und ließ die Seitentür ins Schloss fallen. Bevor er sich mit Eric aus dem Staub machte, bestellte er ein Taxi zum Yachtclub. Roger und Nelson waren noch eine Weile damit beschäftigt auf der Aurelius klar Schiff zu machen. Die Passagiere hatten sich bereits verabschiedet und warteten auf ihr Taxi. Es dauerte nicht lange, bis ein weißer Nissan, mit einem blauen Schild auf dem Dach, um die Ecke bog. Der Mann hinter dem Steuer wirkte weder europäisch noch polynesisch. Tomu tippte aufgrund der dunklen Hautfarbe auf einen Inder. Seine weißen Zähne strahlten im Licht des Yachtclub-Foyers, als er seine Kundschaft freundlich begrüßte. Offensichtlich hatte er schon oft wohlbetuchte Segler von dieser vornehmen Adresse abgeholt und immer sehr gute Erfahrungen dabei gemacht. Das Lächeln verschwand aber schlagartig aus dem Gesicht des Asiaten, als Tomu ihn aufforderte, nach Avondale zu fahren - dem Stadtteil, wo seine Eltern wohnten. Kurz nachdem sie die Stadtautobahn erreicht hatten, bemühte sich der Fahrer trotzdem mit seinen Fahrgästen ins Gespräch zu kommen: »Sehr schönes Segelwetter heute! Haben Sie einen großen Törn gemacht?« Tomu, der neben ihm saß, nickte und erwiderte: »Ja - einen ziemlich großen Törn.« »Wie weit waren Sie denn draußen, wenn ich fragen darf?« »Wir kommen von Tuvalu und haben einen Zwischenstopp auf den Fidschiinseln eingelegt«, antwortete Tomu wahrheitsgemäß. Als er im Rückspiegel Nabbys böse Blicke bemerkte, ärgerte er sich über sich selbst und seine Geschwätzigkeit und nahm sich vor, für den Rest der Fahrt lieber die Klappe zu halten. Der Taxifahrer blickte zur Seite und musterte seinen Beifahrer misstrauisch. Danach sah er in den Rückspiegel und studierte die stummen, dunklen Gesichter der anderen Fahrgäste. »So so, von Tuvula und Fidschi kommen Sie also«, sagte er sichtlich verärgert - und dachte bei sich: »Solche Idioten habe ich schon lange nicht mehr befördert!« An die aus Europa stammenden arroganten Langnasen hatte sich der Inder längst gewöhnt. Dass ihn neuerdings aber auch seinesgleichen so herablassend behandelte, war eine neue Erfahrung für ihn. Den Rest der Fahrt sprach er kein einziges Wort mehr. Nicht einmal das großzügige Trinkgeld, das ihm Tomu beim Aussteigen überreichte, versöhnte ihn wieder mit der Welt. Das alte Holzhaus, in dem Tomus Eltern wohnten, hatte schon bessere Tage gesehen. Die Farbe an den Außenwänden blätterte an einigen Stellen großflächig ab und eine Dacherneuerung war längst überfällig. Onkel Enele war dennoch schwer beeindruckt, in welch nobler Gegend sein Bruder wohnte. Für ihn waren asphaltierte Straßen und eine funktionierende Straßenbeleuchtung untrügliche Zeichen von grenzenlosem Luxus. In Tuvalu hatten diese neumodischen Errungenschaften erst nach dem Verkauf der Internetdomäne Einzug gehalten - und dies auch nur auf der, in jeder Hinsicht privilegierten, Hauptinsel. Der einfache Fischer hatte nie verstanden, was damals dem Inselreich diesen unerwarteten Geldsegen bescherte. Was eine TV- Toplevel-Domain war, konnte er nicht verstehen - wie die meisten Menschen auf Tuvalu, verfügte er über keinen Internetanschluss. Im Grunde interessierte es ihn aber auch nicht sonderlich. Fasziniert betrachtete er die eindrucksvollen Häuser, deren gepflasterte Einfahrten mit Autos zugeparkt waren. Seine Frau bewunderte hingegen die gepflegten Rasenflächen, deren üppiges Grün selbst im schwachen Schein der Straßenbeleuchtung im krassem Gegensatz zu dem allgegenwärtigen Korallensand stand, der bei ihr zuhause das Dorfbild prägte. Es war ihr unverständlich, warum ihre Schwägerin diesen Segen der Natur nicht zum Anbau von Obst und Gemüse nutzte. Ihr Staunen war aber nur von kurzer Dauer. Als Tomus Eltern hörten, wie draußen die Türen des Taxis zugeschlagen wurden, stürmten sie nach draußen, um ihre Gäste zu begrüßen. »Endlich seid ihr da!«, rief Tomus Mutter und konnte sich nicht entscheiden, wem sie zuerst um den Hals fallen sollte. »Wir haben uns solche Sorgen um euch gemacht!« Der Gedanke, dass ihr Sohn und die geliebte Verwandtschaft auf einem Segelboot den Ozean überquerten, hatte sie nachts nicht mehr ruhig schlafen lassen. Daran hatten auch die Telefonate mit Tomu nichts ändern können, bei denen ihr Sohn immer wieder beteuert hatte, dass dieses Schiff, auf dem sie sich befanden, nicht mit den kleinen Sportbooten vergleichbar war, die üblicherweise in den Buchten Aucklands dahindümpelten. »Ihr beiden bleibt doch bestimmt noch zum Essen da!« Es war eindeutig mehr eine Feststellung als eine Frage. Sanft aber bestimmt schob sie Tomu und Nabby zur Haustür, während sich ihr Mann um das Gepäck kümmerte. Tomus Eltern hatten weder Kosten noch Mühen gescheut und tischten auf, als hätten ihre Gäste wochenlang nur Wasser und Schiffszwieback bekommen. Im Gegenzug wollten sie bis ins kleinste Detail erfahren, was sich seit Tomus Abreise nach Los Angeles alles ereignet hatte. Ursprünglich wollte Tomu nichts über den Überfall auf Fidschi sagen. Ihm wurde aber schnell klar, dass Onkel oder Tante diesen Vorfall früher oder später ausplaudern würden. Also erzählte er wahrheitsgemäß der Reihe nach, was sich in den vergangenen Wochen alles ereignet hatte: Von den schrecklichen Ereignissen in L.A., seiner überstürzten Flucht nach Tuvalu, wie er dort Nabby kennenlernte, was diese Interessantes über Louis Forgerons Familiengeschichte zu berichten hatte, bis hin zur abenteuerlichen Überquerung des pazifischen Ozeans an Bord der Aurelius. Tomus Vater verfolgte aufmerksam, was Nabby über den toten Franzosen und dessen amerikanische Vorfahren zu berichten wusste. Als mittelmäßig gebildeter Mechaniker kannte er zwar weder einen Schriftsteller namens Jules Verne, geschweige denn dessen Bücher, dennoch staunte er, dass der merkwürdige Louis, den er seit seinen Kindertagen gut gekannt hatte, der Nachfahre eines berühmten amerikanischen Ingenieurs sein sollte, dessen Abenteuer sogar Eingang in die Weltliteratur gefunden hatten. Die rätselhaften Ereignisse rund um die geheimnisvolle Insel waren aber nicht alles, was Vater und Mutter Pahua von Nabby wissen wollten. Tomu kannte diese Art Verhör bereits zur Genüge. Jedes Mal, wenn er seinen Eltern eine neue Freundin vorstellte, wurde diese, einem strengen Ritual folgend, ausgiebigst befragt. Auch heute gaben seine neugierigen Oldies erst Ruhe, als ihnen die junge Journalistin alles über ihre Ausbildung, ihre Familie und ihren Beruf erzählt hatte. Es war bereits nach Mitternacht, als Tante Ana laut gähnend verkündete, dass sie todmüde sei und zu Bett gehen wolle. »Kinder, morgen ist auch noch ein Tag«, murmelte sie und trollte sich in Richtung Gästezimmer. Für Tomu und Nabby war dies das lange ersehnte Signal zum Aufbruch. Während sie auf ihr Taxi warteten, ließen sie das Verabschiedungsritual über sich ergehen. Dabei erfuhren sie noch beiläufig, dass Tomus Eltern die nächsten zwei Wochen frei genommen hatten. Der Mechaniker hatte für die kommenden Tage ein umfangreiches Besichtigungsprogramm ausgearbeitet, um seinem Bruder und seiner Schwägerin sämtliche Sehenswürdigkeiten der neuseeländischen Nordinsel zu zeigen. »Macht euch nicht so viel Stress!«, waren Tomus Abschiedsworte, bevor Nabby und er im Fond des Taxis verschwanden. Die Fahrt ins Zentrum dauerte nicht sehr lange, was zum einen an der kurzen Wegstrecke, zum anderen an der späten Stunde lag. Der junge Student am Steuer stellte keine neugierigen Fragen. Es war zu offensichtlich, dass das verliebte Paar auf der Rückbank mit sich selbst beschäftigt war und keinen Wert auf Konversation legte. Erst als das Navigationssystem das Erreichen der Zieladresse signalisierte, wandte er sich diskret nach hinten zu seinen Fahrgästen und meinte schüchtern: »Entschuldigung, wir wären jetzt da!« Auf den letzten Metern vor Tomus Appartementhaus fing Nabby zu lachen an. »Du läufst wie ein Pinguin!«, machte sie sich über Tomus schwankenden Gang lustig. »Du müsstest dich mal sehen!«, konterte der, während er seinen Rollkoffer unsicher hinter sich herzog. Schon als sie von Bord gegangen waren, war ihnen aufgefallen, dass sie nicht mehr vernünftig laufen konnten. Während der vielen Tage auf See, hatten sie sich an die Schaukelei gewöhnt und unbewusst eine besondere Steh- und Gehhaltung eingenommen. Nun, da sie endlich wieder festen Boden unter ihren Füßen hatten, wusste ihr Gleichgewichtssinn nicht mehr richtig mit der ungewohnten Situation umzugehen. »Da darfst dich gerne an mir festhalten!«, meinte Tomu, während sie der Aufzug in den dritten Stock hochbeförderte. »Vielen Dank, dieses Angebot nehme ich gerne an«, erwiderte Nabby und schmiegte sich eng an ihn. »Hier wohnst du also!«, waren ihre ersten und einzigen Worte, nachdem sie Tomus Yuppie 14 -Appartement in Augenschein genommen hatte. Dann zogen sich die beiden ins Schlafzimmer zurück - wo ein fest auf dem Boden stehendes Bett auf sie wartete. 8. Kapitel Adrenalin Das Mineral Talk ist ein sehr häufig vorkommendes Schichtsilikat mit der chemischen Zusammensetzung Mg3[Si 4 Oio(OH) 2 ]. Das Mineral ist wasserabweisend und fühlt sich seifig oder fettig an, daher wird er synonym oft auch als Speckstein bezeichnet. Talk ist aufgrund seiner besonderen Eigenschaften (weich, wasserabweisend) vielseitig verwendbar und wird bevorzugt in pulverisierter Form als Gleitmittel mit geringer Scheuerwirkung eingesetzt oder Stoffen beigemengt, um ihnen wasserabweisende oder abdichtende Eigenschaften zu verleihen. Der nächste Tag war ein Sonntag. »Was hältst du von einer kleinen Stadtführung?«, fragte Tomu, als die Morgensonne durch die Gardinen blinzelte. »Gerne!«, erwiderte Nabby, die noch nie zuvor in Auckland gewesen war. Tomus Appartement lag zentral genug, um alle Sehenswürdigkeiten der Innenstadt zu Fuß zu erreichen. Mit knurrendem Magen machten sie sich auf den Weg. »Ich lade dich zum Frühstück mit der besten Aussicht der ganzen Welt ein!«, protzte er großspurig, während er Nabby hinter sich her zog. Zielstrebig steuerte er den Fernsehturm in der Victoria Street an, wo der Aufzug die beiden in Windeseile nach oben transportierte. Als sie den Lift verließen und das Sky Cafe betraten, blieb Nabby die Luft weg. Der Raketeningenieur hatte ihr nicht zu viel versprochen. Auf 182 Metern 14 Yuppie: Young urban Professional Höhe eröffnete sich dem Besucher ein grandioser Ausblick über die gesamte Stadt, die umliegenden Meeresbuchten und die herrliche Inselwelt des Hauraki Gulf. Direkt an der Glasscheibe fanden sie einen freien Tisch und orderten ein American Breakfast. »Ist das nicht die Aurelius?«, rief Nabby plötzlich und deutete auf ein kleines Segelboot, das sich dort unten gerade langsam der Harbour Bridge näherte. »Sieht zwar von hier oben recht winzig aus, aber im Vergleich zu den anderen Schiffchen wäre es gut möglich, dass sie es ist. Siehst du den Yachthafen neben der Brücke? So weit ich weiß, hat Alan dort normalerweise sein Boot liegen.« »Dann wird sie es bestimmt sein! Ich glaube Roger wollte sie heute an ihren Liegeplatz überführen. Wollen wir ihm zuwinken?« Gedankenverloren folgten ihre Blicke eine Weile dem kleinen weißen Boot, das zwei Wochen ihr Zuhause war und sie sicher über den Pazifischen Ozeans gebracht hatte. »Was war das denn?« rief Nabby plötzlich erschrocken und deutete auf eines der Glasfenster im Cafe. »Ist da draußen gerade Superman vorbeigeflogen?« Tomu musste lachen. »Nein - das war nicht Superman. Wenn du willst, können wir nach dem Frühstück noch weiter rauf gehen. Auf der obersten Plattform kannst du dann auch in so einen Anzug schlüpfen und dich in die Tiefe stürzen.« »Ich hoffe doch an einem Seil!«, versicherte sich Nabby erschrocken. Tomu tat als ob er kurz nachdenken müsse und meinte dann: »Ja - ich glaube die binden dir vorher ein Seil um. Wäre sonst schlecht fürs Geschäft!« Nabby lehnte dankend ab. Nachdem sie satt waren, machten sie sich aber trotzdem auf den Weg nach oben, um den wagemutigen Helden bei ihrem halsbrecherischen Tun zuzusehen. Der Sprung in die Tiefe war allerdings nicht einzige Attraktion, die dort angeboten wurde. »Das will ich machen!«, rief Nabby aufgeregt, als sie eine Gruppe junger Leute über einen schmalen, geländerlosen Pfad balancieren sah. In ihren orangefarbenen Overalls sahen sie aus wie Guantanamohäftlinge. »Du willst allen Ernstes über den Sky Walk laufen?« »Oh ja-bitte!« Tomu bekam weiche Knie. Er war schon oft auf dem Sky Tower gewesen. Vor einem Marsch über den Sky Walk hatte er sich aber immer erfolgreich gedrückt. Skeptisch blickte er auf den filigranen Laufsteg, der ihn irgendwie an den Ring des Planeten Saturn erinnerte. Wie eine dünne Scheibe, umkreiste der ausgesetzte Pfad den Fernsehturm. Weder links noch rechts gab es ein Geländer, an dem man sich festhalten konnte. Nur ein dünnes Seil, das in einer umlaufenden Halterung angebracht war, diente als Lebensversicherung. Tomu wollte nicht als Feigling dastehen und gab schließlich Nabbys Drängen nach. Als er aber draußen in die Sicherung eingeklinkt wurde und ihm der kalte Wind um die Nase pfiff, bereute er seine Entscheidung schon wieder. Doch es war zu spät. Zusammen mit vier anderen wagemutigen Helden folgten sie ihrem jungen Anführer über den schwindelerregenden Rundweg. Beim Blick nach unten konnte er durch die Löcher im Metallgitter die winzigen Autos auf der Victoria Street fahren sehen. Krampfhaft krallte er sich an der Sicherungsleine vor seinem Bauch fest. Das Seil hing aber nur schlaff durch und trug keineswegs zu einem Gefühl von Sicherheit bei. Erst als sie ihr Guide aufforderte in die Knie zu gehen, spannte sich die Leine und Tomu konnte spüren, dass ihm der Weg in die Tiefe versperrt war. Zu allem Überfluss forderte der junge Mann seine Gruppe jetzt auch noch dazu auf, sich am Seil hängend über den Außenrand zu lehnen. Während alle anderen Gruppenmitglieder dieser Aufforderung begeisternd johlend nachkamen, schüttelte Tomu nur entsetzt den Kopf und versuchte in der Mitte des Weges das Gleichgewicht zu halten. Es dauerte ein gefühlte Ewigkeit, bis die Tortur endlich vorüber war und sie aus ihren orangen Overalls schlüpfen durften. »Was machen wir als Nächstes?«, rief Nabby euphorisch. Tomu starrte seine Freundin entsetzt an. Ihr Adrenalinspiegel war offenbar dermaßen hochgeschnellt, dass sie vor nichts mehr zurückschreckte. Krampfhaft überlegte er, wie er ihren Tatendrang wieder in geordnete Bahnen lenken könnte. »Was hältst du davon, wenn wir an die Küste fahren? Auf der Coromandel Halbinsel gibt es herrliche Strände und unberührte Natur. Vielleicht sehen wir ja sogar einen Kiwi! Du solltest aber auf jeden Fall die Badesachen mitnehmen!« »Ist es denn zum Baden im Meer nicht viel zu kalt? Wir haben schließlich Juni und es ist Winter!« »Lass dich überraschen! Da wo wir hinfahren ist das Wasser warm genug - das kannst du mir glauben.« Tomu hoffte, dass er beim Schwindeln nicht rot geworden war. Das mit dem Baden war zwar ernst gemeint, der in Aussicht gestellte Kiwi diente aber lediglich als Lockvogel. In den dichten Urwäldern der Coromandel Halbinsel lebten tatsächlich noch einige Exemplare des neuseeländischen Nationalsymbols, jedoch waren diese nachtaktiv, bestens getarnt und so scheu, dass man nie einen dieser hühnerähnlichen Vögel zu Gesicht bekam. Die Notlüge verfehlte aber ihre Wirkung nicht: »Oh ja - einen echten Kiwi wollte ich schon immer mal sehen!«, rief Nabby und war kaum noch zu bremsen. Gesagt - getan. So schnell sie konnten kehrten die beiden zur Wohnung zurück, packten ihre Badesachen zusammen und machten sich mit Tomus kleinem Toyota auf den Weg. Die Fahrt zog sich länger hin, als Nabby gedacht hatte. Nach zwei Stunden erreichten sie die Klippen bei der Cathedral Cove und stiegen zum Strand mit der beeindruckenden Höhle hinab. Eine Stunde lang erkundeten sie die idyllisch gelegenen Buchten, bevor sie schließlich weiter nach Hot Water Beach fuhren. Dort setzten sie sich in eines der gemütlichen Cafes und warteten auf die Ebbe. Nachdem der Meeresspiegel seinen Tiefststand erreicht hatte, brachen sie, mit einer Schaufel bewaffnet zum Strand auf, wo sich bereits eine Menschentraube gebildet hatte. Tomu folgte dem Beispiel der Anderen und begann ein großes Loch in den Sand zu graben. Nach und nach füllte sich die Vertiefung mit Wasser. »Au - ist das heiß!«, schrie Nabby, als sie mit den Füßen in die trübe Brühe stieg. Mit dem Eimer eines ihrer Nachbarn holte sie kaltes Meerwasser und versuchte ihren Privatpool damit auf eine erträgliche Badetemperatur zu bringen. Tomu war unterdessen weiter damit beschäftigt Sand aus der Mulde zu schaufeln, bis man bequem darin liegen konnte. Langsam wurde es Zeit, sich die Badesachen anzuziehen. »Wo kommt denn dieses heiße Wasser her?«, wollte Nabby wissen, nachdem sie es sich neben Tomu in dem kleinen Bassin gemütlich gemacht hatte. »Neuseeland liegt auf dem Pazifischen Feuerring. Die Erdkruste ist an manchen Stellen so dünn, dass die heiße Magma im Untergrund das Wasser erhitzt, bevor es an die Oberfläche tritt. Schade, dass der Spaß bald wieder vorbei ist! Sobald die Flut kommt, wird unser Pool wieder vom Meer verschluckt.« »Und das heiße Wasser?« »Fließt dann direkt ins Meer.« »So eine Energieverschwendung!«, schimpfte Nabby. »Bei mir zuhause kostet jede warme Dusche eine Menge Heizenergie und hier erwärmen diese heißen Quellen sinnlos den Ozean! Als wenn der das bei der Klimaerwärmung nötig hätte!« Tomu zuckte mit dem Schultern und meinte: »Wir haben auf der Erde mehr als genug Energie zur Verfügung - nur leider meistens am falschen Ort oder zur falschen Zeit!« »Dann strengt euch mal an und bringt eure neue Wasserstofftechnologie zur Marktreife! Vielleicht kann ich meine Dusche dann irgendwann mit Hydronit heizen. So wie’s aussieht, habt ihr ja demnächst genug von dem Zeug!« Tomu lachte. »Ich glaube nicht, dass Alan so eine Anwendung auf dem Schirm hat. Wie ich ihn kenne, wird er sein Wissen über das Hydronitvorkommen in einen Wettbewerbsvorteil für seine Raketenantriebe Umsetzern« Dann wechselte er das Thema: »Wie sieht es denn bei dir aus? Hast du schon was über den alten Pencroff herausbekommen?« Nabby schüttelte den Kopf. »Gehst du morgen wieder arbeiten?« »Ja klar!« »Dann kann ich ja währenddessen ein wenig im Internet recherchieren.« »Weißt du überhaupt schon, wie lange du in Neuseeland bleiben wirst?« Nabby blickte ihn vorwurfsvoll an. »Du willst mich wohl wieder loswerden? Da muss ich dich leider enttäuschen. Wenn ich einer heißen Story auf der Spur bin, lasse ich so schnell nicht locker!« Tomu gab ihr einen Kuss und meinte: »Von mir aus kann du bei mir bleiben, so lange du willst!« Dann hielt er sich die Nase zu und verschwand in der trüben, warmen Brühe. 9. Kapitel Horrortrip Calcit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Carbonate und Nitrate“ mit der chemischen Zusammensetzung Ca[C0 3 ] und damit chemisch gesehen Calciumcarbonat. Calcit löst sich gut in saurem Wasser und wird dadurch leicht aus Kalkstein ausgelaugt, wodurch Höhlensysteme entstehen. Der gelöste Calcit lagert sich an anderer Stelle wieder ab. Dabei entstehen die typischen Tropfsteine, die Stalagmiten und Stalaktiten. Eine bekannte Eselsbrücke zur Unterscheidung lautet: „Die Mi(e)ten steigen und die Tit(t)en hängen“. Das Wochenende war vorbei. Tomu fuhr sehr früh zur Arbeit, um dem allmorgendlichen Stau in Aucklands Straßen zu entgehen. Den halben Vormittag verbrachte er mit dem Lesen der vielen E-Mails, die sich während seiner Abwesenheit in seinem elektronischen Postfach angesammelt hatten. Für zehn Uhr hatte ihm Eric Stewart einen Termin in den Kalender gestellt. »Bei mir im Büro«, stand dort anstelle eines Besprechungsraums. Der CTO residierte in der Chefetage direkt neben dem Büro von Alan Tubbs. Sein Zimmer war aber nur halb so groß und auch die einfache Ausstattung offenbarte dem Besucher sofort, welcher der beiden Manager in der Hierarchie höher stand. Ein einfacher Raketeningenieur wie Tomu, der sich mit zwanzig Kollegen das Großraumbüro teilte, konnte beim Anblick dieser Suite mit Meeresblick dennoch neidisch werden. »Guten Morgen, Eric!«, rief Tomu, als er Punkt zehn Uhr durch die offene Bürotür trat. Eric sah vom Bildschirm auf und blickte auf seine Armbanduhr. »Pünktlich wie die Mauer! Guten Morgen, Tomu. Hast du dich wieder akklimatisiert?« »Geht so«, murrte Tomu. »Ich weiß gar nicht was du hast«, scherzte Eric. »Mein letzter Segelurlaub auf einer Luxusyacht liegt schon ein paar Jahre zurück!« Lachend verließ er seinen Platz hinter dem Schreibtisch, bat Tomu an seinem kleinen Besprechungstisch Platz zu nehmen und schloss die Tür. »Wir waren in den vergangen Wochen nicht untätig! Alan hat ein neues Projektteam zusammengestellt, das sich mit der Umrüstung unserer Raketen auf Wasserstoffantrieb beschäftigen soll.« »Es ist ihm also ernst mit der Wasserstoffgewinnung?« »Todernst! Das Thema genießt momentan höchste Priorität. Außerdem haben wir in Papeete einen Schwimmbagger gechartert. Damit wollen wir demnächst mit dem Hydronitabbau beginnen. Das heißt, sobald die Formalitäten erledigt sind.« »Papeete auf Tahiti? Heißt das etwa, der Meteorit liegt in der Nähe der Gesellschaftsinseln 15 ?« »Nah ist relativ - in den Weiten des Pazifischen Ozeans! Du weißt doch, dass Alan die Information über den genauen Ort geheim halten will. Versuch also bitte nicht, mich über die genaue Position auszufragen! Der Hafen von Papeete war jedenfalls der nächste Ort, um ein geeignetes Schiff für unser Vorhaben aufzutreiben.« Tomu pfiff durch die Zähne. »Ihr nehmt richtig viel Geld in die Hand!« Der CTO nickte zustimmend. »Das kann man wohl sagen!« Tomu dachte kurz nach. Die Frage die ihm auf der Zunge lag, war seiner Position vielleicht nicht ganz angemessen. Seine Neugier behielt aber die Oberhand. »Hast du eine Ahnung, warum sich Alan bei der Wasserstoffgewinnung ausschließlich auf unsere Raketenantriebe konzentriert? Die Photokatalyse mit Hydronit ermöglicht doch auch unendlich viele andere Anwendungsmöglichkeiten: Energiespeicherung, Elektromobilität und vieles mehr.« Eric blickte nachdenklich drein und antwortete: »Dieselbe Frage habe ich Alan auch schon gestellt. Weißt du, was er geantwortet hat?« Tomu schüttelte den Kopf. »Bauchgefühl! Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass wir uns vorerst auf unser Kerngeschäft konzentrieren sollten.« »Alans Bauchgefühl verhindert, dass die Menschheit in den Genuss einer so vielversprechenden Technologie kommt?« »Verhindern kann er es ohnehin nicht. Was technisch machbar ist, wird früher oder später gemacht werden. Momentan wissen wir ja noch nicht einmal, wie ergiebig dieses Hydronitvorkommen tatsächlich ist. Ich glaube, Alan will sich einfach den Zeitfaktor zu Nutze machen. In der Raketentechnologie spielen wir heute schon in der ersten Liga. Folglich 15 Die Gesellschaftsinseln sind eine zu Französisch-Polynesien gehörende Inselgruppe im südlichen Pazifischen Ozean. Der Archipel wird in zwei Untergruppen gegliedert: Die Inseln über dem Winde und die Inseln unter dem Winde. Etwa die Hälfte der Einwohner lebt auf der Hauptinsel Tahiti. haben wir hier den größten Hebel zur Verfügung, um unseren Wissensvorsprung zu Geld zu machen. Es mag in der Tat seltsam klingen, dass Alan solch weittragende Entscheidungen aus einem Bauchgefühl heraus trifft. Unser Erfolg in der Vergangenheit gibt ihm allerdings recht!« Tomu vermutete, dass Alans Entscheidungen mehr auf kühlen Berechnungen, als auf schwammigen Gefühlen beruhten. Aber was wusste ein kleines Licht wie er denn schon, was im Hirn eines CEOs vor sich ging. Umgehend wechselte er das Thema: »Wer besitzt eigentlich die Abbaurechte an dem Hydronit? Ich meine, dieser Meteorit muss doch im Hoheitsgebiet irgendeines Staates liegen?« »Kann es sein, dass du mich schon wieder nach dem Ergebnis unserer Ortung ausfragst?«, erwiderte der CTO grinsend und versicherte sich, dass die Tür geschlossen war. »Wie ich schon sagte: Wir beginnen mit dem Abbau, sobald die Formalitäten geklärt sind. Als Techniker bin ich da nicht so eingebunden, aber ich bin mir sicher, dass Alan und die Kollegen da schon geschickt Vorgehen werden, wenn du verstehst was ich meine.« Dabei zwinkerte er Tomu vielsagend zu. Offensichtlich spielte Eric auf die Tatsache an, dass die Pazifischen Inselrepubliken zwar keine Bananenrepubliken waren, was aber hauptsächlich dem Klima und der Bodenbeschaffenheit geschuldet war und weniger dem Umgang mit Korruption. Viele Zwergstaaten des Pazifikraums waren so bettelarm, dass sie ihre Staatshaushalte mit dem Verkauf ihrer Stimmrechte bei den Vereinten Nationen oder der Fifa aufbesserten. Andere erhielten Geld durch gewisse Dienstleistungen. Zum Beispiel, indem sie mit abgelegenen Internierungslagern auf ihrem Staatsgebiet den reichen Staaten unerwünschte Migranten vom Hals hielten. Tomu bohrte nicht weiter nach und erkundigte sich statt dessen nach dem Fortschritt auf dem Dach des Entwicklungszentrums: »Seid ihr denn mit dem Prototypen weitergekommen?« Eric nickte: »Ich sagte doch bereits: Das Thema ist jetzt Chefsache. Die Anlage ist fast fertig. Wir stehen kurz vor dem Betatest. Nächste Woche werden wir sie voraussichtlich zum ersten Mal in Betrieb nehmen und aus Sonnenenergie Wasserstoff erzeugen.« Eric stand auf, ging zu einem verschlossenen Wandregal, öffnete es und kehrte mit einer großen schwarzen Thermoskanne zurück. »Rate mal, was da drin ist!«, forderte er Tomu auf, während er den Drehverschluss herunterschraubte. »Hydronit!«, staunte Tomu, als ihm der türkisgrüne Sand entgegen funkelte. »Ich dachte, ihr hättet das im Tresor eingesperrt!« Eric machte eine abfällige Bewegung. »Ist ja nur ein Teil davon. Der Rest liegt sicher im Firmensafe. Ich kann es kaum erwarten, die Sonnenkollektoren damit zu befüllen!« Die Augen des Entwicklungsleiters leuchteten. Auch wenn er drei Hierarchiestufen über Tomu stand und sich viel mit administrativen Dingen beschäftigen musste, konnte der CTO seine Begeisterung für technische Experimente nicht verbergen. Der Rest des Meetings drehte sich um das weitere Vorgehen bezüglich der Versuchsanlage. Tomu merkte schnell, dass sich Eric Stewart inzwischen intensiv in die Materie eingearbeitet hatte. Je länger sich die beiden Ingenieure unterhielten, umso vertrauensvoller wurde ihr Umgang. Nachdem eine Stunde vorbei war und Eric zum nächsten Meeting eilen musste, wurde er trotzdem nochmal ernst und sagte zum Abschied: »Tomu, alles was wir heute hier besprochen haben ist streng vertraulich. Ich erwarte, dass du mit niemanden darüber sprichst - auch nicht mit Nabby Hathaway! Habe ich mich klar aus ge drückt?« Tomu nickte - wenn auch etwas zögernd. Doch als er abends nach Hause kam, ärgerte er sich über den Maulkorb, der ihm von Eric verpasst worden war. Bestimmt würde Nabby von ihm wissen wollen, was es Neues gäbe und ihm dann Geheimniskrämerei vorwerfen. Dann kam aber alles ganz anders. Tomu hatte die Wohnungstür noch nicht hinter sich geschlossen, als ihm seine Freundin aufgeregt entgegenrief: »Ich hab’s gefunden!« »Was hast du gefunden?«, fragte Tomu und wunderte sich über die seltsame Begrüßung. »Ich weiß jetzt, was dem Seemann Pencroff damals widerfahren ist!« Tomu hängte seine Jacke an die Garderobe, warf seinen Rucksack in die Ecke und setzte sich neben Nabby auf die Couch. »Wie bitte?«, fragte er ungläubig und starrte auf den Bildschirms ihres Notebooks. »Ich habe heute den ganzen Tag recherchiert. Im Online-Archiv der San Francisco Public Library bin ich fündig geworden! Die Bibliothek hat sämtliche Ausgaben des San Francisco Chronicle von 1865 bis 1922 eingescannt und bietet diese ihren Mitgliedern zum Download an.« »Lass mich raten!«, unterbrach sie Tomu. »Du bist seit heute Mitglied!« »Aber selbstverständlich!«, bestätigte Nabby. Stolz präsentierte sie die Begrüßungsmail mit ihrem neuen Zugangscode, bevor sie fortfuhr: »Der San Francisco Chronicle wurde 1865 gegründet und war schon bald die wichtigste Zeitung an der Westküste. Bei meiner Datenbankabfrage habe ich mich auf das Jahr 1869 konzentriert und diesen Artikel gefunden.« Nabby öffnete eine PDF-Datei und drehte das Display in Tomus Richtung, damit dieser den Scan des alten Zeitungsartikels besser lesen konnte. Tragisches Ende einer Gefängnisrevolte Gestern ging im Hafen von San Francisco die spektakuläre Flucht der San-Quentin-Ausbrecher (wir berichteten ausführlich) zu Ende. Der Kapitän des Walfangschiffs Cutty Shark, Samuel Stevenson, übergab die zehn überlebenden Entflohenen und deren Fluchthelfer den Hafenbehörden. Vor zwei Wochen hatte Stevenson das völlig hilflos im Pazifik treibende Ausbrecherschiff, die Brigg Caledonia, gesichtet und deren Besatzung vor dem sicheren Tod durch Verdursten gerettet. Für die Hälfte der Kriminellen kam jedoch jede Hilfe zu spät. Die im Hafen von Richmond gekaperte Caledonia war auf ihrer Irrfahrt in ein schweres Unwetter geraten. Die gebrochenen Hauptmasten und die zerstörte Takelage waren stumme Zeugen der verheerenden Sturmgewalten, denen sie auf hoher See ausgesetzt gewesen sein musste. Die Verhöre der Meuterer dauern derzeit noch an. Wie wir jedoch aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, müssen sich an Bord schreckliche Szenen abgespielt haben. Das Unwetter habe die Caledonia mit Blitz und Donner wie aus heiterem Himmel getroffen und sie schlagartig manövrierunfähig gemacht. Unter den Ausbrechern und deren Komplizen, die ihnen zur Flucht aus San Quentin verholfen hatten, kam es anschließend zu einem wahren Gemetzel. Zwei Überlebende berichten übereinstimmend, dass es sogar zu Skalpierungen gekommen sein soll. Der Wahrheitsgehalt solcher Aussagen muss aber mit Skepsis betrachtet werden, da sich viele der Überlebenden aufgrund des akuten Wassermangels bereits im Delirium befunden hatten. So wurde beispielsweise auch berichtet, dass nach dem Unwetter ein heftiger Schneeschauer auf das Schiff niedergegangen sei. Angesichts der südlichen Breite, in denen sich die Katastrophe abgespielt haben muss, kann diese Beobachtung aber getrost als Seemannsgarn abgetan werden. Unklar bleibt jedoch, was die Ausbrecher überhaupt bewogen hat, sich so weit auf den Pazifischen Ozean hinaus zu wagen. Mehrere Personen berichteten angeblich, dass sie einer der Rädelsführer, ein gewisser Joe Pamcroft, mit dubiosen Versprechungen in die Südsee gelockt habe. Wiederholt habe er von einer Schatzinsel berichtet, ohne jedoch genauere Details über deren Ort preiszugeben. Pamcroft, der aufgrund seiner seemännischen Ausbildung das Kommando auf der Caledonia führte, befindet sich unter den Überlebenden. Sein gesundheitlicher Zustand ist aber so schlecht, dass er von den Behörden noch nicht vernommen werden konnte. Sam Clayton - für den San Francisco Chronicle »Was hältst du davon?«, fragte Nabby, nachdem Tomu den Artikel zu Ende gelesen hatte. »Du meinst dieser Joe Pamcroft ist der Vorfahre von unserem Carlos Pencroff?« »Ja, natürlich! Die Kollegen arbeiteten damals hauptsächlich mit Bleistift und Notizblock. Da kam es häufig vor, dass man einen Namen falsch verstanden oder aufgeschrieben hat. Das mit der Seemannsausbildung passt auch! Jede Wette, dass dies jener Pencroff aus Jules Vernes Roman war, über den auch der alte Nab in seinem Tagebuch berichtet hat!« »Hast du denn auch den anderen Zeitungsartikel über den Gefängnisausbruch gefunden?«, wollte Tomu wissen. »Ja, da steht aber nicht viel drin, was uns weiterhilft.« »Wenn du mich fragst, wollte dieser Pencroff zu der Insel zurückkehren, wo er ein paar Wochen zuvor noch als Schiffbrüchiger auf seine Rettung gewartet hat!« »Das vermute ich auch«, pflichtete ihm Nabby bei. »Er war hinter der Erfindung des russischen Kapitäns her und wollte sie ihm stehlen!« »Du meinst, er wollte die Nautilus in seinen Besitz bringen?« »Warum denn nicht? In dem anderen Zeitungsartikel stand, dass die Ausbrecher ziemlich schwere Jungs waren. Mörder, Gewaltverbrecher und anderweitig kriminelle Existenzen. Außerdem waren sie bis an die Zähne bewaffnet, als sie mit der Caledonia die Bucht von San Francisco verließen und Kurs auf die Südsee nahmen. Die hätten mit den Russen bestimmt kurzen Prozess gemacht und sich das Schiff, samt Hydronit, unter den Nagel gerissen!« »Wenn ihnen der hebe Gott nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte!«, freute sich Tomu und rieb sich schadenfroh die Hände. »Manchmal gibt es eben doch so etwas wie Gerechtigkeit auf der Welt!« Nabby wurde flau bei dem Gedanken, dass sie bei ihrer Überfahrt mit der Aurelius ebenfalls in solch ein schweres Unwetter hätten geraten können. »Glaubst du die Schilderungen der Überlebenden entsprechen der Wahrheit?« »Woher soll ich das wissen?«, lachte Tomu. »Wer von uns beiden hat denn Journalismus studiert und sollte den Wahrheitsgehalt eines solchen Zeitungsartikels einschätzen können? Aber wenn du mich fragst: Die Sache mit den skalpierten Meuterern halte ich für ziemlich weit hergeholt. Wer weiß, was man sich alles einbildet, wenn man kurz vor dem Verdursten ist!« »Angeblich befand sich ein Indianer unter den entflohenen Sträflingen. Aber wahrscheinlich hast du Recht: Da ist bestimmt jemandem im Angesichts des Todes die Fantasie durchgegangen.« Tomu konnte den zweifelnden Blicken seiner Freundin unschwer entnehmen, dass sie sich noch keinen Reim darauf machen konnte, was auf der Caledonia seinerzeit tatsächlich vorgefallen war. »Im Tagebuch des alten Nab steht jedenfalls, dass Pencroff wenige Tage nach der Ankunft gestorben ist.« »Wenn dieser Carlos Pencroff tatsächlich sein Nachfahre ist, müsste der Seemann damals schon Kinder gehabt haben! Kannst du darüber etwas in Erfahrung bringen?« Nabby schüttelte den Kopf. »Dazu müsste ich in San Francisco die alten Geburtsregister einsehen. An die komme ich online leider nicht so ohne weiteres ran.« »Das bedeutet, dass wir weiterhin nicht wissen, warum Carlos Pencroff so gut über das Hydronit und dessen Wert informiert ist!« »Vermutlich ist er im Besitz irgendwelcher alter Unterlagen. Wenn Joe Pencroff tatsächlich verheiratet war, gingen seine Hinterlassenschaften bestimmt an seine Witwe. Sobald ich wieder zurück in Kalifornien bin, werde ich versuchen, die Abstammung dieses Carlos Pencroff zurückzuverfolgen.« Nabby klappte enttäuscht ihr Notebook zu. »Und was gibt’s neues bei euch in der Firma?«, fragte sie neugierig. »Ach nichts besonderes«, log Tomu. »Ich war fast den ganzen Tag mit dem Lesen von E-Mails beschäftigt.« 10. Kapitel Geiselnahme Grimselit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Carbonate und Nitrate“. Es kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung K 3 Na[U 02 |(C 03 ) 3 ]-H 2 0 und ist damit chemisch gesehen ein wasserhaltiges Kalium-Natrium-Uranylcarbonat. Erstmals gefunden wurde Grimselit 1969 am Grimselpass in der Schweiz. Durch seinen Urangehalt von bis zu 39,13 % ist das Mineral sehr stark radioaktiv. Zwei Tage später. Eric Stewart saß mit seiner Frau Susan und den beiden Kindern beim Abendessen. Draußen war es schon dunkel und Eric hatte ein schlechtes Gewissen, weil er wieder so lange in der Firma geblieben war. Plötzlich klingelte es an der Tür. »Das wird Betty sein!«, sagte seine Frau. »Wahrscheinlich will sie sich wieder Milch borgen.« Eric rollte mit den Augen. Ihre Nachbarin war dafür bekannt, dass ihr beim Kochen häufig die Zutaten ausgingen. Seiner Meinung nach ging es bei ihren abendlichen Besuchen aber mehr um den Austausch von Tratschgeschichten, als um die Aufstockung der Eebensmittelvorräte. »Ich bin gleich wieder da!«, entschuldigte sich Susan und verschwand in Richtung Haustür. Betty Jordan wohnte direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Ihr Mann hatte ein Vermögen mit einem Onlineshop für Tierfutter gemacht. Eric mochte den arroganten Kerl nicht sonderlich und hatte in den zwei Jahren, in denen sie nun hier lebten, nur wenige Worte mit ihm gewechselt - was in ihrem Villenviertel auch nicht ungewöhnlich war. Die Häuser in dem noblen Vorort hatten so riesige Grundstücke, dass der Besuch beim übernächsten Nachbarn bereits einem Spaziergang gleichkam. Kein Wunder, dass Betty immer bei ihnen klingelte, wenn ihr etwas fehlte. Eric stand auf und ging zum Fenster. Neugierig schob er die Gardine zur Seite. »Merkwürdig!«, dachte er, als erbemerkte, dass im Haus der Jordans kein Licht brannte. Dann bemerkte er das fremde Auto in seiner Einfahrt. Im selben Augenblick hörte er Susan schreien und an der Eingangstür waren laute Stimmen zu vernehmen. Nur wenige Sekunden später erstarrte sein Blick zu Eis. Drei vermummte Männer stürmten herein und stießen seine Frau brutal in das große Wohnzimmer, in dessen Mitte der Esstisch stand. Die Kinder begannen entsetzt zu kreischen. Unmittelbar darauf blickte der CTO in die Läufe dreier großkalibriger Schusswaffen. Carlos Pencroff und die Borejew-Brüder waren bereits vor einer Woche in Auckland angekommen. In einem der nördlichen Vororte hatten sie Quartier bezogen und sich auf die Ankunft der Aurelius vorbereitet. Das Hydronit, hinter dem sie her waren, musste sich immer noch an Bord befinden. Pencroff schlug vor, das Schiff gleich bei der Ankunft im Hafen in Empfang zu nehmen. Den Liegeplatz herauszufinden stellte in der Tat kein großes Problem dar. Die Luxusyacht war in Aucklands Seglerkreisen bekannt wie ein bunter Hund. Nachdem die Verbrecher aber die weitläufige, belebte Marina in Augenschein genommen hatten, nahmen sie von diesem Plan schnell wieder Abstand. Das Risiko, noch an Ort und Stelle verhaftet zu werden, erschien ihnen zu groß. Pencroff hatte noch ein paar weitere Vorschläge gemacht, die bei den Brüdern jedoch allesamt auf Ablehnung gestoßen waren. Schließlich hatte Abdul Borejew selbst das Heft in die Hand genommen. Der kühle Stratege wusste genau, dass der kürzeste Weg nicht immer am schnellsten ans Ziel führt. Der Tschetschene beherrschte es wie kein anderer, über Bande zu spielen und um die Ecke zu denken. Deshalb hatte sein Interesse nicht dem Schiff - sondern dem Arbeitgeber des Raketeningenieurs gegolten. Es lag auf der Hand, dass das Hydronit früher oder später in den Besitz der Firma Rocketeer Ltd gelangen würde. Deren Firmensitz glich von außen einer Festung, dies spornte den listigen Tschetschenen aber nur umso mehr an, einen Zugang zu finden. Nach zwei Tagen Vorbereitungszeit hatte er den Schlüssel zum Hydronit gefunden. Die Schwachstelle im System war die Familie des Entwicklungsleiters Eric Stewart. »Wenn du einen Mucks machst, erschieße ich deine Frau!«, brüllte Pencroff den CTO durch die schwarze Sturmhaube an. Eric spürte, wie er langsam aus seiner Schockstarre erwachte. Mit betont ruhiger Stimme bemühte er sich um Deeskalation: »Immer mit der Ruhe! Sagen Sie mir bitte, was Sie von uns wollen! Wollen Sie Geld? Wir können über alles reden - aber nehmen Sie bitte erst einmal die Waffen runter!« »Hey Arschloch! Wir sind nicht wegen deinem Geld gekommen!«, erwiderte Pencroff etwas ruhiger. Er fürchtete wohl, dass man sein Geschrei auf der Straße hören könnte. Um seiner Entschlossenheit aber weiterhin Ausdruck zu verleihen packte er Erics Frau am Oberarm und schleuderte sie brutal zu Boden. Susan Stewart konnte sich gerade noch mit den Händen abfangen, bevor sie der Länge nach auf die harten Fliesen krachte. Ihr Schmerzensschrei ging Eric und den Kindern durch Mark und Bein. »Tun Sie Mom nicht weh!«, schrie die sechsjährige Nelly und rannte zu ihrer Mutter, um sie zu trösten. Auch der zehnjährige Robert hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl aus und lief, so schnell er konnte, seiner kleinen Schwester hinterher. Eric ballte instinktiv die Fäuste und wollte seiner Familie zu Hilfe eilen. Der Wortführer richtete aber sofort wieder seine Waffe auf ihn, während seine beiden Komplizen Susan und die Kinder ins Visier nahmen. »Nur eine unüberlegte Bewegung - und ich knall dich ab!«, drohte Carlos Pencroff. Eric sah die eiskalten Augen durch den Sehschlitz der dünnen Stoffmaske blitzen und wusste sofort: Der Mann meinte es ernst. »Solange ihr tut was ich sage, passiert keinem was!«, rief Pencroff. Auf sein Zeichen hin, holte Aslan Borejew aus seiner Jackentasche ein paar graue Kabelbinder heraus. »Hey, ihr Drei!«, fuhr Pencroff, an Susan und die Kinder gerichtet, fort. »Setzt euch nebeneinander auf den Fußboden!« Zögernd und mit verängstigtem Blick rappelte sich Erics Frau auf und kroch in die Mitte des Zimmers. »Kommt Kinder, tut bitte was der Mann gesagt hat!« Robert hatte seine Sitzposition noch nicht ganz eingenommen, als Aslan Borejew damit begann, seine Opfer an Händen und Füßen zu fesseln. »Au! Das tut weh!«, schrie die kleine Nelly, als das harte Plastikband ihre zarten Fußgelenke zusammenschnürte. »Stell dich nicht so an!«, kommentierte Pencroff gefühllos. »Wenn dein Daddy schön macht, was ich ihm sage, bist du die Dinger bald wieder los!« »Jetzt sagen Sie mir doch bitte, was Sie von uns wollen!«, flehte Eric, der dem Geschehen tatenlos Zusehen musste. Langsam keimte in ihm aber der Verdacht, dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Raubüberfall handelte. Seine Ahnung wurde zur Gewissheit, als Pencroff antwortete: »Halt die Fresse, Stewart! Wir drei machen jetzt einen kleinen Ausflug zu deiner Firma! Einer meiner Freunde passt solange auf deine Familie auf. Solange du dich kooperativ verhältst, wird deinen Lieben nichts passieren. Für den Fall, dass wir uns aber nicht regelmäßig bei ihm melden, kann ich für nichts garantieren!« Er winkte mit dem Lauf seiner Pistole, um Eric zum Gehen aufzufordern. »Hast du alles dabei, was du brauchst?« »Wie meinen Sie das?«, fragte Eric beim Hinausgehen, um etwas Zeit zu gewinnen. Pencroff hatte keine Lust auf lange Erklärungen. Mit voller Wucht rammte er seine Faust in die Nieren des Familienoberhaupts. Wie vom Blitz getroffen brach der CTO stöhnend zusammen. »Hör mal zu, Freundchen!«, flüsterte Pencroff dem am Boden Liegenden ins Ohr. »Ich sag dir das jetzt nur einmal: Wir fahren zu deiner Scheißfirma, du übergibst uns dort das Hydronit und wir verschwinden genauso schnell wie wir gekommen sind. Falls du aber meinst, dass du uns ungestraft verarschen kannst, muss ich leider deine Frau bitten, dass sie dich zur Vernunft bringt. Willst du das wirklich?« Eric sah Sterne vor seinen Augen aufblitzen. Der Schmerz in seiner Seite erreichte gerade seinen Höhepunkt. »Nein, ist schon gut. Ich hab’s kapiert!« Die Worte kamen nur mühsam über seine Lippen, während er sich noch am Boden krümmte. »Wollt ihr eurem Vater nicht Lebewohl sagen?«, rief Pencroff höhnisch, als sie das Zimmer verließen. Doch niemand antwortete. Bevor sie ins Freie traten, öffnete Carlos Pencroff die Haustür einen Spalt breit und lauschte, ob draußen etwas zu hören war. Um diese Zeit war hier jedoch kaum noch ein Mensch auf der Straße. Als die Luft rein war, verließen sie das Haus. Abdul Borejew übernahm Erics Überwachung und dirigierte ihn mit sanftem Druck seines Pistolenlaufs in die Richtung des geparkten Wagens. »Los, einsteigen!«, waren die ersten Worte, die Eric von ihm hörte. Sofort fiel ihm der merkwürdige Akzent des Mannes auf. Borejew schubste Eric unsanft auf die Rückbank und nahm neben ihm Platz. Pencroff setzte sich ans Steuer. Beim Verlassen der Einfahrt zogen die Kidnapper ihre Sturmhauben vom Kopf. Offenbar wollten sie während der Fahrt kein unnötiges Aufsehen erregen. »Schau gefälligst nach vorn!«, schnauzte Borejew den CTO an und drückte ihm seine Waffe genau an die Stelle, wo noch immer ein stechender Schmerz hämmerte. Ein kurzer Blick hatte Eric aber vollkommen genügt, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Er schätzte den Mann neben sich auf etwa vierzig Jahre. Seine harten Gesichtszüge hatten einen leichten asiatischen Einschlag. Der Komplize am Steuer schien wesentlich älter zu sein. Von hinten war sein Gesicht nicht zu erkennen. Die ungepflegten Haare und seine schmutzigen Hände bestärkten Eric jedoch in der Annahme, dass der vermeintliche Anführer zwar viel redete, in der Gruppe aber nicht das Sagen hatte. Während der Fahrt wurde kein Wort gesprochen. Eric merkte schnell, dass seine Entführer über gute Ortskenntnisse verfügten. Sie vermieden hell beleuchtete Straßen, lange Ampelstopps und näherten sich dennoch zielstrebig der Firmenzentrale. Als sie ankamen, war die Zufahrt zum Verwaltungsgebäude einsam und verlassen. Sämtliche Mitarbeiter waren längst nach Hause gegangen. Pencroff stellte den Wagen auf einem der Besucherparkplätze ab und stieg als Erster aus. Bevor Erics Bewacher den Wagen verließ, zückte er sein Handy und führte ein kurzes Telefonat. Der CTO verstand kein Wort. Er vermutete jedoch, dass er eine kurze Rücksprache mit seinem Komplizen hielt. Danach verließen auch sie den Wagen. Während Pencroff Eric in Schach hielt, holte der Tschetschene eine große leere Sporttasche aus dem Kofferraum. Bis zur verschlossenen Eingangstür waren es nur wenige Schritte. »Los, aufsperren!«, fuhr Pencroff den CTO unwirsch an und richtete die Waffe auf dessen Kopf. »Schon gut!«, versucht Eric ihn zu beruhigen und öffnete das Schloss mit seinem Generalschlüssel. Unmittelbar nachdem sie die Lobby betraten ging die Beleuchtung an und der diensthabende Wachmann trat aus seinem Dienstzimmer. »Guten Abend, Eric!«, rief er verwundert. Für den älteren Herrn war es nicht ungewöhnlich, dass der Entwicklungschef zu so später Stunde noch einmal an seinen Schreibtisch zurückkehrte, um sich die Nacht mit dem Lesen technischer Unterlagen um die Ohren zu schlagen. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte er die Waffen, die dessen Begleiter auf ihn richteten. Er kam nicht mehr dazu Fragen zu stellen. Ohne Vorwarnung feuerte Pencroff einen gezielten Schuss auf ihn ab. Wortlos brach der grauhaarige Mann zusammen und rührte sich nicht mehr. »Sind Sie wahnsinnig?«, schrie Eric verzweifelt. »Was haben Sie getan?« Carlos Pencroff zeigte keinerlei Gefühlsregung und richtete den rauchenden Lauf seiner Pistole auf ihn. »Weiter geht’s, wir haben keine Zeit zu verlieren!« Achtlos ließ Pencroff den schwer verletzten Mann liegen und schubste den unter Schock stehenden CTO vor sich her. »Wo ist das Hydronit? Ich hoffe, du glaubst uns jetzt, dass wir es ernst meinen!« Im selben Augenblick ertönte ein leiser Signalton vom anderen Ende des Eingangsbereichs. Er kam aus Richtung des Aufzugs. Unmittelbar darauf öffnete sich die Kabinentür und Colin McAlister trat heraus. Der Flight Director hatte einen sehr langen Arbeitstag hinter sich und freute sich auf seinen Feierabend. Noch ehe er begriff was sich in der Lobby gerade abspielte, wurde er durch einen Schuss Borejews niedergestreckt. Mit auf gerissenen Augen taumelte er zurück in die Fahrstuhlkabine und brach darin zusammen. Hinter ihm schloss sich die Tür. »Ich fürchte, wir werden zu Fuß gehen müssen«, höhnte Carlos Pencroff. Mit versteinertem Gesicht führte Eric Stewart die beiden Verbrecher ins Treppenhaus und stieg mit ihnen nach oben bis zur Chefetage. Als sie vor Alans Büro standen, hielt er seinen Firmenausweis vor das elektronische Schloss. Als CTO besaß er sämtliche Zugangsberechtigungen - sogar die für die Bürotür des CEOs. Mit einem leisen Surren wurde ihm Zugang zum Allerheiligsten gewährt. Pencroff pfiff leise durch die Zähne, als die automatisch angehenden Halogen¬ lampen den Raum in helles Licht tauchten. »Respekt!«, murmelte er ehrfurchtsvoll. »Ihr Raketenheinis residiert wirklich wie die Könige!« Dann schlug seine Stimmung jedoch um und er brüllte: »Und wo ist jetzt das Hydronit?« Eric öffnete eine Schrankwand und deutete auf den darin montierten großen Tresor. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Zahlenkombination richtig im Kopf habe«, stammelte er. Pencroffs Augen verengten sich. Dann zog er ein Handy aus der Innentasche seiner schwarzen Lederjacke und begann zu telefonieren. »Hey, Aslan - unser Mr. Stewart erinnert sich nicht an die Zahlen für den Firmensafe. Kannst du ihm mal auf die Sprünge helfen?« Er schaltete auf Lautsprecher und legte das Handy auf Alans Schreibtisch. Kurz darauf hörte Eric seine Frau schreien. »Mein Gott! Er wird Robert umbringen! Bitte Eric, tu etwas!« Pencroff fragte: »Auf welches deiner Kinder könntest du am ehesten verzichten, Stewart? Es ist deine Entscheidung!« »Hören Sie auf!«, rief Eric verzweifelt. »Ich mache alles was Sie wollen, aber tun Sie bitte den Kindern nichts!« Gemächlich umrundete Pencroff Alans Schreibtisch und ließ sich in den weichen Ledersessel fallen. Wortlos deutete er mit seiner Waffe auf den verschlossenen Tresor. Eric suchte den Augenkontakt mit Abdul Borejew. Dessen teilnahms¬ loser Gesichtsausdruck ließ aber keine Zweifel daran, dass von ihm keine Hilfe zu erwarten war. »Warten Sie bitte einen Augenblick! Ich werde es versuchen!« Er atmete tief durch und versuchte sich zu konzentrieren. Eric konnte sich noch gut daran erinnern, wie er seinerzeit beim Einzug in die neuen Firmengebäude zusammen mit Alan die Kombination festgelegt hatte. Der Code des mechanischen Zahlenschlosses entsprach dem Datum ihrer ersten gemeinsamen Patentanmeldung. Vorsichtig drehte er den Zahlenknopf auf die Jahreszahl, dann wechselte er die Richtung und stellte den Monat ein. Aber war es wirklich der dreiundzwanzigste? Als der Tresor nach der letzten Drehung verschlossen blieb, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Pencroffs Blicke verfinsterten sich. »Ich glaube es ist Zeit, dass du dich von deinem Sohn verabschiedest!« »Bitte nicht! Wenn es nicht Dreiundzwanzig ist, dann ist es bestimmt Vierundzwanzig!« Nachdem er den Schließmechanismus zurückgesetzt hatte, probierte es nun mit dieser Kombination. Doch zu seinem Entsetzen rührte sich die schwere Stahltür erneut keinen Millimeter. »So kommen wir hier wohl nicht weiter!«, schrie Pencroff. »Aslan, zeig dem Kerl, dass wir uns nicht verarschen lassen!« »Nein - bitte!«, flehte Eric. »Ich weiß, wie ich das Datum herausbekomme! In dem Schrank da vorn, sind alle unsere Patentanmeldungen abgeheftet. Ich kann nachsehen, was die richtige Kombination ist!« Pencroff schüttelte den Kopf. »Wer nicht hören will, muss fühlen! Aslan, knall den Jungen ab!« Jetzt mischte sich jedoch Abdul Borejew ein. »Gib ihm die Chance! Wir werden ja gleich sehen, ob er die Wahrheit sagt!« Pencroff warf dem Tschetschenen wütende Blicke zu, wagte aber nicht zu widersprechen. Der CTO ging zu dem hohen Aktenschrank und zog einen dicken Ordner heraus. Nach kurzem, hastigen Durchblättern rief er erleichtert: »Jetzt weiß ich’s wieder - es war der Einundzwanzigste!« Mit Schweißperlen auf der Stirn kehrte er zum Tresor zurück und begann erneut den Zahlenknopf zu drehen. Als die runde Skala ihre Endposition erreichte, glaubte er, dass sein Herzschlag jeden Moment aussetzen müsse. Seine Erleichterung war unbeschreiblich, als sich endlich die Tür öffnete. »Na also!«, triumphierte Pencroff. »Geht doch!« Schwungvoll erhob er sich aus dem Chefsessel und lief zu dem geöffneten Tresor. Der Kanister im untersten Fach war nicht zu übersehen. Er packte den Behälter mit seinen groben Händen und zerrte ihn heraus. Der Blick ins Innere versöhnte ihn wieder mit der Welt. Durch die schmale Öffnung funkelte ihm türkisgrüner Sand entgegen. »Aslan, dein Job ist erledigt! Du kannst abhauen!«, rief er, bevor er sein Handy wieder an sich nahm und die Telefonverbindung beendete. Abdul Borejew öffnete unterdessen die Sporttasche und verstaute den Kanister darin. Dann hielt er kurz inne und ging noch einmal zum Tresor. »Wenn wir schon einmal hier sind, sollten wir die Gelegenheit nutzen!« Hastig begann er weitere Unterlagen herauszuziehen und in die Tasche zu stopfen. Aktenordner, Schnellhefter und Klarsichthüllen mit losen Blättern. Alles was ihm in die Finger fiel, packte er in das voluminöse Gepäckstück - bis schließlich nichts mehr hineinpasste. »Haben Sie jetzt was Sie wollen?«, fragte Eric. »Noch nicht ganz«, erwiderte Pencroff und trat ganz nah an ihn heran. Dann rammte er ihm unvermittelt die Faust in den Magen. Der CTO ging zu Boden und wusste nicht, wie ihm geschah. Als er seine Augen wieder öffnete, spürte er den Stahl von Pencroffs Waffe in seinem Genick. »Tut mir leid Freundchen, aber wir können keine Zeugen gebrauchen!« Eric Stewart schloss die Augen und ergab sich in sein Schicksal. Er hörte noch den Schuss - und für den Bruchteil einer Sekunde war ihm, als könne er sein eigenes Blut spritzen sehen. 11. Kapitel Massaker Hämatit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Oxide (und Hydroxide) mit der Summenformel Fe 2 0 3 und die häufigste natürlich auftretende Modifikation des Eisen(III)-oxids. Hämatit enthält im reinen Zustand 70 Prozent Eisen und ist neben Magnetit (72 Prozent Eisen) das wichtigste Eisenerz. Von Esoterikern wird Hämatit als Heilstein vor allem bei Blutkrankheiten eingesetzt. Weiterhin gehört er im tantrischen Hinduismus zum Wurzelchakra. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit liegen jedoch nicht vor. Alan Tubbs war gerade von einem Geschäftsessen in der Innenstadt nach Hause gekommen, als sein Smartphone plötzlich sirenenartige Geräusche von sich gab. Ungläubig starrte er auf das Display. Das Überwachungs¬ systems des Firmensafes hatte angeschlagen und eine Alarmmeldung an die App auf seinem Handy geschickt. Der Meldungstext ließ keinen Zweifel: Der Tresor in seinem Büro war soeben geöffnet worden! Alan öffnete das Adressbuch und wählte Erics Handynummer. Sein CTO war der einzige Mensch außer ihm, der den Code des Zahlenschlosses kannte. War Eric um diese Zeit noch im Büro? »Hi, hier ist der Anrufbeantworter von Eric Stewart. »Wenn Sie mir eine Nachricht hinterlassen wollen, sprechen Sie bitte nach dem Piepton!« Eric war eigentlich immer und überall telefonisch erreichbar. Alan Tubbs konnte sich nicht erinnern, wann er ihm das letzte Mal auf den Anrufbeantworter sprechen musste. Selbst in den unpassendsten Momenten antwortete er auf die Anrufe seines Chefs - und sei es nur, um ihn auf später zu vertrösten. »Hallo Eric, hier ist Alan. Ruf mich bitte zurück! Es ist dringend!« Vielleicht war er ja zuhause zu erreichen! Normalerweise rief Alan Eric nicht über dessen Festnetznummer an - schon gar nicht um diese Zeit, wenn die Kinder schon im Bett waren. Unter den gegebenen Umständen konnte er aber auf die Privatsphäre seines Entwicklungsleiters keine Rücksicht nehmen. Doch auch dieser Anruf ging ins Leere. Im Haus des CTO meldete sich nicht einmal ein Anrufbeantworter. Alan wurde nervös. Was ging hier vor? Nach kurzem Überlegen griff er erneut zum Handy und wählte die Nummer des Werkschutzes. Mit jedem Tuten beschleunigte sein Puls. »Das gibt’s doch nicht!«, fluchte er, als auch dort niemand ans Telefon ging. Es war noch keine drei Stunden her, dass er dem alten Phil beim Verlassen der Firmenzentrale eine ruhige Nachtschicht gewünscht hatte. Der langjährige Mitarbeiter galt als äußerst zuverlässig. Selbst wenn er sich gerade auf einem seiner Kontrollgänge befinden würde, wäre er über sein schnurloses Telefon jederzeit erreichbar. Den CEO überkam ein schlimmer Verdacht. Im Firmensafe befand sich das Hydronit - und welche Begehrlichkeiten diese Substanz erweckte, war spätestens seit dem Überfall auf die Aurelius klar. Er musste sofort die Polizei informieren! Alan Tubbs überlegte, wie er dem diensthabenden Officer von der Notruf leitstelle die Brisanz der Situation erklären konnte. Dabei fiel ihm ein Spruch seiner Großmutter ein. Die alte Dame pflegte immer zu sagen: "Wer zum Schmied gehen kann, sollte nicht zum Schmiedle gehen!" Alan Tubbs nickte - und wählte die private Handynummer des Innenministers. Der Firmenchef kannte den einflussreichen Politiker seit den Verhandlungen um die Startrechte der Raketen. Gelegentlich trafen sie sich auf dem Golfplatz. Wie alle neuseeländischen Regierungsmitglieder wusste der Minister um die nationale Bedeutung der Raketenfirma und unterstützte das aufstrebende Unternehmen nach besten Kräften. Schließlich ging es um zukünftige Steuereinnahmen und um nichts Geringes als den Aufstieg des kleinen Landes zur Weltraumnation! Es bedurfte nicht vieler Worte, bis Alan Tubbs den einflußreichen Mann davon überzeugt hatte, dass gerade ein schwerwiegender Angriff auf das wichtige Vorzeigeunternehmen im Gange war. Der Innenminister verstand den Ernst der Lage und versprach unverzüglich alle verfügbaren Polizeikräfte, sowie ein Sondereinsatzkommando, zur Firmenzentrale der Rocketeer Ltd zu schicken. Dennoch hielt es Alan keine Sekunde länger zuhause aus. Er musste selbst in seiner Firma nach dem Rechten sehen. Bevor er losstürmte, steckte er noch seine Smith & Wesson Pistole in die Jackentasche. In der Garage sprang er in seinen Tesla und aktivierte den Ludicrous-Modus 16 . Mit quietschende Reifen jagte er den neuen Elektroboliden vom Grundstück. Unter normalen Umständen benötigte er von seinem Haus in Panmure bis zum Firmengelände in Mount Wellington zehn Minuten. Dieses Mal schaffte er es in weniger als der Hälfte der Zeit. Als der Tesla die Auffahrt zum Verwaltungsgebäude hinauf raste, traf auch gerade der erste Streifenwagen ein. Fast gleichzeitig sprangen der CEO und die zwei Polizeibeamten aus ihren Fahrzeugen. Alan fiel sofort auf, dass in seinem Büro Licht brannte. »Ich bin der Geschäftsführer!«, rief er den verdutzten Streifenpolizisten zu. »Bitte folgen Sie mir!« Im Laufschritt stürmten die drei Männer zum Haupteingang. Die dicke Panzerglastür war fest verschlossen, doch Alan Tubbs verfügte natürlich über einen Generalschlüssel, der ihm überall Zugang gewährte. Nachdem er den Empfangstresen passiert hatte, blieb er wie angewurzelt stehen und schrie: »Mein Gott Phil!« Entsetzt blickte Alan in die verzweifelten Augen des, in einer riesigen Blutlache liegenden, Wachmanns. Neben ihm kauerte Colin McAlister. »Ich habe schon die Polizei alarmiert und einen Rettungswagen angefordert«, sagte der Flight Director. »Phil hat’s schlimm erwischt!« »Was ist mit dir?« »Ist nicht so schlimm. Wohl nur ein Kratzer am Arm.« Der bluttriefende Oberarm des Kollegen sprach jedoch eine andere Sprache. Alan war dennoch erleichtert, dass sein Flugleiter wohl noch 16 Der Ludicrous-Modus (zu deutsch Wahnsinns-Modus) ermöglicht einem Tesla maximale Beschleunigungswerte Glück im Unglück gehabt hatte. Seine Sorge galt dem alten Wachmann. Gott sei Dank war er bei Bewusstsein. Das Sprechen bereitete ihm aber offensichtlich große Schmerzen. Seiner Haltung nach zu schließen, hatte er eine Schusswunde unterhalb des Brustkorbs. Mit seiner linken Hand versuchte er die Blutung zu stillen. Als er wahrnahm, dass Alan sich zu ihm herunterbückte, huschte ein erleichtertes Lächeln über sein schmerzverzerrtes Gesicht. Kurzzeitig sah es so aus, als wollte er etwas sagen. Als er jedoch bemerkte, dass nicht mehr als ein Stöhnen über seine Lippen kam, nahm er alle Kräfte zusammen, erhob seine rechte Hand und deutete zum Treppenhaus. Kurz darauf brach er bewusstlos zusammen. »Halt durch, Phil! Die Sanitäter müssen gleich da sein!«, sagte Alan mit leiser Stimme. »Es waren zwei Männer«, rief Colin McAlister aufgeregt. »Einer von ihnen ist vor wenigen Minuten mit einer großen Tasche aus dem Gebäude gerannt. Der andere muss aber noch hier sein!« Dann hielt er kurz inne. »Und noch was, Alan: Ich bin mir nicht ganz sicher - aber ich glaube Eric war bei ihnen!« Der CEO bat Colin, sich bis zur Ankunft des Notarztes um Phil zu kümmern. Dann sprang er auf und wandte sich an die Polizisten. »Kommen Sie bitte mit!« Gemeinsam rannten sie die Treppenstufen nach oben bis zur Chefetage. Schon vom Flur aus konnte man sehen, dass die Tür des Chefbüros sperrangelweit offen stand. Bevor Alan in das hell erleuchtete Zimmer eintrat, zog er die Pistole aus seine Jackentasche. Beim Anblick seines Arbeitszimmers erstarrte er. Das sonst so ordentliche Büro ähnelte einem Schlachtfeld. Aktenordner und lose Papiere lagen überall verstreut herum. Von Möbeln und Wänden tropfte frisches Blut. Entsetzt starrte der CEO auf den rotgetränkten Teppichboden, auf dem die grausam entstellte Leiche eines Mannes lag. Das Geschoss, das in seinen Hinterkopf eingetreten war, hatte ganze Arbeit geleistet und von seinem Gesicht nicht viel übrig gelassen. Entsetzt wandte sich Alan von dem schrecklichen Anblick ab. Er spürte, wie sich sein Magen verkrampfte und glaubte, dass er sich gleich übergeben musste. Doch bemerkte er jetzt, dass sich noch eine weitere Person in dem Zimmer befand! Instinktiv richtete er seine Pistole auf den Mann. Doch gleich darauf erkannte er das vertraute Gesicht und ließ die Waffe wieder sinken. Es war Eric Stewart. Der CTO kauerte apathisch in der Ecke und rührte sich nicht. »Eric - um Himmels Willen! Bist du verletzt?« Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der traumatisierte Entwicklungsleiter zu einer Antwort fähig war. Seine angsterfüllten Augen fixierten wechselweise Alan, die Polizeibeamten und den toten Mann in der schwarzen Lederjacke. Schließlich stammelte er mit gebrochener Stimme: »Alan? Ich glaube, ich bin okay. Was ist mit meiner Familie?« 12. Kapitel Begräbnis Achat ist Varietät des Minerals Quarz, die ausschließlich mikrokristalline Mineral- Aggregate in Form von Drusen und Mandeln bildet. Auffälliges Merkmal von Achaten sind die überwiegend buntfarbigen, streifenförmigen Ablagerungen aufgrund der rhythmischen Kristallisation. Die Nutzung von Achat als Heilstein ist unter anderem durch Hildegard von Bingen in ihrem „Buch von den Steinen“ überliefert. Ihr zufolge sollte der Stein, äußerlich angewendet nach Kontakt mit dem Gift von Spinnen und Schlangen, die schmerzende Stelle heilen und das Gift wegnehmen und herausziehen. Als Tomu am nächsten Morgen zur Arbeit kam, traute er seinen Augen nicht. Vor der Firmenzentrale parkte ein gutes Dutzend Polizeifahrzeuge. In der Lobby wurde er sogleich von der jungen Dame an der Rezeption herbeigewunken. »Tomu, du sollst sofort zu Alan kommen! Er ist in Erics Büro.« »Was ist denn passiert?«, fragte er erschrocken. »Gestern Abend wurden Phil und Colin niedergeschossen!«, antwortete die Rezeptionistin sichtlich bewegt. »Und in der Chefetage gab es einen Toten!« »Einen Toten? Und warum ist der Chef nicht in seinem eigenen Büro? Um Himmels Willen, es wird doch nicht Eric ...« »Nein, nein, Eric geht’s gut«, unterbrach ihn die junge Frau. »Oder zumindest den Umständen entsprechend. Und Colin hat wohl auch Glück gehabt. Bei Phil ist aber noch nicht sicher, ob er durchkommt. Aber das kann dir Alan alles selber erzählen.« Oben in der Manager-Etage wimmelte es nur so von Polizisten. Der Zugang zu Alans Büro war mit einem roten Absperrband blockiert. Beim Vorbeigehen sah Tomu jedoch mehrere Personen, die in weißen Schutzanzügen ihrer Arbeit nachgingen. »Hallo Tomu!«, begrüßte ihn Alan Tubbs mit ernster Miene, als er in das Nachbarbüro eintrat. »Wo ist Eric?«, platzte Tomu heraus. Der CEO hatte sich am Schreibtisch des Entwicklungschef offenbar häuslich eingerichtet. »Eric hat sich heute einen Tag frei genommen. Er hat gestern einiges mitgemacht und muss sich erst einmal um seine Familie kümmern.« Alan Tubbs unterrichtete seinen jungen Raketeningenieur ausführlich über die Ereignisse des Vorabends. »Weiß man denn schon, wer der Tote ist?«, fragte Tomu entsetzt, nachdem sein Chef am Ende seines Berichts angekommen war. Alan schüttelte den Kopf und meinte: »Die polizeilichen Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang. Aber wenn du mich fragst, handelt es sich um einen der drei Männer, die euch auf den Fidschiinseln überfallen haben.« Tomu starrte seinen Chef ungläubig an. »Und wer hat ihn umgebracht?« »Wir haben gestern aus Eric nicht viel herausbekommen. Der arme Kerl stand völlig unter Schock. Nachdem Eric den Tresor geöffnet hatte, wollte ihn der Anführer angeblich erschießen, wurde dann aber selber von dem anderen Mann kaltblütig umgelegt. Dieser machte sich danach mit dem Hydronitkanister und einigen Firmenunterlagen aus dem Staub.« »Du meinst, der Kopf der Verbrecherbande wurde von seinem eigenen Komplizen liquidiert?« »Sieht wohl so aus! Eric bestreitet jedenfalls, selbst geschossen zu haben und ich glaube ihm das auch.« »Eric ist doch kein Mörder!«, rief Tomu entsetzt. »Und selbst wenn er abgedrückt hätte, wäre es bestimmt Notwehr gewesen!« Alan Tubbs nickte. »Wenn du mich fragst, ist der Tote dieser Carlos Pencroff, von dem der Lieutenant aus Los Angeles uns erzählt hat. Du weißt doch: Der Mann, der im Verdacht steht Peter auf dem Gewissen zu haben. Außerdem hat Eric erzählt, dass die andere Person mit einem fremden Akzent gesprochen hat. War bei eurem Überfall nicht auch ein Ausländer beteiligt?« »Das stimmt!«, bestätigte Tomu. »Der Wortführer sprach perfekt Englisch mit groben amerikanischen Slang. Die beiden Komplizen haben zwar kaum etwas gesagt, aber ich erinnere mich genau, dass einer von den beiden mit Akzent sprach.« »Der Tote trug übrigens eine schwarze Lederjacke. Sagt dir das vielleicht etwas?« Tomu lachte gequält. »Weißt du, wie heiß es auf den Fidschiinseln war? Die Kerle trugen ganz normale T-Shirts und Bermuda Shorts.« »Entschuldige, du hast natürlich recht«, ruderte Alan zurück. »Am besten, wir warten einfach die Ergebnisse der Ermittlungen ab. Wenn es sich bei dem Toten tatsächlich um diesen Pencroff handeln sollte, erfahren wir das noch früh genug. Tomu fielen die neusten Erkenntnisse seiner Freundin ein und sagte: »Nabby hat neulich einen interessanten Artikel im Archiv einer Zeitung gefunden. Darin wird beschrieben, wie der Urahn von diesem Carlos Pencroff ...« »Tomu, das ist jetzt wirklich nicht der Zeitpunkt, irgendwelchen Verschwörungstheorien hinterher zu jagen!«, unterbrach ihn der CEO barsch. »Nichts gegen Mrs. Hathaway, aber im Augenblick habe ich wirklich andere Probleme, als mich mit ihren alten Familiengeschichten zu beschäftigen. Aus dem Firmensafe wurde die Hälfte unserer Unterlagen gestohlen. Wichtige Vertragsentwürfe, geheime Konstruktionsunterlagen, brandneue Patentschriften und vieles mehr! Momentan kann ich noch nicht abschätzen, wie groß der Schaden für die Firma ist. Der Verlust des Hydronits bereitet mir da am wenigsten Kopfzerbrechen. Und die alten Familiengeschichten deiner Freundin interessieren mich im Augenblick nicht im Geringsten!« Der zurechtgestutzte Ingenieur nickte verständnisvoll und schwieg. Alan Tubbs legte aber sofort nach: »Ich weiß wirklich nicht, wo mir der Kopf steht! Eric ist krank, mein Büro wurde zum Sperrgebiet erklärt, die Polizei steht dauernd blöde Fragen und vor morgen graut mir auch schon!« Selten hatte Tomu seinen Chef so dünnhäutig erlebt. Er kapierte, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war und trollte sich in sein Großraumbüro. Auch ihm lag der morgige Tag bereits schwer im Magen. Es war der Tag, an dem sein Freund und Kollege Peter Thompson zu Grabe getragen werden sollte. Die Gerichtsmedizin in Los Angeles hatte die Leiche endlich freigegeben. Vor vier Tagen hatte der ermordete Chemiker im Frachtraum einer Boeing 747 der Air New Zealand seine letzte Reise angetreten. Am nächsten Vormittag war es soweit. Auf dem weiten Grün des Waikumete Cemetery 17 versammelte sich eine unüberschaubare Menschenmenge. Außer Peters Verwandten und Bekannten war auch die gesamte Belegschaft der Rocketeer Ltd vollzählig erschienen. Niemand wollte sich nachsagen lassen, dass er dem beliebten Kollegen, der sein Leben im Dienst der Firma geopfert hatte, nicht die letzte Ehre erwiesen hätte. Auch Nabby war kurzfristig zum Einkäufen gegangen und stand in einem schwarzen Kostüm neben Tomu in einer der vordersten Reihen. Am Rande des Gräberfelds waren Lautsprecher auf gestellt worden, damit auch die weiter hinten stehenden Trauergäste den Ablauf der Zeremonie verfolgen konnten. Alan Tubbs hielt eine ergreifende Rede, in der er die Verdienste seines Mitarbeiters in den höchsten Tönen lobte. Die nächste 17 Cemetery: Friedhof ins Weltall geschossene Rakete sollte Peters Namen tragen. Eine Ehre, die noch keinem Mitarbeiter jemals zuvor zuteil geworden war. Nach dem Ende der Trauerfeier wurden die Rocketeere mit Bussen wieder zurück zum Firmensitz in Mount Wellington gebracht. An ein konzentriertes Arbeiten war aber an diesem Freitag Nachmittag nicht mehr zu denken. Der blutige Überfall vom Vortag und Peters Beerdigung waren die alles beherrschenden Themen, über die in den Fluren und Teeküchen diskutiert wurde - und jeder sehnte sich nach dem Wochenende, um endlich wieder auf andere Gedanken zu kommen. 13. Kapitel Menetekel Beryll ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“. Es kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung AhBesiSieOis], ist also ein Aluminium-Beryllium-Silikat. Strukturell gehört es zu den Ringsilikaten. Beryll entwickelt vorwiegend große Kristalle mit tafeligem oder prismatischem bis säuligem Habitus und glas- bis fettähnlichem Glanz auf den Oberflächen. Die größten bekannten Kristalle waren bis zu 18 Meter lang und 180 Tonnen schwer. Aufgrund seiner hohen Mohshärte von 7,5 bis 8 und seiner oft gut ausgebildeten Kristalle wird Beryll vorwiegend zu Schmucksteinen verarbeitet, wobei vor allem der blaue Aquamarin, der grüne Smaragd und der hellgelbe bis grünlichgelbe Goldberyll bekannt sind. Am folgenden Montag kehrte langsam wieder Routine in den Firmenalltag ein. Auch Eric Stewart erschien wieder zur Arbeit. Die Ringe unter seinen Augen waren jedoch untrügliche Zeichen dafür, dass er in den vergangenen Tagen nicht viel Schlaf gefunden hatte. Zusammen mit den andern Mitgliedern des obersten Führungszirkels, saß er in dem mit Teakholz getäfelten Besprechungsraum der Chefetage, wo Alan Tubbs, wie an jedem Montag Morgen, seine Führungsriege zum Rapport geladen hatte. Der CFO 18 wollte gerade mit einer neuen Powerpoint Präsentation beginnen, als plötzlich Alans Sekretärin in die Männerrunde hineinplatzte: »Entschuldige Alan, ich habe einen Inspector Hodges in der Eeitung. Es sagt es sei dringend!« 18 CFO: Chief Financial Officer - Finanzvorstand bzw. Kaufmännischen Geschäftsführer Der CEO rollte mit den Augen. Es konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man ihn während einer Besprechung störte. Er entschuldigte sich bei seinen Führungskräften und verließ kurz das Zimmer. Als er zurückkehrte, wirkte er sichtlich beunruhigt und griff, ohne sich weiter um die Anwesenden zu kümmern, zum Telefon: »Hallo Tomu, hier ist Alan. Kannst du bitte in einer halben Stunde hier im großen Besprechungsraum sein? — Die Polizei hat soeben bestätigt, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Carlos Pencroff handelt! — Das erklär ich dir alles später! — Es sieht jedenfalls so aus, als müssten wir uns doch noch intensiver mit der Familiengeschichte dieses Pencroff beschäftigen! Ist Nabby Hathaway noch in der Stadt? — Ruf sie bitte an und sag ihr, dass sie so schnell wie möglich hierher kommen soll! — Okay, bis gleich!« Erst jetzt entschuldigte sich Alan Tubbs erneut bei seinen anwesenden Mitarbeitern für die kurze Unterbrechung und kehrte dann mit gewohnter Souveränität zur Agenda des Management-Meetings zurück. Nach Ablauf der halben Stunde saßen nur noch Alan, Eric und Tomu in dem repräsentativen Besprechungszimmer. Nabby hatte ihr Kommen zugesagt, stand mit ihrem Taxi aber offenbar noch im Stau. Nachdem sich der CEO versichert hatte, dass die Tür geschlossen war, verkündete er die Neuigkeiten: »Mich hat vorhin ein Inspector Hodges von der Mordkommission angerufen. Der DNA-Abgleich hat inzwischen zweifelsfrei ergeben, dass es sich bei dem Toten um Carlos Pencroff handelt. Außerdem haben die Behörden die Videoüberwachung am Flughafen ausgewertet. Pencroff ist bereits vor elf Tagen in Begleitung von zwei anderen Männern, von den Fidschiinseln kommend, in Neuseeland eingereist. Alle Drei waren offenbar mit falschen Papieren unterwegs. Pencroffs Begleiter haben das Land bereits am Freitag, das heißt kurz nach dem Überfall auf unsere Firma, mit einen Qantas-Flug in Richtung Hawaii wieder verlassen.« Der CEO holte kurz Atem, bevor weitererzählte: »Jetzt haltet euch fest! Ein Abgleich der Überwachungsbilder mit den Datenbanken von Interpol ergab einen Volltreffer! Die beiden Männer konnten anhand ihrer biometrischen Gesichtsmerkmale identifiziert werden. Es handelt sich um zwei Brüder aus der ehemaligen Sowjetrepublik Tschetschenien. Der ältere von ihnen gilt als internationaler Waffenschieber und Terrorist. Über den jüngeren ist derzeit noch nicht so viel bekannt. Alle beide sind jedoch schon seit langem weltweit zur Fahndung ausgeschrieben!« Eric und Tomu hatten bislang stumm den Worten ihres Chefs gelauscht. Bevor sie aber etwas antworten konnten, klopfte es an der Tür und das Gesicht von Alans Sekretärin blickte erneut herein. »Eine Mrs. Hathaway steht am Empfang und möchte abgeholt werden!« Tomu sprang auf und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter zur Rezeption. Schon von weitem erkannt er Nabby, die gerade mit dem Ausfüllen eines Formulars beschäftigt war. Nachdem sie sich ihren Besucherausweis ans Revers geheftet hatte, fuhren sie gemeinsam nach oben. »Danke, dass Sie so spontan zu uns kommen konnten!«, rief Alan, als die beiden das Konferenzzimmer betraten. »Ist es okay, wenn ich Nabby sage?« »Natürlich«, antwortete die junge Journalistin, während sie die beiden Manager musterte. Nach einem kurzem Smalltalk wiederholte Alan nochmal seine bisherigen Ausführungen, um auch Nabby auf den neuesten Stand zu bringen. Man konnte ihm aber ansehen, dass er noch eine weitere wichtige Neuigkeit loswerden wollte. »Soviel zur Identität der drei Männer. Der Inspektor hat mir aber noch etwas Interessantes mitgeteilt! Dies ist auch der Grund, warum ich Nabby gebeten habe, an unserer Runde teilzunehmen. Die Spurensicherung hat in der Jackentasche des toten Pencroff ein vergilbtes Blatt Papier mit einer merkwürdigen Zeichnung gefunden. Die Polizei kann damit nicht viel anfangen und hat uns gebeten, mal einen Blick drauf zu werfen. Hodges wollte das Dokument einscannen und mir per E-Mail zusenden. Mal sehen, ob es schon da ist!« Alan Tubbs klappte sein Notebook auf und checkte seinen Eingangsordner. »Da ist es ja schon!«, freute sich der CEO und verband seinen Computer mit dem Anschlusskabel des Beamers. Es dauerte ein paar Sekunden bis das Gerät vollständig hochgefahren war und der Desktop-Hintergrund von Alans Notebook an die weiße Wand projiziert wurde. Als Tomu einen kurzen Blick auf die gewaltige Anzahl der ungelesenen E-Mails seines Chefs erhaschen konnte, wurde ihm kurz schwindlig. Der CEO klickte auf die angehängte Bilddatei und kurz darauf starrten alle Anwesenden wie gebannt auf die große Zeichnung an der Wand. »Das ist doch unsere Anordnung zur Wasserstoffgewinnung!«, rief Tomu aufgeregt, kaum dass er den ins Auge springenden Text gelesen hatte. »H 2 S0 4 ist die Summenformel der Schwefelsäure. Hydronit und Schwefelsäure ergibt zusammen mit Wasser die reaktive Flüssigkeit, die beim Einfall von Sonnenlicht zur Aufspaltung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff führt!« Eric nickte zunächst zustimmend, legte dann aber seine Stirn in Falten. »Ich kann mir das ganze Drumrum nicht so recht erklären. Wie das schon aussieht! Wie eine dieser alten technischen Zeichnungen aus der Zeit, als es noch keine CAD 19 -Systeme gab! In gewisser Weise gebe ich Tomu recht: Das ist der Querschnitt eines Elydronitbehälters. Allerdings befindet sich die lichtempfindliche Substanz in einer dicken Hülle, der mich 19 CAD: Computer-Aided Design, zu Deutsch: Rechnerunterstütztes Konstruieren irgendwie an einen Rugbyball erinnert. So kommt da jedenfalls überhaupt kein Licht ran!« »Mich erinnert die Form eher an eine Patronenkugel«, meldete sich Alan zu Wort. »Der Rugbyball ist das Projektil und die rechte Umhüllung ist die Patronenhülse mit der Treibladung.« »Quatsch!«, widersprach der CTO seinem Chef. »Da stimmen doch die Proportionen überhaupt nicht! Die Treibladung müsste viel größer sein, um dem Projektil ordentlich Schub zu verleihen.« Er kratzte sich am Kopf und meinte dann: »Alans Idee könnte aber schon in die richtige Richtung gehen. Ich glaube, ich habe mal in einem Militärmuseum so eine ähnliche Zeichnung gesehen. Ich denke es ist eine Sprenggranate! Links ist der Aufschlagzünder und die abgeflachte rechte Form ist notwendig, damit man das Teil, wie eine Kanonenkugel, abfeuern kann.« »Kanonenkugel?«, rief Nabby plötzlich aufgeregt. »Der alte Cyrus Smith hatte im amerikanischen Bürgerkrieg mit dem Guss von Kanonen zu tun!« Tomus Gedanken kreisten inzwischen mehr um die Herkunft der Abbildung: »Schrieb der alte Nab nicht in seinem Tagebuch, dass dem Ingenieur während der Rückkehr von dieser Insel einige seiner Konstruktionszeichnungen geklaut wurden?« »Ja genau!«, pflichtete ihm Nabby bei. »Und Smith hatte von Anfang an den Seemann Pencroff im Verdacht!« Alan Tubbs lachte. »Jetzt Moment mal! Ihr beiden wollt mir tatsächlich weismachen, dass wir es hier mit einer hundertfünfzig Jahre alten Zeichnung zu tun haben, die mit der Handlung eines Science-Fiction- Romans von Jules Verne in Verbindung steht?« Tomu und Nabby warfen einander ratlose Blicke zu. Offenbar war der CEO noch immer nicht vollständig vom Wahrheitsgehalt der Schilderungen aus Nabbys Familienchronik überzeugt. Eric Stewart versuchte indes die Diskussion wieder in geordnete Bahnen zu lenken. »Wir sollten uns jetzt erst einmal auf die Fakten konzentrieren! Ganz egal wo diese Zeichnung letztendlich herstammt: Was wir hier abgebildet sehen, ist eine Militärgranate uralter Bauart. Links sehen wir den Aufschlagzünder und rechts eine Stabilisierungsvorrichtung, die den Abschuss aus einer Kanone ermöglichen soll. An der Stelle, wo sich üblicherweise die Sprengladung der Granate befindet, hat der Konstrukteur die Begriffe Hydronit und Schwefelsäure hingeschrieben. Was können wir daraus folgern und wie kommt diese alte Zeichnung in die Jackentasche des toten Carlos Pencroff?« »Das liegt doch klar auf der Hand!«, meinte Tomu selbstbewusst. Der Ingenieur Cyrus Smith saß während seines Aufenthalts auf dieser geheimnisvollen Insel stundenlang mit dem russischen Kapitän zusammen und hat mit ihm über technische Dinge gefachsimpelt. Der Russe erklärte das Prinzip der Energiegewinnung mit Hydronit und Schwefelsäure - der Amerikaner schwadronierte über den Bau von Granaten und Kanonen. Irgendwann begannen die beiden, wie man heute so schön sagt, Synergien 20 zu heben und überlegten, wie man beide Technologien, zum Segen der Menschheit, am besten miteinander in Einklang bringen könne. Dabei entstand diese Zeichnung, die der Ingenieur zusammen mit anderen Konstruktionsunterlagen wieder mit zurück in die USA nehmen wollte. Leider machte der alte Pencroff während der Überfahrt lange Finger und vererbte die gestohlene Zeichnung an seine Nachfahren, wo sie von Generation zu Generation weitergereicht wurde, bis sie schließlich auf dem Scanner der Gerichtsmedizin landete. Wenn ihr mich fragt, kann es nur so und nicht anders gewesen sein!« Alan Tubbs hörte dem Vortrag seines jungen Raketeningenieurs aufmerksam zu und schien keine grundsätzlichen Einwände gegen dessen vorgebrachte Hypothese zu haben. »Du meinst also, die beiden Techniker spielten mit dem Gedanken das Hydronit als militärischen Sprengmittelersatz einzusetzen!« 20 Das Wort Synergie beruht auf der These von Aristoteles, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei »Richtig! Und das würde auch erklären, warum sich die beiden tschetschenischen Waffenschieber so sehr für unser Hydronit interessieren!« Eric Stewart wollte diese letzte Schlussfolgerung nicht so stehen lassen: »Woher wollen die denn wissen, ob sich das Hydronit tatsächlich sinnvoll im Waffenbau einsetzen lässt? Nach unserem aktuellen Kenntnisstand wurden weder der russische Kapitän, noch sein Schiff, noch dessen Besatzung jemals wieder gesehen. Und auch sonst deutet überhaupt nichts darauf hin, dass jemals Versuche unternommen worden wären, die Waffentauglichkeit so einer Anordnung in der Praxis zu erproben.« Nabby wandte sich an ihren Freund: »Tomu, du wolltest Alan und Eric doch von dem alten Zeitungsartikel aus dem San Francisco Chronicle erzählen! Hast du das schon getan?« Tomu schüttelte den Kopf und erwiderte: »Dazu bin ich leider noch nicht gekommen. In den vergangenen Tagen ging hier ja alles drunter und drüber.« Nabby klappte ihr Notebook auf und öffnete die PDF-Datei mit dem eingescannten Zeitzeugendokument aus dem Jahre 1869. Die beiden Manager rückten nah an Nabbys Computer heran, so dass sie den alten Text über die Irrfahrt der Caledonia gut lesen konnten. Alan Tubbs war der erste, der sich nach einer Weile wieder zu Wort meldete: »Merkwürdig - sehr merkwürdig! Geknickte Schiffsmasten, skalpierte Ganoven, Schneefall in der Südsee - wenn ihr mich fragt, war da bei einigen Herrschaften eine Menge Alkohol im Spiel! Oder was meinst du, Eric - Eric? Eric, geht’s dir gut?« Der Entwicklungsleiter war schon längst am Ende des Textes angekommen. Starr fixierte sein Blick inzwischen wieder das Bild des Beamers an der Wand. Sein Gesicht war kreidebleich. Auf seiner Stirn stand kalter Angstschweiß. »Mein Gott!«, stammelte er. »Wie konnten wir nur so unendlich naiv sein! Sind wir tatsächlich so blöd gewesen, zu glauben, dass sich dieses Teufelszeug nur zum Antrieb von Raketen und Autos einsetzen ließe?« Stumm und gedankenverloren ruhten seine Augen auf der alten Zeichnung an der Wand. Dann beugte er sich nach vorn und schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht. Alan Tubbs wusste nicht wie ihm geschah. Noch nie zuvor hatte er einen seiner Führungskräfte weinen sehen. Teil 4 1. Kapitel Castle Bravo Der Graphit ist ein sehr häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Elemente“. Er ist eine der natürlichen Erscheinungsformen des chemischen Elements Kohlenstoff in Reinform und kristallisiert äußerlich gesehen im hexagonalen Kristallsystem. Der Name Graphit leitet sich aus dem Altgriechischen ypcxcpeiv ab, was schreiben bedeutet. Er spielt damit auf die Tatsache an, dass Graphit auf Papier oder anderen rauen Oberflächen durch Abreibung der einzelnen Blättchen leicht eine graue Ablagerung hinterlässt, die im Bleistift ihre Anwendung findet. Eine Graphitbombe ist eine taktische Waffe, die dazu dient, elektrische Anlagen wie Kraftwerke, Umspannwerke oder Freileitungen für begrenzte Zeit durch Kurzschlüsse betriebsunfähig zu machen. Das US-Militär hat Graphit-Streubomben im zweiten Golfkrieg eingesetzt. Innerhalb kurzer Zeit wurden 85 % der irakischen Stromversorgung lahmgelegt. Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen - John Locke Am 1. März 1954 befand sich das japanische Fischerboot »Glücklicher Drache« in der Nähe der Marshallinseln auf Thunfischjagd. Es war kurz vor sieben Uhr, als im Westen ein gewaltiger Lichtblitz die friedliche Morgenstille zerriß. Das gewaltige Naturschauspiel, dem die 23 Seeleute beiwohnten und das sie zunächst für einen Vulkanausbruch hielten, war jedoch von Menschenhand hervorgerufen worden. Auf dem 140 Kilometer entfernten Bikini-Atoll hatten die USA eine Wasserstoffbombe mit 15 Megatonnen TNT-Sprengkraft gezündet. Deren Zerstörungskraft war tausendmal stärker als die der Atombombe, die neun Jahre zuvor die Stadt Hiroshima dem Erdboden gleichgemacht hatte. Der in die Atmosphäre geschleuderte Sand rieselte kurz darauf als radioaktiver Fallout auf die besiedelten Nachbarinseln nieder und verstrahlte die dort lebende Bevölkerung. Auch die japanischen Fischer waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie hielten den weißen Niederschlag auf ihrem Boot für Schnee und ahnten nichts von dessen todbringender Wirkung. Als sie wieder zuhause angekommen waren, verfärbte sich ihre Haut schwarz und es fielen ihnen die Haare aus. Der Schiffsfunker starb bald darauf an der tödlichen Strahlendosis, die er abbekommen hatte. Die anderen Besatzungsmitglieder verbrachten Monate im Krankenhaus. Viele erlagen jedoch später ihren Krebsleiden. Unzählige andere Fischer, die sich glücklicherweise weit genug von Ground Zero aufgehalten hatten, waren gezwungen ihren Fang zu vernichten, da der verstrahlte Fisch nirgends zu verkaufen war. Die Castle Bravo Bombe war nur der Auftakt der sogenannten Castle- Testserie. Im selben Jahr musste das Bikini-Atoll noch fünf weitere Male für Wasserstoffbombentests herhalten. Auf Bravo folgten Romeo, Koon, Union, Yankee und Nectar. Die vertriebene einheimische Bevölkerung wartet bis zum heutigen Tag vergeblich darauf, auf ihr Heimatatoll zurückkehren zu können. Castle Bravo ist die größte, von den USA jemals gezündete, Bombe. Allerdings wurde sie wenige Jahre später von der Sowjetunion noch übertrumpft. Die sogenannte Zar-Bombe, die von einem Flugzeug auf eine unbewohnte Insel im Nordmeer abgeworfen wurde, erreichte den sagenhaften Wert von 60 Megatonnen TNT-Äquivalent. Aufgrund der verheerenden Auswirkungen des radioaktiven Fallouts, einigten sich die Supermächte später darauf, zukünftige Atomtests nur noch unterirdisch durchzuführen. 2. Kapitel Armageddon Ichnusait ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfate (einschließlich Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate)“ mit der chemischen Zusammensetzung Th[Mo0 4 ] 2 -3H 2 0 und damit chemisch gesehen ein wasserhaltiges Thorium-Molybdat. Ichnusait kristallisiert im monoklinen Kristallsystem, konnte jedoch bisher nur in Form mikroskopisch kleiner, tafeliger Kristalle von maximal 200 pm Länge entdeckt werden. Die Kristalle sind farblos und durchsichtig mit diamantähnlichem Glanz auf den Oberflächen. Das Mineral ist durch seinen Thoriumgehalt von bis zu 38,29 % radioaktiv. Aufgrund der ionisierenden Strahlung sollten Mineralproben vom Ichnusait nur in staub- und Strahlungsdichten Behältern, vor allem aber niemals in Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräumen aufbewahrt werden. »Eric - was ist los mit dir?« Alan Tubbs sah seinen Entwicklungsleiter ratlos an. Der CTO atmete tief durch und war sichtlich darum bemüht, seine Fassung wieder zu erlangen. »Kapiert ihr denn nicht, was der Caledonia damals widerfahren ist?« Ungläubig starrte er in drei fragende Augenpaare. »Nun sag schon, warum dich der alte Zeitungsartikel so erschreckt hat!«, forderte Tomu ungeduldig. »Das Hydronit ermöglicht den Bau von Wasserstoffbomben!« »Wasserstoffbomben?« Nabby glaubte sich verhört zu haben. »Wie, um alles in der Welt, kommst du denn auf diese Idee?« »Das hegt doch klar auf der Hand!«, erwiderte Eric. »Das Unwetter, die zerbrochenen Masten, der Schneefall, die angeblich skalpierten Seeleute und die vielen Toten. Die Caledonia und ihre Besatzung wurden Opfer einer thermonuklearen Waffe! Die Takelage des Schiffs wurde durch die Druckwelle zerstört, die weißen Flocken waren nichts anderes als radioaktiver Fallout und die Haare gingen den Seeleuten wegen der massiven Verstrahlung aus!« Alan Tubbs kratzte sich ungläubig am Kinn. »Das ist doch nicht dein Ernst. Diese Technologie wurde doch erst nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt. Wie kommst du darauf, dass jemand vor hundertfünfzig Jahren in der Lage gewesen ist, eine Wasserstoffbombe zu bauen?« Eric schüttelte vehement den Kopf. »Gegenfrage! Wer hätte vor einem halben Jahr geglaubt, dass wir die photokatalytische Wasserspaltung mit so einfachen technischen Mitteln realisieren können? Bevor wir auf dieses Hydronit gestoßen sind, hätte das jeder Wissenschafter als Hirngespinst abgetan. Doch wie wir gesehen haben, liegen zwischen Magie und Technologie manchmal nur ein paar Sandkörner!« »Aber warum ausgerechnet eine Wasserstoffbombe?«, wollte Nabby wissen. »Warum nicht gleich eine Atombombe? Falls die Seeleute wirklich radioaktivem Fallout ausgesetzt waren, wäre das doch viel naheliegender!« »Nein, nein - es war eine Wasserstoffbombe! Eine Atombombe kann es nicht gewesen sein, da sie auf dem Prinzip der Kernspaltung beruht. Dabei benötigt man schwere Atome, wie zum Beispiel Uran. Bei jedem Aufspaltungsvorgang wird eine kleine Energiemenge frei. Wenn bei diesem Vorgang jedoch die kritische Masse überschritten wird, tritt eine Kettenreaktion ein, die dazu führt, dass immer mehr und mehr Uranatome gespalten werden und die freiwerdende Energie gigantische Größenordnungen annimmt.« »Ja, ja, das weiß ich bereits alles aus dem Physikunterricht!«, unterbrach ihn Tomu ungeduldig. »Erklär uns lieber den Unterschied zwischen einer Atombombe und einer Wasserstoffbombe! Ich glaube mich zu erinnern, dass man zur Zündung einer Atombombe eine Wasserstoffbombe benötigt. Stimmt das?« Eric Stewart schüttelte unwirsch den Kopf. »Du bringst alles durcheinander! Es ist genau umgekehrt: Um eine Wasserstoffbombe zünden zu können, benötigt man die Kraft einer Atombombe. Der Druck und die Hitze von deren Explosion setzt einen Fusionsprozess in Gang, bei dem dann Wasserstoffatome zu Helium verschmelzen. Die dabei freiwerdende Energie übertrifft die der auslösenden Atombombe um ein Vielfaches!« Nabby traute ihren Ohren nicht. »Man verwendet eine Atombombe zum Zünden einer noch viel größeren Bombe? Wie verrückt ist das denn? Außerdem würde das ja bedeuten, dass man damals auch schon in der Lage gewesen wäre, eine Atombombe zu bauen. Eric, es tut mir leid, aber das glaube ich dir nun wirklich nicht!« »Ihr kapiert es immer noch nicht! Seht euch doch dieses Bild an!«, rief Eric aufgeregt und deutete an die Wand des Besprechungsraums, wo der Beamer noch immer die alte Konstruktionszeichnung aus der Jackentasche des toten Carlos Pencroff projizierte. »Diese Hydronitgranate, die der alte Cyrus Smith gezeichnet hat, entspricht im Grunde genau dem Aufbau einer modernen Wasserstoffbombe. Mit dem kleinen Unterschied, dass hier offenbar der Aufschlagzünder der Granate bereits ausreicht, um den Fusionsprozess der Wasserstoffatome in Gang zu setzen!« Nun wurde auch Alan Tubbs bleich im Gesicht. »Du meinst, die katalytischen Eigenschaften des Hydronits verringern die erforderliche Zündenergie?« »Ganz genau! Es ist wie bei der Photokatalytischen Wasserstoff Spaltung! Deren Prinzip ist auch schon seit vielen Jahren bekannt, doch erst mit dem richtigen Katalysator konnten wir den entscheidenen Durchbruch erzielen. Mit dem Fusionsprozess verhält es sich anscheinend ähnlich. Nach heutigem Stand der Technik benötigt man eine gewaltige Zündenergie, um Wasserstoff zu Helium zu fusionieren. Mit Hilfe des Hydronits lässt sich der erforderliche Energieaufwand aber um Größenordnungen reduzieren! Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer sogenannten kalten Fusion zu tun, die den Hydronitbrei so stark erhitzt, dass es zum Erreichen des Plasmazustands kommt. Dieses Teufelszeug dient nicht nur zur Erzeugung von Wasserstoff, sondern eröffnet noch ganz andere Anwendungsmöglichkeiten!« Tomu dachte kurz nach und meinte dann: »Wenn man mit dem Hydronit einen Kernfusionsprozess in Gang setzen kann, wäre das doch die Lösung aller Energieprobleme! Man bräuchte nicht einmal mehr den Umweg über die Erzeugung des Wasserstoffs zu gehen. Seit Jahrzehnten bemüht sich die Wissenschaft einen Fusionsreaktor zu bauen und kommt dabei, so weit ich weiß, nicht recht von der Stelle. Es wäre doch fantastisch, wenn man mit dem Hydronit hier einen Durchbruch erzielen könnte!« Der CTO war drauf und dran seinem Untergebenen an die Gurgel zu gehen. »Sag mal Tomu, bist du wirklich so naiv, wie du tust? Was hat man denn gemacht, als man die physikalischen Grundlagen der Kernspaltung verstanden hatte? Etwa Kernkraftwerke gebaut und die Menschheit mit Strom beglückt? Von wegen! Bomben hat man gebaut und zwei Großstädte mit hunderttausenden Menschen dem Erdboden gleichgemacht. Der spätere Bau von Kernkraftwerken war ein netter Nebeneffekt, die treibende Kraft bei der Nutzung der Kernenergie war aber immer das Militär!« »Dann wiederholt sich die Geschichte wieder«, meinte Nabby trocken. »Nur dass sich einmal mehr die dahinter stehende Technologie ändert. Was vor achtzig Jahren die Kernspaltung war, ist jetzt eben die Kernfusion!« »Ihr seid doch völlig bescheuert!«, schrie Eric aufgebracht. »Ihr habt noch immer nicht die Brisanz der Situation verstanden! Eine Atombombe ist ein hochkomplexes Gebilde, das Gott sei Dank nur von wenigen hochentwickelten Staaten dieser Erde realisiert werden kann. Nur diesem glücklichen Umstand haben wir es zu verdanken, dass sich die Menschheit noch nicht selbst ausgelöscht hat! Bei der Hydronitbombe liegen die Dinge leider anders. Wenn dieses Mineral in die falschen Hände gerät, ist in Zukunft jeder Terrorist in der Lage Massenvernichtungswaffen herzustellen! Das ist das Ende unserer Zivilisation, wie wir sie heute kennen! Werft doch nur einmal einen Blick in die Geschichtsbücher! Im zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki innerhalb weniger Tage die Japaner zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen. Was glaubt ihr, wird wohl geschehen, wenn irgendwelche durchgedrehten Fundamentalisten ihren Forderungen durch den Einsatz von Hydronitbomben Nachdruck verleihen? Die erste Wasserstoffbombe zerstört New York - rumms, die zweite Los Angeles - rumms. Wie lange wird es wohl dauern bis eine Regierung jede x-beliebige Forderung erfüllt, nur um das Leben weiterer Millionen von Menschen zu retten?« »Das wäre ja furchtbar!«, stammelte Nabby und starrte Eric erschrocken an. Für eine Weile herrschte Totenstille im Besprechungsraum. Auch Tomu war blass geworden und überlegte fieberhaft. »Woher kennst du dich eigentlich so gut mit Kernwaffentechnik aus?«, fragte er seinen technischen Vorgesetzten, um das unerträgliche Schweigen zu brechen. »Ich habe einige Semester Physik studiert und dabei eine lange Seminararbeit über alle möglichen Kernreaktionen geschrieben.« Und mit vorwurfsvollem Ton fuhr Eric fort: »Aber abgesehen davon sollte eigentlich jeder Neuseeländer über die Atomtests im Südpazifik Bescheid wissen. Was die Amerikaner und Franzosen damals hier abgezogen haben, spottet jeder Beschreibung!« Alan Tubbs nickte zustimmend und nachdenklich. Dem CEO war anzusehen, wie er fieberhaft die schockierenden Ausführungen seines Entwicklungsleiter analysierte. »Wenn ich dich recht verstanden habe, besteht so eine Flydonitbombe ausschließlich aus einem konventionellen Zünder, sowie einem Gemisch aus Hydronit und Schwefelsäure. Gibt es bei diesem Aufbau Parallelen zu einer Wasserstoffbombe herkömmlicher Bauart?« Eric wiegte unsicher den Kopf. »Mir ist nicht bekannt, dass man in den vergangenen Jahrzehnten am ursprünglichen Design noch entscheidende Veränderungen vorgenommen hätte. Falls doch, unterliegen diese aber bestimmt der Geheimhaltung und werden nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten. Bei den Tests in den Fünfzigerjahren kam jedenfalls ein Gemisch aus verschiedenen Wasserstoffisotopen zum Einsatz. Normaler Wasserstoff ist das erste Element im Periodensystem und besteht lediglich aus einem Proton und einem Elektron. In dieser einfachen Struktur ist er aber für die Fusionsreaktion ungeeignet. Man verwendet stattdessen Deuterium und Tritium. Deuterium ist die schwere Variante des Wasserstoffs und enthält neben dem Proton noch ein zusätzliches Neutron, was ihm noch mehr Masse verleiht. Das Tritiumisotop enthält sogar zwei Neutronen und wird deshalb auch als Superschwerer Wasserstoff bezeichnet. Da es aber schnell zerfällt, wird dem Ganzen noch Lithium beigemengt, was wohl die Neuproduktion von Tritium begünstigen soll. Diese Mischung wird dann durch die Atombombe so stark komprimiert, bis die Kernreaktion einsetzt.« »Das klingt ja reichlich kompliziert!«, wunderte sich Nabby. »Normaler, schwerer und Superschwerer Wasserstoff. Wie viele Wasserstoffe gibt es denn überhaupt? Und wieso ausgerechnet Lithium? Ich dachte immer, das wäre ein Metall, das man für den Bau von Akkus benötigt!« »Lithium steht an dritter Stelle im Periodensystem der Elemente. Gleich hinter Wasserstoff und Helium. Es ist nicht vergleichbar mit den schweren Metallen wie Eisen oder Kupfer, die alle viel mehr Elementarteilchen in ihrer Atomstruktur enthalten.« »Wäre dann nicht auch der Bau einer Lithiumbombe denkbar?«, fragte Tomu unsicher. »Nicht dass ich wüsste«, erwiderte Eric und fügte dann trocken hinzu: »Aber es wird bestimmt seine Gründe haben, warum die erste Gigafactory für Lithium-Ionen-Akkus ausgerechnet im US-Bundesstaat Nevada und nicht im dicht besiedelten Kalifornien errichtet wurde. Wahrscheinlich weiß niemand so recht, was passiert, wenn so eine Fabrik einmal unkontrolliert abbrennen sollte - oder man weiß es und hat sich gerade deshalb für das menschenleere Nevada entschieden.« »Jetzt hört mit diesen unbewiesenen Spekulationen auf!«, mischte sich der Firmenchef in das Gespräch ein. »Mir ist immer noch nicht ganz klar, was der Caledonia damals widerfahren ist.« Eric meinte: »Ich vermute, dass dieser russische Kapitän gerade den Test einer Hydronitgranate durchführen wollte, als sich die Caledonia der Insel näherte.« Tomu nickte, schlug dann aber eine andere These vor: »Vielleicht hatten die Russen das sich nähernde Schiff gesehen und wollten mit dem Abschuss der Sprenggranate auf sich aufmerksam machen.« »Mit einer Wasserstoffbombe?«, fragte Nabby entsetzt. »Die wussten doch überhaupt nicht mit was sie da herumhantierten! Ich kann mir gut vorstellen, dass sie nach der Abreise des Ingenieurs dessen Pläne studiert haben und die eine oder andere Granate gebaut haben. Damals verfügten viele Schiffe über eine Bordkanone. Wenn dieser Kapitän Nemejew in der Lage war ein wasserstoffbetriebenes Schiff zu bauen, war es für ihn bestimmt keine große Herausforderung, ein paar Testgranaten auf Basis der Konstruktionszeichnungen von Cyrus Smith herzustellen.« »Vielleicht haben die Russen die Caledonia für ein Piratenschiff gehalten und ihr einen Schuss vor den Bug verpasst«, mutmaßte Nabby. »Der alte Pencroff war ja schließlich mit der Absicht zurückgekehrt, den Russen ihr Hydronit und ihre Technologie zu stehlen!« Eric schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht! Woher hätten sie denn wissen sollen, was die Besatzung der Caledonia im Schilde führte. Und außerdem wäre von der Caledonia nichts übriggeblieben, wenn die Granate in deren Nähe explodiert wäre. Da finde ich Tomus Vorschlag schon plausibler. Die Russen haben ein Schiff in großer Entfernung am Horizont entdeckt und wollten auf sich aufmerksam machen. Dabei haben sie eine ihrer Hydronitgranaten in die Bordkanone geschoben und auf irgendein Ziel in der Nähe abgefeuert. Beim Einschlag des Geschosses ist der Aufschlagzünder explodiert und hat die thermonukleare Reaktion in Gang gesetzt. Weil die Russen nur wenige Kilometer vom Zentrum der Detonation entfernt waren, sind sie in dem entstehenden Feuerball auf der Stelle verglüht.« »Und die Caledonia?«, fragte Nabby. »War weit genug entfernt, um nicht in Flammen aufzugehen, aber nah genug am Geschehen, um von der gewaltigen Druckwelle zu Kleinholz verarbeitet zu werden.« »Leute!«, mischte sich Alan ein. »Das sind doch alles nur wilde Spekulationen! Wir werden nie erfahren, wie sich die Explosion genau ereignet hat. Irgendwie hat sich das russische Schiff mit dem Abschuss der Hydronitgranate selbst pulverisiert und die Caledonia war nah genug am Ort des Geschehens, um in Mitleidenschaft gezogen zu werden.« »Jetzt verstehe ich auch den Eintrag im Tagebuch des alten Nab!«, rief Nabby. »Cyrus Smith hat nach der Rückkehr der Caledonia den Hydronitbehälter nicht mehr angerührt und für immer im Laborschrank eingeschlossen. Vielleicht hat er sich anhand der Augenzeugenberichte zusammengereimt, was auf der Insel vorgefallen war.« Tomu nickte aufgeregt. »Und für die amerikanischen Behörden waren die Erzählungen der Überlebenden nur Hirngespinste von Verbrechern. So eine gewaltige Explosion lag damals doch völlig jenseits jeder Vorstellungskraft! Wieso hätte man ihnen auch glauben sollen?« Eric wurde ungeduldig. »Wir sollten lieber überlegen, was wir jetzt tun können! Diese tschetschenischen Waffenschieber besitzen jetzt so viel Hydronit, dass es für den Bau mehrerer Wasserstoffbomben reicht!« Alan versuchte seinen CTO zu beruhigen. »Vielleicht ist das Kind ja noch nicht in den Brunnen gefallen. Der Innenminister hat mir versichert, dass die Ausreisekontrollen am Flughafen nach dem Überfall massiv verstärkt worden sind. Die beiden Tschetschenen haben Neuseeland zwar verlassen, ich glaube aber nicht, dass sie den Hydronitkanister bei sich hatten. Vermutlich haben sie ihre Beute irgendwo versteckt und warten, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist.« »Damit haben wir aber bestenfalls ein wenig Zeit gewonnen«, erwiderte Eric skeptisch. Neuseeland ist schließlich keine Festung! Irgendwann kehren die Kerle zurück und holen das Zeug. Wie sollen wir bis dahin das Versteck ausfindig machen?« Tomu meinte: »Hauptsache ist doch, dass sie nicht wissen, wo sich das Hydronitvorkommen befindet!« Alan starrte seinen jungen Mitarbeiter an und rief plötzlich entsetzt: »Oh Scheiße! Die Geokoordinaten! Wie konnte ich das vergessen? Kommt mit!« Der CEO sprang auf und rannte aus dem Besprechungszimmer. Eric, Nabby und Tomu folgten ihm. Alan lief über den langen Gang der Chefetage und stürmte in sein Büro. Mit zitternden Fingern drehte er den Zahlenknopf des Tresors. Nachdem sich die schwere Stahltür geöffnet hatte, begann er hastig, die unteren Fächer zu durchforsten. Doch schon nach kurzer Zeit wurde ihm klar, dass seine Suche erfolglos bleiben würde. »Verdammter Mist!«, schrie er und schlug mit der Faust gegen den massiven Metallrahmen. »Der Ausdruck mit den Geokoordinaten ist auch weg!« 3. Kapitel Tongariro Die Granatgruppe (kurz Granate) ist eine wichtige Gruppe gesteinsbildender Minerale aus der Abteilung der Inselsilikate (Nesosilikate). Die allgemeine Granatformel lautet: [8] X 3 [6] Y 2 [ [4] Z0 4 ]3 oder auch A 3 2+ B 2 3+ [R0 4 ] 3 , wobei 'X', 'Y' und 'Z' bzw. 'A', ’B' und 'R' allerdings keine chemischen Elemente vertreten, sondern definierte Plätze im Kristallgitter darstellen. Die Bezeichnung Granat hat ihren Ursprung im lateinischen Wort granatus für körnig oder kernreich und bezieht sich auf die orangerote bis rotviolette Farbe von Blüte, Frucht und Kernen des Granatapfels. Wenig später knatterten die vier in sechshundert Metern Höhe im Helikopter gen Süden. Alan hatte versucht den Innenminister anzurufen. Dessen Sekretärin hatte ihm aber mitgeteilt, dass sich ihr Chef noch im verlängerten Wochenende beim Skifahren befände und momentan nicht zu erreichen sei. Worauf der CEO spontan den Entschluss fasste, ihm dort einen Besuch abzustatten und ihn persönlich über die katastrophale Zuspitzung der Situation zu informieren. Seit dem Überfall war schon viel zu viel Zeit vergangen. Die Angelegenheit duldete keinen Aufschub mehr. Der Firmenhubschrauber - eine nicht mehr ganz neue Bell 260 - war erst vor einem Jahr angeschafft worden. Die ständige Pendelei, zwischen dem Hauptsitz in Auckland und dem Startareal auf der Mahia-Halbinsel, war für alle Rocketeere extrem nervig gewesen. Mit dem Auto benötigte man für die Strecke sieben Stunden. Einfach! Durch den Helikopter reduzierte sich die Anreise auf eine gute Stunde und ermöglichte auch kurzfristige Aufenthalte auf dem abseits gelegenen Launch Complex. Alan Tubbs und sein Entwicklungsleiter waren beide begeisterte Sportpiloten und besaßen bereits seit vielen Jahren eine Privatpiloten- lizenz. Gemeinsam besuchten sie eine auf Helikopterausbildung spezialisierte Flugschule und erlernten das zunächst ungewohnte Handling dieser faszinierenden Fluggeräte. Der Erwerb des erforderlichen Helischeins stellte letztendlich keine große Herausforderung für sie dar. Nach dem Kauf des Hubschraubers gab es keinen Raketenstart mehr, an dem nicht einer der beiden das neue »Launch Shuttle« persönlich zum Abschussareal steuerte. Heute saß der Chef selbst am Steuerknüppel und gab dem kraftvollen Turbinentriebwerk die Sporen. Eric assistierte neben ihm, Tomu und Nabby hatten in der zweite Reihe Platz genommen. Unter normalen Umständen hätten sie sich die Nasen an der Scheibe platt gedrückt. Die Erkenntnisse der vergangenen Stunden hatten jedoch die Stimmung in der Kabine unter den Gefrierpunkt sinken lassen. Stumm hingen die beiden in ihren Sicherheitsgurten und harrten der Dinge, die da kommen würden. Nabby blickte gedankenverloren über die grünen Weiten des unten dahingleitenden Auenlandes. Tomu beobachtete apathisch das Wackeln der Zeiger auf dem großen Armaturenbrett der Bell. Erst als nach einer Stunde links unter ihnen der riesige Tauposee zu erkennen war und am Horizont die verschneiten Vulkane des Tongariro- Nationalparks auftauchten, machte Nabby von ihrem Headset Gebrauch. »Oh, ist das schön!«, rief sie angesichts der perfekten Silhouette des Vulkans, dem der Nationalpark seinen Namen verdankte. »Willkommen im ältesten Nationalpark Neuseelands!«, quakte Alans Stimme aus den Kopfhörern. »Das gewaltige Gebirgsmassiv vor uns ist der Mount Ruapehu. Er ist einer unserer aktivsten Vulkane und mit seinen 2800 Metern der höchste Punkt auf der Nordinsel. Die Schneefelder unter dem Gipfel sind ein beliebtes Skigebiet 21 .« »Seht doch mal den bunten Zug dort unten!«, rief Nabby ins Mikrofon ihres Headsets. »Das sieht aus wie die Modelleisenbahn, die mein Grandpa immer an Weihnachten auf gebaut hat!« Wehmütig dachte die junge Journalistin an die schönen Weihnachtsfeste zurück, die sie als Kind im Hause ihrer Großeltern erlebt hatte. »Weihnachten ist ein ganz schlechtes Thema, was diesen Zug da unten angeht!«, erscholl Erics verrauschte Stimme. »Wieso?«, wollte Tomu wissen. »Vor vielen Jahren gab es hier an Heiligabend ein schweres Zugunglück. Der Ruapehu brach damals aus und verursachte eine Schlammlawine, die eine Eisenbahnbrücke zum Einsturz brachte. Der Nachtexpress konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und stürzte in die Tiefe. Hundertfünfzig Menschen kamen ums Leben.« Tomu und Nabby sahen einander wortlos an. Keiner von beiden traute sich zu sagen, woran er gerade dachte. »Wir erreichen jetzt den Anfang des Nationalparks«, verkündete Alan und drückte den Steuerknüppel leicht nach vorn, worauf sich die Nase des Helikopters nach unten neigte. »Gleich sind wir da!« Von oben konnte man die Grenze zwischen kultiviertem Grünland und unberührter Naturlandschaft unschwer erkennen. Auf der einen Seite weideten Kühe und Schafe auf gepflegten Wiesen, auf der anderen Seite bildeten Bäume und Sträucher eine undurchdringliche Wildnis. Die schneebedeckten Vulkane schienen zum Greifen nah und blendeten in der tiefstehenden Nachmittagssonne. Der Helikopter verlor rasch an Höhe und 21 Die am Mount Ruapehu gelegenen Skipisten von Whakapapa und Turoa bilden das größte Skigebiet auf der südlichen Hemisphäre raste mit unverminderter Geschwindigkeit dem, am Fuße des gewaltigen Bergmassivs gelegenen, kleinen Touristenort Whakapapa entgegen. »Dort vorne könnt ihr bereits das Chateau Tongariro sehen!«, rief Alan und steuerte direkt auf einen gewaltigen Hotelkomplex zu. Im Tiefflug jagte der Helikopter über den menschenleeren Golfplatz der Anlage. Die Golfsaison war offensichtlich zu Ende und die Gäste des Luxushotels waren bereits voll und ganz auf Wintersport eingestellt. Beim Erreichen des Zufahrtsrondells zog Alan den Hubschrauber nach oben und hielt Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz. Als er auf Anhieb keinen ausgewiesenen Heliport erkennen konnte, entschied er sich für die Wiese neben dem Ostflügel der altehrwürdigen Hotelanlage. Die Rotorblätter waren noch nicht zum Stillstand gekommen, als ein livrierter Bediensteter angelaufen kam, um nach dem Rechten zu sehen. Der böse Blick des graumelierten Herrn verhieß nichts Gutes. Als er jedoch den Piloten des fliegenden Ungetüms erkannte, entspannten sich seine Gesichtszüge schlagartig. »Monsieur Tubbs! Das ist aber eine Überraschung!«, rief der Concierge mit französischen Akzent. »Und Tute sogar mit die 'Elikopter! Wann werden Sie mit die Fallschirm von eine ihre Raketen zu uns Trabschweben?« »Guten Tag, Edouard«, erwiderte Alan freundlich. »Das mit den Raketen wird wohl noch eine Weile dauern. Ich bin leider nicht zu meinem Vergnügen hier. Können Sie mir sagen, wo ich den Innenminister finde? So weit ich weiß, befindet er sich hier im Skiurlaub.« Der vornehme Concierge schien für eine Sekunde seine Contenance zu verlieren. Der Aufenthalt des hochrangigen Regierungsmitglieds galt im Hotel als streng vertraulich. Gab es etwa eine undichte Stelle unter den Angestellten des Chateaus? »Monsieur Tubbs, wäre es sehr unverschämt, wenn ich Sie würde fragen, wo Tr Sie Tben diese Information?« »Von seiner Sekretärin. Sagen Sie mir bitte nicht, dass sie mich angeflunkert hat!« »No, no«, beschwichtigte der Hotelangestellte gestenreich seinen VIP- Gast. »Es nur so, dass wir ausdrücklich 'aben die Anweisung, die Presence des Monsieur Innenminister nicht an die große Glocke zu 'ängen. Die Sache ist etwas delicat, wenn Sie verstehen?« Der CEO nickte dem beunruhigten Concierge verständnisvoll zu. Die außerehelichen Eskapaden des Innenministers waren eigentlich im ganzen Land bekannt. Alan Tubbs kannte den guten Edouard aber schon lange genug, um zu wissen, dass Diskretion in dessen Geschäft immer oberste Priorität hatte. »Ich verstehe, Edouard! Aber glauben Sie mir! Die Angelegenheit ist im größten nationalen Interesse. Wo befindet sich der Innenminister denn gerade?« »So weit ich weiß, ist er noch oben in die Skigebiet. Wir erwarten ihn aber jeden Augenblick zurück. Wenn Sie wollen, können Sie in die Lobby auf ihn warten! Soll ich in die Zwischenzeit ein paar Zimmer für Sie und ihre Begleiter vorbereiten lassen? Die Saison ist noch gar nicht richtig begonnen und wir 'aben noch viele Chambre frei!« »Tut mir leid, Edouard! So gerne ich bleiben würde - aber wir werden heute wieder abreisen. Kann ich den Helikopter einstweilen hier stehen lassen?« »Oui! Keine Problem! Aber bitte schließen Sie gut ab. Wegen die viele Kinder Ter, Sie verstehen?« Im Gänsemarsch folgten die vier dem livrierten Empfangschef durch den Haupteingang und ließen sich in die schweren Ledersessel der Lobby fallen. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Alan Tubbs den vom Skifahren zurückgekehrten Innenminister erkannte und geradewegs auf ihn zustürmte. Tomu konnte indes kaum glauben, dass es sich bei dem verschwitzten Mann mit den nassen Haaren, dem stoppelbärtigen Gesicht und dem knallroten Anorak, um dieselbe Person handelte, die er aus dem Fernsehen kannte. »Alan? Was machst du denn hier?«, wunderte sich der Politiker sichtbar irritiert. »Wir müssen wegen dem Überfall reden! Es gibt schlimme Komplikationen!« »Darf ich wenigstens noch in Ruhe duschen? Du kannst ja solange an der Bar warten. Wenn ich fertig bin, treffen wir uns in meiner Suite.« »In Ordnung. Ich bin aber nicht allein gekommen. Da vorne sitzen zwei meiner Mitarbeiter und eine amerikanische Journalistin, die ich dir gerne vorstellen möchte.« Als der Innenminister das Wort Journalistin vernahm, konnte er ein leises »Ach du Scheiße« nicht unterdrücken und schielte verlegen zu der attraktiven Blondine, die ihm mit etwas Abstand gefolgt war und nun direkt neben ihm stand. Routiniert fand er aber zu seiner gewohnten Souveränität zurück und entschwand in Richtung Fahrstuhl. »Also dann bis gleich! Ich bin schon gespannt, was ihr wieder angestellt habt!« 4. Kapitel Wellington Fingerit ist ein extrem selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“. Es kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Cun[02|(V0 4 )6], ist also chemisch gesehen ein Kupfer- Vanadat. Fingerit scheidet sich bei etwa 100 bis 200 °C aus vanadiumhaltigen Sublimaten in Fumarolen an basaltischen Vulkankratern ab. Bisher konnte das Mineral nur an seiner Typlokalität am Vulkan Izalco in El Salvador gefunden werden. Die Bar im mondänen Salon des Chateau Tongariro wirkte wie aus der Zeit gefallen. Schwere Kronleuchter und dunkle Wand- und Deckenteppiche verbreiteten ein Flair, das Reisende vor hundert Jahren bestimmt en vogue empfunden hatten. Die Neuankömmlinge vertrieben sich die Wartezeit mit alkoholfreien Cocktails und lauschten dem monotonen Geklimper, das ein junger Pianist dem schwarzen Konzertflügel am anderen Ende des Saals entlockte. Der Barkeeper hinter dem Tresen befüllte gerade den Eis Crusher, als sein Telefon klingelte. Ein kurzes Nicken, ein kurzes »In Ordnung, Sir« und das Gespräch war wieder beendet. »Mister Tubbs, der Herr Innenminister wünscht Sie in seiner Suite zu empfangen!« In den Augen des Angestellten war der Wunsch nach einem Trinkgeld nicht zu übersehen. Als er merkte, dass sich Alan knausrig zeigte, widmete er sich wieder stumm seinem kalten Geschäft. »Nächstes Mal gehe ich wieder auf der Südinsel zum Skifahren!«, schimpfte der Innenminister beim Öffnen der Tür. »Da hat man wenigstens seine Ruhe!« Alan war nicht zum Scherzen zu Mute. »Wir hätten dich zur Not auch auf dem Franz-Josef-Gletscher 22 gefunden! Darf ich dir meine Begleiter kurz vorstellen? Eric Stewart, der Entwicklungsleiter von Rocketeer, Tomu Pahua, einer meiner Raketeningenieure, und Nabby Hathaway. Mrs. Hathaway kommt aus den Vereinigten Staaten und kann uns mit wichtigen Hintergrundinformation in dieser Angelegenheit unterstützen.« »Kannst du mir verraten, warum du die amerikanische Klatschpresse da mit reinziehst?« »Mrs. Hathaway ist nicht in ihrer Eigenschaft als Journalistin hier. Nicht wahr, Nabby?« Die Angesprochene biss sich auf die Lippen und erwiderte: »Ich verspreche Ihnen, dass ich absolutes Stillschweigen wahren werde - über alles, was hier besprochen wird.« »Ja, ja - jetzt sag schon, warum ihr hergekommen seid!«, polterte der Politiker ungeduldig. Alan Tubbs gab eine kurze Zusammenfassung der neuesten Erkenntnisse. Der Innenminister hörte eine Weile aufmerksam zu. »Eine Wasserstoffbombe?«, schrie er plötzlich entsetzt. »Willst du etwa behaupten, dass ihr in Auckland mit kernwaffenfähigem Material herumexperimentiert?« 22 Der Franz-Josef-Gletscher befindet sich in den Neuseeländischen Alpen und wurde von seinem deutschen Entdecker Julius von Haast seinerzeit nach dem österreichischen Kaiser benannt. Der sonst so selbstsichere CEO antwortete kleinlaut: »Wir konnten doch nicht wissen, welches Potential in diesem Hydronitsand steckt! Ohne die Unterstützung von Mrs. Hathaway hätten wir bis heute keinen blassen Schimmer, welche Katastrophe sich da gerade anbahnt!« »Und woher haben Sie dieses Geheimwissen, wenn ich fragen darf?«, blaffte der Politiker die Journalistin an. »Das würde jetzt wirklich zu weit führen«, nahm Alan die junge Frau in Schutz und blickte auf seine Uhr. »Das kann dir Mrs. Hathaway bei Gelegenheit alles ausführlich berichten. Im Augenblick läuft uns aber leider die Zeit davon. Die Tschetschenen haben mittlerweile schon einige Tage Vorsprung. Wir müssen davon ausgehen, dass sie bereits unterwegs zu der Hydronitlagerstätte sind. Und wenn es ihnen dort gelingt, Mineralgestein im nennenswerten Umfang mitzunehmen, sehe ich schwarz für die Zukunft der Menschheit!« »Wo hegt denn dieser Scheiß Meteorit?« Alan zögerte kurz, merkte aber, dass es keinen Sinn mehr machte die Lagerstätte weiterhin geheim zu halten. »In der Lagune eines unbewohnten Atolls am Rande des Tuamotu-Archipels. Etwa vier Meter unter dem Meeresspiegel.« »Mitten im Pazifik?«, erwiderte der Minister ungläubig. »Und wie zum Teufel konntet ihr das so genau lokalisieren?« »Auch das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Letztendlich ist es uns dank einiger Fernerkundungssatelliten gelungen den Ort ausfindig zu machen. Dummerweise befanden sich die exakten Geokoordinaten im Firmensafe - und die Verbrecher haben den Ausdruck mitgenommen. Wenn sie eins und eins zusammenzählen können, wovon ich ausgehe, besorgen sie sich ein Boot und eine Taucherausrüstung - und dann Gnade uns Gott!« »Ich muss sofort mit der Premierministerin telefonieren!« rief der Politiker und verschwand im Nebenzimmer. Es verging mehr als eine halbe Stunde, ehe er mit hochrotem Kopf wieder durch die Tür trat. »Ich hoffe, ihr habt heute nichts mehr vor! Die Regierungschefin wird den nationalen Sicherheitsrat zusammenrufen. Wir Fünf werden nach Wellington fliegen und Bericht erstatten. Habt ihr genug Sprit in eurem Helikopter?« Alan fragte überrascht: »Sollen uns Tomu und Nabby begleiten?« »Habe ich mich unklar ausgedrückt? Wir fliegen alle fünf. Je mehr wir sind, um so besser. Ich habe nicht die geringste Lust allein im Kreuzfeuer meiner Kollegen zu stehen! Schließlich habt ihr mir die Suppe eingebrockt!« Der Innenminister griff erneut zum Handy. »Hallo Schätzchen! Es tut mir leid, aber ich muss dringend zurück nach Wellington. Mach dir morgen noch einen schönen Tag und fahr dann mit meinem Wagen nach Hause. Ich werde die Autoschlüssel an der Hotelrezeption hinterlegen. - Wie bitte? - Nein, ich kann dir nicht sagen, was los ist. - Es tut mir ja auch leid, aber es ist nun mal nicht zu ändern. Wir holen es ein andermal nach. - Mach jetzt bitte keine Szene! Ich muss jetzt Schluss machen. Schlaf gut!« Der Minister rollte mit den Augen und steckte sein Handy weg. »Auf geht’s! Worauf warten wir noch!« Wenig später war die Bell wieder in der Luft. Vom Tongariro Nationalpark bis nach Wellington benötigte der Hubschrauber eine weitere Stunde. Der Innenminister hatte auf der Rückbank zwischen Nabby und Tomu Platz genommen. Sein Interesse galt offensichtlich der gut aussehenden Journalistin und ihrer Verwicklung in die aktuellen Geschehnisse. Wieder einmal musste Nabby ihre komplexe Familiengeschichte zum Besten geben. Die anfängliche Skepsis des Politikers legte sich schnell. Der gebildete Mann hatte zwar keinen der Romane Jules Vernes gelesen, Nabby bemerkte aber bald, dass der Politiker über eine exzellente Auffassungsgabe verfügte und interessiert ihren Ausführungen lauschte. Als in der Ferne die Lichter der Hauptstadt auftauchten, war der Minister über alles, was mit der geheimnisvollen Historie des Hydronits zusammenhing, bestens informiert. Alan steuerte den Heliport am internationalen Flughafen an. Draußen war es bereits stockfinstere Nacht. Kurz vor der Landung konnte man das Regierungsviertel, mit dem hell erleuchteten Parlamentsgebäude erkennen. Der monströse Rundbau wurde seit seiner Erbauung in den Siebziger Jahren als »Bienenkorb« verspottet. Beim Blick aus dem Helikopter war unschwer zu erkennen, wie er zu diesem Spitznamen gekommen war. Am Tage hätte man auf der anderen Seite der Cook Strait die neuseeländische Südinsel sehen können. Zu dieser Stunde lag deren dünn besiedelte Fjordlandschaft jedoch schon völlig im Dunkeln. Am Flughafen warteten zwei Limousinen. Beim Verlassen des Helikopters wurde der Innenminister von seinem persönlichen Leibwächter erwartet. Der blonde Hüne führte ihn und Alan zum hinteren Wagen und hielt ihnen die Tür auf. Eric, Nabby und Tomu kamen nicht in den Genuss eines persönlichen Bodyguards. Dafür durften sie die Vorhut bilden. Unterwegs erklärte ihnen allerdings der Fahrer, das dies keineswegs eine besondere Ehre, sondern vielmehr der Erkenntnis geschuldet war, dass das erste Kolonnenfahrzeug, statistisch gesehen, dem höchsten Anschlagsrisiko ausgesetzt ist. Mit hoher Geschwindigkeit rauschten die schwarzen Luxuskarossen durch die Nacht. Dank der zentrumsnahen Lage des Flughafens dauerte die Fahrt nicht lange. Als sie die Einfahrt zum Regierungsgelände erreichten, genügte ein Handzeichen des Fahrers in Richtung des diensthabenden Offiziers, um die massiven Absperrpoller im Boden versinken zu lassen. Der Wachmann vor dem Parlamentsgebäude warf schnell seine Zigarette weg, als er die beiden Wagen kommen sah. »Guten Abend, Sir! Ich hoffe, Sie hatte einen guten Flug.« Mit schnellen Schritten führte er den Minister und dessen Gäste über einen Nebeneingang ins Innere des weitläufigen Gebäudekomplexes. Bevor sie die Aufzüge erreichten, mussten sie eine Sicherheitsschleuse passieren. »Wenn Sie bitte alle Metallgegenstände in diesen Korb legen würden!« Während der Innenminister vom Security Officer durchgewunken wurde, mussten seine vier Begleiter eine Kontrolle wie am Flughafen über sich ergehen lassen. Tomu staunte nicht schlecht, als Alan Tubbs eine Schusswaffe aus seinem Jacket zog und den erschrockenen Sicherheitsmann freundlich bat, gut darauf aufzupassen. Der Aufzug fuhr mehrere Stockwerke nach unten. Die hell erleuchteten Gänge im Unterbau des Beehive 23 erinnerten eher an einen Luftschutzbunker, als an ein modernes Verwaltungsgebäude. Zweimal passierten sie massive Stahltüren. Nabby stellten sich die Nackenhaare auf, als sie sich vorstellte, dass sich diese dicken Türen hinter ihr schließen könnten. Doch bevor sie sich in eine Panikattacke hineinsteigern konnte, erreichte die Gruppe das Ziel ihres Fußmarsches. Aus einer der vor ihnen hegenden Türen drangen laute Stimmen. Im Inneren des Raumes wurde offenbar hitzig diskutiert. Als Tomu in den schmucklosen Tagungsraum des Krisenmanagementzentrums eintrat, traute er seinen Augen nicht. Unzählige Male hatte er seine Volksvertreter im Fernsehen in die Kameras lächeln sehen. Jetzt blickte er in die leibhaftigen, vertrauten Gesichter des halben Kabinetts. Doch irgendetwas stimmte nicht. Niemand im Raum lächelte! Die fünf Neuzugänge wurden stattdessen mit finsteren Blicken geradezu durchbohrt. Selbst die Premierministerin, die für ihr zahnvolles Lächeln berühmt war, hielt ihren Mund geschlossen. Dennoch war sie es, die als erste aus der allgemeinen Schockstarre erwachte. Auf hohen Absätzen stöckelte sie geradewegs auf ihren Innenminister zu. Und erneut glaubte Tomu seinen Augen nicht zu trauen: Die Regierungschefin legte sanft ihre Hand auf die Schulter des Politikers und küsste ihn. 23 Beehive bedeutet Bienenstock bzw. Bienenkorb und ist der Spitzname des runden Parlamentsgebäudes, in dem sich die Büros der Regierungsmitglieder befinden und wo das Kabinett seine Sitzungen abhält. 5. Kapitel Krisensitzung Trotz der Endsilbe -it handelt es sich beim Dynamit nicht um ein Mineral, sondern um die Handelsbezeichnung des von Alfred Nobel erfundenen Sprengstoffs. Dynamit verdankt seinen Namen dem griechischen Wort „dynamis“ für „Kraft“ oder „Vermögen“. Die Kraft des Dynamits rührt aus der Kombination seiner Bestandteile Nitroglycerin (75%), Kieselgur (24,5%) und Soda (0,5%), wobei es sich bei letzterem chemisch gesehen um Natriumcarbonat handelt, das als Natrit auch als Mineral zu finden ist. Alfred Nobel machte ein Vermögen mit seiner Erfindung. Die aufgelaufenen Zinsen finanzieren bis heute die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Und wieder einmal musste Tomu sich eingestehen, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Der vermeintliche Wangenkuss war gar keiner. Die Premierministerin flüsterte dem Innenminister lediglich etwas ins Ohr. Dann kehrte sie mit ernstem Blick zu ihrem Stuhl zurück. Der Minister wirkte wie ein gemaßregelter Schuljunge, der von seiner Lehrerin eine letzte Warnung erhalten hat. Stumm nickend ging er zu dem letzten freien Platz und setzte sich. Für Alan, Eric, Tomu und Nabby gab es an dem ovalen Tisch keine freien Stühle mehr. Notgedrungen blieben sie also stehen. Die Regierungschefin deutete ihrem, an der Tür sitzenden, Gesundheitsminister an, dass er diese bitte schließen möge. Dann erhob sie ihre Stimme: »Vielen Dank Mr. Tubbs, dass sie so schnell zu uns gekommen sind. Wären Sie bitte so nett, uns ihre Begleiter kurz vorzustellen?« Der CEO blickte sichtlich verärgert drein. Schon oft hatte er Politikern Rede und Antwort stehen müssen. Diese Gespräche waren in der Sache hart, jedoch immer von gegenseitiger Achtung und Respekt geprägt gewesen. Die gegenwärtige Situation ähnelte jedoch eher einem Verhör vor einem Tribunal, als einer Anhörung vor einem parlamentarischen Ausschuss. Der Unternehmenschef antwortete trotzig: »Ich glaube, die Dame und die Herren sind alt genug, um selbst ein paar Worte zu ihrer Person zu sagen.« Der Entwicklungsleiter ergriff als erster das Wort: »Mein Name ist Eric Stewart. Ich bin der Chief Technology Officer von Rocketeer und zuständig für alle technischen Belange unserer Firma.« Tomu, der direkt neben ihm stand, fuhr im selben Stil fort: »Mein Name ist Tomu Pahua. Ich arbeite seit drei Jahren bei der Rocketeer Limited und beschäftige ich schwerpunktmäßig mit der Berechnung von Raketenflugbahnen.« Nun blickten alle Anwesenden erwartungsvoll auf die dunkelhäutige junge Frau. »Und ich bin Nabby Hathaway, US-amerikanische Staatsbürgerin und wohnhaft in Newark, New Jersey. Ich arbeite als freischaffende Journalistin für verschiedene amerikanische Zeitungen.« »Mr. Tubbs«, meldete sich der Außenminister zu Wort, der gleichzeitig das Amt des Vize-Premiers bekleidete. »Würden Sie uns bitte erklären, warum eine ausländische Journalistin und einer ihrer niederen Angestellten an dieser Sitzung teilnehmen?« »Das war die Idee des Innenministers«, fauchte der CEO unfreundlich zurück. »Aber wenn Sie es genau wissen wollen: Mr. Pahua hat uns die Suppe eingebrockt und Mrs. Hathaway hilft uns dabei, sie wieder auszulöffeln.« Tomu warf seinem Chef einen bösen Blick zu. Wollte Alan jetzt ihm die Schuld in die Schuhe schieben? Der Tonfall des CEOs wurde jedoch versöhnlicher: »Nein, meine Damen und Herren, nun mal im Ernst: Mr. Pahua ist einer dieser jungen Männer, auf die unsere Nation mit Recht stolz ist. Als gebürtiger Polynesier und Immigrant hat er sich mit Talent und Fleiß zu einem der fähigsten Wissenschaftler unserer jungen Weltraumindustrie emporgearbeitet. Durch einen glücklichen Zufall entdeckte er ein bislang unbekanntes Mineral und entwickelte daraufhin zielstrebig ein neues technisches Verfahren. Mit der photokatalytischen Gewinnung von Wasserstoff aus Sonnenlicht und Wasser, eröffnen sich unendlich viele Möglichkeiten einer umweltfreundlichen Energieerzeugung: Raketen, die kein Kerosin mehr verbrennen, Autos, aus deren Auspuff weder Stickoxide noch C0 2 entweichen. Energiespeicher, die eine dezentrale Versorgung von Städten und Gemeinden ermöglichen. Daraus resultierend eine signifikante Reduzierung der emittierten Treibhausgase. Und damit am Ende eine Verlangsamung des Klimawandels, der immer mehr unserer pazifischen Nachbarn Zuflucht in unserem Land suchen lässt. Wollen Sie dem jungen Mann etwa zum Vorwurf machen, dass er seine Intelligenz und seinen Erfindergeist ganz in den Dienst unseres Wertesystems gestellt hat?« »Kommen Sie endlich mal auf den Punkt, Mr. Tubbs«, rief der Wirtschaftsminister dazwischen. »Wegen dieser Erfindung des jungen Mannes wird die Premierministerin ja wohl kaum den Sicherheitsrat einberufen haben! Außerdem - wenn das alles so wäre, wie Sie es hier darstellen, hätten wir ja wohl schon davon gehört! Mir ist jedenfalls nichts über eine derartige neue Wasserstoffgewinnungsmethode bekannt.« Die Augen des dicken Mannes suchten den Kontakt zu seinen Kabinettskollegen. Triumphierend nahm er deren ratlose Blicke zur Kenntnis. »Wir leben in einer schnelllebigen Welt, Herr Minister«, fuhr Alan fort. »Auch ich habe noch vor einem halben Jahr so etwas nicht für möglich gehalten. Manchmal werden wir aber vom technischen Fortschritt überrollt - ob wir wollen oder nicht!« Die Premierministerin begann unruhig auf ihrem Stuhl herumzurutschen. »Mr. Tubbs, in dem Telefonat, das ich vor zwei Stunden mit dem Innenminister geführt habe, klang das alles viel dramatischer. Ich habe den nationalen Sicherheitsrat nicht wegen ihrer Erfindung einberufen, sondern weil sie in ihrer Firma offenbar mit Nuklearwaffen hemmexperimentiert haben!« »Das ist völliger Unfug!«, schimpfte der CEO. »Wir haben erst heute Morgen vom tödlichen Potential dieser neuartigen Technologie erfahren! Und das verdanken wir Mrs. Hathaway.« Wieder konzentrierten sich die Blicke der versammelter Politiker auf die arme Nabby. Mit scharfen Ton meldete sich erneut der Wirtschaftsminister zu Wort: »Mr. Tubbs, wollen Sie etwa behaupten, dass ihnen eine amerikanische Journalistin Nachhilfe in Fragen der von ihnen entwickelten Technologien erteilt?« »Auch Mrs. Hathaway wusste bis heute früh nichts über die unerwarteten Eigenschaften des von uns verwendeten Hydronitsandes. Diese junge Frau ist aber ein wichtiges Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Durch sie wissen wir jetzt über Dinge Bescheid, die sich vor über hundert Jahren auf diesem Planeten ereignet haben. Gefährliche Dinge, über die wir nichts in unseren Geschichtsbüchern finden. Dinge, die außerhalb unserer, vom Fortschrittsglauben geprägten, Gedankenwelt liegen. Wie uns allen bekannt sein dürfte, ist technischer Fortschritt seit je her auch mit Gefahren verbunden: Nachdem die Menschheit gelernt hatte Eisen zu verhütten, war man in der Lage mit dem Pflug den Acker zu bestellen - man konnte aber auch Schwerter schmieden, um Kriege effizienter zu führen! Die Chinesen haben das Schießpulver erfunden, um das Volk mit Feuerwerken zu erfreuen. Erst viel später kam jemand auf die Idee damit Schusswaffen zu bauen. Der katalytische Mineralsand, von dem wir hier die ganze Zeit reden, wurde - wie wir dank der Recherchen von Mrs. Hathaway wissen - bereits vor hundertfünfzig Jahren entdeckt. Auch damals wollte man ihn zur Energiegewinnung einsetzen. Bis jemand auf die glorreiche Idee kam, Sprenggranaten damit zu bauen.« »Der Herr Innenminister sprach am Telefon aber nicht von Sprenggranaten, sondern von Atombomben!«, tobte die Regierungschef in. »Was glauben Sie denn, warum wir uns hier unten in diesem ungemütlichen Luftschutzbunker versammelt haben?« »Wasserstoffbomben - nicht Atombomben«, verbesserte sie Alan. »Aber das kann ihnen mein Mitarbeiter Eric Stewart bestimmt besser erläutern.« Der Entwicklungsleiter blickte in ungläubige Gesichter. »Wir haben leider Grund zu der Annahme, dass dieses besagte Hydronit den Bau von Wasserstoffbomben ermöglicht. Herkömmliche Waffen dieser Bauart benötigen eine enorme Zündenergie um den Fusionsprozess in Gang zu setzen. Die katalytischen Eigenschaften des Hydronits erlauben aber eine gewaltigen Reduktion der dafür erforderlichen Anfangsenergie.« Die versammelten Mitglieder des Sicherheitsrates sahen sich fragend an. »Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Bislang war der Bau einer Wasserstoffbombe ein hochkomplizierter Vorgang, der nur ein paar wenigen Atommächten Vorbehalten war. Eine Hydronitbombe kann dagegen schon mit einfachsten technischen Mitteln hergesteht werden. Ich will es mal drastisch formulieren: Eine Wasserstoffbombe entfaltet ihre maximale Zerstörungskraft, wenn sie von einem Flugzeug abgeworfen wird und ein paar hundert Meter über einer Großstadt detoniert. In einem Umkreis von fünf Kilometern würde dann alles sofort eingeäschert. Selbst in einem Radius von zwanzig Kilometern würden die Menschen schwerste Verbrennungen erleiden. Und sogar weit darüber hinaus würden die meisten Gebäude durch die Druckwelle hinweggefegt. Natürlich hängt das Ausmaß der Zerstörung auch von der Größe der Bombe ab. Wenn sich da draußen auf der Bowen Street ein Selbstmordattentäter mit einer Hydronitbombe, die in einen Rucksack passt, in die Luft jagen würde, wäre auf einen Schlag ganz Wellington dem Erdboden gleichgemacht. Und hier, wo jetzt der Beehive steht, wäre nur noch ein gigantischer Krater zu finden.« »Das ist jetzt nicht ihr Ernst!«, stammelte der Vize-Premier. »Ich fürchte doch«, antwortete Alan Tubbs. »Wenn Sie uns nicht glauben, können Sie sich ja auf dem Bikini-Atoll selbst ein Bild von den Folgen einer derartigen Explosion machen. Der Krater, den die Amerikaner dort in den Fünfzigerjahren hinterlassen haben, ist achtzig Meter tief und hat einen Durchmesser von fast zwei Kilometern! Sie brauchen sich also keine Gedanken wegen der paar lächerlichen Stahltüren da draußen machen. Ob die auf oder zu sind spielt dann auch keine Rolle mehr.« Ein paar Sekunden lang herrschte gespenstische Stille im Bunker. Dann entbrannte eine heftige Diskussion unter den versammelten Ratsmitgliedern. Alle schrien wild durcheinander. Bis es der Premierministerin zu bunt wurde und sie sich mit Hilfe ihrer Glocke Aufmerksamkeit verschaffte. »Meine Damen und Herren! Ich bitte um Ruhe!« Wieder und wieder schwang sie das Insignium ihrer Macht hin und her, bis das Geschrei langsam abflaute und schließlich nur noch das schrille Läuten der Kabinettsglocke von den nackten Betonwänden widerhallte. »Verehrte Kolleginnen und Kollegen, ich muss doch sehr bitten! Lassen wir doch Mr. Tubbs weiter berichten. Mich würde zum Beispiel brennend interessieren, wo man dieses Hydronit findet und wer über dessen Waffentauglichkeit informiert ist.« Alan antwortete: »Außer den Personen hier im Raum, gibt es nach meiner Einschätzung mindestens zwei weitere Personen, die über den Sachverhalt Kenntnis haben. Hat man Sie über den Überfall auf unsere Eirma unterrichtet?« »Der Herr Innenminister hat in unserem Telefonat so etwas erwähnt.« Die Regierungschefin nickte vorwurfsvoll in Richtung ihres Kabinettsmitglieds. »Vielleicht wäre er ja so freundlich, auch seine Kollegen über diese Angelegenheit zu informieren.« Dem Politiker war der Vorfall sichtlich unangenehm. »Vor ein paar Tagen gab es einen Überfall auf den Hauptsitz der Firma Rocketeer, bei dem das im Firmensafe aufbewahrte Hydronit gestohlen wurde. Wir gingen bislang davon aus, dass es sich um einen normalen Fall von Industriespionage handeln würde. Wir sahen deshalb keine Veranlassung, den nationalen Sicherheitsrat darüber in Kenntnis zu setzen. Mr. Tubbs kann Ihnen das sicher bestätigen. Nicht wahr, Alan?« »In der Tat!«, pflichtete der CEO seinem Golfpartner bei. »Bis heute Morgen gingen wir alle davon aus, dass die Diebe nur hinter dem Hydronit her waren, um es meistbietend an irgendeinen Energiekonzern zu verhökern. Leider wissen wir es inzwischen besser. Einer der drei Räuber war im Besitz einer detaillierten Konstruktionszeichnung für eine Hydronitbombe!« »Woher wissen Sie das?«, rief der Gesundheitsminister. »Ich meine - hat er damit herumgeprahlt oder hat er sie bei dem Überfall verloren?« »Der Mann wurde während des Überfalls von seinem eigenen Komplizen erschossen«, erwiderte Alan kalt. »Die Polizei hat die Zeichnung in seiner Jackentasche gefunden.« Erneut meldete sich der Innenminister zu Wort: »Wie wir inzwischen wissen, handelt es sich bei den anderen Personen um zwei Brüder aus Tschetschenien. Die beiden sind seit längerem von Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Angeblich verdienen sie eine Menge Geld durch den illegalen Verkauf von Waffen. Zu ihren Kunden gehören afrikanische Potentaten, arabische Milizen und Terrororganisationen. Die Männer scheinen keinerlei Skrupel zu haben - was sie auch bei dem Überfall in Auckland bewiesen haben.« »Und diese Terroristen sind jetzt im Besitz des Hydronits?«, fragte die Premierministerin entsetzt. »Nicht unbedingt«, druckste der Innenminister unsicher herum. »Wir haben nach dem Überfall sofort die Sicherheitsmaßnahmen an den Flughäfen verschärft. Trotzdem konnten wir nicht verhindern, dass die beiden Männer inzwischen das Land verlassen haben. Sie sind vor drei Tagen nach Hawaii ausgereist. Da sie mit falschen Papieren unterwegs waren und wir zu dem Zeitpunkt noch nichts über ihre Identität wussten, sind sie uns durch die Lappen gegangen. Ich glaube aber nicht, dass sie den gestohlenen Hydronitkanister außer Landes gebracht haben. Wir nehmen vielmehr an, dass sie ihn irgendwo versteckt haben, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt zu holen.« Die Regierungschefin atmete tief durch und meinte: »Gott sei Dank! Dann ist alles ja nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtet habe!« »Tut mir leid Mam, es ist leider noch viel schlimmer!«, sagte Eric. »Die Verbrecher wissen inzwischen, wo sich das Hydronitvorkommen befindet! In unserem Firmensafe befand sich nämlich nicht nur der Kanister, sondern auch die genaue Positionsangabe der natürlichen Lagerstätte.« »Es gibt noch mehr von diesem gefährlichem Material?« Alan nickte. »Natürlich! Irgendwo muss das Zeug ja herkommen. Es gibt auf der Erde allerdings kein natürliches Vorkommen von dieser besonderen Mineralart. Wahrscheinlich ist sie vor Millionen von Jahren durch einen Meteoriten auf die Erde gelangt. Es ist uns gelungen die Einschlagstelle zu lokalisieren. Sie liegt in der Lagune eines unbewohnten Atolls - mitten im Pazifik.« »Haben Sie denn wenigstens eine Kopie dieser Positionsangabe?« »Natürlich!«, beruhigte sie Eric Stewart. »Die Geokoordinaten sind in der Datenbank unseres Rechenzentrums gespeichert. Auf meinem Smartphone habe ich sie auch. Wollen Sie mal sehen?« Die Premierministerin winkte ab. »Verschonen Sie mich bitte mit Ihren technischen Details! Erzählen Sie mir lieber, auf welchem Staatsgebiet sich dieses Mineralvorkommen befindet!« »Es liegt am Rande des Tuamotu-Archipels.« »In Französisch Polynesien? Das steht doch unter französischer Verwaltung. Wir müssen sofort den französischen Staatspräsidenten informieren!« »Können wir denn nicht einfach unsere Luftwaffe dorthin schicken?«, fragte Tomu schüchtern. »Junger Mann!«, antwortete der Verteidigungsminister. »Neuseeland ist ein kleines Land. Die paar Flugzeuge, die wir haben, taugen gerade mal für Rettungseinsätze und Patrouillenflüge über küstennahen Gewässern. Wissen Sie wie weit es bis Französisch Polynesien ist? Glauben Sie im Ernst, wir können so mir nichts dir nichts ein paar Kampfjets quer über den Pazifik schicken, um im Hoheitsgebiet eines anderen Landes nach dem Rechten zu sehen?« »Ich denke auch, dass wir die Franzosen kontaktieren sollten«, meinte der Wirtschaftsminister. »Andererseits - was soll Paris unternehmen? Deren Militärstützpunkte befinden sich auf der anderen Seite der Erdkugel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die auf die Schnelle etwas auf die Beine stellen können!« »Erst einmal müssten wir sie überhaupt von der Dringlichkeit der Angelegenheit überzeugen!«, seufzte der Außenminister. »Haben wir denn überhaupt irgendwelche Beweise, dass dieses Hydronit für den Bau einer Wasserstoffbombe geeignet ist?« »Die haben wir!«, erwiderte Alan. »Mrs. Hathaway hat in alten Zeitungsarchiven einen eindeutigen Beweis gefunden, dass es vor hundertfünfzig Jahren mitten im Pazifik zu einer thermonuklearen Explosion kam. Damals wurde ein Segelschiff schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Schilderungen der Betroffenen spiegeln das volle Programm einer derartigen Detonation wieder: Eine gewaltige Druckwelle, radioaktiver Fallout und eine massive Verstrahlung der Besatzung. Man konnte die Beobachtungen damals nur noch nicht richtig deuten.« Der Außenminister fixierte Nabby mit bösem Blick. »Wie kommt Mrs. Hathaway eigentlich dazu, in dieser Angelegenheit so intensiv zu recherchieren?« Die Antwort kam prompt vom Innenminister: »Mrs. Hathaway hat einen höchst interessanten Familienstammbaum. Ich hatte das Glück, auf dem Flug hierher neben ihr zu sitzen und alles über ihre Abstammung zu erfahren. Aber vielleicht sollte Mrs. Hathaway selber ...« Alan Tubbs riss der Geduldsfaden. »Verdammt noch mal!«, schrie er. »Das interessiert doch niemanden! Kapiert denn hier keiner, dass uns die Zeit davonläuft? Diese Verbrecher haben bereits drei Tage Vorsprung! Sie wissen wo das Hydronit zu finden ist und alles was sie benötigen, ist ein Boot, eine Taucherausrüstung und ein paar Werkzeuge. Wenn es uns nicht gelingt sie zu stoppen, entwischen sie uns ein weiteres Mal - nur dass sie diesmal soviel Hydronit erbeuten können, wie sie wollen!« »Meine Damen und Herren«, meldete sich der Vize-Premier zu Wort. »Vielleicht sollten wir die Lage einmal aus einer anderen Perspektive betrachten. Und zwar aus der Neuseeländischen! Hat unser kleines Land am Ende der Welt denn wirklich viel zu befürchten, falls dieses Hydronit tatsächlich in die Hände von Terroristen fallen sollte? Werden es nicht in erster Linie die Europäer, die Amerikaner und die Asiaten sein, die unter den Terroranschlägen zu leiden haben? Wir Neuseeländer wurden wegen unserer abgelegenen Lage lange genug verspottet und diskriminiert. Vielleicht hat es ja etwas Gutes, wenn sich die Kräfteverhältnisse auf der Welt etwas verschieben! Meines Erachtens können wir dabei nur gewinnen.« Die Regierungschefin warf ihrem Stellvertreter einen vernichtenden Blick zu. »Sparen Sie sich ihren Zynismus lieber für ihre Wähler von der New Zealand First Party! Haben Sie etwa den fürchterlichen Anschlag von Christchurch schon wieder vergessen? Damals hatten wir auch nicht geglaubt, dass der Terror den Weg in unser Land finden würde - und doch ist es geschehen! Wir sind eine stolze Nation mit 200 Ethnien und 160 Sprachen. Unsere Werte sind Vielfalt, Freundlichkeit, Güte und Mitgefühl. Neuseeland soll all jenen Zuflucht bieten, die es nötig haben. Und es soll ein Zuhause für alle sein, die unsere Werte teilen. Feiger Egoismus und falsch verstandener Patriotismus bringen uns nicht weiter. Ich werde deshalb im Anschluss an diese Sitzung den französischen Staatspräsidenten anrufen und das weitere Vorgehen mit ihm abstimmen.« »Sollten wir nicht zeitgleich die Amerikaner kontaktieren?«, schlug Alan vor. »Die verfügen über mehrere Marinestützpunkte im pazifischen Raum und sind dafür bekannt, im Umgang mit Terroristen nicht gerade zimperlich zu sein.« »Ich schlage vor, dass der Verteidigungsminister seinen Amtskollegen in Washington kontaktiert. Verlangen Sie von mir bloß nicht, dass ich den Mann im Weißen Haus anrufe! Der Kerl hat mich bei unserem ersten Treffen für die Frau des kanadischen Premierministers gehalten und später sogar gefragt, ob ich wüsste, dass ich einen großartigen Hintern habe. Wenn wir bei den Amerikanern etwas erreichen wollen, müssen wir das über die Fachressorts machen!« Die Mitglieder des Sicherheitsrats konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der peinliche Vorfall auf der Gipfelkonferenz war damals durch sämtliche Medien gegangen. Die resolute Frau am Kopfende des Tischs wollte sich aber nicht länger mit Banalitäten aufhalten. »Herr Innenminister, ich erwarte, dass alles unternommen wird, um das gestohlene Hydronit wiederzufinden! Ich will, dass die Fahndungsfotos von den beiden Verbrechern im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. Wir müssen unbedingt in Erfahrung bringen, wo sich die Männer nach dem Überfall aufgehalten haben! Lassen Sie die Aufzeichnungen aller verfügbaren Videoüberwachungen auswerten! Und kontaktieren Sie die Mietwagenverleiher! Vielleicht können wir herausbekommen, mit welchem Auto die beiden unterwegs waren und wieviele Kilometer sie zurückgelegt haben. Das könnte den Suchradius unter Umständen eingrenzen. Allerdings - vermeiden Sie unbedingt alles, was die Bevölkerung in Unruhe versetzen könnte! Erzählen Sie meinetwegen, dass es sich um ausländische Spione handelt, die einen Anschlag auf ein Greenpeace-Schiff geplant hätten. Seit der Sache mit der Rainbow Warrior 24 reagieren unsere Wähler da sehr empfindlich. Herr Außenminister, versuchen Sie herauszubekommen, was die beiden Männer nach ihrer Ankunft auf Hawaii gemacht haben! Vielleicht können wir ja ihre weitere Reiseroute nachverfolgen. Kontaktieren Sie auf jeden Fall das Hochkommissariat von Französisch-Polynesien in Papeete. Wenn sich die beiden Tschetschenen tatsächlich bereits auf dem Weg nach Tuamotu befinden, sind sie bestimmt über Tahiti eingereist. Fragen Sie nach, ob es an den Flugsteigen oder bei der Immigrationsbehörde eine 24 1985 versenkten französische Agenten das Greenpeace-Schiff »Rainbow Warrior« im Hafen von Auckland. Der Bombenanschlag, der mit Wissen der französischen Regierung durchgeführt wurde und bei dem ein Mensch ums Leben kam, belastet bis heute die neuseeländisch-französischen Beziehungen. Videoüberwachung gibt. Senden Sie die Fahndungsfotos an alle Behörden auf Tahiti und Tuamotu. Lassen Sie sich von Mr. Stewart die genauen Geokoordinaten des Hydronitvorkommens geben, damit wir diese auf Nachfrage an die amtlichen Stellen weitergeben können.« Die Premierministerin beendete ihren Redeschwall und atmete erst einmal tief durch bevor sie erneut eindringlich an alle Anwesenden appellierte. »Meine Damen und Herren, wir müssen alles tun, damit dieses Hydronit nicht in die falschen Hände fällt. Ich verlasse mich auf Sie!« 6. Kapitel Sankt Petersburg Sinoit ist ein extrem seltenes Mineral (Si 2 N 2 0), das in einem, am 6. April 2002 in Süddeutschland auf die Erde aufgeschlagenen, Meteoriten nachgewiesen wurde. Der Finder eines der drei Meteoritenfragmente (Neuschwanstein I), verkaufte dieses für einen sechsstelligen Betrag an den Freistaat Bayern, brach sein Ingenieursstudium ab und zieht seitdem als freischaffender Meteoritenjäger durch die Welt. Während es in Wellington bereits tiefste Nacht war, ertönte auf der anderen Seite der Erde, in der Sankt Petersburger Peter und Paul Festung gerade der tägliche Mittagsschuss. Jeden Tag, pünktlich um zwölf Uhr, wurde in der Naryschkin-Bastion dasselbe ohrenbetäubende Ritual zelebriert. Den Sankt Petersburgern war der tägliche Knall längst vertraut und wenn sie ihn hörten, kontrollierten sie reflexartig den Gang ihrer Armbanduhren. Boris Luganov fluchte, nachdem ihn der Krach wieder einmal aus dem Schlaf gerissen hatte. Der junge Mann war erst am frühen Morgen von der Nachtschicht heimgekehrt. Seit fast einem Jahr arbeitete er als einfacher Schlosser in der Sewernaja Werft. Sein Traum von einer Offizierslaufbahn beim russischen Militär war wie eine Seifenblase zerplatzt - kurz nachdem bekannt wurde, dass sein Bruder angeblich mit einer terroristischen Vereinigung sympathisiere. Von einem Tag auf den anderen hatte man ihn aus der Akademie für Militär-Raumfahrt ausgeschlossen. Niemand interessierte sich mehr für seine hervorragenden Noten. Für die Verwandten von Vaterlandsverrätern war kein Platz in der Armee. Mit gerade einmal zwanzig Jahren stand Boris vor den Trümmern seiner bürgerlichen Existenz. Der schäbige Lohn, den er für die schwere Arbeit in der Werft erhielt, war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Ohne eine einträgliche Nebenbeschäftigung wäre er in der teuren Ostseemetropole bald als Bettler auf der Straße gelandet. Mit Hilfe seines Bruders hatte er sich aber ein zweites wirtschaftliches Standbein geschaffen. Ein hochgradig illegales Standbein, aber dafür ein sehr lukratives. Wenn in den frühen Morgenstunden die Werkstatt in der Werft dünn besetzt war und die Kollegen die Wodkaflaschen kreisen ließen, konnte er sich dort in aller Ruhe seinen privaten Projekten widmen. An den Werkzeugmaschinen, an denen normalerweise alte Schiffsdieselmotoren überholt wurden, entstanden unter Boris’ geschickten Händen im Morgengrauen jene Auftragsarbeiten, die sein Bruder Kostja später in bare Münze umwandelte. In letzter Zeit hatten die Auftraggeber hauptsächlich Bauteile für Handgranaten und Rohrbomben nachgefragt. Und es war offensichtlich, dass man mit seiner Arbeit zufrieden war. In den kommenden Wochen würde der Rubel jedenfalls munter weiterrollen. Über die Hintermänner wusste er so gut wie gar nichts. Bei einem Treffen hatte ihm Kostja aber einmal einen tschetschenischen LKW-Lahrer vorgestellt. Boris konnte dieses Pack aus dem Kaukasus auf den Tod nicht ausstehen. Wenn es aber ums Geschäft ging, kannte der junge Russe weder Lreund noch Leind. Solange die Kohle stimmte, hätte er auch für die imperialistischen Leinde Bomben gebaut. Der Mensch braucht Ziele und Boris’ Ziel war es, eines Tages einmal zu den Big Playern im Bombenbusiness zu gehören. Die Kaukasier ließen offenbar in vielen unterschiedlichen Werkstätten ihre todbringenden Utensilien hersteilen. Die Attentate auf die U-Bahnen in Moskau und Sankt Petersburg gingen vermutlich auf ihr Konto. Es war für Boris unbegreiflich, wie die Drahtzieher der Anschläge immer wieder Leute fanden, die als Selbstmordattentäter bereit waren, dutzende unschuldige Menschen in den Tod zu reißen. In den desolaten Kaukasusrepubliken herrschte aber offensichtlich kein Mangel an fanatischen Fundamentalisten und schwarzen Witwen 25 . Vor ein paar Tagen hatte ihm Kostja eine Konstruktionszeichnung vorbeigebracht und gefragt, ob er sich Zutrauen würde, so etwas zu bauen. Die Kopie der alten Tuschezeichnung sah aus, als wäre sie bereits in den Tagen der russischen Oktoberrevolution entstanden. Das abgebildete Objekt ähnelte einer alten Sprenggranate. Boris hatte nach kurzer Bedenkzeit die Herausforderung angenommen. Anstelle des Aufschlagzünders sollte aber eine moderne elektronische Zeitzündung zum Einsatz kommen. Das Innere des Sprengsatzes sollte erst zu einem späteren Zeitpunkt mit dem eigentlichen Explosivstoff befüllt werden. Die Summenformel H 2 S0 4 stand für Schwefelsäure - soviel war ihm klar. Die Bezeichnung Hydronit sagte ihm aber, trotz seiner exzellenten Chemiekenntnisse aus der Schulzeit, überhaupt nichts. Wahrscheinlich handelte es sich um irgend so einen neumodischen Plastiksprengstoff. Boris machte sich darüber keine großen Gedanken. Für ihn war dieser Auftrag womöglich die Eintrittskarte in ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Für den Fall, dass er die Arbeit zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber erfüllen würde, hatte man ihm zehn weitere Bestellungen in Aussicht gestellt. Kostja hatte angedeutet, dass er diesmal den Sprengsatz selbst platzieren wolle. Offenbar hatten es die Terroristen auf ein sehr spektakuläres Objekt abgesehen: Das futuristische Lakhta Center an der Newamündung. Mit seinen 462 Metern galt die neu errichtete Zentrale des Gazpromkonzerns als das höchste Gebäude in ganz Europa. Kostja würde den Sprengsatz ganz oben auf der Besucherterrasse deponieren und zu nachtschlafender Zeit zur Explosion bringen. Boris verstand nicht so recht, was die Kaukasier damit bezwecken wollten. Wahrscheinlich ging es ihnen um einen symbolischen Akt. Der Sprengsatz würde bestenfalls die Spitze des Bauwerks in Mitleidenschaft ziehen und die Zahl der Opfer würde sich in 25 Tschetschenische Selbstmordattentäterinnen werden häufig als schwarze Witwen bezeichnet. Grenzen halten. Und selbst wenn sich um diese Zeit noch Menschen im oberen Teil des Gebäudes aufhalten sollten, wären dies nur ein paar machtgeile Bonzen, mit denen er keinerlei Mitleid verspürte. Boris war fest entschlossen, die Explosion aus sicherer Entfernung mit seiner Videokamera zu dokumentieren. Als Referenz für zukünftige Aufträge könnte dies eines Tages bestimmt hilfreich sein - dachte er. 7. Kapitel Geschäftsgeheimnisse Obwohl Bernsteine keine Minerale sind, wird in Anlehnung an die häufige Namensgebung der Minerale für die Bernsteinarten die Endsilbe -it verwendet. Bereits seit 1820 trägt die häufigste baltische Bernsteinart den Namen Succinit. Bernstein bezeichnet den seit Jahrtausenden bekannten und insbesondere im Ostseeraum weit verbreiteten klaren bis undurchsichtigen gelben Schmuckstein aus fossilem Harz. Alan, Eric, Tomu und Nabby hatten im Gästehaus der Regierung übernachtet und flogen am nächsten Morgen mit dem Helikopter zurück nach Auckland. An Bord herrschte Endzeitstimmung. Die Anhörung vor dem Sicherheitsrat hatten alle Vier als Debakel empfunden. Noch schlimmer war jedoch die Tatsache, dass sie ab jetzt zur Untätigkeit verdammt waren. Die Regierung hatte die Kontrolle über das weitere Vorgehen übernommen. Ab jetzt hieß es nur noch abwarten - und hoffen, dass es zu keiner Katastrophe kommen würde. Nabby war unschlüssig, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollte. Es war nun bereits mehr als drei Wochen her, dass sie ihre Zelte in Kalifornien abgebrochen hatte. So wie es aussah, fand die Story, die so vielversprechend begonnen hatte, hier ihr unerwartetes Ende. Das große Finale würde ohne sie stattfinden - was die junge Journalistin angesichts des dramatischen Verlaufs auch nicht unbedingt bedauerte. Bislang hatte Nabby immer geglaubt, die Gefahren, die ihr Beruf mit sich brachte, einigermaßen abschätzen zu können. Die Sache mit dem Hydronit war jedoch vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht war jetzt der Moment gekommen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Tomu konnte Nabbys Gedanken wie ein offenes Buch lesen. Der frustrierte Blick der Journalistin sprach Bände. Dem Jungingenieur war von Anfang an klar gewesen, dass diese Beziehung nicht von Dauer sein würde. Trotzdem hatte er den Gedanken, dass die Zeit mit ihr einmal zu Ende gehen könnte, erfolgreich verdrängt. Wäre es möglich nach Nabbys Rückkehr in die Vereinigten Staaten eine Fernbeziehung aufrecht zu erhalten? Tomu machte sich wenig Illusionen. Neuseeland und New Jersey lagen in zwei völlig unterschiedlichen Welten. Früher oder später würde jeder der beiden wieder seiner eigenen Wege gehen. Eric Stewart blickte ebenfalls recht deprimiert drein. Seit dem brutalen Überfall auf sein Haus in Auckland war noch keine Woche vergangen. Seine Frau und die Kinder waren hochgradig traumatisiert und benötigten seine Anwesenheit dringender denn je. Und er flog durch die Gegend, weil er glaubte, die Welt retten zu können! Den CTO quälte der Gedanke, in seiner Vaterrolle wieder einmal kläglich versagt zu haben. Und auch Alan Tubbs empfand die Situation als extrem unbefriedigend. Der souveräne Macher und Stratege war es nicht gewohnt zum einfachen Zuschauer degradiert zu werden. Während er mit grimmigem Blick den Hubschrauber gen Norden steuerte, kreisten seine Gedanken ständig um die Ereignisse des vergangenen Tages. Was diese unfähigen Politiker wohl gerade unternahmen? Im Kino wäre es jetzt höchste Zeit James Bond loszuschicken. Mit dem klaren Auftrag die bösen Schurken zu eliminieren und die Dinge wieder ins rechte Tot zu rücken. Doch selbst im Film hatte der vielgereiste Agent 007 noch nie neuseeländischen Boden betreten - obwohl sein Arbeitgeber, seine Majestät, das offizielle Staatsoberhaupt des Tandes war. Nachdem der Firmenchef die Bell am Heliport der Firmenzentrale gelandet und Nabby in ein Taxi gesetzt hatte, wandte er sich in ernstem Ton an seine Mitarbeiter: »Ich erwarte, dass ihr euch ab sofort wieder um das Tagesgeschäft kümmert! Wie ihr wisst, ist für übermorgen ein weiterer Raketenstart geplant. Und ich muss euch bestimmt nicht erklären, wie wichtig das Gelingen dieser Mission für unsere Firma ist!« Als der CEO später in seinem Büro lustlos die aufgelaufenen E-Mails checkte, hielt er es aber irgendwann nicht mehr aus und seine Neugier gewann die Oberhand. Trotzig griff er zum Handy und wählte die Nummer des Innenministers. Die Stimme des Politikers klang müde und frustriert. »Hallo Alan! Ich habe leider keine guten Nachrichten.« »Schieß los, was gibt’s Neues!« »Die Premierministerin konnte den französischen Staatspräsidenten noch nicht erreichen. Er befindet sich auf einem Krisengipfel und versucht dort das Auseinanderbrechen der EU zu verhindern. Wir konnten bislang lediglich zu seinem Regierungssprecher durchdringen. Der hat sich alles angehört und versprochen, den Präsidenten so bald wie möglich über die Angelegenheit zu unterrichten. Aber wenn du mich fragst, glauben uns die Franzosen kein Wort. Vermutlich denken sie, dass die Pazifikstaaten wieder einen neuen Versuch starten, Entschädigungszahlungen für die Atomversuche in der Südsee herauszuschlagen.« »Sind die verrückt? Habt ihr ihnen denn nicht den Ernst der Lage erklärt?« »Die Regierungschefin hat ihr Möglichstes getan. Bisher aber leider ohne Erfolg. Außerdem macht uns die Zeitverschiebung einen Strich durch die Rechnung. In Europa ist es jetzt Nacht und wir erreichen in den Ministerien niemand mehr.« »Was ist mit den Amerikanern?« »Der Verteidigungsminister hat mit seinem Amtskollegen in Washington telefoniert. Weißt du wie der reagiert hat? Ausgelacht hat er ihn, der arrogante Arsch! Eine Wasserstoffbombe könne unmöglich von Terroristen gebaut werden, hat er gesagt. Was wir für Beweise, für diese unglaubliche Behauptung hätten, wollte er wissen. Nach fünf Minuten hat er sich entschuldigt, weil er zu einem wichtigen POTUS 26 -Meeting müsse. Wir haben es danach verzweifelt auf allen unseren Kommunikationskanälen 26 POTUS: Abkürzung für »President of the United States« versucht, aber bis jetzt hat uns noch niemand Gehör geschenkt. Und bald ist auch an der Ostküste Feierabend.« »Wendet euch doch an die amerikanischen Medien!« schlug Alan vor. »Bist du verrückt? Du hast doch selbst gehört, was die Premier¬ ministerin gesagt hat! Wir sollen nichts unternehmen, was die Bevölkerung in Panik versetzen könnte. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass dies auch für befreundete Staaten gilt.« »Soll ich meine persönlichen Kontakte zum Pentagon nutzen?«, fragte Alan vorsichtig. »Du bist wohl wahnsinnig!«, schrie der Innenminister am anderen Ende der Leitung. »Weißt du nicht, wie brisant die Sache mit den amerikanischen Spionagesatelliten ist? Wenn eure Zusammenarbeit mit den amerikanischen Militärs an die Öffentlichkeit kommt, kann ich für nichts garantieren! Außer, dass man euren Laden sofort zusperren wird! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?« Alan schluckte. Der Innenminister war einer der wenigen Regierungsmitglieder, die etwas von der heiklen Zusammenarbeit mit dem Pentagon wussten. Und selbst der hatte keinen blassen Schimmer vom tatsächlichen Umfang, den das Geheimprojekt bei der Rocketeer Ltd inzwischen angenommen hatte. Glaubte dieser Politheini im Ernst, dass sich sein Raketenunternehmen nur mit ein paar Telekommunikations- und Forschungssatelliten finanzieren ließe? Mit Grauen erinnerte sich Alan, wie er am Morgen nach dem Überfall die Liste der gestohlenen Firmenunterlagen zusammengestellt hatte. Den unscheinbaren Ordner mit den Air Force Verträgen hatten die Räuber zum Glück im Safe liegen lassen. Nicht auszudenken, wenn den Verbrechern auch diese Informationen in die Hände gefallen wären! Seine Firma wäre erpressbar geworden. Der Verlust des Hydronits und der Geokoordinaten war zweifellos schlimm. Es gab aber immerhin noch ein Fünkchen Hoffnung, dass Neuseeland und seine Firma nochmal mit einem blauen Auge davonkommen würden. Wenn aber das wahre Ausmaß des amerikanischen Militärprojekts ans Tageslicht käme, wäre dies definitiv der Supergau - für ihn und sein gesamtes Lebenswerk. 8. Kapitel Abschied Nickelin, auch unter den veralteten bergmännischen Bezeichnungen Kupfernickel bekannt, ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“ mit der chemischen Zusammensetzung NiAs und ist damit chemisch gesehen Nickelarsenid. Als Kupfernickel wurde früher im mittelalterlichen Erzgebirge ein wie Kupfererz aussehendes Material bezeichnet, aus dem sich aber kein Kupfer gewinnen ließ, als sei es von Berggeistern bzw. Bergwerksdämonen (Nickeln) behext. Tomu machte an diesem Tag schon früh Feierabend. Die Ereignisse vom Vortag schwirrten unaufhörlich in seinem Kopf herum. So konnte er unmöglich arbeiten! Zuhause eröffnete ihm Nabby, dass sie morgen zurück in die USA fliegen würde. Sie hatte mit ihrem Verlag telefoniert und eine letzte Galgenfrist zur Fertigstellung ihrer Reportage bekommen. Während die zwei noch überlegten, wie sie ihren letzten gemeinsamen Abend verbringen wollten, rief Tomus Mutter an. Onkel Enele und Tante Ana hatten beschlossen wieder nach Tuvalu zurückzukehren. Morgen ginge ihr Flieger und es wäre doch schön, wenn sich die Familie noch einmal zum gemeinsamen Abendessen treffen könne. Tomu hielt kurz Rücksprache mit Nabby und nahm dann die Einladung dankend an. Es sollte ein kurzweiliger Abend werden. Onkel Enele präsentierte auf seiner neuen Digitalkamera stolz die Aufnahmen, die er in den vergangenen Tagen gemacht hatte. Tomus Eltern hatten sich wahrlich alle Mühe gegeben, um ihren Gästen die Schönheiten Neuseelands näherzubringen. Sie hatten extra Urlaub genommen, um mit ihren Verwandten eine Rundreise zu machen. Tomu war verblüfft, was die vier älteren Herrschaften in der kurzen Zeit mit ihrem klapprigen Nissan alles unternommen hatten. Die Präsentation der Sehenswürdigkeiten auf Onkel Eneles Kamera wollte kein Ende nehmen: Die Glühwürmchengrotte von Waitomo, das Hobbiton Filmset bei Watamata, die Nationalparks der Nordinsel, der Tauposee und die Hauptstadt Wellington bildeten nur den Auftakt. Danach hatten die vier sogar auf die Südinsel übergesetzt und waren bis hinunter nach Queenstown gefahren, wo sie Tomus Schwester einen Überraschungsbesuch abgestattet hatten. Tomu erkannte all die wunderbaren Orte wieder, an denen er auch schon selber gewesen war: Die herrlichen Fjordlandschaften der Marlborough Sounds, die menschenleeren Gebirgslandschaften am Haastpass, die quirlige Touristenregion am Wakatipu See und die gewaltigen Eisfelder rund um den Mount Cook. Lediglich für einen Helikopterflug über die unberührten Gletscher hatte das knapp bemessene Reisebudget dann offenbar doch nicht gereicht, wie Tomu beim Anblick der schmutzig grauen, sich stetig zurückziehenden Gletscherzungen, grinsend feststellte. Dennoch war abzusehen, dass Onkel Enele mit diesen Bildern und seinen Reiseerzählungen zum Superstar des Atolls avancieren würde. Die meisten seiner Nachbarn hatten die kleine Inselrepublik Tuvalu noch nie verlassen und konnten sich deshalb auch keine rechte Vorstellung vom Leben jenseits ihres flachen Korallenriffs machen. Unterdessen bereiteten Tomus Mutter und Tante Ana in der Küche das Abendessen vor. Die beiden waren stundenlang einkaufen gewesen und gaben sich größte Mühe ein Abschiedsessen zu zaubern, das allen Anwesenden noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Um so enttäuschter waren die zwei Frauen, als sie bemerkten, wie Tomu und Nabby nur lustlos in ihren Tellern herumstocherten. »Was ist denn los?«, fragte Frau Pahua besorgt ihren Sohn, als sie die niedergeschlagenen Gesichter der jungen Leute bemerkte. Tomu und Nabby hatten abgesprochen, dass sie das Hydronit-Thema mit keinem Wort erwähnen wollten. Die Erklärung, dass Nabby morgen Abend ebenfalls nach Hause fliegen würde, reichte der älteren Generation aber vollkommen als plausible Erklärung, warum den beiden Verliebten der Appetit so gründlich vergangen war. Nach dem Essen nahm Vater Pahua seinen Sohn diskret zur Seite. »Tomu, es ist mir sehr unangenehm, aber ich muss mit dir über etwas reden!« Dem Automechaniker war es sichtlich peinlich, seinen Sohn um Geld anpumpen zu müssen. Er hatte den Rückflug seines Bruders und seiner Schwägerin von seinem Kreditkartenkonto gezahlt und steckte nun hoffnungslos in den roten Zahlen. Tomu seufzte und versprach ihm, für den Rückflug der Verwandtschaft aufzukommen. Gleich morgen würde er seinem Vater das nötige Geld überweisen. Eigentlich hatte er gehofft, dass Alan Tubbs die Kosten des Rückflugs übernehmen würde. Schließlich hatte auch die Firma Rocketeer maßgeblich zu der überstürzten Flucht aus Nukufetau beigetragen! Doch jedesmal, wenn Tomu bei Alan auf dieses Thema zu sprechen kam, hatte der ausweichend reagiert. Es war offensichtlich, dass der Jungingenieur wohl auf diesen Kosten sitzen bleiben würde. Eine Weile saßen die sechs noch plaudernd zusammen, dann verabschiedeten sich Tomu und Nabby. Es war der erste der anstehenden tränenreichen Abschiedsmomente und die jungen Leute waren froh, als sie endlich in ihrem Wagen saßen. Stumm fuhren sie durch die nächtlichen Straßen der Millionen- metropole. Sie begriffen, dass ihre letzte gemeinsame Nacht begonnen hatte. Die Nacht, in der sie sich zum letzten Mal lieben würden. Als sie eine Stunde später ermattet unter die Bettdecken krochen, konnte Tomu noch lange keinen Schlaf finden. Auch in den folgenden Stunden schreckte er immer wieder hoch und starrte an die Zimmerdecke, wohin der Hightechwecker in großen, roten Ziffern die stetig fortschreitende Uhrzeit projizierte. Mit kalten, präzisen Taktschritten zählte das herzlose Zeitmonster den Countdown zum Ende ihrer Zweisamkeit herunter. Am Morgen frühstückte das Paar noch miteinander. Dann kam die Stunde des Abschieds. Nabbys Flug nach Los Angeles startete zwar erst kurz vor Mitternacht, wegen der anstehenden Raketenmission konnte Tomu aber heute unmöglich frei nehmen. Nabby musste die letzten Stunden in Auckland alleine verbringen. »Pass gut auf dich auf!«, flüsterte sie, während sie sich in den Armen lagen. Tomu brachte außer den üblichen Abschiedsfloskeln kaum ein Wort heraus. Mit zitternden Händen überreichte er ihr ein kleines, mit Geschenkpapier umwickeltes Schächtelchen. »Mach das bitte erst zuhause auf«, stammelte er, als er es ihr in die Hand drückte. »Wenn ich es schaffe, bringe ich dich heute Abend zum Flughafen.« Dann zog er die Tür hinter sich zu. Erst als er in der Tiefgarage in seinem Wagen saß, wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Mit jedem Kilometer, den er zur Firma zurücklegte, redete er sich ein, dass das Leben weitergehen müsse. Es war schließlich nur eine Episode in seinem Leben, die da gerade zu Ende gegangen war. Ab sofort würde er sich wieder voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Sie würden beide ihr bisheriges Leben weiterleben. Vielleicht könnten sie ja ab und zu unverbindlich miteinander skypen. Was die Sache mit dem Hydronit anging, hatten sie ihr Möglichstes getan. Je schneller sie die ganze Angelegenheit vergessen würden, umso besser für alle Beteiligten. Sie konnten nichts mehr tun. Die Regierung von Neuseeland würde gewiss alles Notwendige in die Wege leiten. Als er die Kollegen im Großraumbüro begrüßte, war er fast so weit, selbst an seine naiven Wunschvorstellungen zu glauben. Doch wieder einmal sollte alles ganz anders kommen! 9. Kapitel Kursänderung Als Nephrit bezeichnet man einen Mischkristall aus der lückenlosen Mischreihe der Minerale Tremolit und Aktinolith. Die Eingeborenen Neuseelands benutzten Nephrit, um Meißel, Beile und Streitäxte daraus zu fertigen. Die Bezeichnung der Südinsel Neuseelands (Te-Wai pounamu, „Land Pounamu“) bezieht sich auf den Fundort der Steine an der Westküste derselben. Deutsche Fußballfans kennen den grünen Schmuckstein von der begehrten Trophäe des DFB-Pokals. Kapitän Sergej Nemejew stand auf dem Navigationsdeck des Containerschiffs »Sloika III« und blickte auf den leeren Horizont. Vor fünf Tagen hatte sein Schiff den Hafen von Santiago de Chile verlassen und sich auf die lange Passage über den Pazifik gemacht. Wochenlang würden er und seine kleine Mannschaft unterwegs sein. Ihr Heimathafen Wladiwostok lag auf der anderen Seite der Erdkugel. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kapitänskollegen liebte er jedoch solche Langstreckenpassagen. Es gab keine Familie mehr, die zu Hause auf ihn wartete. Seine Exfrau war mit den Kindern nach Nischni Nowgorod gezogen und wollte nichts mehr von ihm wissen. Er hatte die Trennung jedoch nie als großen Verlust empfunden. Während der Heimaturlaube hatte es regelmäßig Streit gegeben. Jedes mal war er froh gewesen, wenn er endlich wieder ein Kommando übernehmen konnte. In Nemejews Adern floss Seemannsblut. Alle seine Vorfahren waren zur See gefahren. Viele von ihnen hatten auf den sieben Weltmeeren ihr nasses Grab gefunden - sein Vater als einfacher Matrose in den Stürmen des Nordpolarmeeres - sein Großvater als Unteroffizier im Großen Vaterländischen Krieg. Er war der erste, der es zum Kapitän gebracht hatte! Zumindest glaubte er das. Die überlieferte Ahnengalerie endete bei seinem Urgroßvater, der im Auftrag des letzten Zaren, als Schiffszimmermann auf dem Baltischen Meer, das russische Reich gegen die Bolschewiken verteidigt hatte. Doch Nemejew wollte diesen Kapitänsjob nicht bis an sein Lebensende machen. Vielleicht noch fünf oder sechs Jahre. Dann würde er sich ins Privatleben zurückziehen und die Früchte seiner Arbeit genießen. Von seinem knapp bemessenen Kapitänsgehalt wäre dieser Plan allerdings schwerlich in die Tat umzusetzen gewesen. Die Zusammenarbeit mit der Organisation hatte ihm aber in den letzten Jahren einen reichen Geldsegen beschert. Die notwendigen Rubel für ein schönes Haus in Sankt Petersburg oder Moskau hatte er längst beisammen. Es war leicht verdientes Geld. In den Containern, die er von einem Hafen zum anderen beförderte, befand sich nicht immer die Ladung, die den offiziellen Frachtpapieren entsprach. Was genau sich in den umdeklarierten stählernen Transportbehältern befand, wusste er meistens selber nicht. Wahrscheinlich Waffen oder illegales Kriegsmaterial, welches als Nachschub für die zahlreichen Krisenherde diente, von denen es rund um den Globus immer mehr gab. Die logistische Planung dieser verbotenen Handelsaktivitäten oblag den Herren von der Organisation. Als Kapitän erfuhr er erst vor Ort im Hafen, wenn seine Dienste wieder einmal gefragt waren. Sergej Nemejew wollte sich gerade der hereingekommenen Seewettervorhersage zuwenden, als der Funkfernschreiber neben ihm erneut zum Leben erwachte. In einem verschlüsselten Kommunikationskanal wartete eine neue Nachricht der Organisation! Der Kapitän gab sein geheimes Kennwort ein, um die Datenübertragung und den Ausdruck zu starten. »Erbitten Übernahme von Fracht und zwei Begleitpersonen nahe Tuamotu-Archipel«, begann der Text, der sich nun langsam, Zeile für Zeile, aus dem alten, aber dafür absolut abhörsicheren Gerät aus Sowjetzeiten schob. »Was zum Teufel?«, murmelte Nemejew kopfschüttelnd, während er den Einsatzbefehl zu Ende las. Man erwartete offenbar vom ihm, einen südlicheren Kurs einzuschlagen. Dort würde er auf ein anderes Schiff treffen. Von diesem sollte er zwei Zentner Schüttgut übernehmen, sowie zwei Mann Besatzung aufnehmen. »Frachtübergabe nachts auf hoher See!«, schimpfte er laut. Als sich die Organisation das letzte Mal so ein Manöver hatte einfallen lassen, war hinterher die Bordwand seines Schiffes beschädigt. Was hatte er sich damals für Vorwürfe von der Reederei anhören müssen! Sergej Nemejew bedachte den Absender der Nachricht mit einer wilden Tirade russischer Flüche. Plötzlich verstummte er. »Grosny-1« Dieses Codewort bedeutete, dass es sich bei einem der zwei Männer um den Tschetschenen handelte! Mit einer so hochkarätigen Führungspersönlichkeit der Organisation hatte er bislang noch nie persönlich zu tun gehabt! Was um alles in der Welt hatte der Apparatschik in dieser gottverlassenen Gegend zu suchen? »Sieh an, sieh an«, dachte er bei sich, »die hohen Herren haben Urlaub in der Südsee gemacht und benötigen eine Mitfahrgelegenheit!« Nur - was hatte es dann mit dem Schüttgut auf sich? Nemejew wusste, dass es besser war, keine Fragen zu stellen. Die Aussicht, dass er die beiden voraussichtlich wochenlang auf seinem Schiff beherbergen musste, ließ seine Stimmung schlagartig auf den Nullpunkt sinken. Hoffentlich konnte er sie so bald wie möglich bei einem Zwischenstopp an Land setzen. Vor dem Rendezvous würde man ihn nochmal kontaktieren und den genauen Treffpunkt, sowie die Uhrzeit durchgeben. Die ominöse Ladung sollte in einem der Container verschwinden, die für Sankt Petersburg bestimmt waren. Es war nicht das erste Mal, dass die Organisation den Hafen von Wladiwostok nutzte, um ihre geheime Fracht auf der transsibirischen Eisenbahnroute ins Landesinnere zu schaffen. Sankt Petersburg - Nemejew wusste, dass die Ostseemetropole seit langem als Handelsdrehkreuz der Organisation diente. Auch wenn in letzter Zeit Gerüchte in Umlauf waren, dass man diesen Standort bald aufgeben würde. Es hieß, dass man mit Hochdruck am Aufbau einer Alternative arbeitete - aber was bedeuteten schon Gerüchte! Kapitän Nemejew dreht das Steuerrad nach links. Das schwere Frachtschiff benötigte Minuten, bis es den neuen Kurs eingeschlagen hatte. 10. Kapitel Fernerkundung Salmiak ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Halogenide“ mit der chemischen Formel NH 4 C1 und ist chemisch gesehen Ammoniumchlorid. Salmiak kristallisiert im kubischen Kristallsystem und entwickelt nur selten kleine, kantengerundete Kristalle in Form von Deltoidalikositetraedern sowie Zwillinge mit der Oktaederfläche (111) als Zwillingsachse. Bekannt ist Salmiak unter anderem durch seine Verwendung in Salmiak-Lakritz bzw. Salmiakpastillen. Tomu und seine Kollegen hatten den ganzen Tag an den letzten Vorbereitungen für den bevorstehenden Raketenstart gearbeitet. Es galt Wettervorhersagen auszuwerten und die prognostizierten Windverhältnisse in den errechneten Flugbahnsimulationen zu berücksichtigen. Jetzt standen alle Testergebnisse auf Grün. Aus Tomus Sicht stand der außer¬ gewöhnlichen Mission nichts mehr im Weg. Kurz bevor er Feierabend machen wollte, klingelte sein Telefon. Es war Eric Stewart, der ihn mit ernster Stimme darum bat, so schnell wie möglich in sein Büro zu kommen. »Nimmt das denn nie ein Ende?«, stöhnte Tomu, während er ein weiteres Mal die Treppen zur Chefetage hinaufeilte. Der CTO war nicht allein. Neben ihm stand Alan Tubbs. Gemeinsam starrten die beiden Führungskräfte gebannt auf den großen Computermonitor an der Wand. »Gibt’s was Neues?«, fragte Tomu vorsichtig, als er merkte, dass seine Vorgesetzten keine Notiz von ihm nahmen. »Das kann mal wohl sagen!«, antwortete Eric ohne ihn anzusehen. »Sieh dir das an!« Tomu näherte sich dem Bildschirm. »Ich sehe ein Boot und eine Insel.« »Das ist die Aufzeichnung von einem der Fernerkundungssatelliten der Stanford University. Du erinnerst dich vielleicht: Mit diesen Dingern haben wir neulich die Atmosphäre nach erhöhten Wasserstoffwerten gescannt.« »Ja klar, die Sache mit der Spektralanalyse! Ich wusste gar nicht, dass man damit auch richtige Bilder von der Erde bekommt. Das sieht ja aus, wie bei Google Maps!« »Mit dem kleinen Unterschied, dass diese Bilder hier fast live sind. Die Aufnahme ist gerade eine Stunde alt!« »Und wo soll das sein?« Eric zog sein Smartphone aus der Tasche und hielt dem verdutzten Tomu das Display vor die Nase. »Sind das Geokoordinaten?« Eric deutete auf den linken unteren Rand des Wandmonitors. »Die gleichen wie hier!« Tomu riss die Augen auf. »Ist das ein Livebild der Hydronitlagerstätte?« Der CTO nickte konsterniert. »Live und in Farbe!« Alan Tubbs sagte: »Sieht wohl ganz so aus, als wären unsere tschetschenischen Freunde in den vergangenen Tagen nicht untätig gewesen!« Der CEO begann auf die Steuerelemente des Touchscreens zu drücken. Beim Herauszoomen wurden die gesamten Umrisse des kreisförmigen Atolls sichtbar. »Die Kerle sind mit ihrem Schiff am Rand des Riffs vor Anker gegangen.« »In der Lagune liegt noch ein Boot!«, rief Tomu aufgeregt. »Das haben wir vorhin auch schon gesehen«, erwiderte Eric und zoomte den Ausschnitt so weit es ging heran. »Das ist wahrscheinlich ein Beiboot von dem großen Schiff. Siehst du die dunkle Stelle im Wasser?« Tomu nickte stumm. »Das ist bestimmt der Meteorit, der sich vom übrigen Untergrund der Lagune abzeichnet! Und siehst du die zwei schwarzen Punkte? Den einen im Beiboot und den anderen im Wasser?« »Sind das die beiden Verbrecher?« »Mehr gibt die Auflösung der Aufnahme leider nicht her. Jede Wette, dass das zwei Männer in Taucheranzügen sind.« »Die wollen das Hydronit abbauen«, rief Tomu entsetzt. »Habt ihr den Krisenstab schon informiert?« Eric schüttelte den Kopf. »Wir haben das Schlamassel selbst gerade erst entdeckt. Eigentlich bin ich mehr durch Zufall darauf gekommen. Mich wundert sowieso, dass wir noch Zugriff auf die Satellitendatenbank der Amerikaner haben!« Alan Tubbs zog sein Handy aus der Tasche. »Ich ruf den Innenminister an!«, verkündete er mißmutig, während er durch das Adressbuch scrollte. »Ja - hallo, ich bin’s - Alan. Ich schalte mal auf Lautsprecher. Neben mir stehen Eric Stewart und Tomu Pahua.« Der Innenminister befand sich gerade in seiner Dienstlimousine auf der Fahrt nach Palmerston North 27 , wo er an einer Jubiläumsfeier der dortigen Maorigemeinde teilnehmen wollte. Alan Tubbs berichtete ihm im Schnelldurchgang über die neuen Erkenntnisse. 27 Die neuseeländische Stadt Palmerston North bekam ihren Appendix »North« verordnet, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Ort auf der Südinsel zu vermeiden. »Ach du heilige Scheiße!«, schallte es aus dem Lautsprecher. Anschließend konnte man hören, wie der Politiker seinen Fahrer anwies, sofort nach Wellington zurückzufahren. »Wie kommt ihr denn zu diesen aktuellen Satellitenaufnahmen?« »Das spielt doch jetzt wirklich keine Rolle!«, schimpfte Alan. »Wenn du mir nicht glaubst, kann ich dir ja einen Screenshot 28 schicken!« »Schon gut - nicht nötig«, antwortete der Minister. »Gibt es denn noch weitere Bilder, die man auswerten kann?« »Nein, die Fernerkundungssatelliten umkreisen die Erde in ständig wechselnden Bahnen. Es ist reiner Zufall, dass sich vor einer Stunde einer von ihnen genau über der Lagerstätte befand.« »Das heißt also, dass wir das weitere Geschehen dort nicht verfolgen können!«, schlussfolgerte der Minister enttäuscht. »Genau - hat euer Krisenstab denn wenigstens neue Erkenntnisse? Aus dem Lautsprecher war ein gequältes Schnaufen zu hören. »Leider nein. Die Amerikaner lachen uns aus und die Franzosen ignorieren uns. Die einzige verwertbare Rückmeldung kam vor einer Stunde vom französischen Hochkommissariat in Papeete: Angeblich wird im Tuamotu- Archipel ein Versorgungsschiff vermisst. Es wurde am frühen Dienstag Morgen zum letzten Mal im Hafen der Insel Rangiroa gesehen. Seitdem fehlt von dem Schiff, dem Kapitän und einem Bordhelfer jede Spur. Morgen bei Tagesanbruch soll eine Suchaktion gestartet werden.« »Weißt du, wie groß dieses Schiff in etwa ist?«, fragte Alan. »Nein, es ist wohl eines der vielen Transportschiffe, mit denen die bewohnten Inseln des Archipels mit Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs versorgt werden.« »Das Schiff auf der Satellitenaufnahme dürfte etwa dreißig Meter lang sein«, meinte Eric, während er auf den Monitor starrte. »Das könnte von der Länge ganz gut hinkommen. Wahrscheinlich haben es die 28 Unter einem Screenshot versteht man die Abspeicherung des aktuellen Bildschirminhalts in einer Datei. Tschetschenen entführt, um zu dem Hydronit-Atoll zu gelangen.« Dann öffnete er eine Schreibtischschublade und zog einen alten Atlas heraus. Nach kurzem Blättern fand er die Seite, nach der er gesucht hatte. Hektisch ließ er seinen Zeigefinger über der hellblauen Karte mit den Gesellschaftsinseln kreisen. »Hier liegt Tahiti mit der Hauptstadt Papeete. Östlich davon erstreckte sich das Tuamotu-Archipel mit seinen unzähligen kleinen Inseln. Dort oben ist Rangiroa und dort, ganz am Rand, liegt das unbewohnte Atoll mit dem Hydronit.« Alan Tubbs verfolgte interessiert die geographischen Ausführungen seines Entwicklungsleiters. Dann begann er mit seinen Fingern zu spielen und leise unverständliches Zeug zu murmeln. Der Grund seines merkwürdigen Verhaltens wurde jedoch schnell klar: »Ich hab das mal kurz durchgerechnet! Um von Rangiroa dorthin zu gelangen, benötigt ein Schiff dieser Größe etwa zwölf Stunden.« »Oh mein Gott!«, jammerte der Innenminister aus dem Lautsprecher. Wir haben jetzt Mittwoch Abend. Die Zeitdifferenz zwischen Neuseeland und Tuamotu beträgt nur zwei Stunden. Wenn das Schiff am Dienstag Morgen gekapert wurde und am Dienstag Abend bereits dort ankam, dann hatten die Verbrecher die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag Zeit, um in der Lagune zu tauchen und das Hydronit auf ihr Schiff zu schaffen!« »Naja,«, meinte Alan, »ich glaube kaum, dass sie sich Nachts mit Scheinwerfern da unten rumgetrieben haben. Allein schon wegen der vielen Haie.« Eric hielt den Sarkasmus seines Chefs kaum noch aus. »Entscheidend ist doch nur, dass sie heute den ganzen Tag lang ungestört dieses Teufelszeug einsammeln konnten! Wenn die sich heute Nacht aus dem Staub machen und sich ihre Spur im Pazifik verliert, verfügen sie über Unmengen an wasserstoffbombenfähigem Material!« »Könnte man denn nicht vielleicht doch noch die Amerikaner ersuchen, sich der Sache anzunehmen?«, schlug Tomu vor. »Wenn die zum Beispiel einen atomar bestückten Marschflugkörper von einem ihrer Kriegsschiffe auf die Reise schicken würden, wären diese Typen und das Hydronit innerhalb von wenigen Minuten für immer Geschichte!« Alan schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte einer seiner fähigsten Raketeningenieure nur auf so naive Gedanken kommen? Die prompte Reaktion des Innenministers gab ihm Recht: »Junger Mann, sie haben wohl in letzter Zeit zu viel Filme gesehen! Verschonen Sie uns bitte in Zukunft mit Ihren absurden Vorschlägen. Die Amerikaner glauben uns bisher nicht einmal, dass eine akute Bedrohungssituation vorliegt. Wie sollen wir sie da bitteschön zur Durchführung eines nuklearen Erstschlags bewegen?« Alan war die Situation sichtlich peinlich. Unsanft schob er Tomu beiseite, damit der nicht länger das Gespräch mit seinen unqualifizierten Bemerkungen in die Länge ziehen konnte. »Entschuldige bitte das Ungestüm meines jungen Mitarbeiters. Aber du weißt ja: Die Jugend will manchmal mit dem Kopf durch die Wand. Aus meiner Sicht ist der Ball nun wieder bei euch in Wellington. Ihr solltet unbedingt dafür sorgen, dass ihr die Spur der beiden Tschetschenen nicht verliert! Wir bei Rocketeer können momentan nichts weiter für euch tun. Außerdem haben wir für morgen, nebenbei bemerkt, auch noch einen wichtigen Raketenstart vorzubereiten.« Es war unverkennbar, dass der CEO so schnell wie möglich wieder zum normalen Tagesgeschäft übergehen wollte. Nachdem er das Telefonat beendet hatte, machte er dies auch seinen Mitarbeitern unmissverständlich klar: »Leute - wir haben jetzt genug Zeit mit dieser Hydronitscheiße vergeudet. Auch wenn die Lage noch so ernst erscheint: Wir können es nicht ändern und wir sind auch nicht dafür zuständig. Ab mit euch an die Arbeit!« Fünf Minuten später saß Tomu wieder an seinem Schreibtisch im Großraumbüro. Er kochte vor Wut. 11. Kapitel Gegenschlag Quarz ist ein Mineral mit der chemischen Zusammensetzung Si0 2 und trigonaler Symmetrie. Er ist die auf der Erdoberfläche stabile Form des Siliciumdioxids und nach den Feldspaten das zweithäufigste Mineral der Erdkruste. Mit einer Mohshärte von 7 gehört Quarz zu den harten Mineralen und dient als Bezugsgröße auf der bis 10 reichenden Skala. Reiner Quarz ist vollkommen transparent und farblos und wird, wenn er gut ausgebildete Kristalle entwickelt, als Bergkristall bezeichnet. Quarzkristalle werden auch künstlich hergestellt: Daraus geschnittene Schwingquarze dienen als Taktgeber in elektronischen Schaltungen und Quarzuhren. Es dauerte eine halbe Stunde bis sich Tomu wieder halbwegs beruhigt hatte. Das Spiel war verloren; das Schicksal nahm seinen Lauf. Niemand auf der Welt konnte das drohende Unheil noch abwenden. Es war an der Zeit, sich mit den Realitäten abzufinden. Tomu sah auf die Uhr. Wenigstens hatte er jetzt noch ein paar Stunden Zeit, um Nabby zum Flughafen zu begleiten. Morgen wartete ein anstrengender Tag im Mission Control Center auf ihn. In aller Frühe würde sich die Launch Crew zur Mahia Halbinsel aufmachen, um dort den Start der Rakete vorzubereiten. Nabby würde da schon längst friedlich in ihrem Flugzeugsitz schlummern. Wahrscheinlich würde sie zu dieser Zeit gerade die Datumsgrenze passieren. Datumsgrenze! Elektrisiert sprang Tomu von seinem Bürostuhl auf. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer des Entwicklungsleiters. »Eric, wir haben uns geirrt!«, schrie er aufgeregt ins Telefon. »Die Tschetschenen hatten noch gar keine Gelegenheit das Hydronit zu bergen! Der Innenminister hat gesagt, dass das Versorgungsschiff am Dienstag Morgen entführt wurde. Französisch Polynesien liegt aber hinter der Datumsgrenze! Das bedeutet, das Schiff wurde erst heute Morgen gekidnappt und kann, wenn Alan richtig gerechnet hat, erst kurz vor Sonnenuntergang die Lagerstätte erreicht haben!« »Mein Gott, du hast recht!«, stammelte der CTO nach einer Weile atemloser Stille. »Dann haben sich die Kerle in der Lagune wahrscheinlich nur noch kurz mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht und sind nun bis zum Morgengrauen zum Nichtstun verdonnert!« »Eric, wir müssen die Behörden in Französisch Polynesien informieren. Vielleicht können die ja noch das Schlimmste verhindern!« »Was sollen die schon machen? Die verfügen ja nicht mal über ein eigenes Militär. Mit ihrem Suchflugzeug können sie die Situation nur von oben beobachten. Die paar Inselsheriffs auf Tuamotu sind viel zu weit weg vom Geschehen und für so einen Einsatz nicht ausgerüstet. Und ohne den Segen der französischen Regierung unternehmen die gar nichts!« »Dann bleibt nur noch das Eingreifen der neuseeländischen Streitkräfte!« »Tomu, hast du denn nicht gehört, was der Verteidigungsminister gesagt hat? Unsere Flugzeuge sind nicht in der Lage auf diese Distanz etwas auszurichten. Und dass wir von den Amerikanern und Franzosen keine Hilfe erwarten können, wissen wir ja bereits.« Der CTO verstummte für einen Moment, bevor er fortfuhr. »Es gibt nur noch eine einzige Chance, wie wir die Katastrophe verhindern können. Komm bitte in einer halben Stunde in Gordons Büro! Wir besprechen dort das weitere Vorgehen.« Eric Stewart beendete das Gespräch abrupt. Das Büro des Chefchemikers befand sich im gleichen Gebäudetrakt. Außer Gordon Jennings und Eric war auch Colin McAlister anwesend. Der Flight Director trug seinen Arm in einer Schlinge, wirkte aber sonst schon wieder recht gesund. »Bitte schließ die Tür!«, forderte ihn der kahlköpfige Leiter der Chemieabteilung auf. »Wollen wir nicht auch Alan dazu holen?«, fragte Tomu. »Kein Wort zu Alan!«, herrschte ihn Eric an. »Er darf auf keinen Fall etwas über dieses Gespräch erfahren!« Tomu sah die drei Männer verwundert an. »Was habt ihr denn vor?« Die Augen des unsympathischen Abteilungsleiters funkelten beängstigend als er zum Sprechen ansetzte. »Du weißt doch sicher über die Hintergründe der morgigen Mission Bescheid und dass es sich dabei nicht bloß um das übliche Aussetzen eines Nachrichtensatelliten handelt.« Tomu zuckte zusammen. Dieses militärische Projekt unterlag der absoluten Geheimhaltung. Dass Colin als Leiter der Mission Bescheid wusste, war klar. Aber warum war Gordon Jennings darüber informiert? Normalerweise kam bei solch heiklen Projekten immer das Need-to-know- Prinzip 29 zur Anwendung. Und die Chemiker von Rocketeer waren in dieser Angelegenheit in keinster Weise involviert. Eric machte eine beschwichtigende Geste. »Gordon gehört dem obersten Leitungskreis an. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass so ein Projekt nicht über seinen Schreibtisch geht!« Tomu konnte sich noch gut daran erinnern, wie er damals von seinem Vorgesetzten zur absoluten Verschwiegenheit verdonnert worden war. Die meisten der Kollegen wussten zwar, dass ihre Firma gelegentlich Beobachtungssatelliten der Amerikaner in den Orbit transportierte; das streng geheime Ballistic-Missiles-Projekt, kurz BMP genannt, kannten aber nur sehr wenige ausgewählte Mitarbeiter. Im Rahmen dieses Projekts wurde eine spezielle Nutzlast getestet, die nach dem Flug in den Weltraum auf einer ballistischen Bahn wieder zur Erde zurückkehren sollte. Das amerikanische Verteidigungsministerium war offenbar auf der Suche nach einem alternativen Trägersystem für militärische Sprengköpfe und nutzte dabei die Innovationskraft und die Kompetenz junger aufstrebender Raketenunternehmen. Gordon Jennings belehrte den überraschten Jungingenieur auf seine gewohnt herablassende Art: »Mensch Junge, glaubst du denn, die vielen Verbesserungen an der Kickstufe wären ohne die Mitarbeit meiner Leute durchführbar gewesen?« In der Tat hatten sich viele Kollegen darüber gewundert, dass im letzten Jahr so viel Aufwand in die oberste Raketenstufe gesteckt wurde, deren normale Aufgabe ursprünglich darin bestand, die ausgesetzten Satelliten auf ihre finale Umlaufbahn zu hieven. Die Anforderungen eines ballistischen Waffensystems waren jedoch ungleich anspruchsvoller. Galt 29 Need-to-know-Prinzip: Weitergaberichtlinie für geheime Informationen, die einer Person nur die Zugriffsrechte gewährt, die sie für die Erfüllung ihrer konkreten Aufgabe benötigt. es dabei doch den Sprengkopf vor dem endgültigen Ausklinken noch genau so auszurichten, dass er anschließend im freien Fall möglichst exakt sein Ziel erreichte. »Würdet ihr mir jetzt bitte sagen, was ihr vorhabt?« Tomu wurde ungeduldig. Er konnte sich keinen rechten Reim drauf machen, warum sich Eric plötzlich ausgerechnet mit Cohn und diesem arroganten Jennings verbündete. Und warum sollte Alan nichts davon erfahren? Der CTO fragte geradeheraus: »Tomu, wir benötigen deine Hilfe! Kannst du die Flugbahn so umprogrammieren, dass sie die Hydronitlagerstätte trifft?« Dem jungen Raketeningenieur blieb der Mund offen stehen. »Ich soll was?« Im selben Augenblick fiel sein Blick auf die schwarze Thermoskanne auf Jennings Schreibtisch. Er erinnerte sich, wie Eric ihm das darin befindliche Hydronit zwei Tage vor dem Überfall in seinem Büro gezeigt hatte. Damals waren sie beide noch voller Tatendrang und konnten es kaum erwarten, den grünen Sand in die Sonnenkollektoren auf dem Dach zu füllen. Von der tödlichen Bedrohung, die von diesem Material ausging, ahnten sie noch nichts. Eric war Tomus Entdeckung nicht verborgen geblieben. »Hör zu Tomu, wenn wir drei eine Alternative hätten, würden wir dich da nicht mit reinziehen. Du erinnerst dich doch bestimmt an die alte Konstruktionszeichnung der Hydronitgranate! Gordon und ich sind zu der Überzeugung gekommen, dass wir den Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen können.« »Ihr wollt eine Hydronitgranate bauen?« »Dazu reicht uns die Zeit nicht. Wir müssen improvisieren. Unser Plan ist folgender: Wir geben zu dem Hydronitsand in der Kanne Schwefelsäure und verschließen den Behälter wieder fest mit dem Drehverschluss. Das entspricht zwar nicht gerade der ursprünglichen Konstruktion, im Prinzip ist es aber das gleiche.« »Du vergisst die Zündvorrichtung!«, erwiderte Tomu und schüttelte fassungslos den Kopf. »Die brauchen wir nicht!«, widersprach Colin McAlister. »Wir deponieren die Thermoskanne im Testsprengkopf der Amerikaner. Was glaubst du, was da für eine Energie frei wird, wenn sich das Projektil mit Überschallgeschwindigkeit in den Korallensand der Lagune bohrt!« »Ihr denkt, dass durch die Wucht des Einschlags das Hydronit selbstständig eine thermonukleare Reaktion in Gang setzen wird?« Eric nickte. »Genauso wie vor hundertfünfzig Jahren, als die Besatzung der Caledonia Augenzeuge dieses Ereignisses wurde.« »Ihr wollt allen Ernstes eine Rakete stehlen, um im Tuamotu-Archipel eine Wasserstoffbombe zu zünden? Alan wird euch den Kopf abreißen!« »Herrgott nochmal, ja!«, schrie Gordon Jennings. »Wir wissen selber, dass das uns alle den Job kosten wird! Aber haben wir denn eine Wahl? Ich würde es mir nie verzeihen, wenn durch meine Untätigkeit dieses Material in die Hände von Terroristen fällt! Tomu, ich habe eine Familie! Zwei meiner Töchter studieren in Christchurch. Bei dem Massaker in der Moschee waren sie nur zwei Straßen von dem furchtbaren Geschehen entfernt! Wenn wir nichts unternehmen, werden solche Extremisten bald in der Lage sein, ganze Millionenstädte zu zerstören!« In den Augen des sonst so cool wirkenden Abteilungsleiters standen Tränen. Die selbstsichere Fassade des Mannes war zusammengebrochen. In seinem Gesichtsausdruck spiegelte sich blanke Verzweiflung. Auch Colins Blicke sprachen Bände. »Tomu, wenn wir diese letzte Chance nicht nutzen, werden wir uns bis an unser Lebensende Vorwürfe machen! Eric hat mich erst gestern in die Einzelheiten dieser Hydronitgeschichte eingeweiht und gefragt, ob ich im Ernstfall auf seiner Seite wäre. Du kannst mir glauben, dass mir dieser Entschluss verdammt schwer fällt. Aber wenn ich mir vorstelle, was passiert, wenn diese Verbrecher nicht unschädlich gemacht werden, bleibt mir leider keine andere Wahl. Außerdem habe ich mit einem dieser Brüder noch eine Rechnung offen!« Tomu schüttelte den Kopf. »Nur weil der Kerl auf dich geschossen hat, rechtfertigt das doch keine Racheaktion in diesem Ausmaß. Wenn bei dieser Aktion Menschen zu Schaden kommen, wird man uns vor das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zerren!« Eric versuchte seinen aufgebrachten Mitarbeiter zu beruhigen. »Tomu, glaube mir! Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, würde ich dich nicht um deine Hilfe bitten. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie skrupellos und menschenverachtend diese Verbrecher Vorgehen. Wenn wir sie jetzt nicht stoppen, ist unsere Zivilisation dem Untergang geweiht!« Tausende Gedanken blitzten durch den Kopf des Raketeningenieurs. Könnte er seinen Kollegen vielleicht bei ihrem Vorhaben helfen, ohne sich selbst die Hände dabei schmutzig zu machen? Nein - der ganze Plan hing von seiner aktiven Unterstützung ab. Er allein war in der Lage, der Rakete ihre neue Flugbahn aufzuzwingen. Niemand außer ihm konnte in dieser kurzen Zeit die neuen Steuerbefehle für die Antriebsstufen berechnen. Wenn er jetzt seine Hilfe verweigerte, würde das letzte Fünkchen Hoffnung unwiderruflich erlöschen. Er spürte, wie die Last der Verantwortung wie ein tonnenschweres Bleigewicht auf seine Schultern drückte. »Nun sag schon!«, drängte Eric. »Würdest du dir Zutrauen, das Projektil exakt ins Ziel zu bringen?« Tomu zögerte. Bei der ersten BMP-Mission war die Rakete planmäßig innerhalb des anvisierten Seegebiets südlich von Hawaii niedergegangen. Weniger als einen Kilometer hatte die Abweichung damals betragen. Die amerikanischen Militärs hatten den Flug und den Aufschlag von einer Fregatte aus genau verfolgt und waren von der Treffgenauigkeit schwer beeindruckt gewesen. Das Ziel der morgigen Mission war das Seegebiet östlich der Insel Guam. Die Insel war nach dem zweiten Weltkrieg zu einem der wichtigsten Armeestützpunkte der Amerikaner ausgebaut worden. Von den dort stationierten U-Booten konnten Raketen auf alle strategisch wichtigen Ziele Russlands, Chinas und Nordkoreas abgefeuert werden. Wie leicht wäre es doch für die US Navy gewesen, mit einem ihrer Geschosse das verdammte Hydronit ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen! »Möglich wäre es«, antwortete Tomu auf Erics Frage. »Das Problem liegt darin, dass Guam westlich und Tuamotu östlich von uns liegt. Das macht einen gewaltigen Unterschied, weil man bei einer östlichen Flugrichtung gegen die Erdrotation fliegen muss. Bei unserem ersten Testflug hatten wir aber eine ähnliche Konstellation. Außerdem muss das veränderte Gewicht des Projektils berücksichtigt werden. Der Sprengkopf wird durch die Erdatmosphäre gebremst und in seiner Flugbahn beeinflusst. Da spielt jedes Gramm eine Rolle!« »Das kriegen wir hin!«, versicherte ihm Colin. »Das Testprojektil wiegt momentan fast 120 Kilo. Wir werden es aufschrauben, das Telemetriesystem 30 rausschmeißen und stattdessen unseren improvisierten Sprengsatz einbauen. Wenn wir noch ein paar zusätzliche Gewichte reingeben, ändert sich an der Form und dem Gesamtgewicht gar nichts.« Wieviel Bedenkzeit gebt ihr mir?« »Reicht dir eine halbe Stunde?«, fragte Gordon Jennings und zog die Augenbrauen hoch. Als Tomu zu seinem Arbeitsplatz zurückging, fühlte er sich wie ein geprügelter Hund. 30 Telemetrie (Fernmessung) ist die Übertragung von Messwerten eines am Messort befindlichen Messfühlers (Sensor) zu einer räumlich getrennten Stelle. 12. Kapitel Dilemma Leucit ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ mit der chemischen Zusammensetzung K[AlSi 2 0 6 ]. Von Salzsäure und Flusssäure wird Leucit aufgelöst, wobei die entstehende Kieselsäure in Salzsäure pulverartig ausfällt. In der Zahnmedizin dient Leucit als Grundstoff zur Erzeugung von Keramiken für Zahnersatz wie Inlays und Teilkronen. Tomus Kollegen hatten längst Feierabend gemacht. Die Cubicles 31 des Großraumbüros waren verlassen. Als Tomu sein elektronisches Postfach öffnete, fand er darin eine E-Mail von Eric. Der Entwicklungsleiter hatte ihm die Geokoordinaten geschickt. Routiniert tippte Tomu die Zielkoordinaten in das Flugdatensystem und startete die Analyseprozedur. Der Fortschrittsbalken zeigt Null Prozent an. Es würde lange dauern, bis der Computer die neuen Steuerungssequenzen berechnet hätte. Nabby! Auf einmal fiel Tomu wieder ein, dass er seine Freundin zum Flughafen hatte bringen wollen. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und tippte eine Nachricht in die Instant-Messaging-App 32 : »Kann dich leider nicht zum Airport begleiten. Muss die Welt retten!« Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nachdem er den Sendeknopf gedrückt hatte, begann sein Handy zu läuten. Auf dem Display leuchtete Nabbys Konterfei. »Ich sitze bereits im Taxi! Was ist denn los bei euch? Was meinst du mit - du musst die Welt retten?« Tomu zögerte zuerst. Dann entschied er sich jedoch Nabby in den Plan einzuweihen. Er verspürte das dringende Bedürfnis mit jemandem zu reden. Nabby hörte stumm zu, während er über das Meeting mit seinen Kollegen berichtete. »Seid ihr wahnsinnig geworden?«, unterbrach ihn die Journalistin, als ihr die Tragweite des Vorhabens bewusst wurde. »Was glaubt ihr, was die 31 Als Cubicles werden die, durch einfache Raumteiler gebildeten, kleinen Einzelarbeitsplätze in einem Großraumbüro bezeichnet. 32 Instant Messaging (IM) ist eine Kommunikationsmethode, bei der sich zwei oder mehr Teilnehmer per Textnachrichten unterhalten. Ein weitverbreiteter IM-Dienst ist z.B. WhatsApp. Zündung einer Wasserstoffbombe für Konsequenzen nach sich ziehen wird!« »Das ist ja gerade unsere Hoffnung, dass endlich etwas geschieht. Die bisherigen Versuche der offiziellen Stellen sind alle ins Leere gelaufen. Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, ist es zu spät!« »Ihr bringt unschuldige Menschen in Gefahr!« »Unschuldige Menschen? Wir töten zwei Verbrecher, bevor sie die Gelegenheit haben Terroranschläge zu begehen!« »Und was ist mit der Besatzung des entführten Versorgungsschiffs?« »Die sind bestimmt längst tot! Denkst du, die haben die zwei Männer allein auf dem Schiff zurückgelassen, als sie in der Lagune tauchen gegangen sind?« »Vielleicht wurden sie gefesselt? Irgendwann müssen die Tschetschenen das Atoll wieder verlassen. Wie sollen sie das ohne den Bootsführer bewerkstelligen?« »Glaubst du diese Typen sind nicht in der Lage ein Schiff zu manövrieren? Die hatten einen ganzen Tag Zeit, um sich mit der Steuerung vertraut zu machen!« »Und wenn nicht?« »Dann bringen sie die Besatzung spätestens dann um, wenn sie das Schiff verlassen!« »Eric und seine Familie haben sie auch nicht getötet!« »Selbst wenn dem so wäre! Wenn wir die Terroristen töten, retten wir tausenden Menschen das Leben!« »Die Würde des Menschen verbietet es Menschenleben gegeneinander aufzurechnen!« »Das sind doch nur hohle Phrasen von Leuten, die sich in irgendwelchen Ethikkommissionen persönlich profilieren wollen. Verdammt nochmal Nabby, wir müssen eine Entscheidung treffen!« Tomu starrte auf den Fortschrittsbalken des Monitors - 12 Prozent. »Das sind keine hohlen Phrasen! Wenn ihr den Tod unschuldiger Menschen in Kauf nehmt, stellt ihr euch auf dieselbe Stufe wie diese Verbrecher! Außerdem: Was passiert, wenn etwas schiefläuft? Wenn eure Rakete nicht die Lagerstätte, sondern eine bewohnte Insel trifft?« »Warum sollte sie das tun?« »Weil man immer mit technischen Pannen rechnen muss! Was passiert, wenn die Rakete vom Kurs abkommt und im Zentrum von Auckland oder Sydney aufschlägt?« »Nabby, dieser Fall ist extrem unwahrscheinlich. Bei unserem letzten Test haben wir das Ziel nur um dreihundert Meter verfehlt!« »Wieviele Tests habt ihr gemacht?« »Einen.« »Ach - und deshalb geht ihr davon aus, dass diesmal auch alles nach Plan verläuft!« »Wenn wir es nicht versuchen, macht es niemand! Es gibt einfach keine Alternative!« »Woher willst du das wissen? Warum kann man die Verbrecher nicht verfolgen und dingfest machen, bevor sie sich mit dem Hydronit aus dem Staub machen?« »Weil sie uns bisher immer einen Schritt voraus waren! Diese Terroristen verfügen über ein Netzwerk! Vielleicht steigen sie morgen Mittag schon in ein U-Boot und verschwinden auf Nimmerwiedersehen!« »Vielleicht hat die Regierung aber doch noch Erfolg mit ihren diplomatischen Bemühungen! Wenn die Amerikaner oder die Franzosen den Ernst der Situation begreifen, werden sie Jagd auf die Kerle machen!« »Glaubst du an den Weihnachtsmann? Ahe offizielle Versuche sind bisher ins Leere gelaufen! Das ist unsere letzte Chance!« »Wenn bei eurem Plan etwas schiefläuft, wird man Schuldige suchen. Und dann werdet ihr die Sündenböcke sein und zu Terroristen erklärt werden. Ihr könnt froh sein, wenn euch die Amerikaner nicht nach Guantanamo verfrachten!« »Red doch keinen Blödsinn! Wenn alles nach Plan läuft, wird man uns als Helden feiern!« Der Journalistin blieb kurz die Sprache weg. »Wenn du das wirklich durchziehst, will ich nie wieder etwas mit dir zu tun haben!«, schluchzte sie. Kurz darauf hörte Tomu das Freizeichen. Nabby hatte aufgelegt. Tomu saß da, wie vom Donner gerührt. Der Fortschrittsbalken sprang auf 23 Prozent. Nachdem er eine Weile gegrübelt hatte, griff Tomu erneut zum Telefon und wählte Erics Nummer. Der CTO hob gleich nach dem ersten Klingelzeichen ab. »Eric, die Berechnung der Flugbahn wird noch eine ganze Weile dauern. Ich glaube nicht, dass uns genügend Zeit an der Startrampe bleiben wird!« »Mach dir keine Gedanken! Sobald du fertig bist, schnappen Gordon und ich uns den Hubschrauber, fliegen zur Mahia Halbinsel raus und machen die Rakete klar. Lange werden wir dafür nicht brauchen, da sie bereits startbereit im Hangar hegt und die Sauerstoffverflüssiger seit Stunden auf Hochtouren laufen. Du wirst mit Cohn hierbleiben und ihn im Kontrollzentrum unterstützen.« »Aber was ist mit dem Wachdienst am Launchpad 33 ? Die Security- Kollegen werden doch bestimmt nicht tatenlos Zusehen, wenn ihr euch an der Rakete zu schaffen macht!« »Lass das mal meine Sorge sein! Da wird uns schon was einfallen.« »Okay, ich melde mich dann später wieder!« Tomu beendete das Gespräch bevor Eric merkte, wie er mit den Tränen kämpfte. Der junge Raketeningenieur war hin und her gerissen und wusste nicht, wie er sich entscheiden sollte. In den folgenden Stunden ging er durch die Höhe. Als 33 Launchpad: Englisches Wort für Abschussrampe die Statusanzeige 38 Prozent signalisierte, war er davon überzeugt seinen Mann zu stehen und Verantwortung übernehmen zu müssen. Beim Sprung auf die 50 Prozent war er kurz davor auf die Abbruchtaste zu drücken - was er dann aber doch nicht tat. Bei 64 Prozent beschloss er seine Eltern anzurufen, um sie um Rat zu fragen. Wenig später verwarf er diesen kindischen Gedanken und ärgerte sich über sich selbst. Nein - er musste diese Sache jetzt zielstrebig bis zum Ende durchziehen. Dies war nicht die Stunde für selbstgefälliges Bedenkenträgertum. Jetzt waren nüchterne Macher gefragt! Bis zum Erreichen der 80 Prozent Linie war er mit sich selbst im Reinen. Bis ihn erneut tiefe Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Plans überkamen und er die Verantwortung auf Alan Tubbs abschieben wollte. Mehrere Minuten widerstand er der Versuchung, Erics Plan an den CEO zu verraten. Erst kurz vor Erreichen der 90 Prozent Marke verwarf er den Gedanken endgültig. Es war bereits nach zwei Uhr in der Nacht, als der Computer endlich den erfolgreichen Abschluss der Flugbahn¬ berechnung verkündete. Wie hypnotisiert fixierte Tomu minutenlang die Meldung auf dem Monitor. Er nahm nicht einmal wahr, dass jemand das Großraumbüro betrat und sich mit schnellen Schritten seinem Cube näherte. Als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, setzte für einen kurzen Moment sein Herzschlag aus. »Ach du bist’s, Eric. Wie konntest du mich so erschrecken!« »Na, wie sieht’s aus bei dir?« Tomu zögerte. Es fiel ihm schwer seinem Entwicklungschef in die Augen zu sehen. »Tut mir leid Eric, aber ich werde euch die Daten nicht geben!« 13. Kapitel Bombenbau Arsenolith, veraltet auch als Arsenblüte oder Arsenik bekannt, ist ein in der Natur selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Oxide und Hydroxide. Es kristallisiert im kubischen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung As 2 0 3 und ist damit chemisch gesehen Arsen(III)-oxid. Arsenolith zählt zu den giftigsten Mineralen und ist krebserregend. Oral aufgenommen können bereits weniger als 0,1 g tödlich sein. Fünf Minuten lang musste Eric beschwörend auf Tomu einreden, bis dieser erneut seine Meinung änderte und die Flugdaten auf einen USB- Stick überspielte. »Komm Tomu, bringen wir es hinter uns«, ermunterte der CTO danach seinen jungen Mitarbeiter. Gemeinsam verließen sie den menschenleeren Trakt der F&E 34 Abteilungen und machten sich auf den Weg zum Hauptgebäude. Mit dem Aufzug fuhren sie hinab in den Keller. Unten angekommen, mussten sie mehrere Sicherheitsschleusen passieren, ehe sie den mit modernster Technik vollgestopften Saal erreichten. Es war das Herz und Hirn der Firma Rocketeer: Das Mission Control Center - die heilige Kommandozentrale, von der aus sämtliche Starts und Flüge gesteuert wurden. Colin McAlister war bereits da und rotierte zwischen den vielen Bildschirmarbeitsplätzen. »Cohn, ich habe Verstärkung mitgebracht!«, rief der CTO. »Habt ihr den Stick mit den Flugdaten?«, vergewisserte sich der alte Hase. Wie Eric, war auch Cohn ein Rocketeer der ersten Stunde. Von der allerersten simulierten Testmission an war er dabei gewesen und kannte sich in dieser Computer- und Bildschirmhölle aus wie kein anderer. Tomu hielt den USB-Stick demonstrativ in die Höhe. »Ich lass euch dann mal allein«, sagte Eric und blickte auf die Uhr. »In drei Minuten bin ich mit Gordon am Heliport verabredet. Wir melden uns, sobald wir am Launchpad angekommen sind.« »Viel Erfolg!«, rief Cohn und ließ es sich nicht nehmen seinen alten Freund und Kollegen zum Abschied ordentlich zu drücken. 34 F&E / R&D: Forschung und Entwicklung / Research and Development Mit den Worten, »Haltet die Ohren steif!«, verabschiedete sich der CTO und verschwand dann schnellen Schritts in Richtung Fahrstuhl. Die beiden Männer waren nun allein. Noch herrschte gespenstische Stille in dem großen Raum. In den vergangenen Jahren hatte Tomu von hier aus schon mehrere Raketenstarts miterleben dürfen. Wie viele seiner Kollegen hatte er vor einem der Monitore gesessen und aufmerksam kontrolliert, ob die eintreffenden Daten innerhalb der Toleranzbereiche lagen. Jeder hatte sein spezielles Aufgabengebiet - und jeder hoffte gleichermaßen, dass nicht ausgerechnet er eines Tages das Signal zum Abbruch der Mission geben musste. Normalerweise glich das Kontrollzentrum, bis auf die atemlosen Sekunden vor dem Start, einem Bienenstock. Und bei jedem erfolgreich abgeschlossenen Teilmanöver toste brandender Applaus und gellendes Jubelgeschrei durch das abgeschirmte Kellergewölbe. Heute war alles anders. Als Eric den Heliport im hintersten Ende des Firmengelände erreichte, wartete Gordon Jennings bereits auf ihn. Er hatte eine Tasche mit aufgedruckten Firmenlogo bei sich. Darin befanden sich die schwarze Thermoskanne mit dem Hydronitsand, sowie eine Plastikflasche mit verdünnter Schwefelsäure, die er sich in einem der Chemielabore besorgt hatte. Innerhalb weniger Minuten war der Hubschrauber startklar. Als sich die Bell in Luft erhob, dröhnte in dem verwaisten Industriegebiet lautes Rotorknattern durch die Nacht. Kurze Zeit später hatten sie Auckland hinter sich gelassen. Unter ihnen war weit und breit kein Lichtschein zu erkennen. Nur ab und zu spiegelte sich das Mondlicht in einem der vielen Seen und Flüsse. Eine gefühlte Ewigkeit hielt sie die Dunkelheit der Nacht gefangen. Erst nach einer Stunde tauchten links von ihnen die Lichter der Stadt Gisborne auf. Etwas weiter südlich bildete die Landenge zur Hawke Bay das Eingangstor zur einsamen Mahia Halbinsel. Gordon Jennings musste an einen Familienurlaub zurückdenken. An einem Strand der Bucht hatte er seinen Kinder die historische Bedeutung dieses Landstrichs erklärt. Genau hier landete vor 250 Jahren der berühmte Kapitän James Cook mit seinem Schiff Endeavour und nahm das neuentdeckte Land für die englische Krone in Besitz. Viele Briten endeten in den folgenden Eroberungskriegen in den Kochtöpfen der einheimischen Bevölkerung. Ein düsteres Kapitel der neuseeländischen Geschichte, an das die Maoris nur ungern erinnert wurden. Der Chemiker wurde erst wieder in die Gegenwart zurückgeholt, als Eric den Steuerknüppel nach vorne drückte und die Nase des Elubschraubers sich dem Boden zuneigte. Am Horizont zeichnete sich im Mondlicht das schroffe Ende der felsigen Landzunge ab. Davor funkelte, auf einem erhöhten Plateau, das hell erleuchtete Areal des Launch Complex. Es dauerte nur noch wenige Augenblicke bis die Bell den stacheldrahtbewehrten Zaun des Abschussgeländes überflog und neben einem Hangar sanft auf setzte. Eric stoppte das Triebwerk und ließ die Rotoren auslaufen. Beim Verlassen der Kabine empfing die beiden Rocketeere eine gespenstische Stille. Nur bei genauem Hinhören war aus der Ferne die Brandung des Pazifiks zu vernehmen. Die Ruhe währte aber nicht lange. Als sie sich dem kargen Betongebäude näherten, wurden sie plötzlich vom hellen Lichtkegel einer Lampe geblendet. »Halt! Wer da?«, schrie ihnen eine drohende Stimme entgegen. Ehe sie sich versahen, blickten sie in zwei Pistolenläufe. »Hey Bill, mach keinen Scheiß! Ich bin’s, Eric!« Der CTO kniff geblendet die Augen zusammen und näherte sich mit erhobenen Händen den beiden martialisch wirkenden Security-Mitarbeitern. »Ach so, du bist’s«, antwortete es aus der Dunkelheit. »Wir hatten euch erst am Vormittag erwartet!« Die Stimme des athletischen Wachmanns klang nun schon deutlich freundlicher. »Ich hab Gordon mitgebracht. Es gibt unvorhergesehene Probleme mit dem Triebwerk, die wir unbedingt noch vor dem Start in Ordnung bringen müssen!« Der Wachhabende und sein indischstämmiger Begleiter steckten ihre Waffen in die Holster und begrüßten die Neuankömmlinge mit Handschlag. »Entschuldige bitte Eric, aber hier draußen in der Einsamkeit neigt man schon mal zu Überreaktionen. Herzlich willkommen am Ende der Welt!« »Ich soll euch schön von Alan grüßen«, log Eric und war froh, dass die Dunkelheit seinen angespannten Gesichtsausdruck verhüllte. »Warum ist der Boss denn nicht mitgekommen?« »Alan? Um diese Zeit?«, lachte Gordon Jennings, sichtlich um Kumpelhaftigheit bemüht. »Ihr wisst doch, wie schwer der Chef um diese Zeit aus den Federn kommt! Der gnädige Herr zieht es vor seinen Schönheitsschlaf zu halten und wird später mit der Mannschaft nachkommen.« Bill lachte lauthals los. Diese Sesselfurzer waren ihm schon seit jeher etwas suspekt. Sein Adjutant lächelte indessen verschämt. Seine asiatische Abstammung verbot es ihm offensichtlich, sich vor anderen Kollegen über den Chef lustig zu machen. »Alan hat übrigens gesagt, dass ihr Feierabend machen könnt, sobald wir hier sind.« Der Wachmann schaute etwas misstrauisch drein. »Unsere Schicht geht aber bis zum Eintreffen der Crew.« »Nachdem wir jetzt hier die Stellung halten, kann ja wohl nicht mehr viel passieren! Aber wenn ihr nichts Besseres zu tun habt, als euch hier die Nacht um die Ohren zu schlagen, könnt ihr ruhig bleiben. An eurer Stelle würde ich mir aber so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen! Die Kneipen in Gisborne und Napier sollen ein hervorragendes Bier ausschenken. Und dafür, dass wir euch so einen Schrecken eingejagt haben, geht die Rechnung heute ausnahmsweise auf mich!« »Und wir bekommen wirklich keine Scherereien mit Alan?«, versicherte sich der Wachmann. »Garantiert nicht! Er hat sogar ausdrücklich gesagt, dass wir eure Dienste nicht unnötig in Anspruch nehmen sollen. Ich glaube er hat ein schlechtes Gewissen, weil er euch in letzter Zeit so viele Überstunden auf gebrummt hat.« »Na wenn das so ist!« Der Wachmann nickte augenzwinkernd seinem Kollegen zu. »Dann wollen wir euch nicht länger im Weg rum stehen!« Eric begleitete die Securityleute noch bis zum Zufahrtstor des weitläufigen Geländes. Nachdem er das schwere Metalltor hinter ihnen verriegelt hatte, verfolgte er noch eine Weile die kleiner werdenden Rücklichter ihres Jeeps. Dann machte er sich erleichtert auf den Rückweg. Das Mission Control Center in Auckland war inzwischen zum Leben erwacht. Der Flight Director hatte die beiden notwendigen Schlüssel in das Mainboard gesteckt und die zwei Hauptschalter in »On«-Stellung gedreht. Wie von Geisterhand waren daraufhin die Monitore des Leitstands zum Leben erwacht. Colin nahm vor einem der zentralen Bildschirme Platz und loggte sich in das System ein. »Tomu, würde du mir bitte den USB-Stick geben?« Routiniert steckte er den Datenträger in die vorgesehene Buchse und startete die Einleseprozedur. Auf dem riesigen Wandbildschirm erschien eine Sternenkarte. Fasziniert beobachtete Tomu, wie plötzlich Bewegung in die futuristische Darstellung kam. Es sah aus, als würde man mit einem Raumschiff durch das Weltall fliegen. Die vorbeiziehenden Sternnebel der Milchstraße boten ein farbenprächtiges Spektakel. Schließlich tauchte in der Mitte ein bunter Fleck auf, der langsam größer wurde und immer mehr Gestalt annahm. Es war die Erde - der blaue Planet. Näher und näher zoomte das Animationsprogramm die Oberfläche heran. Als die Erdkugel den Monitor nahezu vollständig ausfüllte, konnte Tomu sämtliche Details der südlichen Hemisphäre erkennen. Links der riesige australische Kontinent, unten die Eismassen der Antarktis und rechts oben die unendlichen Weiten des Pazifischen Ozeans. Im Zentrum lagen die beiden neuseeländischen Hauptinseln und der kleine Zipfel mit dem kleinen roten Punkt sollte wohl die Mahia-Halbinsel darstellen. Für einen kurzen Moment fror das Bild ein. Dann sah er, wie plötzlich aus dem roten Punkt eine gelbe Linie herauszuwachsen begann. Kontinuierlich bahnte sie sich ihren Weg nach oben. Je weiter sie sich von ihrem Ursprung entfernte, umso mehr krümmte sie sich nach rechts. Kurz vor dem Erreichen des oberen Bildschirmrands erreichte sie ihren Scheitelpunkt und orientierte sich fortan wieder nach unten. Als die Flugbahnsimulation beendet war, leuchtete auf dem Monitor eine perfekte Parabelkurve. Es sah aus, als läge das Ende der Flugbahn mitten im Meer. Nur bei genauem Hinsehen konnte man an den kleinen dunklen Punkten ein paar Inseln Polynesiens erkennen. Das eigentliche Ziel, das winzige Atoll am Rand des Tuamotu- Archipels war viel zu klein, um in diesem Maßstab dargestellt zu werden. Nur ein kleines blinkendes rotes Kreuz symbolisierte das Ende der Kurve. Tomu lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Gordon Jennings war bereits im Hangar, als Eric wieder zu ihm stieß. Im Schein der Neonlampen funkelte die Rakete. Selbst die abgebrühtesten Rocketeere bekamen bei diesem Anblick jedesmal eine Gänsehaut. Mit 20 Metern Länge und einem Meter Durchmesser erinnerte dieses technische Meisterwerk an eine gigantische schwarze Zigarre. Doch statt einer Banderole prangte am unteren Ende groß der Firmenschriftzug. Und auf der Nutzlastverkleidung, unter der sich das bereits fertigmontierte Testprojektil befand, hatten die Kollegen in goldener Schrift diesmal eine besondere Widmung angebracht: »In Memoriam Peter Thompson« Sprachlos starrten die zwei Männer auf den Abschiedsgruß für den ermordeten Mitarbeiter. Auch wenn keiner von beiden sich bei seinem Entschluss von Rachegedanken hatte leiten lassen, so glaubte in diesem Augenblick dennoch jeder von ihnen einen Hauch von Genugtuung zu spüren. Gordon Jennings war der erste, der den Mund aufmachte: »Für Peter!«, rief der ehemalige Vorgesetzte von Tomus Freund mit Tränen in den Augen und streckte seinem Kollegen die rechte Hand zum Einschlagen entgegen. Und auch Eric Stewart konnte sich der Magie des Augenblicks nicht entziehen. »Für Peter!«, sprach er, wenn auch deutlich leiser, während er abklatschte. Für einen Augenblick hielten die beiden kurz inne - dann ging Eric zu einem Schaltschrank und aktivierte das Telekommunikations- system. »Hallo Auckland! - hört ihr uns?« Tomu und Colin hatten bereits wie auf heißen Kohlen gesessen. »Wo habt ihr denn so lange gesteckt?«, fragte Colin aufgeregt, als auf einem der Launch-Complex-Monitore endlich das vertraute Bild aus dem fernen Hangar erschien. »Wir sind so schnell geflogen, wie wir konnten!«, entschuldigte sich Eric und winkte in die Kamera, die an der Decke der Halle angebracht war. Direkt neben dieser hing ein Monitor, auf dem er seine Gesprächspartner im Kontrollraum sehen konnte. »Was ist mit den Security-Leuten?«, fragte der Flight Director besorgt. »Die haben wir nach Hause geschickt!«, grinste Eric. »Ich glaube, die standen schon kurz vorm Lagerkoller. Wir haben jetzt freie Hand. Wie sieht es bei euch aus?« »Alles im grünen Bereich. Von uns aus kann’s losgehen. Wir warten nur auf euch!« »Wir brauchen noch etwas Zeit! Als nächstes werden wir den Sprengkopf befüllen. Dann bringen wir die Rakete zur Rampe, stellen sie auf und betanken sie. Ich schätze mal, dass wir eine gute Stunde brauchen werden.« »Bitte beeilt euch! In zwei Stunden werden hier am Standort die ersten Kollegen von der Launch Crew auftauchen. Wenn die spitzkriegen, was hier gerade abläuft, sind wir aufgeschmissen!« »Wir machen so schnell wir können. Ich lass die Videoübertragung laufen, so dass ihr uns jederzeit im Blick behalten könnt.« Die beiden Manager wandten sich von der Kamera ab und kehrten zur Rakete zurück. »Ich werde schon mal die Hydronitbombe vorbereiten«, schlug Gordon Jennings vor und ging nach draußen zum Hubschrauber, um seine Tasche zu holen. Eric organisierte währenddessen einen Werkzeugkasten und begann die Nutzlastverkleidung 35 vom Kopf der Rakete abzumontieren. Vorsichtig entfernte er die aus Kohlefaser¬ verbundstoff gefertigte filigrane Hülle, die das Projektil während des Aufstiegs durch die Atmosphäre schützen sollte. Der darunter zum Vorschein kommenden Behälter war ihm von den zahlreichen Projektmeetings, die er mit den Technikern der US Army abgehalten hatte, bestens vertraut. Der massive Container bestand zum überwiegenden Teil aus einem keramischen Hitzeschild, damit er die Rückkehr zur Erde unbeschadet überstehen würde. Der CTO kannte das Innenleben des simulierten Sprengkopfs zur Genüge, so dass es ihm nicht schwer fiel den Peilsender zu entfernen und damit Platz für die improvisierte Hydronitgranate zu schaffen. Gordon Jennings war inzwischen zurückgekehrt und hatte die Kanne bis zum Rand mit Schwefelsäure aufgefüllt. So fest er konnte, drehte er den Verschluss darauf. »Wir brauchen etwas zum Wiegen«, rief er seinem Kollegen zu. »Sieh mal in der Werkstatt nach!«, erwiderte Eric. Nach kurzer Suche kehrte der Chemiker mit einer Digitalwaage und ein paar Kissen aus dem Aufenthaltsraum zurück. »8715 Gramm«, verkündete 35 Die Nutzlastverkleidung schützt die Nutzlast einer Rakete vor Wettereinflüssen, Lärm, Reibungshitze und neugierigen Blicken. er, nachdem er alle ausgebauten Teile des Senders fein säuberlich auf der Waagschale ausgebreitet hatte. Dann stellte er die Thermoskanne darauf: »4383 Gramm - das ist gut! Da bleibt uns noch Spielraum für eine anständige Verpackung«. Er wog die Kissen und legte solange Ring- und Gabelschlüssel aus dem Werkzeugkasten dazu, bis das erforderliche Ausgleichsgewicht fast erreicht war. »Für die Feinjustage sollten ein paar Kleinteile reichen«, meinte Eric und schüttelte solange den Inhalt einer Schraubenpackung dazu, bis auf den ECD-Ziffern der richtige Wert erschien. »Voilä, dann lass uns das Zeug mal einbauen!« Gemeinsam polsterten sie den Hohlraum mit den Kissen aus. In deren Mitte quetschten sie die Thermoskanne, so dass sie während des rauen Fluges nicht zu Bruch gehen würde. Die Zusatzgewichte stopften sie in die äußeren Ränder, so dass sie die Sprengladung nicht beschädigen konnten. Nachdem sie ihr Werk für gut befunden hatten, schraubten sie den massiven Verschlussdeckel auf das Projektil und brachten die Nutzlastverkleidung wieder an der Rakete an. »Na dann lass uns das Baby mal an die frische Fuft bringen!«, sagte Eric und ging zum anderen Ende des Hangars, um das elektrische Rolltor zu öffnen. Eaut quietschend hoben sich die Metallsegmente und gaben den Blick auf den beleuchteten Außenbereich frei. Vor ihnen lag die lange Betonpiste, die den Hangar von der Abschussrampe trennte. In der Mitte der glatten Bahn befanden sich Schienen, auf denen die Rakete mittels einer Rollvorrichtung zu ihrem Startplatz bewegt werden konnte. Die beiden Manager atmeten tief durch. Sie wussten, dass nun der mit Abstand anstrengendste Teil vor ihnen lag: Normalerweise wurde die Rakete von der Eaunch Crew nach draußen gerollt. Was für zehn starke Männer ein Kinderspiel war, mussten die zwei Bürohengste nun zu zweit bewältigen. Gemeinsam drückten sie die Handgriffe des Rollwagens in die gewünschte Richtung - doch es bewegte sich nichts. »Hast du die Bremsvorrichtung gelöst?«, fragte Gordon Jennings. »Aber klar doch«, erwiderte der CTO und legte sich erneut ins Zeug. »Zugleich - zugleich - zugleich - zugleich - zugleich« Immer wieder und wieder versuchten sie das ruhende Gefährt durch schaukelnde Bewegungen in Gang zu bringen. Beim zehnten »Zugleich« wurden ihre Bemühungen belohnt und der schwarze Koloss begann sich langsam in Bewegung zu setzen. »Jetzt bloß nicht nachlassen!«, schrie Gordon Jennings mit hochrotem Kopf. Als die Rakete das Tor passiert hatte, neigte sich der Schienenstrang glücklicherweise etwas nach unten. Durch das leichte Gefälle gelang es ihnen den Rollwagen ständig in Bewegung zu halten. Als sie endlich die Rampe erreicht hatten, keuchten und schwitzten sie, als hätten sie gerade einen Marathonlauf absolviert. Nachdem sie wieder etwas zu Atem gekommen waren, verbanden sie die Rakete mit der Hubvorrichtung und arretierten die Verbindungsleitungen. »Bereit zum Aufstellen?«, fragte Eric, nachdem er sich vom sicheren Sitz aller Anschlüsse überzeugt hatte. Gordon Jennings nickte stumm und ging zur Bedieneinheit der Rampe. Mit einem sonoren Brummen nahmen die Hydraulikpumpen ihre Arbeit auf. Langsam, wie in Zeitlupe, löste sich die Rakete von ihrem Transportvehikel und begann ihre Spitze nach oben zu erheben. Die Kippbewegung des tonnenschweren Rampensockels nahm stetig zu, bis er schließlich seine Endposition erreichte und mit einem lauten Krachen in der Fixierstellung einrastete. Beleuchtet durch die grellen Flutlichtstrahler, ragte die schwarze Rakete nun senkrecht und majestätisch in den schwarzen Nachthimmel. »Ich glaube die Lady hat Durst«, rief Eric und machte sich auf den Weg zum Treibstofflager. Er startete die Pumpe und überprüfte anhand der Messinstrumente, dass der Raketentreibstoff in der richtigen Menge durch die Rohrleitungen floss. »Kümmer du dich bitte um den Flüssigsauerstoff«, bat er seinen Kollegen, als sie wieder zusammen an der Rampe standen und dem Plätschern des Kerosins im Bauch der Rakete lauschten. »Aber mach erstmal langsam, damit sich der Tank allmählich an die tiefen Temperaturen gewöhnen kann!« Gordon Jennings sah ihn beleidig an. »Glaubst du, ich mache das heute zum ersten Mal?« Der Chemiker wusste ganz genau, wie man mit der eisigen Flüssigkeit umgehen musste, die bei minus 200 Grad in ihrem Speicherbehälter darauf wartete, befreit zu werden. Kopfschüttelnd verzog er sich hinter die massive Betonbarriere, die sich zum Schutz der LOX 36 - Einheit neben der Rampe befand. Eric hört ein lautes Zischen und sah dichten weissen Dampf hinter der Barriere aufsteigen. Der Vorgang der Sauerstoffbetankung erinnerte ihn jedes Mal an die gute alte Zeit der Dampflokomotiven. Ob er wohl eines Tages in einem qualmenden Raumschiff sitzen würde, um eine Reise ins Weltall anzutreten? In absehbarer Zeit würden die ersten Raumfahrtunternehmen auch Zivilisten diesen alten Menschheitstraum erfüllen. Gedankenverloren bewunderte er das aus allen Poren schwitzende Ungetüm, bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass seine Raumfahrtkarriere mit dem heutigen Tag endete. Nach diesem eklatanten Vertrauensbruch würde Alan bestimmt dafür sorgen, dass er nie wieder einen Job in der Luft- und Raumfahrtindustrie bekäme. Mit viel Glück konnte er sich vielleicht in Zukunft noch ab und zu einen Billigflug in der Holzklasse einer Never-come-back-Airline leisten! Seinen Kindheitstraum von der Umrundung der Erde in einem Raumschiff konnte er jedenfalls für alle Zeiten begraben. Der deprimierte Ex-CTO schüttelte des Kopf und versuchte seine düsteren Zukunftsvisionen so gut es ging zu verdrängen. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Jetzt musste er die Sache bis zum bitteren Ende durchziehen. »Wo bleibt denn Gordon so lange?«, dachte er, als er plötzlich jemanden hinter sich brüllen hörte: »Nimm die Pfoten hoch, Eric Stewart! Das Spiel ist aus!« Sofort erkannte er Bills Stimme wieder. »Wir haben mit Alan telefoniert! Er weiß nichts von irgendwelchen Triebwerksproblemen, die ihr hier beheben wollt! Und er hat gesagt, dass wir euch mit allen Mitteln von der Rakete fernhalten sollen!« Eric nahm die Hände hoch und drehte sich langsam um. Die Pistolen der grimmigen Wachmänner waren direkt auf seinen Kopf gerichtet. 36 LOX: Liquid Oxygen / Flüssigsauerstoff 14. Kapitel Blackout Moissanit ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der Elemente. Es kristallisiert im hexagonalen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung SiC (Siliciumcarbid) und bildet flache, abgerundete, hexagonale Kristalle von bis zu fünf Millimetern Größe. Moissanit wurde erstmals in einer Mineralprobe des Canyon- Diablo-Meteoriten nachgewiesen. Siliciumcarbid lässt sich mittlerweile auch künstlich aus Siliciumdioxid und Kohlenstoff herstellen. Aufgrund seiner extrem hohen Hitze- und Druckbeständigkeit wird es unter anderem in Raketentriebwerken eingesetzt. »Bill, bitte - es ist nicht so wie es aussieht!«, flehte Eric. »Wir sind die Guten!« »Wie sieht es denn aus?«, brüllte der Wachmann. »Alan hat gesagt, dass ihr mit der Rakete einen Anschlag vorhabt!« »Das stimmt nicht! Wir wollen nur eine Katastrophe verhindern! Das musst du mir glauben!« »Einen Scheiß muss ich! Du hast mich angelogen!« Aus den Augen des Wachmanns sprühte der blanke Hass. »Kumar, leg Mr. Stewart Handschellen an!« Der indische Hilfswächter begann mit der linken Hand an seinem Gürtel hemmzunesteln. »Es ist wirklich nicht so, wie ihr denkt! Lasst es mich euch erklären!« »Halt’s Maul, Stewart!«, schrie Bill. »Der Boss ist aus allen Wolken gefallen, wie ich ihm erzählt habe, dass ihr mitten in der Nacht mit dem Hubschrauber hergekommen seid! Wo ist eigentlich Gordon?« »Im Hangar«, log Eric. »Bitte hör mit zu! Dort draußen sind zwei Terroristen und bereiten gerade ein fürchterliches Verbrechen vor. Wenn wir sie nicht mit der Rakete unschädlich machen, bricht ein entsetzliches Unglück über die Menschheit herein! Wir haben wirklich alles versucht, um ihr Vorhaben zu vereiteln. Aber wenn wir diese letzte Chance nicht nutzen, wird etwas Furchtbares geschehen!« »Red keinen Mist! Ich lass mich nicht nochmal von dir verarschen. Kumar, leg dem Schwätzer endlich die verdammten Dinger an!« Dem Inder war es inzwischen gelungen die Handschellen von seinem Gürtel zu lösen. Mit einen leisen Klicken öffnete er den Schließmechanismus und ging mit forschen Schritten auf Eric zu. Der wich ein paar Schritte zurück und tat, als ob er die Festnahme hinauszögern wollte. In Wirklichkeit beobachtete er gebannt den Mann, der sich von hinten leise an die beiden Securityleute heranschlich. Gordon Jennings war von den Wachen unbemerkt hinter der Betonbarriere hervorgekommen. In seinen Händen hielt er eine lange Holzlatte. Mit voller Wucht ließ er den schweren Prügel auf Bills Schädel niedersausen. Der Wachmann fiel bewusstlos zu Boden. Sein Kollege war für den Bruchteil einer Sekunde wie gelähmt. Dann drehte er sich reflexartig um und feuerte auf den Angreifer. Grelles Mündungsfeuer blitzte auf und ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Stille der Nacht. Gordon Jennings schrie auf und brach zusammen. Eric stürzte sich auf den Schützen und riss ihn brutal zu Boden. Dem sichtlich schockierten Mann fiel dabei die Waffe aus der Hand. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte Eric den schmächtigen, aber gut durchtrainierten, Kontrahenten zu überwältigen. Wie zwei Catcher im Ring wälzten sie sich über den harten Betonboden. Plötzlich bemerkte Eric die neben ihm liegende Pistole. Mit einem hastigen Griff packte er die Waffe und presste sie dem Wachmann in die Seite. »Bitte zwing mich nicht dich zu erschießen!«, schrie er verzweifelt. Der Inder erstarrte. Sollte er hier wirklich den Heldentod sterben? Vor ein paar Jahren hatte er mit seiner Familie die Heimat verlassen, um im beschaulichen Neuseeland ein neues Leben zu beginnen. In Mumbai hatte er den Terroranschlag auf das Taj Mahal Palace Hotel hautnah miterlebt und wäre um ein Haar dabei draufgegangen. Nie wieder wollte er so etwas nochmal durchmachen. Und jetzt fand er sich plötzlich wieder an der Schwelle zum Jenseits. Er war unschlüssig, welchem der beiden Firmengründer er Glauben schenken sollte. Konnten das die Herren Manager nicht unter sich ausmachen? Er hatte gerade auf einen Menschen geschossen, dessen Schuld nicht restlos bewiesen war. Sollte er noch mehr schlechtes Karma auf sich laden? Eric spürte, wie der Widerstand des Mannes nachließ. Er presste ihm sein Knie in den Rücken und griff nach den Handschellen. Es machte »Ratsch - ratsch« und die Arme des Wachmanns waren auf dessen Rücken fixiert. Tomu und Colin starrten im Kontrollraum entsetzt auf die Monitore. Das Geschehen an der Rampe war ihnen auch trotz fehlender Tonverbindung nicht entgangen. Die Überwachungskameras hatten die Plattform von mehreren Seiten im Blick und übertrugen permanent Bilder in HD- Qualität. »Wieso sind die Securityleute zurückgekommen?«, schrie Tomu außer sich. »Wahrscheinlich haben sie Zweifel bekommen und sichergehen, dass da draußen alles mit rechten Dingen zugeht!« »Du meinst sie haben mit ihren Vorgesetzten telefoniert?« Der Flight Director kratzte sich am Kopf. »Es gibt eigentlich nur eine Person, die eine Aussage des CTOs in Frage stellen kann.« »Du meinst, sie haben mit Alan gesprochen?« Colin nickte. »Er ist der einzige, der so einen massiven Angriff gegen zwei Topmanager unserer Firma anordnen kann. Du hast doch gesehen, wie brutal die dabei vorgegangen sind!« »Ist es nicht möglich, dass sie einfach nochmal nach dem Rechten sehen wollten? Dann haben sie entdeckt, dass Eric und Gordon die Rakete startklar machen und sind ausgetickt!« »Blödsinn! Warum hätten sie ohne triftigen Grund umkehren sollen? Und selbst wenn es so gewesen wäre: Eric und Gordon hätten ja aus gutem Grund an der Rakete hantieren können! Glaubst du etwa, dass ein Wachmann die technische Kompetenz des CTOs in Frage stellt?« Tomu brach der kalte Angstschweiß aus. »Wenn Alan Wind von der Sache bekommen hat, wird es bestimmt nicht lange dauern, bis er hier ist!« Colin nickte. Man konnte dem erfahrenen Mann ansehen, wie er angestrengt nachdachte. »Noch ist nicht aller Tage Abend«, murmelte der Flugdirektor während er seinem Arbeitsplatz zustrebte. Für einen Augenblick verharrte er dort. Dann aktivierte er den Panikmodus. »Gordon, mein Gott!«, schrie Eric. »Wo hat er dich erwischt?« »Am Bein«, stöhnte der Chemiker und presste beide Hände auf die Wunde. Im Scheinwerferlicht konnte man unter ihm eine Blutlache sehen. »Eric, du musst die Sache jetzt allein zu Ende bringen! Kümmere dich nicht um mich!« »Wir müssen die Blutung stillen! Du verblutest sonst noch!« »Reich mir meinen Gürtel! Ich werde versuchen das Bein abzubinden.« Eric fädelte den Lederriemen aus Jennings Hose und begann ihn um den verletzten Oberschenkel zu wickeln. »Lass mich das machen! Kümmere du dich lieber um die Betankung! Dreh die Ventile auf, so weit du kannst! Wir können jetzt keine Rücksicht mehr auf die üblichen Prozessvorschriften nehmen. Die Rakete muss so schnell wie möglich startklar werden!« Eric überreichte seinem verletzten Kollegen die Pistole und stürmte zum Kerosinlager, wo er die Durchflussmenge des RP-l 37 -Treibstoffs auf den maximal möglichen Wert erhöhte. Als er den Vorgang am LOX-Tank wiederholte, verwandelte sich der Platz vor der Rakete in eine Nebelhölle. In dicken Schwaden waberte der siedende Sauerstoff um die Rampe und ließ einen zeitweise nicht mehr die Hand vor den Augen erkennen. »Wir müssen hier weg!«, schrie Gordon Jennings seinem Kollegen zu. »Kannst du laufen?« 37 RP-1 (Rocket Propellant 1) ist ein kerosinähnliches flüssiges Kohlenwasserstoffgemisch zum Betrieb von Raketentriebwerken. Der Chemiker schüttelte schmerzverzerrt den Kopf. »Am besten wir nehmen die Eisenbahn!« Seine Blicke waren starr auf das leere Schienenfahrzeug gerichtet, mit dem sie die Rakete zur Rampe geschoben hatten. »Wenn du mir hilfst, schaffe ich es bis dorthin.« Eric hakte seinen verletzten Kollegen unter, damit der halbwegs aus eigener Kraft, humpelnd, den leeren Aluminiumwagen erreichen konnte. Stöhnend ließ er sich Gordon Jennings auf eine der Bodenplatten zwischen den Achsen fallen. »Hier ist noch ein Schlafwagenabteil frei!«, scherzte er unter Schmerzen und deutete auf die zweite Platte am anderen Ende der Rollkonstruktion. Eric lief zu Bill, der noch immer bewusstlos am Boden lag. Neben ihm kauerte sein gefesselter Kollege, als wollte er ihm Gesellschaft leisten. Eric dreht den schweren Mann erst auf den Rücken und brachte ihn dann in eine sitzende Position. In einem Erste-Hilfe-Kurs, den er während seiner Hubschrauberpilotenausbildung absolvieren musste, hatte er gelernt, wie man Bewusstlose transportiert. Er griff unter den Achseln des Hünen hindurch und umklammerte dessen rechten Unterarm. Keuchend zog der den leblosen Wachmann langsam zu dem Transportgefährt. Mit letzter Kraft hievte er das Schwergewicht auf die Plattform. Sein indischer Kollege verfolgte das Schauspiel mit teilnahmslosem Blick. Am Eingang zum Mission Control Center waren derweil die zwei schweren Panzerglastüren krachend ins Schloss gefallen. Erst vor wenigen Monaten war der Kontrollraum zu einer Hochsicherheitszone umgerüstet worden. Alan Tubbs höchstpersönlich hatte den Umbau angeordnet, nachdem ihm die Versicherung eine signifikante Reduzierung der Beitragszahlungen in Aussicht gestellt hatte. Nun musste der CEO entsetzt feststellen, dass er sich mit dieser Maßnahme selbst ausgesperrt hatte. »Macht sofort die Tür auf!«, schrie der wütende Firmenchef, als er nur wenige Minuten nach der Aktivierung des Panikraum-Modus am Kontrollzentrum eintraf. Die dicken Glasscheiben dämpften seine lauten Schimpftiraden. Trotzdem konnten Tomu und Colin jedes Wort verstehen. Noch schlimmer waren jedoch die vernichtenden Blicke, die er den beiden Rocketeeren zuwarf. Nur wenige Meter trennten die stumm vor ihren Monitoren sitzenden Männer von dem rasenden Wüterich, der draußen wie verrückt mit Händen und Füßen gegen die Scheiben trommelte. Nach ein paar Minuten schien sich der CEO etwas zu beruhigen. Durch den dünnen Spalt zwischen den Panzertüren rief er mit beschwörender Stimme: »Colin, Tomu, hört zu! Ich weiß, dass ihr von Eric in diese Sache hineingezogen worden seid! Öffnet die Tür und ich werde die Angelegenheit vergessen!« Tomu sucht den Augenkontakt mit dem Flight Director. Dessen Blicke ruhten aber unverändert auf dem Großbildschirm, der das Geschehen auf der Mahia Halbinsel übertrug. »Seid doch vernünftig! Ihr wisst doch überhaupt nicht, in was für Schwierigkeiten ihr euch und die ganze Firma bringt!« »Hör nicht hin, Tomu!«, murmelte Colin, ohne seinen Blick von den Monitoren abzuwenden. »Wenn ihr nicht sofort die Tür aufmacht, werde ich dafür sorgen, dass ihr für die nächsten zehn Jahre hinter schwedischen Gardinen verschwindet! Was ihr da vorhabt ist ein Kapitalverbrechen! Ich warne euch zum letzten Mal! Lasst mich sofort rein!« Tomu warf einen vorsichtigen Blick in Richtung der Glastür. Für einen kurzen Moment sahen sich der Raketeningenieur und sein oberster Chef in die Augen. Der durchbohrende Blick des zu allem entschlossenen Firmengründers ließ dem jungen Mann das Blut in den Adern gefrieren. »Ihr habt es nicht anders gewollt!«, brüllte Alan Tubbs und ging ein paar Schritte zurück. Er zog seine großkalibrige Smith & Wesson Pistole und begann wie von Sinnen auf die Tür zu feuern. Schuss um Schuss klirrten die harten Metallprojektile gegen das Panzerglas. Doch abgesehen von ein paar kleinen Kratzern hielten die Türen dem Bombardement stand. Erneut stürmte der CEO zur Glasscheibe und begann mit dem Knauf der Waffe auf das widerstandsfähige Bollwerk einzuschlagen. Nach einer Weile erkannte er die Sinnlosigkeit seines Vorgehens und hielt inne. Plötzlich kam ihm eine Idee. So schnell er konnte, rannte er den langen Verbindungsgang zurück bis zum anderen Ende. An einer unscheinbaren grauen Tür hielt er seinen Ausweis an das elektronische Schloss, das sich zu seiner Erleichterung sofort öffnete. Beim Eintreten flackerten die Neonlampen auf und erhellten das Innere des kühlen Kellerraums. Schnurstracks steuerte er auf einen großen Schaltschrank zu und öffnete ihn. Vor ihm lag der Hauptschalter für die Stromversorgung der Firmenzentrale. Mit beiden Händen packte er den großen roten Hebel und drückte ihn in die Off-Position. Eine Sekunde später stand er im Dunkeln. Gleichzeitig gingen im Mission Control Center die Lichter aus. »Los Kumar, komm mit!«, rief Eric dem indischen Wachmann zu. Dann stemmte er sein ganzes Körpergewicht gegen das Rollgefährt. Das Gewicht der zwei Passagiere war vernachlässigbar im Vergleich zur Last durch die Rakete. Langsam aber stetig begann sich die Leichtbaukonstruktion in Bewegung zu setzen. Nach wenigen Metern hatte der Tross eine Geschwindigkeit erreicht, dass der gefesselte Inder Mühe hatte zu folgen. Als sie den Hangar erreichten rief Gordon Jennings: »Ich glaube Bill kommt langsam wieder zu sich!« Eric löste die Handschellen vom Gürtel des Wächters und fixierte damit dessen rechtes Handgelenk an der Achse des Transportwagens. Der vollkommen benommene Mann war aber noch weit davon entfernt das Geschehen um ihn herum zu erfassen. Laut stöhnend wälzte er sich langsam hin und her. »Wie lange wird es noch wohl dauern bis die Tanks voll sind?«, wollte Eric von Gordon Jennings wissen. Der Chemiker zuckte mit den Schultern. »Bei dieser Füllgeschwindigkeit? Wahrscheinlich nur noch wenige Minuten - wenn uns das ganze Ding nicht vorher um die Ohren fliegt. Aber diese Frage können uns Tomu und Colin von ihrer Kontrollstation aus sicher besser beantworten.« Erwartungsvoll schweiften die Blicke der Manager hinauf zum Monitor an der Decke des Hangars. Doch zu ihrem Entsetzen war der Bildschirm schwarz. 15. Kapitel Countdown Der Schwarze Stein ist ein Kultstein, der an der östlichen Ecke der Kaaba in Mekka eingemauert ist und den Anfangspunkt der rituellen Umkreisung dieses Heiligtums markiert. Er wird bei den einzelnen Umkreisungen des Gebäudes durch Küssen, Berühren oder Zeigen mit der Hand verehrt. Seit dem 19. Jahrhundert wird der Schwarze Stein als Meteorit gedeutet, die tatsächliche Beschaffenheit ist allerdings unbekannt, da der Stein bisher nie wissenschafüich untersucht wurde. Im Mission Control Center war die Raumbeleuchtung ausgefallen, die großen Wandmonitore waren auf einen Schlag dunkel geworden und das monotone Brummen der Computerlüfter war verstummt. Es herrschte absolute Stille im Kontrollraum. Nur ein paar schummrige Notlampen verstrahlten ein gespenstisches Licht. Doch was war das? Als Tomu zu Colin hinüber sah, bemerkte er, dass dessen Gesicht in einer kalten, grünen Farbe erstrahlte. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er, dass der Computer des Flugdirektors unverdrossen seinen Dienst verrichtete. »USV 38 !«, bemerkte Colin trocken. »Die missionskritischen Systeme werden durch Akkumulatoren unterbrechungsfrei am Leben gehalten. Durch den Stromausfall sind nur die peripheren Komponenten betroffen. Und auch die werden gleich wieder hochlaufen, wenn das Notstromaggregat einen stabilen Betriebszustand erreicht hat. Eigentlich müsste Alan wissen, dass er mit dem Abschalten der Hauptstrom¬ versorgung nicht viel ausrichten kann. Aber wahrscheinlich hat er sich beim Bau der Anlage mal wieder nicht für solche technischen Details interessiert.« 38 Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) wird eingesetzt, um bei Störungen im Stromnetz die Versorgung kritischer elektrischer Lasten sicherzustellen. Colin hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als im Kontrollraum wieder die Lampen angingen und alle Computersysteme erneut zum Leben erwachten. »Na, was habe ich gesagt? Das ging ja schneller als ich dachte!« »Was ist, wenn Alan auch das Notstromaggregat lahmlegt?«, fragte Tomu beunruhigt. »Das wird ihm kaum gelingen! Der Generator befindet sich in einem gepanzertem Kellerraum. Und dessen Tür befindet sich momentan ebenfalls im Panikmodus. Solange wir diesen Zustand nicht beenden, hat Alan keine Chance da reinzukommen.« Tomu atmete auf. Dann fiel sein Blick auf den großen Wandmonitor, auf dem inzwischen wieder das Bild aus dem Hangar übertragen wurde. »Das seid ihr ja wieder!«, hörte er Eric rufen. »Wir hatten keine Verbindung mehr!« »Wir haben unerwarteten Besuch von Alan bekommen«, erwiderte Colin. »Er hat versucht uns den Saft abzudrehen. Inzwischen laufen aber alle Systeme wieder im Normalzustand.« »Die Securityleute haben ihn über unsere Aktion informiert. Habt ihr mitgekriegt, was hier draußen gerade abgegangen ist?« »Live und in HD! Wir haben gleich vermutet, dass Alan Lunte gerochen hat und bald hier auftauchen wird. Deshalb haben wir uns im Kontrollraum verschanzt.« »Ihr seid in den Panikmode gegangen? Sehr gut! Ihr kennt aber schon die Schwachstelle des Systems?« »Welche Schwachstelle?«, fragte Colin sichtlich alarmiert. »Die Eingangstüren! Bei der letzten Zertifizierung wurde bemängelt, dass die Glastüren nicht den erforderlichen Standards genügen! Wir führen momentan gerade einen Prozess gegen den Hersteller. Das Panzerglas ist in der Lage einen kurzfristigen Angriff abzuwehren. Um die Norm zu erfüllen, ist die Widerstandsfähigkeit aber angeblich nicht ausreichend.« »Deswegen hat Alan wie ein Irrer die Türen malträtiert!«, rief Tomu. »Er hat sogar einige Schüsse darauf abgefeuert!« »Hoffentlich unternimmt er keinen weiteren Versuch! Wie weit seid ihr denn mit den Startvorbereitungen?« »Aus unserer Sicht kann’s losgehen«, antwortete der Flight Director. »Die Füllstandssensoren melden, dass die Tanks gleich voll sind. Auf dem Radarschirm ist weder im Fuftraum noch im angrenzenden Seegebiet etwas zu sehen. Es weht ein leichter Wind aus westlicher Richtung. Alle Systeme stehen auf Grün. Sobald die Treibstoffzufuhr gedrosselt wird, starten wir den Countdown.« Ungeduldig starrten Tomu und Colin auf die Kontrollanzeigen. Die Kerosinpumpe war gerade automatisch deaktiviert worden. Nur in den Sauerstofftanks fehlte noch ein wenig von dem erforderlichen Oxidationsmittel, das so dringend für die Verbrennung des Raketentreibstoffs im luftleeren Raum benötigt wurde. »98 Prozent - 99 Prozent - 100 Prozent - Eric, die Tanks sind voll! Ich bringe die Triebwerke in Startbereitschaft.« »Ich drücke uns die Daumen«, rief Eric. Er spürte wie sein Puls beschleunigte. Colin begann laut zu zählen: »Zehn - neun - acht - sieben - sechs - fünf -« Plötzlich tat es einen gewaltigen Schlag. Colin und Tomu zuckten zusammen und starrten entsetzt zur Eingangstür des Kontrollraums. Draußen stand Alan Tubbs und donnerte einen schweren Feuerlöscher gegen die Glastür. Wieder und wieder knallte der rote schwere Metallbehälter gegen das Panzerglas. »Liftoff!«, schrie der Flugdirektor, nachdem erbemerkt hatte, dass der Zähler auf seinem Überwachungsmonitor bereits bei Null angekommen war. Auf der Mahia-Halbinsel bebte die Erde. Eric und Gordon hielten sich zum Schutz vor dem infernalischen Lärm die Ohren zu. Bill war durch den Krach aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht und begann wütend an seinen Fesseln zu zerren. Die Arschkarte hatte aber der indische Wachmann gezogen. Der arme Kerl hatte noch nie einen Raketenstart miterlebt und glaubte, dass nun das Ende der Welt über ihn hereinbräche. Zu allem Überfluss konnte er sich wegen seiner Fesseln nicht einmal die Ohren zuhalten. Völlig verängstigt kauerte er auf dem harten Betonboden und erwartete seinen Übergang zu einer neuen Daseinsform. Als der blendende Feuerball nach oben entschwunden war, hielt es Eric keine Sekunde länger in dem Hangar aus. Mit den Händen an den Ohren stürmte er nach draußen und verfolgte andächtig, wie sich die Rakete höher und höher in den Himmel schraubte. Wir ein strahlender Komet zog sie ihre Bahn durch die sternenklare Nacht. Als das Tosen der Triebwerke nicht mehr zu vernehmen war, kehrte eine himmlische Ruhe auf der Halbinsel ein. Nur das gleichmäßige Rauschen der Pazifikbrandung war noch aus der Ferne zu hören. Mehr als zwei Minuten lang folgten die Augen des CTOs dem hellen Stern am Firmament, bis das Leuchten schwächer und schwächer wurde und schließlich ganz verlosch. »Stufentrennung erfolgreich abgeschlossen!«, rief Colin, als die Rakete die Grenze zum Weltall hinter sich gelassen und sich von der ausbrannten Hauptstufe gelöst hatte. »Triebwerkszündung der zweiten Stufe ist erfolgt!« Tomu atmete hörbar auf. Diese Flugphase galt als ausgesprochen kritisch. Der große untere Teil der Rakete hatte seine Schuldigkeit getan und stürzte nun zur Erde zurück. Für den Rest des Weges im luftleeren Raum war ab jetzt die obere Stufe verantwortlich. Die Freude der beiden Techniker über das gelungene Manöver währte aber nicht lange. »Bumm! - Bumm! - Bumm!« Draußen bearbeitete noch immer Alan Tubbs mit dem Feuerlöscher und brachialer Gewalt die gläsernen Eingangstüren. Mittlerweile zogen sich schon mehrere tiefe Risse durch das dicke Panzerglas. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die Tür ihren Widerstand auf geben würde. »Nutzlastverkleidung abgeworfen!«, rief Colin und konzentrierte sich erneut auf das Geschehen auf seinem Kontrollmonitor. Tomu signalisierte mit einem erhobenen Daumen seine Glückwünsche zu der erfolgreichen Durchführung eines weiteren wichtigen Flugmanövers. Doch unmittelbar darauf geschah das Unvermeidliche. Mit einem ohrenbetäubenden Klirren zerbarst die rechte Panzertür und gab den Weg in das Kontrollzentrum frei. Mit gezogener Pistole zwängte sich Alan durch das Loch und brüllte: »Geht sofort von den Bildschirmen weg!« Tomu und Colin starrten den rasenden CEO entsetzt an. Alan Tubbs richtete seine Waffe wechselweise auf den Flugdirektor und Tomu. »Eos! Weg von den Bildschirmen hab ich gesagt!« Die Rocketeere erhoben sich wie in Zeitlupe von ihren Drehstühlen und traten einen Schritt zurück. »Alan, es ist zu spät!«, sprach der erfahrene Flugdirektor mit fester Stimme. »Nichts ist zu spät! Lass mich ans Kontrollpult!« Colin ging noch ein paar weitere Schritte zurück, um seinen Chef freien Zutritt zur Steuerzentrale zu gewähren. »Alan, sei vernünftig! Du kannst die Mission nicht mehr abbrechen!« »Das werden wir gleich sehen!«, schrie der CEO und stürmte an das große Pult, in dessen Mitte sich ein großer roter Knopf befand. »Alan! Wenn du jetzt die Rakete zerstörst, wird der Sprengkopf unkontrolliert zur Erde stürzen und detonieren!« »Halt’s Maul, verdammt! Glaubst du ich weiß nicht, was ihr vorhabt?« Colin sucht den Augenkontakt zu seinem Vorgesetzten. »Natürlich weißt du es! Und du weißt genauso gut wie ich, was passieren wird, wenn du jetzt auf diesen Knopf drückst. Die obere Stufe der Rakete wird mitten im Flug explodieren und die Hydronitbombe freisetzen. Die Sprengkapsel wird im freien Fall auf die Erde zusteuern und mit enormer Geschwindigkeit aufschlagen. Die thermonukleare Reaktion wird auf jeden Fall eintreten. Und wenn du Pech hast, geschieht das über bewohntem Gebiet!« »Red keinen Scheiß! Da wo das Ding gerade fliegt, ist überall Wasser!« »Wahrscheinlich hast du recht. Inzwischen nähert sich die Rakete aber bereits den Cookinseln! Willst du ernsthaft riskieren, dass die Wasserstoffbombe eine der Inseln verwüstet?« »Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Sprengkopf ausgerechnet über einem besiedeltem Gebiet niedergeht!« Der CEO beugte sich über das Pult. Seine Augen fixierten den dicken roten Knopf. Langsam hob er seinen rechten Arm. »Du hast Recht, Alan! Es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Wenn du den Knopf jetzt drückst, wird zu 99 Prozent nichts Tragisches passieren. Die Bombe wird ein paar Milliarden Liter Wasser durch die Luft wirbeln und das war’s. Wenn du allerdings Pech hast - na ja, dann möchte ich nicht in deiner Haut stecken!« »Wollt ihr jetzt mir die Schuld an allem in die Schuhe schieben?«, schrie der CEO. »Ihr habt mir doch die Suppe eingebrockt!« Colin holte tief Luft bevor er fortfuhr: »Wenn du allerdings den Knopf jetzt nicht drückst, sieht die Rechnung schon ganz anders aus: Angesichts des bisherigen Flugverlaufs, schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass noch etwas schief gehen kann, auf etwa ein Prozent. Das heißt, die Bombe wird mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit ihr Ziel erreichen, die Terroristen töten und den Hydronitmeteoriten für alle Zeiten vernichten.« »Jetzt komm mir nicht mit Wahrscheinlichkeiten!« Die Hand des CEO begann zu zittern. »Alan, ich verstehe, dass du sauer auf uns bist. Aber du kannst dich als Wissenschaftler bei so einer Entscheidung doch nicht von deinem Bauchgefühl leiten lassen!« »Verdammt nochmal, ich bin Manager! Ich entscheide immer nach Bauchgefühl!« Der Flugdirektor sah seinem Chef tief in die Augen. »Alan, du bist Ingenieur - genau wie wir. Du kannst nicht die Fakten ignorieren!« Alan Tubbs raufte die Haare. Verzweifelt starrte er auf den großen Wandbildschirm, auf dem sich ein blinkendes Kreuz langsam dem Scheitelpunkt der gelben Parabelkurve näherte. Die darunter liegenden Punkte der Gesellschaftsinseln waren nicht zu übersehen. »Bringt den Job zu Ende!«, stammelte er schließlich und trat vom Kontrollpult zurück. Colin atmete tief durch und setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz. »Noch 30 Sekunden bis zum Abschalten der Oberstufe.« Tomu und Alan beobachteten stumm das Geschehen auf den Monitoren. Ein gefühlte Ewigkeit sprach niemand ein Wort. »Fünf - vier - drei - zwei - eins - Kickstufentrennung erfolgreich durchgeführt!« Auf einer normalen Mission wäre in diesem Moment das Kontrollzentrum im Jubel untergegangen. Jetzt hätte man eine Stecknadel fallen hören. Wie hypnotisiert starrten die drei Rocketeere auf die Anzeige der empfangenen Telemetriedaten. Das kleine Triebwerk der letzten Raketenstufe hatte die Aufgabe die abschließende Justierung der Flugbahn vorzunehmen. Erneut vergingen ewig erscheinende Minuten, bis der Flugdirektor das entscheidende Manöver ankündigte: »Kickstufenantrieb deaktiviert - Nutzlast wurde erfolgreich ausgesetzt.« Aus den Gesichtern der drei Männer war jegliche Farbe gewichen. Das Herz klopfte ihnen bis zum Hals. Alan Tubbs schloss die Augen. »Möge Gott uns verzeihen!« Eric hatte die ganze Zeit wie versteinert auf seinem Beobachtungsposten ausgeharrt. Mit dem Ausbrennen der Hauptstufe hatte er die Rakete kurzzeitig aus den Augen verloren. Nach der Zündung der zweiten Stufe war sie erneut wie ein Stern am Firmament erschienen und hatte ihren Weg in nordöstlicher Richtung fortgesetzt. Irgendwann war der schwächer werdende Lichtpunkt über dem Meer verschwunden. Doch der CTO konnte sich auch danach nicht von seinem Logenplatz losreißen. Immer wieder blickte er auf seine Armbanduhr und ging in Gedanken die gerade stattfindenden Flugmanöver durch. Als die Zeiger das Aussetzen des Projektils ankündigten, entfuhr ihm ein tiefes Seufzen. Über ihm funkelten die Sterne. Das dumpfe Anrollen der Brandung verbreitete in der einsamen Umgebung ein Gefühl von Frieden und Unendlichkeit. Wenige Minuten später begann der Horizont zu leuchten. Mit weichen Knien machte sich Eric auf den Rückweg. Als er den Hangar erreichte, zitterte der Boden. Im Mission Control Center war die Arbeit vollbracht. Mit dem Aussenden des Projektils hatten die Rocketeere keinerlei Kontrolle mehr über den weiteren Ablauf der Aktion. Alan setzte sich an einen der vielen Computer und startete den Internet Browser. Auf der Webseite des Hawaiianischen Vulkan Observatoriums fand er einen Online- Seismographen, der die aktuellen Bewegungen der Erdkruste in Echtzeit in alle Welt sendete. Cohn und Tomu sahen ihm gespannt über die Schulter. Die drei mussten nicht lange warten, bis sich auf der Skala plötzlich ein gewaltiges Zackengebirge entfaltete. Die aufgezeichneten Amplituden des empfindlichen Instruments ließen keinen Zweifel daran, dass sich im pazifischen Raum soeben ein gewaltiges Beben ereignet haben musste. »Da kommt Eric!«, rief Tomu, als er sich wieder der Videoübertragung aus dem Hangar zuwandte. »Eric! Wir haben’s geschafft! Die Seismographen haben die Detonation aufgezeichnet!« Das Gesicht des CTO wirkte müde. »Ich weiß - ich hab den Schein des Feuerballs mit eigenen Augen gesehen. Die Explosion muss wahrhaft apokalyptisch gewesen sein!« Alan Tubbs musterte seinen Entwicklungsleiter auf dem Monitor. »Eric, warum hast du das getan? Warum hast du nicht mit mir gesprochen?« »Tut mir leid Alan, aber ich hatte keine andere Wahl. Ich übernehme die volle Verantwortung für das, was heute geschehen ist. Morgen früh hast du meine Kündigung auf dem Tisch.« Der CEO kam erst jetzt dazu, das Innere des Hangars genauer in Augenschein zu nehmen. In einer Ecke entdeckte er Gordon Jennings auf dem Transportwagen liegend. Neben ihm tobte Bill und zerrte unaufhörlich an seiner Handfessel. »Was ist los, Gordon? Bist du verletzt?« Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob der Leiter der Chemieabteilung die Hand zu Gruß. »Wird schon nicht so schlimm sein. Hauptsache wir haben unser Ziel erreicht!« »Diese Schweine haben mich niedergeschlagen!«, schrie der gefesselte Wachmann in die Kamera. »Bitte Alan! Sag denen, dass sie mich sofort von dem Ding losmachen sollen!« Bevor der CEO etwas erwidern konnte, ging Eric zu dem Wagen und befreite Bill von den Handschellen. Dabei rief er in Richtung des Mikrofons: »Gordon hat’s ziemlich schwer erwischt. Er hat einen Schuss ins Bein abbekommen und ziemlich viel Blut verloren. Ich muss ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus fliegen!« »Unkraut vergeht nicht!«, lachte der Chemiker. »Und bevor ich’s vergesse: Ich übernehme ebenfalls die Verantwortung für mein Tun und kündige hiermit mit sofortiger Wirkung mein Arbeitsverhältnis.« Alan Tubbs grübelte eine Weile. Dann erwiderte er. »Eure Angebote mögen ja gut gemeint sein. Aber so gern ich es auch täte - ich kann euch nicht so einfach gehen lassen! Ich werde in den kommenden Stunden die Mannschaft zusammenrufen und zur absoluten Verschwiegenheit verdonnern.« »Was soll das bringen?«, wunderte sich Tomu. »In wenigen Stunden wird die ganze Welt über den Raketenstart Bescheid wissen!« »Was für ein Raketenstart?«, fragte der CEO mit aufgesetzter Unschuldsmiene. »Ich weiß nichts von einem Raketenstart! Es hat nie einen gegeben und es wird auch keinen geben! Nach der offiziellen Verlautbarung wird es heute Vormittag zu einem bedauerlichen Zwischenfall an der Rampe kommen, bei dem die Rakete während der Startvorbereitung leider in Flammen aufgehen wird. Glücklicherweise wird der Unfall glimpflich ausgehen und es wird niemand dabei zu Schaden kommen.« Tomu schaute den Firmenchef ungläubig an. »Was ist mit den Amerikanern? Die werden dieses Spiel doch nie im Leben mitmachen!« »Um die Amis mache ich mir die geringsten Sorgen! Das Letzte, was die jetzt brauchen können, sind unangenehme Fragen der Presse. In ein paar Tagen können die sich sowieso auf alles selbst einen Reim machen. Und nach den vielen Telefonaten, die in den vergangenen Stunden zwischen der neuseeländischen Regierung und dem Pentagon geführt wurden, werden sie sicher eins und eins zusammenzählen. Nein - die Amerikaner werden garantiert dichthalten. Der geplante Testflug kann ja problemlos zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Für Militärheinis ist momentan nur wichtig, dass ihr geheimes BM-Projekt nicht an die Öffentlichkeit gelangt.« »Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, schrie Bill und rannte aufgebracht zum Übertragungsmonitor. »Diese Kerle hätten mich beinah totgeschlagen!« Alan Tubbs musste grinsen. »Es tut mir leid, dass die Sache so aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich verspreche dir, dass du mit einem ordentlichen Schmerzensgeld für deinen selbstlosen Einsatz belohnt wirst.« Der muskulöse Wachmann murrte kurz, gesellte sich dann aber ohne weitere Widerrede zu seinem indischen Kollegen. Tomu fragte schüchtern: »Und was wird aus Colin und mir? Soll das heißen, dass wir nicht fristlos gefeuert sind?« Der CEO setzte ein ernstes Gesicht auf. »Einen so fähigen Flight Director wie Colin werde ich bestimmt so schnell nicht wiederfinden! Und was dich betrifft, Tomu: Ich denke, ich mache meine Entscheidung davon abhängig, wie exakt du unser Baby ans Ziel gebracht hast! Im Augenblick wissen wir ja nur, dass irgendwo im Pazifik eine gewaltige Explosion stattgefunden hat. Ich hoffe, du hast dich nicht verrechnet!« Epilog Eine Woche später berichtete ein Moderator des amerikanischen Fernsehsenders CNN in seiner allabendlichen Nachrichtensendung: »Sieben Tage nach der Kernexplosion im Pazifik herrscht noch immer weitgehend Unklarheit, wie es zu der verheerenden Umweltkatastrophe im Tuamotu-Archipel kommen konnte. Auch von dem Versorgungsschiff, das zuletzt im Hafen von Rangiroa gesehen wurde, fehlt noch immer jede Spur.« »Heute morgen trat im Pariser Elysee-Palast der französische Verteidigungsminister vor die Kameras und dementierte erneut eine Verwicklung seines Landes in diesen, wie er sagte, unglaublichen Vorgang. Gleichzeitig betonte er, dass sein Land auf dem Mururoa-Atoll derzeit keine neuen Atomversuche plane - auch wenn er nicht ausschließen wolle, dass sich dies irgendwann einmal wieder ändern könne.« »Diese indirekte Androhung einer Wiederaufnahme der französischen Kernwaffentests in Polynesien führte in vielen Ländern der Erde zu spontanen Demonstrationen und Protestkundgebungen. Im neuseeländischen Auckland versammelten sich Tausende Menschen auf den Straßen und skandierten lautstark für eine internationale Ächtung sämtlicher Atomtests. Die Premierministerin ließ sich krankheitsbedingt entschuldigen und schickte ihren Innenminister, der an der anschließenden Kundgebung teilnahm und betonte, dass sein Land auch in Zukunft an seiner strikten Anti-Atom-Politik festhalten werde.« »Der amerikanische Präsident erwähnte in seiner heutigen Ansprache ebenfalls die französische Stellungnahme. Er lobte die Europäer für ihren selbstlosen Einsatz in der Pazifikregion und forderte sie auf, sich bei der Verabschiedung ihrer Rüstungsetats an die getroffenen Absprachen zu halten. Im zweiten Teil seiner Rede ging der Präsident auf eine mögliche Urheberschaft anderer Atommächte ein. An die Adresse des Machthabers in Pjöngjang gerichtet sagte er: "Falls sich der unglaubliche Verdacht bestätigen sollte, dass Nordkorea hinter dieser Tat stecke, werde dies weitreichende Konsequenzen für das kleine Land haben! Amerika werde auf eine Art und Weise Zurückschlagen, wie es die Welt noch nicht erlebt habe!” Gleichzeitig forderte der Präsident eine Verschärfung der wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea, da dies - Originalton - ”die einzige Sprache sei, die dieser schlitzäugige Bursche zu verstehen scheint.”« »Die offizielle Antwort aus Pjöngjang ließ erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten: Die staatlichen Medien zitierten ihren großen Führer mit den Worten: "Wenn der senile Oberimperialist aus Washington seine Zunge nicht im Zaum hält, werde ich sie ihm höchstpersönlich abschneiden! Nordkorea ist jederzeit in der Lage, jeden Ort am Pazifischen Ozean mit seinen Langstreckenwaffen vollständig zu zerstören! Aufgrund unserer Beziehungen zu dem friedvollen Volk der Polynesier kann ich ihnen und der Welt jedoch versichern, dass unsere tapferere Volksarmee niemals eine so schändliche Tat begehen würde.”« »Während die Regierungen von Indien, Pakistan und dem Iran zu keiner Stellungnahme bereit waren, meldete sich gestern Abend überraschend der Staatspräsident der Volksrepublik China zu Wort. ”Das chinesische Volk verabscheue diese barbarische Tat aus ganzem Herzen. Und auch wenn sein Land unbeirrt an seinem Nuklearprogramm festhalte, so geschehe dies ausschließlich im nationalen Interesse Chinas und unter Beachtung sämtlicher Resolutionen des Weltsicherheitsrats.”« »Heute wurde überraschend bekannt, dass sich zur fraglichen Zeit ein russisches Frachtschiff in der Nähe des unbewohnten Atolls auf gehalten haben soll. Der Kapitän soll kurz nach der Detonation einen Notruf abgesetzt und von einem gewaltigen Feuerball und einer hohen Flutwelle berichtet haben. In einer eilends einberufenen Pressekonferenz zeigt sich der russische Staatspräsident zutiefst darüber verärgert, dass sein Land einmal mehr völlig zu Unrecht in das Fadenkreuz der einseitigen, westlichen Berichterstattung geraten sei.« Die Fernsehkamera begannen zu schwenken und den Bildausschnitt zu vergrößern. »Ich freue mich jetzt Nabby Hathaway bei uns im Studio begrüßen zu dürfen! Wie sie bestimmt wissen, verdanken wir dieser jungen Dame die sensationellen Aufnahmen, die in den vergangenen Tagen unsere sozialen Netze überflutet haben. Nabby, würden Sie unseren Zuschauern bitte kurz erzählen, was Sie vor einer Woche auf ihrem Flug erlebt haben?« Die junge Journalistin lächelte verlegen in die Fernsehkamera. »Nun, das war so: Ich war in diesem Flugzeug und befand mich gerade auf der Rückreise nach Los Angeles. Es war ganz früh am Morgen und die meisten Passagiere schliefen in ihren Sitzen und hatten die Fensterblenden heruntergezogen. Ich konnte aber nicht schlafen und ließ gerade nochmal die Eindrücke meines zweiwöchigen Urlaubs in Neuseeland Revue passieren. Und als ich so in Gedanken aus dem Fenster schaue, war es, als würde mit einem Schlag die Sonne auf gehen! Ich war total verwundert und habe sofort zu meinem Handy gegriffen, um dieses einzigartige Schauspiel zu filmen.« »Haben Sie denn sofort realisiert, was sich da draußen abspielte?« »Nein, wie ich schon sagte: Da war auf einmal dieses helle Licht am Horizont. Erst war es recht unscheinbar, aber dann wurde es immer heller und heller. Ich habe auf meine Armbanduhr geschaut, weil ich wirklich dachte, dass dies der Sonnenaufgang sei. Dann ging aber alles ganz schnell! Ich sah einen riesigen Feuerball, der in der Ferne in die Höhe stieg und immer größer wurde. Am Himmel bildete sich dann eine Wolke - dicht und ringförmig, so wie man es aus den alten Fernsehaufnahmen von den Atombombentests kennt.« »Spätestens da müssen Sie doch gemerkt haben, dass da etwas Ungewöhnliches im Gange war!« »Oh ja! Ab diesem Moment war mir klar, dass dort unten etwas Fürchterliches passiert sein musste. Ich habe dann einfach weiter mein Smartphone an die Scheibe gedrückt und weitergefilmt.« »Haben die anderen Reisenden denn nichts vom diesem Ereignis mitbekommen?« »Nein, wie ich schon sagte: Es war ja früh am Morgen und die Leute schliefen tief und fest in ihren Sitzen. Bis uns dann die Druckwelle erreicht hat!« »In dem Flugzeug sollen sich ja erschreckende Szenen abgespielt haben! Können Sie uns dazu mehr erzählen?« »Es war wirklich schrecklich! Unser Jumbojet wurde wie ein Spielzeug durch die Luft geschleudert! Auf einen Schlag waren alle wach und haben laut geschrieen. Auch ich habe geglaubt, dass mein letztes Stündchen geschlagen hätte. Der Captain hat die Maschine aber nach einer Weile wieder stabilisieren können. Ich möchte übrigens die Gelegenheit nutzen, um mich ganz herzlich bei ihm dafür zu bedanken!« »Waren Sie zu diesem Zeitpunkt denn angeschnallt?« »Nein, es war bis dahin ein ganz ruhiger Flug. Es hatte keine Anschnallzeichen gegeben und wir waren völlig unvorbereitet! Ein paar Passagiere sind sogar aus ihren Sitzen geschleudert worden. Soweit ich weiß, hat aber niemand ernsthafte Verletzungen davongetragen.« »Wie lange hat der ganze Spuk denn gedauert?« »Eigentlich nicht lange. Es ging ein paarmal extrem auf und ab - dann hat aber der Pilot wieder die Kontrolle über den Flieger bekommen. Es gab noch ein paar kleinere Turbulenzen, aber dann kehrte relativ schnell wieder Ruhe ein.« »Wie unsere Zuschauer vielleicht bereits wissen, arbeiten Sie als freiberufliche Journalistin. Haben Sie in der Zwischenzeit schon viele Anfragen bekommen? Ihr Video hat im Internet ja bereits sämtliche Download Rekorde gebrochen.« Nabby schmunzelte. »Oh ja, in den letzten Tagen sind bei mir die Leitungen heißgelaufen! Aber eigentlich kann ich den Leuten nur das erzählen, was ich Ihnen gerade erzählt habe.« »Ihrer Karriere wird das doch bestimmt einen enormen Anschub verleihen!« »Ich versuche diesen ganzen Hype nicht überzubewerten. In den kommenden Tagen werde ich erst einmal eine Reportage über die Flüchtlinge an der mexikanischen Grenze fertig schreiben. Das ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt und das ich unbedingt noch zum Abschluss bringen will. Außerdem brauche in noch ein wenig Zeit, um ein paar persönliche Dinge zu regeln. Wahrscheinlich werde ich dann nach Neuseeland zurückkehren und dort ein Arbeitsvisum beantragen.« »Sie tragen sich mit Auswanderungsgedanken?« Nabby lächelte verlegen. »Ich könnte mir schon vorstellen, den Rest meines Lebens in diesem herrlichen Land zu verbringen!« Der smarte Fernsehmoderator versuchte Nabby aus der Reserve zu locken: »Kann es sein, dass sie ein süßes Geheimnis in Ihrem Herzen tragen?« »Das kann schon sein«, grinste Nabby. »Aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass man Geheimnisse besser für sich behalten sollte!« Der Kameramann im Studio fokussierte derweil auf ihr strahlendes Lächeln und ihre funkelnden türkisfarbenen Ohrstecker. Sofort bohrte der Moderator nach: »Ist es denn für US-Amerikaner nicht sehr schwierig, so ein Arbeitsvisum zu bekommen? So weit ich weiß, verfolgt die neuseeländische Regierung in letzter Zeit eine recht restriktive Einwanderungspolitik.« Nabby musste lachen. »Gute Journalisten werden doch immer gebraucht! Und außerdem habe ich inzwischen in Neuseeland ein paar ganz gute Kontakte. Ich bin deshalb eigentlich recht zuversichtlich.« Der Nachrichtenmoderator wollte der sympathischen jungen Dame nicht vor laufender Kamera ihre Illusionen rauben. Auch er hatte sich bereits mehrfach erfolglos für einen dauerhaften Aufenthaltsstatus in dem idyllischen Land am Ende der Welt bemüht - und war kläglich gescheitert. Dabei kannte er zwei Ratsmitglieder aus dem Auckland Council, dem einflussreichen Verwaltungsrat der Metropole! Wenn er mit solchen Kontakten schon nicht weiter kam, wie sollte dann dieses dumme Huhn jemals an das begehrte Visum kommen! »Vielen Dank Nabby, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns im Studio zu besuchen! Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Erfolg bei der Verwirklichung all Ihrer Pläne. Machen Sie’s gut!« Die Kamera zoomte wieder direkt in das gepuderte Gesicht des Fernsehmanns. »Und nun meine Damen und Herren kommen wir zum wichtigsten Teil unserer Sendung: Das Wetter!« - Ende - Nachwort Der Roman »Wasserstoff« ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Firmen oder Orten sind jedoch nur zum Teil zufällig. In Neuseeland existiert tatsächlich eine kleine, aufstrebende Raketenfirma namens Rocket Lab, die sich darauf spezialisiert hat, leichte Nutzlasten in einen erdnahen Orbit zu transportieren. So weit ich weiß, gibt es dort aber weder einen Alan Tubbs, noch einen Eric Stewart und auch hoffentlich nicht all die anderen Personen, die im Lauf der Romanhandlung dort ihr Unwesen treiben. Auch die Art von Satelliten, die diese Firma ins All befördert, ist mir nicht näher bekannt. Dass allerdings der US-amerikanische Rüstungskonzern Lockheed Martin Anteile an Rocket Lab hält, ist kein Geheimnis und heizt die Fantasie eines jeden Schriftstellers unweigerlich an. Den Lehrstuhl für Aeronautics & Astronautics gibt es an der Stanford University wirklich. Der echte Lehrstuhlinhaber und seine Kollegen mögen mir verzeihen, dass ich ihnen eine Kooperation mit der Rocketeer Ltd angedichtet habe. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob sich dieser Lehrstuhl mit Fernerkundungsystemen und hyperspektralen Scannern beschäftigt hat oder jemals beschäftigen wird. Falls ja, bitte ich aufrichtig um Entschuldigung für die Verbreitung gewisser Halbwahrheiten. Die Konstruktionszeichnung der Pencroff’schen Hydronitgranate ist ebenfalls nicht auf meinem Mist gewachsen. Sie findet sich in der US- Patentschrift #35.521 aus dem Jahr 1862. https://patentimages.storage.googleapis.com/e3/da/51/fQ82bcf4826905/US 35521.pdf Das abgebildete sogenannte James Projektil wurden nach dem Patentinhaber General Charles T. James benannt. Es handelte sich dabei um ein Explosivgeschoss mit Perkussionszündung für den Abschuss in Kanonen. Dem Erfinder wurde seine todbringende Idee selbst zum Verhängnis. Als sich während einer Vorführung am 16. Oktober 1862 ein Arbeiter am Oberteil des Geschosses zu schaffen machte, kam es zu einer verheerenden Explosion. Der Arbeiter wurde sofort getötet, Charles T. James erlag am nächsten Tag seinen schweren Verletzungen. Einmal mehr bewahrheitete sich das alte Sprichwort: Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um. Das Prinzip der Photokatalytischen Wasserspaltung ist ein seit längerem bekanntes physikalisches Phänomen. Seit den Siebziger Jahren bemüht sich die Wissenschaft geeignete Katalysatoren zu finden. Bislang ist noch keine Substanz bekannt, die eine Wasserstoffgewinnung im industriellen Maßstab ermöglichen würde. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass es hier früher oder später zu einem entscheidenden Durchbruch kommen wird. Die sogenannte »Kalte Fusion« geistert ebenfalls schon geraume Zeit durch die akademische Welt. Sowohl anerkannte Forscher, als auch offensichtliche Scharlatane ließen um die Jahrtausendwende hemm die Hoffnung aufkeimen, dass hiermit eine praktisch unerschöpfliche Energiequelle gefunden worden sei. Heutzutage herrscht unter seriösen Wissenschaftlern allerdings die einhellige Meinung, dass die »Kalte Fusion« gegen physikalische Grundgesetze verstoße und deshalb nicht funktionieren könne. Mittlerweile haben sich die Anhänger dieses umstrittenen Forschungszweigs auf den neuen Begriff »LENR« (Low Energy Nuclear Reactions) geeinigt. Interessanterweise hat sich ausgerechnet die US-Militärbehörde SPAWAR (Space and Naval Warfare Systems Command) als einer der größten Förderer und Sponsoren der LENR-Forschung hervorgetan. Das Buchcover zeigt die unterirdische Explosion der Umbrella-Bombe im Eniwetok Atoll vom 8. Mai 1958. Es handelte sich dabei um einen konventionellen Atombombentest mit einer Sprengkraft von bescheidenen acht Kilotonnen TNT-Äquivalent. (Die Castle-Bravo-Wasserstoffbombe, die bereits vier Jahre vorher im Bikini-Atoll gezündet wurde, brachte es dagegen auf sagenhafte fünfzehn Megatonnen und gilt damit als die stärkste thermonukleare Kernexplosion, die von den USA jemals durchgeführt wurde.) Die Fotografie von Jules Verne wurde von Gaspard-Felix Tournachon (genannt Nadar) um das Jahr 1890 hemm auf genommen und ist mittlerweile gemeinfrei. Ich habe sie, wie auch die vielen Mineralbeschreibungen, der Wikipedia entnommen. Mein besonderer Dank gilt meiner kleinen Freundin Felosiai, die mir die Inselwelt Tuvalus so anschaulich nähergebracht hat. Ganz herzlich bedanken möchte ich mich auch bei meinen zwei Raketenexperten: Die exzellenten Bücher und die Webseite von Bernd Leitenberger bieten jedem Raumfahrtinteressierten einen wahren Schatz an wertvollen Informationen. Horst Lüning doziert als studierter Luft- und Raumfahrtingenieur auf seinem Unterblog gelegentlich über Raketen und die physikalischen Grundlagen der Raumfahrt. Die beiden Herren beantworteten stets kompetent und geduldig meine naiven Fragen und halfen mir über so manche Verständnislücke hinweg. Die Mitglieder der BookRix Community unterstützten mich bei meinem Vorhaben aus Leibeskräften. Justin Mader erwies sich als ausgewiesener Kernfusionsexperte und brachte mich durch seine Rezension erst auf die Idee mit der »Kalten Fusion«. Marie de Sade half mir über die vielen Klippen hinweg, an denen ich bei der Ebook-Konvertierung zu zerschellen drohte. Am allermeisten möchte ich mich aber bei meinem geliebten Lektor bedanken, ohne dem seine unermüdliche Unterstützung ich dieses Buch nicht einmal im Schutz der Anonümität hätte getraut zu veröffentlichen. Genealogie der »Insel-Kolonisten« Der Zeitungsreporter Gideon Spilett blieb zeitlebens unverheiratet und hatte keine Nachkommen. Der Junge Harbert Brown lebte als erwachsener Mann in wechselnden homosexuellen Beziehungen und hatte keine Nachkommen. Versionshistorie Version Datum Autor Kommentar 0.9-ADM 10.05.2019 Alfred DeMichele Vorabversion 1.0-ADM 19.05.2019 Alfred DeMichele Veröffentlichung Lizenz Der Roman »Wasserstoffe« von Alfred DeMichele unterliegt der Creative Commons Lizenz CC BY-SA4.0 Diese Lizenz erlaubt die Weitergabe, die Vervielfältigung, die Weiterverarbeitung und vieles mehr. Eine kommerzielle Nutzung ist erlaubt. Aus der Lizenz ergeben sich folgende Einschränkungen: Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, eine Kopie oder einen Link zu der hier vorliegenden Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders. Weitergabe unter gleichen Bedingungen — Wenn Sie den Roman verändern oder anderweitig direkt darauf aufbauen, dürfen Sie Ihre Beiträge nur unter derselben Lizenz wie das Original verbreiten. Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt. https://creativecommons.Org/licenses/by-sa/4.Q/leualcode.de -BEGIN PUBLIC KEY- MIIBIjANBgkqhkiG9wOBAQEFAAOCAQ8AMIIBCgKCAQEAtnlcJRpMe4YA4HrdhhG4 FvYvehNacdri8glZDWP4 9DPHUhFmccYV4 ZlrLwhöj oywroTU63j keE4 9mkBJ4yES iN63wZaaCdCLli0 4W5zkj F++ZMtW/u2Vu7kFUBK40fKLFr54PUBs + S!TK8dJPNrd tzKXxwW6AS+I+wrGJ+R2aSER5q7QNN4n9XB7u7y+DulJ+2WwUUdCiOGy7Ycyswsm yvdfi2CCGL/bceTlH05s+GkXey0ZPeQSxwgTXlhJanz4isU2Eu5Frj udA9cEFbRY OiAlUaliAz fWHCm5R0JFq5nYn2w2 0lFyeLMzubYyXkNnDay6HoDoPYiyY3GByR/B eQIDAQAB -END PUBLIC KEY- (C) 2019 Alfred DeMichele - Wasserstoffe Alfred DeMichele - Wasserscheiden Wir befinden uns im Jahr 2052. Die Europäische Union ist gescheitert. Das globalisierte Wirtschaftssystem ist weltweit Pleite gegangen. Die Lebenspläne unzähliger Menschen sind wie Seifenblasen zerplatzt. Aber das Ende der Welt ist nicht gekommen - im Gegenteil: Die massiven Umwälzungen haben viele Verlierer, aber auch viele Gewinner hervorgebracht. Die Menschheit ist dabei sich neu zu organisieren und versucht aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. In den bankrotten Staaten sind neue Ideen gefragt, wie die Menschen ihr Zusammenleben in Frieden und Wohlstand in Zukunft organisieren. Mit dem globalen Reset hat eine neuartige Staatenordnung in der Welt Einzug gehalten. Anstatt in Nationalstaaten organisiert man sich in topografisch begründeten Domänen. Die einfache Idee dahinter lautet: Keine Grenzstreitigkeiten - keine Kriege. David Jonas, ein IT-Spezialist aus Wien, und Gianna Marconi, eine Journalistin aus Rom, geraten in eine Verschwörung, die eine Destabilisierung der neuen Weltordnung zum Ziel hat. Während die beiden jungen Leute auf der Flucht vor ihren Verfolgern so manches spannende Abenteuer erleben, geht der Leser mit Jan Eckert, einem jungen Mann aus einer deutschen Kleinstadt, auf eine fiktive Zeitreise, von der heutigen Gegenwart bis in die Mitte unseres Jahrhunderts. Auf beklemmende Weise wird man Zeuge eines Crash-Szenarios, das unbarmherzig an Grenzen rüttelt und hoffentlich nicht so bald eintreten wird. https://archive.org/detailsAVasserscheiden